Was Peter Kurzeck in seinen Büchern erzählte, ist unsere Geschichte. Er fühlte sich gezwungen, nichts zu vergessen, weil er glaubte, die Welt vor dem Verschwinden retten zu müssen. Harry Oberländer gedenkt seiner.

Grabrede

Da geht Kurzeck

Von Harry Oberländer

„Was tun? Wer bin ich? Was habe ich getan? Erst war ich der liebe Gott, dann haben sie mich in die Schule geschickt und von da an konnte ich mich nicht mehr um alles kümmern. So sind mir die Dinge entglitten. Wir fahren, wir fahren. … Träum nicht rum, zähl dein Geld nach! The writer has nothing to trade with, but his life. Der Zug rast der Nacht zu, wir fahren.”

Dies ist ein Satz aus Peter Kurzecks zweitem Roman „Das schwarze Buch“ erschienen 1982. In den letzten Wochen seines Lebens war Peter fast blind. Er war sich und seiner Situation bewusst. Er konnte darüber sprechen. Er konnte sich auch – wie immer – an vieles gut und sehr gut erinnern. Aber natürlich war er, weil er sich selbst nicht mehr helfen konnte, in einer traurigen Situation. Es war dunkel, es war schwarz um ihn. Der Zug rast der Nacht zu, wir fahren. Und darum sage ich, Peter Kurzecks Reise hat am 25. November 2013 in einer Klinik in Frankfurt am Main das Ende der Nacht erreicht.

„Winter, eine starre, eisige Nacht. Züge fahren nicht mehr. Alle Weichen gesperrt. Alle Straßen führen jetzt steil ins Nirwana. Die Erde hat ihre Bahn verlassen, die Zeit blieb zurück, ein paar Lichter werden noch ausgehn: das ist die Ewigkeit, hat schon begonnen. Sterben, das rostige Messer. Täglich versucht er sich umzubringen, doch kann nicht. Ist ein Tier geworden, selbst ein Wolf auf der Flucht. Und bringt seinen überfälligen Selbstmord nicht zustande, kommt nicht zustande damit. Sind das Schiffe, die da rufen? Sein täglicher Selbstmord, versuchte es hundertmal, fluchend, weinend, betend – will kein Tier sein. Ich kann nicht mehr! Ich wünschte, ich wäre tot. Das sage ich Euch, ich beweine mich nicht. Er geht sich beweinen. Grausam und kalt ist die Welt. Dann wieder Silberglöckchen, weit weg und ganz deutlich, hörst du sie nicht? Er macht die Augen zu und es ist, wie wenn er mit einem Pferdeschlitten gelassen durch die Jahrhunderte fährt. Endlich tief und frei atmen! Ein Weltall, das hier beginnt.
„Schneit es noch, Mr. Conroy?“ Die Erde, die ihre Bahn verlassen hat und sich seither immer weiter von der Sonne entfernt, gute Nacht.“

Wir wollen nicht überlesen, dass am Beginn von Peter Kurzecks Schreibprogramm ein Zitat von James Joyce steht, es stammt aus der letzten Erzählung der Dubliner mit dem bezeichnenden Titel „Die Toten“. Der Tod war Peter Kurzeck schon um 1980, im alten Jahrhundert, sehr nahe, und er hat sich selbst am eigenen Schopf aus dem Ozean gezogen, dessen Wasser über ihm zusammenzuschlagen drohten. Grausam und kalt ist die Welt.

So grausam und kalt, wie Georg Büchner seinen Protagonisten Lenz die Welt erfahren lässt, nachdem er vergeblich versucht hat, ein totes Kind zum Leben zu erwecken. „Da stürzte er halb wahnsinnig nieder, dann jagte es ihn auf, hinaus in's Gebirg“, schrieb Büchner, „Wolken zogen rasch über den Mond; bald Alles im Finstern, bald zeigten sie die nebelhaft verschwindende Landschaft im Mondschein. Er rannte auf und ab. In seiner Brust war ein Triumph-Gesang der Hölle. Der Wind klang wie ein Titanenlied, es war ihm, als könne er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbei reißen und zwischen seinen Wolken schleifen; als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer in's Gesicht speien; er schwur, er lästerte. So kam er auf die Höhe des Gebirges, und das ungewisse Licht dehnte sich hinunter, wo die weißen Steinmassen, und der Himmel war ein dummes blaues Aug, und der Mond stand ganz lächerlich drin, einfältig.“

