Peter Kurzeck war zu Lebzeiten ein Solitär. Harry Oberländer hat den Schriftsteller, der seine unaufhörlichen, mäandernde Erinnerungen schreibend zu bändigen versuchte, anlässlich seines ersten Todestages porträtiert.

1. Todestag von Peter Kurzeck

»Hätten wir nur dieses Heute, wir wären der Rede nicht wert«

Von Harry Oberländer

Mont Ventoux
für Peter Kurzeck 1943-2013

Selbst Wind sein auf dem Berg der Winde, selbst sein
ein Flügelschlag des Schlangenadlers, selbst sein
ein Satz, den der Regen ausspricht, die Wirbel-
trommel selbst sein, der Sturm über den Föhren,
dasein sein im Stein, eigener Wimperschlag sein
in Anderer Augen. Blick in die Ferne, selbst dort sein,
in Wolken und Wassern, selbst sein die horizontale Linie,
selbst ein Kapitel in Gletschern drüben, im Schnee sein.
Die Gipfel weiß, wissen nicht wer schaut, nicht wohin

„In der Wirklichkeit, in Gedanken: du bist so oft gegangen und gekommen, dass du nicht mehr weißt, wann du träumst! Vor hundert Jahren, es hätte genauso gut im frühen Mittelalter gewesen sein können, wenn wir hoffnungsvoll denken, wir sind zum ersten Mal hier. Noch einmal das Dorf, Vergangenheiten, die eine oder andere schlechte Zeit eh und je, besser noch zuwarten, die gleiche Stille sooft du aufblickst: überm Weg das Ziel aus den Augen verloren, wer bin ich doch gleich? Und es hat angefangen zu schneien; gleich käme uns überstürzt die Nacht auf den Hals.“

Das ist der Anfang von Peter Kurzecks Roman Kein Frühling in der ersten Fassung von 1987. Mit dieser Frage “Wer bin ich denn gleich oder wer bin ich überhaupt” beginnt auch Kurzecks erster Roman Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst erschienen 1979. „Woher, wohin? Eine lange Reise. Tag oder Nacht, die ewige fahle Dämmerung meiner Träume, in jedem Fall ist es die Vergangenheit, wenn ich mich wiederfinde: Namen vergessen! (schon jahrelang auf der Flucht – wer bin ich doch gleich?)“

Ein merkwürdiger Biograph seiner selbst, der von Anfang an seinen Namen nicht mehr weiß, der sich der Wege erinnert, die in das Dorf führen, aber den Verdacht hegt, das könne auch im Mittelalter gewesen sein oder nach den napoleonischen Kriegen. „Wiederholungen…“, heißt es im Nußbaum, mit Ausrufezeichen. „Wiederholungen! In Frankfurt und in Gießen/Lahn ist es immer der gleiche leere stille Tag Vorweihnachtszeit, wenn sie ewig gestern, sachkundig fluchend (220 Volt) ihre lächerlich prunkvolle Festbeleuchtung an den ausgemessenen trüben, städtischen Himmel nageln, jedes Mal – woher komme, wohin gehe ich?“ Und noch ein Stück weiter im Text – wir befinden uns hier auf den ersten drei Seiten des Nußbaum – heißt es:
„Ewigkeiten! Zum Aufwärmen eine ruhige stille Zwischenstation ohne Namen mit bunten Glasfenstern (außerhalb der Zeit) und alle Dezember zeitlebens sind mir immer viel zu lang geworden, Winter, Zeit zu fahren: eine lange Reise! Und nächstens (bald!) werden wir – seit Jahren verschollen, wie jetzt noch den Weg? – Alles wiederfinden in der riesigen ausgebreiteten Zeit, Schneewüsten: die transsibirische Eisenbahn (neun Tage, um die Zeit wiederzufinden): Stationen, eine lange Reise!“

