Die Kunst der Moderne ließ sich von der japanischen Kunst inspirieren. 26 Jahre nach der Japonismus-Ausstellung im Musée d’Orsay widmet sich nun das Museum Folkwang mit der Sonderausstellung „Monet, Gauguin, van Gogh … Inspiration Japan” einem der faszinierendsten Kapitel der französischen Kunst. Petra Kammann besuchte die Essener Ausstellung für Faust-Kultur.

Ausstellung in Essen

Faszination Japan – Wahrnehmung und Wechselwirkung

Von Petra Kammann

Paul Gauguin 
Petit chat mangeant dans une écuelle / Kleine Katze an einer Schüssel, 1888.
 
Gouache auf Papier, 20 × 42,5 cm. 
Privatsammlung 
© Foto: Leihgeber

„Wer ,in’ sein wollte, musste sich japanisch einrichten“. Diese Aussage der Kuratorin des Museum Folkwang, Sandra Gianfreda, bezieht sich auf den Japonisme in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem in Frankreich. In keinem anderen europäischen Land haben sich die Künstler bis in das 20. Jahrhundert derart von japanischer Kultur, von japanischen Bildmotiven und Stilmitteln inspirieren lassen wie dort: von Claude Monet, Vincent van Gogh, Paul Gauguin bis hin zu Pierre Bonnard und Toulouse-Lautrec. Der Japonisme entfaltete an den südfranzösischen Orten (Vence, Arles, Mougins) seine Wirkung. Warum widmet sich gerade ein Museum im Ruhrgebiet diesem Thema mit einer groß angelegten Ausstellung?

Der Sammelleidenschaft des vermögenden kunstsinnigen Bankierssohns Karl-Heinz Osthaus (1874‒1921) verdanken wir eine der interessantesten Museumssammlungen der Malerei und Skulptur des 19. Jahrhunderts sowie der Wegbereiter der klassischen Moderne. Sein Ziel war es, ein Museum zu gründen, das der Kunst in einer Industrieregion wie der des Ruhrgebiets einen höheren Stellenwert verschaffen sollte. Der passionierte Sammler sah in der ästhetischen Qualität der Darstellung der Natur die Grundlage für die Kunst. Mit seinen reformerischen Ideen war Osthaus von der Einheit von Kunst und Leben überzeugt, was er in einem damals völlig neuartigen Museumstypus im industriellen Ruhrgebiet unter dem Namen Folkwang verdeutlichen sollte. Seine Sammlung umschloss neben den klassischen Genres der Malerei und Skulptur auch kunsthandwerkliche Objekte aus Afrika, Asien, Mittelamerika, der Südsee und Europa, also Objekte wie Textilien, Gewänder, Schmuck, Masken, Fliesen und Glas aus verschiedenen Epochen bis hin zur Antike, u. a. auch aus Japan. Objekte, welche die Maler und Bildhauer des angehenden 20. Jahrhunderts bewusst oder unbewusst beeinflussten. Neben der deutschen Malerei hatte Osthaus in seinem Museum einen reichen Bestand an französischer Kunst des 19. Jahrhunderts zusammengetragen.

Abgesehen davon beschäftigte Osthaus selbst auch Künstler und Architekten wie Henry van de Velde und den Berliner Architekten Carl Gérard mit dem Museumsneubau in Hagen und Peter Behrens für den Vortragssaal. Nach seinem Tod zog das Museum dann 1922 nach Essen um. Als der amerikanische Kunsthistoriker Paul J. Sachs, Sammler und Mitbegründer des Museum of Modern Art in New York, das Folkwang Museum 1932 besuchte, nannte er es „das schönste Museum der Welt“. Das war es auch, bis es einen Großteil seiner hervorragenden Werke verlor. Mehr als 1 400 Werke so genannter „entarteter“ Kunst hatten die Nationalsozialisten 1937 beschlagnahmt und die fortschrittliche Ankaufs- und Ausstellungspolitik des Museums radikal unterbrochen. Etliche der von den Nazis beschlagnahmten Werke wurden später verkauft und zählen nun zu den Höhepunkten der privaten und öffentlichen Sammlungen, die sie heute beherbergen.
Als im Jahr 2010 das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt wurde, revitalisierte der damalige Museumsdirektor Hartwig Fischer die Osthaus‘sche Ursprungsidee unter dem Titel „Das schönste Museum der Welt“. In der äußerst erfolgreichen Ausstellung waren für die Dauer der Museumsschau die Meisterwerke der ursprünglichen Sammlung aus Amerika, Asien und Europa nach Essen zurückgekehrt. Zugleich wurden für die Ausstellung nicht allein Gemälde und Skulpturen der Moderne zusammengetragen, sondern auch frühere Schätze des Museums wieder ans Licht geholt: Werke und Objekte der alten und außereuropäischen Kunst, die lange in den Depots des Museums lagerten.