Peter Kurzeck schreibt über seinen Protagonisten Merderein im Schwarzen Buch: „Merderein … hat sich selbst, hat Verstand, Weg, Gedächtnis, seine amtliche Existenzberechtigung längst für immer verloren. Sie ist abgelaufen und er versäumte den vorgeschriebenen fristgerechten Antrag auf befristete Verlängerung, Pflichten und Rechte und Rechte und Pflichten, ein allgegenwärtiges Bündel, das du immerfort mit dir zu führen hast: auf Verlangen vorzeigen! Es war da, aber jetzt hab ichs verloren. Euer Gnaden, wo suchen?“

Die Wolken ziehen rasch über den Mond, und die Welt ist grausam und kalt. Der Tod als solcher kümmert uns wenig. Dass auch die Erde, der Planet, auf dem wir alle wundersamer Weise versammelt sind, eines Tages sterben wird, lässt uns kalt. Wir werden, bis es soweit ist, vielleicht noch einige Male gelebt haben, wir wissen nur leider nicht, wer wir sein werden. Diesen Satz hätte Peter, denke ich zuversichtlich, mit unterschrieben. Die Formulierung „in einem anderen Leben“ findet sich jedenfalls häufig in seiner Literatur. Weder können wir wissen, in welches Leben hinein wir wiedergeboren werden könnten, noch wissen wir, welche Leben wir möglicherweise schon gelebt haben, obwohl es da Ahnungen gibt, Affinitäten, Identifikationen.

Wir kennen und respektieren und fürchten den Tod nur als individuellen Tod. Wir fürchten ihn am meisten als unseren eigenen. Todesangst hat jeder für sich allein. Und wir wünschen uns zuweilen, wie der schizophrene Dichter Lenz, die Macht, einen verstorbenen Menschen ins Leben zurückzurufen. Ich würde Peter Kurzeck gern ins Leben zurückrufen. Dass ich ihm noch sagen könnte, selbst wenn Du blind bleibst und Deine Schreibmaschine nicht mehr bedienen kannst, kannst Du all das, was noch zu erzählen ist, immer weiter erzählen, wir können es aufnehmen oder Du kannst es diktieren, Du hast ja Erfahrung damit. Du kannst sicher sein, dass wir dir gerne zuhören werden, noch zehn, noch zwanzig Jahre, wer weiß? Erzähl, Peter, erzähl. Mach solange weiter, bis sie Dir eines Tages doch noch den Büchnerpreis geben. Du brauchst ihn natürlich gar nicht, wärest aber selbst später noch freundlich genug, ihn anzunehmen.

Gestorben am 25. November 2013 in Frankfurt am Main. Er heißt Peter Kurzeck. Er kam auf die Welt am 10. Juni 1943 in Tachau in Böhmen. Aus Böhmen und kein Haus. Dieses Thema vielfältig variiert, taucht immer wieder in seinen Büchern auf. Das Kriegsende, das er als kleiner Junge erlebte, die Vertreibung, sah er immer als Ursache seiner Begabung, seines gewaltigen und in allen Details präzise funktionierenden Gedächtnisses an. „Ich habe als Kind einen Tiefflieger erlebt, mit meiner Schwester gegen Kriegsende. Wir versteckten uns in einer Marienkapelle am Straßenrand. Der Putz regnete auf uns herab. Ich war überzeugt, das ist das Ende der Welt. Von da an dachte ich, dass ich nie mehr etwas vergessen darf und mit den Einzelheiten etwas anfangen muss, um einen Sinn zu finden, um nicht verrückt zu werden.“
Und an anderer Stelle: „Schon als Vier- oder Fünfjähriger stand ich unter dem Zwang, nichts zu vergessen – mit der absurden Begründung, dass das, was man vergisst, verloren wäre für immer. So suchte ich mir alles einzuprägen. Ich glaubte die Welt vor dem Verschwinden retten zu müssen.“