Das Motiv der Zugfahrt, Sibirien, die Vorstellung von Schneewüsten finden wir auch im zweiten Roman Das schwarze Buch, 1982. Es ist der Roman eines Alkoholikers, eines Menschen der in den Suff geflohen ist und nun gegen den Tod anschreibt.
„Was tun? Wer bin ich? Was habe ich getan? Erst war ich der liebe Gott, dann haben sie mich in die Schule geschickt und von da an konnte ich mich nicht mehr um alles kümmern. So sind mir die Dinge entglitten. Wir fahren, wir fahren. … Träum nicht rum, zähl dein Geld nach! The writer has nothing to trade with, but his life. Der Zug rast der Nacht zu, wir fahren.”
Der Schriftsteller Kurzeck ist in seinen frühen Selbstportraits ein Mensch, der ums Überleben kämpft, ein Verschollener, der sein Gedächtnis verloren hat oder verloren zu haben glaubt. „In greulichem Delirium, ein Tier. … Er hat alles vergessen, friert, nährt sich unbeholfen von Abfällen, flieht, leidet, flucht. Die Parole? Ich habe das Wort vergessen, knirscht mit den Zähnen, kann nicht mehr! Wie lange noch bis er verhungert, erfriert, vom ferngesteuerten Lastwagen seines Schicksals überfahren wird oder – Bürger haltet Eure Stadt in Ordnung – von beherzten Einwohnern endlich gesteinigt wird. Dienstagabend, es schneit.“ So sieht der Nullpunkt aus, wo nichts mehr ist als die eigene bedrohte Existenz. „Existieren“, heißt es bei Sartre, „das ist dasein, ganz einfach; die Existierenden erscheinen, lassen sich antreffen, aber man kann sie nicht ableiten.“ Aber schon da fällt Peter mir ins Wort: „Was heißt denn hier Existenz? In diesen Schuhen nicht, schaffst du nicht.“
Eine solche Existenz weiß mit der Sinnfrage nichts anzufangen, kann sich darüber vielleicht noch ein wenig lustig machen. Über die Weltordnung, über das Ziel der Geschichte, über den politischen Kampf, über die Gerechtigkeit, die die Welt doch so dringend brauchte.

„Triffst den krächzenden Weltgeist in seiner unterirdischen Höhle oder auf Gottes heiligem Dachboden. Er erhebt sich gleich wie zum Appell von seinem durchgelegenen Strohsack, zieht schnell den Mantel an, der ihm vorher als Decke diente (mit Samtkragen) und verkündet dir, alle Probleme sind jetzt gelöst. Er hat dich erwartet, barfuß. Er hat eine Weltregierung ersonnen, die sich ab jetzt und hinfort wird kümmern um alles, und jegliches Unrecht wird schnell wieder gutgemacht. Sein Lungenkrebs im vorletzten Stadium ist bloß ein kleiner Katarrh, den er nächstens mit lauwarmem Wasser kurieren wird. Die Gerechtigkeit und die Weltregierung, hier siehst du die schönen Faltkartenmodelle, die er kürzlich gebastelt hat. Damit ist alles geklärt. Mach dir jetzt bloß keine Sorgen nicht mehr, Menschenskind. Gott im Himmel weiß auch schon Bescheid.“
Was die, nennen wir sie mal, Jungachtundsechziger bewegte, die Utopie einer von Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Armut und Unterdrückung befreiten Welt, überhaupt die Vorstellung, dass sich die Geschichte der Menschheit auf erkennbares Ziel zubewegt, ist den Protagonisten im Nußbaum und im Schwarzen Buch völlig fern. Die Metaphorik, die Peter Kurzeck dort und auch in Kein Frühling verwendet, zeigt uns eine Schnee- und Eislandschaft. In Kein Frühling (1987) heißt es: Und es hat angefangen zu schneien, gleich käme uns überstürzt die Nacht auf den Hals.“ Die Welt der Kindheit ist kein Paradies und lässt sich schon gar nicht in die Zukunft projizieren. Wollte man Ernst Blochs Ausführungen über die Heimat auf Peter Kurzecks Literatur über die Kindheit in Staufenberg anwenden, käme man in beträchtliche Schwierigkeiten:
„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ (PH 1628)
Dass in den Erinnerungen an seine Kindheit in Staufenberg etwas zum Vorschein kommt, das in der historischen Entwicklung der Welt erst noch einzulösen wäre, ist eine Vorstellung, die Peter Kurzeck vermutlich eher fremd wäre. Er formuliert keine Erwartungen an die Zukunft, sondern beschäftigt sich damit, dass seine Erinnerung, mehr Vergangenheit einschließt als die eigene, persönliche Geschichte. Er überschreitet sie in die Zeitachse der Vergangenheit hinein. Immer und immer wieder kommen in Kein Frühling Menschen von weither an. Sie tragen jedes Mal andere Kostüme. „Im Krieg, der nie aufgehört hat, in diesem, dem letzten, dem vorigen Krieg immer noch die Gespenster aus der Napoleonzeit und finden nicht heim. … Alle hundert Jahre ein Tag, es kommt dir wie gestern vor. Gekommen sagst du dir und gegangen, wer denn in Gottes Namen, wir und die Zeit. Wie im Traum immer wieder, wie auf den eigenen Spuren gekommen vor hundert oder vor dreihundert Jahren, ewig die Not im Gepäck, Landfahrer, Flüchtlinge in allen unseren Leben und Zeitaltern. … Uns hat es schon immer gegeben, hätten wir nur dieses Heute, wir wären der Rede nicht wert.“