An die Tradition einer Gegenüberstellung von Kunst und Kunsthandwerk knüpft nun auch der heutige Direktor des Museum Folkwang, Tobia Bezzola, mit der aktuellen Ausstellung „Monet, Gauguin, van Gogh … Inspiration Japan“ wieder an. Da werden Gemälde, Druckgrafiken und kunsthandwerkliche Gegenstände mit Kunstwerken konfrontiert: rund 400 französische und japanische Meisterwerke zum Thema Japonisme, darunter 65 Gemälde aus internationalen Museen und Privatsammlungen und annähernd 200 zum Teil selten gezeigte Holzschnitte französischer und japanischer Herkunft. Reichhaltig ergänzt wird die Ausstellung noch durch eine Vielzahl kostbarer Meisterwerke angewandter Kunst, denn das Museum selbst verfügt ja über einen beachtlichen Bestand an japanischen Objekten wie Bildrollen, Gefäßen aus Porzellan, Lackobjekten, Masken, Skulpturen, Körben und vielem mehr. Einige der Objekte wurden für die Ausstellung eigens wieder aufbereitet und restauriert.

Zusammen mit den „hauseigenen“ Gemälden von Monet, Gauguin, van Gogh und Courbet und den Hauptwerken der wichtigsten Maler des französischen Impressionismus und Postimpressionismus (Degas, Cézanne, Gauguin, Bonnard und Vuillard) werden Fotografien aus dem Atelier von Felice Beato sowie Plakate von Toulouse-Lautrec aus den Beständen des Deutschen Plakatmuseums den japanischen Meistern des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts wie Hokusai, Utamaro und Hiroshige an die Seite gestellt. Eine wunderbare Gelegenheit, „verschiedenste Kunstgattungen – Malerei, Druckgrafik, Fotografie, Skulptur und Objekte der angewandten Kunst – für die Zeit dieser Ausstellung in einen inspirierenden Dialog treten zu lassen“, so Bezzola. Er möchte zudem damit „den Dialog der Weltkulturen in regelmäßigen Abständen im Folkwang thematisieren“. Und dazu regt die Ausstellung wahrhaft dazu an, die Geschichte dieses interkulturellen Dialogs historisch nachzuvollziehen, zudem führt die Gegenüberstellung von Objekten und Gemälden den Betrachter zu neuen Sichtweisen.

Welche Bedeutung hatte Japan in der Mitte des 19. Jahrhunderts?

Japan hatte sich fast 200 Jahre lang gegenüber dem Westen abgeschottet. Nachdem die Vereinigten Staaten 1853 die Öffnung der Hafens von Tokyo erzwungen hatten und ab 1854 Handelsverträge gemacht werden konnten, führte dies dann auch zu einer politischen und wirtschaftlichen Öffnung. Die Folge waren Verträge und Austausch mit Frankreich, England, den USA und Russland. Sogar eine Handelsgesellschaft für things japanese wurde gegründet. Auf den Weltausstellungen in Paris 1867 und 1878 präsentierte Japan Erzeugnisse wie Lackarbeiten, Keramiken, Holzschnitte und Malereien, welche das Publikum begeisterten. Das führte dazu, dass der Okzident ein völlig neues künstlerisches Universum entdeckte, was wiederum zu neuen Kreationen und Sehweisen in Frankreich führte.

Schon 1863 hatte der italienische Fotograf Felice Beato in Yokohama ein Fotostudio aufgemacht und Europa fortan mit handkolorierten Japan-Szenen beliefert. Sie wiederum gehen in die Werke der französischen Künstler ein. So sehen wir auf einem Porträt Emile Zolas von Edouard Manet aus dem Jahre 1868 im Hintergrund einen japanischen Holzschnitt sowie einen japanischen Paravent. Allein diese Darstellung lässt vermuten, dass die Pariser Avantgarde im “Japanfieber” ihre Intérieurs entsprechend ausstattete.