Böhmen ist für Peter Kurzeck immer wichtig gewesen. Lange Jahre reiste er zu Aufenthalten nach Freistadt, im österreichischen Mühlviertel, dort war er nahe der tschechischen Grenze, Böhmen nahe. Prag hat in seinem Leben eine größere Rolle gespielt als allgemein bekannt ist. Nachdem dieses Böhmen, damals Tschechoslowakei, Cesko, 1989/90 durch die samtene Revolution mehr als nur metaphorisch zu „Böhmen am Meer“ geworden war, stellte Peter am 9. November 1995 im Hessischen Literaturbüro den Autor Ludvik Vaculik vor, der ein große Rolle im Widerstand gegen den Stalinismus gespielt hatte und einer der Initiatoren des Manifests der 2000 Worte war. Vaculik trug die verbotenen Texte seines Dissidentenverlag Edice Petlice (Verlag hinter Schloss und Riegel) gerne in der Aktentasche durch Prag, weil sie dort am sichersten waren. In Anlehnung an einen Buchtitel von Johannes Urzidil, Da geht Kafka, gab Peter seiner Einführung den Titel „Da geht Vaculik“. Noch etwas später erlebte ich, wie Peter in seiner Heimatstadt Tachau, sie heißt auf tschechisch Tachov, vor einem großen und interessierten Publikum las, eine der berührendsten Lesungen, die ich von ihm miterlebt habe. Organisiert hatte sie Peter Becher vom Adalbert-Stifter-Verein zusammen mit einem örtlichen Unternehmer, dem Herrn Tomšu. Tatsächlich machten sich etliche Zuhörerinnen am nächsten Tag auf die Suche, ob sie nicht das Geburtshaus Peter Kurzecks an Hand seiner Beschreibungen finden könnten. Die Suche schlug leider fehl, noch reichte Peters Erinnerungsvermögen nicht ganz bis zur Geburt.

Da geht Kafka. Da geht Vaculik.

Im schwarzen Buch geht einer, wir vermuten, es könnte Peters alter Ego Merderein sein, aber nichts dagegen zu sagen, wenn er Lenz hieße oder Woyzeck, da geht einer in der Neujahrsnacht über den Main, über dünnes Eis, bricht ein, verschwindet. In einer von mehreren Versionen hat er eine Katze dabei, und von der toten Katze heißt es, „ führt ein hauchdünner Faden direkt bis zu Gottes Hand, ohne dessen Willen keine Fliege zur Erde fällt oder wie die betreffende Bibelstelle lautet (Zitate).“ Man fragt sich, ob die Zitate vergessen worden sind, oder ob wir sie selber raussuchen sollen. Gott jedenfalls bleibt ebenfalls unsichtbar, der ehemalige liebe Gott der Kindheit: „auch nicht mehr der jüngste und schon recht wunderlich mit den Jahren, kann sein, dass er säuft, kein Wunder, hat sich neulich vergeblich ein Herz gefasst und als Hilfsheizer … beworben: Sie hören dann schriftlich von uns.“ Gott also offenbar nicht tot, aber krank, jedoch sein enger Verwandter, der Weltgeist, tut so, als habe er alles im Griff: „ Triffst den krächzenden Weltgeist in seiner unterirdischen Höhle oder auf Gottes heiligem Dachboden. Er erhebt sich gleich wie zum Appell von seinem durchgelegenen Strohsack, zieht schnell den Mantel an, der ihm vorher als Decke diente (mit Samtkragen) und verkündet dir, alle Probleme sind jetzt gelöst. Er hat dich erwartet, barfuß. Er hat eine Weltregierung ersonnen, die sich ab jetzt und hinfort wird kümmern um alles und jegliches Unrecht wird schnell wieder gutgemacht. Sein Lungenkrebs im vorletzten Stadium ist bloß ein kleiner Katarrh, den er nächstens mit lauwarmem Wasser kurieren wird. Die Gerechtigkeit und die Weltregierung, hier siehst du die schönen Faltkartenmodelle, die er kürzlich gebastelt hat. Damit ist alles geklärt. Mach dir jetzt bloß keine Sorgen nicht mehr Menschenskind. Gott im Himmel weiß auch schon Bescheid.“

Ich habe so viel aus dem schwarzen Buch zitiert, weil es in Peters Biographie und in seinem Werk eine so wichtige, eine Schlüsselrolle spielt. Es widerlegt nicht nur die ohnehin unhaltbare Lesart auch seiner späteren Werke, nach der er ein rückwärtsgewandter Nostalgiker und Idylliker sei. Im schwarzen Buch erzählt er uns auch, wie nahe er als Alkoholiker dem Tod schon war, damals vor über dreißig Jahren, und wie sehr er sich er sich das Leben, dass er dann noch führte, selbst erkämpfen musste. Er hat sich an den eigenen Haaren aus dem Wasser gezogen und darüber natürlich erzählt. Der Nussbaum gegenüber dem Laden wo du Dein Brot kaufst und Das schwarze Buch sind sozusagen die Vorgeschichte seines Erzählens oder das vorher Erzählte, die Prolegomena. Das Schwarze Buch, dessen Autor inzwischen das Trinken aufgehört hat, trocken geworden ist 1979 mitten im Manuskript, endet mit dem Satz: „Lang genug gewartet. Geboren am 10. Juni 1943 in Böhmen, Himmel wolkenlos, laßt mir nur Zeit und ich werde mich sogar noch an meine Geburt erinnern. Und jetzt fang endlich an mit Deiner Geschichte.“