Noch einmal zurück zu den ersten drei Seiten des Nußbaum. Denen ist ein Zitat vorangestellt, es lautet wie folgt: „Hätte man seinen Verstand beisammen, so könnte man an ein Fatum glauben!“ Und dieses Zitat wird so zu geordnet: „Blanqui, bevor ihm sein gehässiges Schicksal aufs Haupt fiel, 1863.“ Blanqui, so glaubte ich beim ersten Lesen, muss wohl 1863 unter die Guillotine gelegt worden sein, aber weit gefehlt. Der Revolutionär Louis Auguste Blanqui, geboren 1805, starb 1881 nach langer Gefängnishaft eines natürlichen Todes. Er hatte also noch Zeit gehabt, unter den Aufständischen der Pariser Commune 1871 zu wirken. Das Zitat konnte ich bisher nicht ausfindig machen. Kann sein, es steht so in Ni dieux ni maitre – Kein Gott kein Herr, Blanquis revolutionären Kampfschrift, möglicherweise aber auch in seinem im Gefängnis Fort Taureau verfassten philosophischen Spätwerk, das von politischer Agitation völlig frei ist. Dort entwickelt Blanqui eine phantastische Version des pythagoreisch-stoischen Gedankens eines zyklischen Universums. Alles vergeht, alles kehrt wieder. „Das Universum wiederholt sich endlos und tritt auf der Stelle.  Unbeirrt spielt die Ewigkeit im Unendlichen immer wieder das gleiche Stück.”
Blanqui starb am 1. Januar 1881 in Paris. Sieben Monate später, Anfang August 1881, fällt Nietzsche im Engadin, auf einem Spaziergang zwischen Sils Maria und Surlej, der Gedanke der „ewigen Wiederkunft” zu, ein zentrales Thema im „Zarathustra” und den nachgelassenen Schriften. Auf einen Zettel notierte er drei Jahre später, im Herbst 1883 nur den Titel eines Buches, auf das er aufmerksam gemacht geworden war: “A. Blanqui, l’eternité par les astres. Paris 1872″ (vgl. Nietzsche: Kritische Studienausgabe, dtv, Band 10, S. 560). Es ist das die einzige Erwähnung Blanquis in sämtlichen veröffentlichten und unveröffentlichten Schriften Nietzsches. Offenbar, aber das sollen andere klären, falls es sich klären lässt, waren Nietzsches Hinweisgebern die Ähnlichkeit von Blanquis Kosmologie und Nietzsches Philosophem aufgefallen.
Wie und warum immer sich Blanqui in Kurzecks Nußbaum verlaufen haben mag, lässt sich vor diesem Hintergrund vielleicht auch noch herausfinden. Der Gedanke der Wiederkehr des Gleichen ist jedenfalls in Kein Frühling deutlich erkennbar, auch, dass Personen im Laufe der Geschichte ihre Wiedergänger oder Doubles haben. Ebenso deutlich wird die Skepsis gegenüber einer fortwährenden Entwicklung von Technik und Infrastruktur und der bedenkenlosen Anwendung ihrer Möglichkeiten. In Vorabend (2011) werden gerade diese gesellschaftskritischen Positionen ausführlich dargestellt. Stichwort: Gießener Ring, Hypermärkte, Marketing und bäuerliche Vorratshaltung. So hat Peter Kurzeck eine Literatur geschrieben, die nicht einfach nur eine Chronik der Menschen und des Dorfes ist, sondern die Verluste darstellt, die mit dem gnadenlosen Fortschreiten der Zeit einhergehen und zwar keine nostalgische, sondern eine gesellschaftskritische Literatur.