Die Faszination, welche die Bücher, Grafiken und „Industriekünste“ der fernen Insel auf Europa und Russland ausübten, führte schließlich zum Japonisme und auch zu einem kulturellen Austausch. Es war der Kunstkritiker und Sammler Philippe Burty, der daher 1872 den Begriff Japonisme einführte. Er beschreibt damit weder einen einheitlichen Stil noch eine abgeschlossene Epoche, sondern vielmehr eine Haltung, welche Bildsujets übernimmt. 1880 reiste dann der in Paris lebende hamburgische Sammler Siegfried Bing nach Japan und wurde zum Vermittler ostasiatischer Kunst, was er durch seine Zeitschrift „Le Japon artistique“ sogar noch bekräftigte. Sie ist in der Essener Schau übrigens auch zu sehen.

Der Japonisme hatte Kunstgewerbe und Gebrauchskultur zwischen 1860 und 1910 bis hin zum Jugendstil mit seinen stilisierten floralen Ornamenten inspiriert und die europäische Wahrnehmung radikal verändert. So hatte sich auch der Mäzen Osthaus davon infizieren lassen und das noch, bevor er sein neues Museum 1902 eröffnete. Vorab hatte er schon eine eigene Japan-Sammlung aufgebaut mit kostbaren Masken, dem golden schimmernden Tanzgewand aus dem 18./19. Jahrhundert für das No-Theater oder u. a. dem bemalten Lackschreibtisch, der einst dem Japonica-Händler Siegfried Bing gehörte.

Vor allem aber veränderte sich die Wahrnehmung zusehends durch den Einfluss des Japonisme. Künstler und Kunsthandwerker übertrugen japanisch inspirierte Bildthemen und Gestaltungsprinzipien auf die eigene Lebenswelt. Der Einfluss der japanischen Kunst auf die europäische Moderne war unaufhaltsam. Maler wie van Gogh, Gauguin und Monet lernten gleichsam japanisch zu sehen, sie verinnerlichen japanische Stilmittel und Techniken und verwandelen sie ihrer Malerei an. Sie lösen sich von der dreidimensionalen Raumillusion, behandeln Vorder- und Hintergrund gleichrangig, setzen auf die Flächigkeit des Bildes, das sie stark anschneiden, wie Gauguin in seinem Gemälde „Blaue Bäume“.

Den Holzschnitten mit den kühnen Kompositionen von Utamaro, Hiroshige oder Hokusai ‒ einige stammen sogar aus den ehemaligen Künstlersammlungen selbst – ist in der Essener Schau daher eigens ein ganzer Raum gewidmet. Japanische Druckgrafik aus dem Besitz von Claude Monet, Henri Rivière oder Vincent van Gogh wird gemeinsam mit den Meisterwerken dieser von japanischer Kultur begeisterten Künstler präsentiert. Daneben sieht man feine Lackarbeiten, Masken, Fächer, die Teekeramik, welche die Künstler inspirierten. Hinzu kam das japanische Flair, das von den floralen Elementen wie Chrysanthemen und Iris ausging. Karpfen und Langusten schmücken nicht nur Gallévasen und Fayencen, sie tauchen auch wieder in den Bildern auf. Die Japanbegeisterung der Pariser Gesellschaft kannte keine Grenzen und erfreute sich auch an den Frivolitäten. Man denke nur an die variationsreichen Bade- oder Frisierszenen eines Edgar Degas, während Motive wie Kimonos, japanische Masken oder Fächer plötzlich in Porträts und Stillleben auftauchen. Die Kurtisanen fanden später als europäische Silhouetten in japanischer Körperhaltung Eingang in die kühnen Plakatgestaltungen eines Toulouse-Lautrec.