Er hat sie erzählt. Kein Frühling ist das erste aller Staufenberg Bücher, das Dorf, wir wissen es, liegt auf einem Vulkanfelsen, und schon in diesem fragte sich der Autor, wie aus einem solchen Dorf, in dem er noch als Zehnjähriger jede einzelne Milchkuh, jedes Wetter und jeden mageren müden Zugochsen gekannt hatte, wie aus einem solchen Dorf, in dem jedes Kind jedem Einwohner jeden Tag bei jeder seiner angestammten, gleichsam ererbten Arbeiten zusehen konnte und in dem die Tage bewohnbar waren, wie aus einem solchen Dorf in noch nicht einmal einem halben Menschenalter ein autogerechter Ort werden konnte, zum Durchfahren im vierten Gang, ohne Blick und ohne Gedanken. Hat dann mit „Keiner stirbt“ die fünfziger Jahre abermals beschrieben, als Roadmovie oder Blues der Bundesstraße 3, von Rechts wegen müssen wir sie Chaussee nennen, von Gießen nach Frankfurt ins Bahnhofsviertel, eine am Ende dann doch eher feuchte als fröhliche Gesellschaft und dabei en passant einem abhanden gekommenen Stadtviertel Gießens wieder Leben eingehaucht und Dauer verliehen, dem Teufelslustgärtchen, wo, bevor es plattgemacht wurde, die Manischen und Jenischen lebten, Zicheuner, Rotwelsche, Herumtreiber, Gaukler. „Sind arbeitsscheu, saufen und genieren sich nicht.“ Also entfernte Verwandtschaft für einen aus Böhmen und kein Haus, für einen lebenslangen Nomaden oder Bohemien, der früh Francois Villon gelesen und jedes Wort geglaubt hatte.

Chi son? Sono un poeta.
Che cosa faccio? Scrivo.
E come vivo? Vivo.

Es folgte mit Übers Eis, Als Gast, Ein Kirschkern im März die große autobiographisch-poetische Chronik, auch mit Oktober und wer wir selbst sind; dem er das Motto voranstellte:
„Ein Herbstabend. Unsere Stimmen und auf dem Dachboden fängt sich der Wind“.