„Mir kam es vor“, schreibt Kurzeck in „Übers Eis“ – man beachte den Titel dieses ersten Bandes des großen epischen Zyklus Das alte Jahrhundert – ich könnte mein Leben außer beim Schreiben nur im Gehen oder Fahren noch aushalten.“
Peter Kurzeck hat sein Leben im Schreiben ausgehalten. Geschrieben hat er in Frankfurt am Main, später vor allem im südfranzösischen Uzès, aber auch in Edenkoben in der Pfalz, in Schreyan im Wendland, in Schöppingen im Münsterland, in Calw an der Nagold, im Fürstentum Liechtenstein, im böhmischen Krumau und wer weiß wo sonst. Dabei ist er viel gegangen und viel gefahren. Oft fuhr er auch bei mir im Auto mit. Das Auto ist daher, wie ich selbst, in Peter Kurzecks Literatur eingegangen und der Streit zwischen ihm und mir, ob es denn rot war, das Auto, wie ich mich, oder orange, wie Peter sich erinnerte, gehört zu den ungelösten Problemen der deutschen Literaturgeschichte.

Womit ich nun auch bei dem mir gestellten Thema bin, das ich wenigstens nicht ganz verfehlen möchte. Peter Kurzeck war in der deutschsprachigen Literatur zu Lebzeiten ein Solitär. Er hat unbeirrbar an seinem Thema festgehalten, ohne irgendwelchen Hinweisen oder Vorschlägen zu folgen, wie er sich besser oder anders hätte positionieren können. Dass er das könnte, hat er immer bestritten. Er konnte es auch nur, weil er, gemessen am Verkaufserfolg seiner Bücher zwar nur mäßig erfolgreich war, mit Stroemfeld einen Verlag gefunden hatte, der alle seine Bücher, wie dick und teuer sie auch wurden, immer publiziert hat. Er konnte es auch, weil er zahlreiche Preise und Stipendien erhalten hat, Auszeichnungen und Förderung von Leuten, die offensichtlich etwas von Literatur verstehen, zum Beispiel den von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis, den Preis „Stadtschreiber von Bergen“ oder den „Robert-Gernhardt-Preis“ des Landes Hessen. Seine Anerkennung entwickelte sich sehr zögerlich und wurde in einer größeren Öffentlichkeit erst richtig wahrgenommen, als damit begonnen wurde, nicht nur Lesungen aus seinen Werken als Hörbücher zu produzieren, sondern auch solche mit Aufnahmen freien Erzählens. Ich glaube, dass er eine Rolle in der deutschsprachigen Literatur auch in Zukunft spielen wird. Wir werden noch hören, was aus dem Nachlass veröffentlicht werden wird, und alles Weitere wird die Literaturwissenschaft erörtern. Wir alle können Literaturwissenschaftler und Literaturhistoriker dazu natürlich ermutigen, diese Diskussion nicht zu vernachlässigen; und als eine solche wichtige Ermutigung verstehe ich auch diese Veranstaltung hier in Staufenberg .
Kurzecks Dorf auf dem Vulkanfelsen ist keine Idylle, habe ich gesagt, und das stimmt auch. Allerdings, im Abendlicht dann manchmal eben doch. Ein schöner, sehr poetischer, sehr zarter Text aus Vorabend:

„Und abends, sagte ich. Dann am Abend im Oberdorf, wenn dann Abend ist. Dort bleibt das Licht bis zuletzt. Schwalben, Mauersegler, eine Schwalbenstille. Gerade über den engen Gassen ganz oben am Berg ist am Abend der Himmel so weit. Eine Kuhherde wird vorbeigeführt. Hunde rennen herum. Jetzt riecht man schon den Rauch von den Abendfeuern. Noch überall Kinder. Kinder, die noch nicht gleich heimgehen. Immer am Abend fragst du dich, wo der Tag geblieben ist. Wie eben erwacht: Wo gewesen? Wer bin ich? Also wieder erwacht. Vergangen die Zeit. Was war das denn für ein Tag? So fern jetzt der Morgen. Im März? Immer im März, sagte ich, die ersten warmen Tage. Ein Morgen in der Kirschblütenzeit. Am Rain heißt ein Gäßchen direkt an der Burgmauer und da ist ein Kirschgarten. Erst März und dann Fliederzeit und die Kirschen werden schon reif. Das war gegen Mittag. Und am Nachmittag Hochsommer. Alles heute. Ein einziger langer Tag. Und jetzt ist Abend. Die Männer und Frauen vom Feld, von der Arbeit heim. Ausspannen und den Wagen abladen. Die Kühe in den Stall geführt. Eine Stalltür offen und golden das Licht aus dem Stall. Schon nach dem Abendläuten? In fast jedem Hof jetzt stehen sie. Am Hoftor, unterm Vordach und bei den Haustüren. Noch lang nicht Feierabend für einen, der Hof Feldwirtschaft hat. Aber jetzt zwischen Abendläuten und Dunkelwerden. Mit leeren Händen oder nur proforma ein Kuhgeschirr in der Hand, das seit dreißig Jahren fast täglich gebraucht wird, ein altes Kuhgeschirr aus zähem rissigem Leder und schwarz vom Alter. Ein Kuhgeschirr, ein Tragejoch, einen blanken silbernen Milchkannendeckel, rund wie manchmal der Mond. Und sie stehen, Frauen auch, aber mehr Männer als Frauen, stehen eine Weile so da, als hätten sie für heute schon alles gemacht. Am Nachmittag in der Hitze war dir, als ob du träumst. Und jetzt im letzten Licht, in den Gassen der Abendrauch, jetzt raschelt ein Blatt. Dann die Stille, umso deutlicher dann die Stille. Und dann raschelt wieder ein Blatt. Wie der
Wein sich schon färbt. Holzrauch am Abend. Und riecht es nicht schon nach Herbst? Ein paar große Nußbäume gibt es im Oberdorf. Aber nicht hier – mehr zum Poul hin. Am Rand vom Burgwald. Vor dem Friedhof. Nußbäume, die bis in den Himmel reichen. Da morgen hin, sagst du dir. Unbedingt. Um dich der Abend. Kinderstimmen. Ein Hund bellt. Eine Tür fällt zu. Ein alter Mann sucht einen Hobel, den er vor vierundzwanzig Jahren hier unterm Vordach auf das kleine Gesims gelegt hat. Sucht und sucht und erzählt sich dabei sein Leben. Einer häm­mert auf Blech. Einer muß eine Sense dengeln. Mütter, die anfangen, Namen zu rufen. Wieder raschelt ein Blatt. Gerade im Oberdorf und besonders am Abend, sagte ich, ist es so, dass die Stimmen und Töne immer nachhallen, lang nachhallen. Das machen die engen Gassen. Felsen, die Burgmauer und der Himmel. Als ob die Stimmen und Töne gesammelt werden und aufgehoben und dann immer nochmal. Müssen wiederkehren! Als ob alles schon gewesen ist, schon einmal, schon oft. Jetzt ist Sonne untergegangen. Du warst Kapitän, hast die Well umsegelt und Afrika und den Amazonas erforscht. Am Nordpol warst du und am Südpol. Und jetzt bist du wieder fünf und ein bisschen spät dran. Und weißt deinen Namen und weißt durchs Dorf deinen Weg und gehst müde heim. Müd heim am Abend. Mit deinen Gedanken gehst du. Jetzt fängt auch hier im Oberdorf das Licht schon zu gehen an. So dicht unterm Himmel. Und jetzt färbt die Luft in dem Gäßchen sich blau. Das ganze Gäßchen wird blau. Abendblau. Alle Gäßchen im Oberdorf. Und sogar jetzt in der ersten Dämmerung leuchtet noch der alt Verputz, als ob man eine große Lupe draufhält, ein Zauberglas. Ein Brennglas voll Licht.“

Festvortrag zur Einweihung des Peter-Kurzeck-Platzes in Staufenberg, 20. Juli 2014

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erstellt am 23.11.2014

Peter Kurzeck, Foto: Alexander Paul Englert
Peter Kurzeck, Foto: Alexander Paul Englert