Inzwischen war auch Anerkennung eingetreten: der Alfred-Döblin-Preis 1991, der Große Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Künste, 1999, Stadtschreiber von Bergen 2000/2001, der Preis der Literaturhäuser 2004, um nur diese zu nennen. „Und das“, sagte Peter zu mir im Krankenhaus, „das war doch schön, wie wir da in Leipzig standen“ und ich wusste, was er meinte. Nämlich, wie wir uns dort an einem sehr kalten Buchmessenabend 2004 voneinander verabschiedet hatten, traurig darüber, dass dieser Tag schon wieder wie alle Tage vorübergegangen war. Alle seine Bücher sind im Stroemfeld Verlag erschienen, der damals, als ich Peter dort Ende der siebziger Jahre kennenlernte, noch Verlag Roter Stern hieß. Der rote Stern ist lange schon ans Firmament zurückgekehrt, ein roter Stern in den Wolken, wie von Albrecht Dürer gemalt. „Peter Kurzeck hat das eigene Leben zum Gegenstand eines literarischen Projekts von Proust’scher Dimension gemacht“, schrieb Christoph Schröder. Er ist ein großer Erzähler geworden, „ein Chronist der alten Bundesrepublik vom Schlage Walter Kempowskis, und mit einer Lust am Abschweifen, die es mit der Jean Pauls aufnehmen könnte“, wie Sandra Kegel zu recht hervorgehoben hat. Und der Freund Hans-Jürgen Linke hat uns beschrieben, wie anerkannt und respektiert, ja beliebt Peter in Uzés gelebt hat, wo die einheimischen Franzosen ihn „Le Pasternak“ nannten. Hans-Jürgen Linke schreibt, bei all dem besessenen Schreiben habe Peter sein Leben fast nebenher gelebt. Aber doch auch nebenher sein Leben wirklich und ganz und gar gelebt, so dass er sich in späteren Büchern immer wieder selbst begegnen, sich selbst über den Weg laufen konnte. Sich selbst als Liebendem, als Vater, als unentwegtem Wanderer durch Stadt und Land, über Flüsse und auch übers Eis. Sich selbst begegnend auch als der Autor seiner Bücher, in Zimmern, fremden Wohnungen, als Stipendiat in Künstlerhäusern. Und hat doch auch sein Leben ganz und gar nicht geschont, denn die Formulierung „An diesem Buch wäre ich fast gestorben“ habe ich mehr als einmal von ihm gehört, wenn er ein Manuskript vorläufig fertig gestellt hatte und wir ein langes Telefonat zwischen Uzés und Frankfurt führten. Bei Peter Kurzeck gab es keine Trennung von Leben und Literatur, er schrieb auf, was er erlebte und lebte in der Welt, die er sich schreibend erschuf. Er wurde immer nur vorläufig fertig mit dem Erzählen, denn kaum hatte er etwas durchgeatmet, fiel ihm schon wieder ein, was er nicht hatte unterbringen können im Text und was er an Erzählstrecke noch vor sich hatte. So hat er das alte Jahrhundert erzählt, unser Jahrhundert. Und so ist „Vorabend“, der 1000 Seiten starke Roman, für den er als Förderung dieses Projekts bei uns im Mousonturm 2010 den Robert-Gernhardt-Preis bekam, der letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Roman geworden. Veröffentlicht auch mit Hilfe des Frankfurter Literaturhauses und der freiwilligen Helferinnen, denen er dort diktiert hat.

Weil das, wovon Peter Kurzeck erzählt, auch unsere Geschichte ist, weil wir ihn lieben für seine Aufmerksamkeit für uns und die Welt, für sein Staunen über uns und die Welt und für die Hoffnung in die Welt, die er stark gemacht hat, sind wir heute hier. Wir nehmen Abschied von ihm und wissen, dass er bei uns bleiben wird, solange wir selber leben. Dezember und wer wir selbst sind. Sollten wir es einmal nicht wissen, wird er uns erinnern. Wir können seine Stimme hören, denn er hat nicht nur in Büchern erzählt, sondern hat aus ihnen auch vorgelesen, hat schließlich, ganz ohne Buch erzählt, er selbst und wie er selbst war. Sein unverwechselbarer Stil. Sein unverwechselbarer Tonfall. Wir werden die Stimme noch stärker beim stillen Lesen hören, wenn wir ganz bei uns und mit dem Text allein sind. Wir werden sagen, das ist Peter Kurzeck, so spricht er. Er spricht und er bleibt dabei nicht stehen. Wir werden ihn hören, wir werden ihn sehen. Wir werden sagen:

Da geht Kurzeck.

„Nacht und das Zimmer schwankt und schaukelt. Als ob es an einem langem Strick vom Mond herabhängt. Das ganze Dachgeschoß wie ein müdes Schiff. Ist das jeden Abend wieder, dass dein Leben dir vorkommt wie ein einziger langer Tag? Oder als ob du dir alles selbst ausdenkst und immer weiter ausdenken mußt. Daß wir heim sind, Sibylle, Carina und ich und im Dunkeln ein leichter Wind. Und ich zeigte Carina, wie man mit dem Wind spricht. Und daheim Jürgens Anruf. Schläft er jetzt? War das heute Abend oder ist es aus einem Buch? Einmal ein erschrockener Nachtfalter – war das auch heute? Sibylle kommt zu mir. Sie ist wirklich! So spät sagt sie. Schon nach zwei. Und unser Badewasser rauscht, als ob die Zeit lang still stand und das jetzt wieder aufholen muß. Wenn wir noch baden wollen, sagt Sibylle, dann musst du jetzt kommen! Gleich, sagte ich. Mußte nur eben noch mal an meinen Schwager denken! Steht der Mond überm Dach? Mein Mond hat Carina einmal gesagt. Mein Mond. Mit Fragezeichen.“

Frankfurt am Main, 4. Dezember 2013

Kommentare


Michael Crasemann - ( 17-03-2016 11:30:15 )
eine einfühlsame, anschauliche, liebevolle, warmherzige Rede

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erstellt am 23.11.2014