Vincent van Gogh hatte es 1888 zwar nicht nach Japan selbst gezogen, sondern in sein „ideales Japan“, das südfranzösische Arles, in ein Land, in dem der holländische Maler das Licht suchte, das klare Konturen und kräftige Kontraste schuf. Er war schon früh in den Hafenläden von Antwerpen auf die ersten japanischen Holzschnitte und Stempelabdrücke gestoßen und baute begeistert deren Motive in seine Bilder ein, wie etwa in das Gemälde von 1887, das er „Japonaiserie“ nannte. Darin paraphrasiert er nach einem Ukiyo-e Holzschnitt die Kurtisane Keisei Eisen, die auf der Titelseite der Sonderausgabe der Zeitschrift „Paris illustré abgebildet war. Die Ukiyo-e-Holzschnitte (Drucke von „Bildern der fließenden Welt“) mit den geschwungenen Linien, den kontrastierenden Leerflächen und der zweidimensionalen Bildebene, sollte später übrigens den Art Nouveau inspirieren. Die Linienführungen und Kurvenmuster mutierten im Jugendstil zu grafischen Versatzstücken.
Van Goghs Gemälde „Rhônebarken“, eines der berühmtesten Werke des Folkwang Museums, entstand ebenfalls in Arles und war wegen der ungewöhnlichen Perspektive und des radikalen Anschnitts für den Maler der „reine Hokusai“, wie er in einem Brief schrieb. Der Maler hatte die künstlerischen Prinzipien der japanischen Kunst wie die diagonale Bildteilung, Nahsicht und Flächigkeit wohl schon so sehr verinnerlicht, dass er sie in der neuen Umgebung souverän auf seine Weise neu interpretieren konnte.
„Der Sämann bei Sonnenuntergang“ von 1888, Plakatmotiv der Ausstellung, ist im Museum entsprechend auffällig gehängt, zählt es doch zu einem der prägnantesten Beispiele für den Japonisme in van Goghs Werk. Die Verwandtschaft zu Hiroshiges „Der Pflaumengarten von Kameido“ ist verblüffend. Seiner Schwester schrieb er, dass er in Arles einen Ort gefunden habe, der dem von ihm erträumten Japan sehr nahe komme: „Ich brauche hier keine Japandrucke, denn ich sage mir immer, daß ich hier in Japan bin. Daß ich folglich nur die Augen aufzumachen und das zu malen brauche, was ich vor der Nase habe und was mir Eindruck macht.“ In der Ausstellung reist man mit den Augen, verinnerlicht förmlich die neue Sichtweise und erlebt so, wie die künstlerische Auseinandersetzung mit dem japanischen Formenvorrat auf unterschiedliche Weise erfolgt und die moderne europäische Bildwelt prägt.

Wer jemals Monets Haus in Giverny besucht hat, weiß, dass er von den japanischen Drucken, die sein gelbes Esszimmer schmücken, förmlich umgeben war. Er hatte sie u.a. in Le Havre am Hafen, wo sein erstes impressionistisches Bild „Lever du soleil“ entstanden war, entdeckt und gesammelt. Seinen Garten in Giverny gestaltete er nach japanischen Vorbildern: er ließ Schwertlilien, fernöstlichen Mohn, Glycinien, Azaleen und vor allem Chrysanthemen anpflanzen und legte eine japanisierende Brücke sowie den berühmten Seerosenteich mit den Nymphen an. Einige seiner dort entstandenen Bilder, die er unter den verschiedensten Lichteinflüssen immer wieder malte, stellen einen der Höhepunkte der Essener Schau dar. Der Saal, in dem die geradezu ätherisch zerfließenden Varianten des Seerosenteichs auf den großzügigen Wänden hängen, ist Monet gewidmet. Das natürlich einfallende Oberlicht unterstreicht das Spiel des Künstlers mit dem Licht.

Sowohl Monets Seerosenteich als auch der „Ausschnitt“ mit der kleinen Holzbrücke waren offensichtlich von japanischen Vorbildern inspiriert, wie etwa von Hiroshiges „Im Kameido Tenjin-Schrein“ von 1856. Nicht allein die Motive, es war auch die Methode der Variation ein und desselben Motivs, mit der sich der französische Maler das japanische Prinzip zu eigen machte. Und doch werden auch die Unterschiede deutlich. Im Vergleich zu den eher statisch angelegten Grafiken spürt man in Monets Bildern die ungeheure Bewegung und Energie, verbunden mit der Lust am Aufbruch, aus den Eindrücken etwas qualitativ Neues, das sich Bahn sucht, zu schaffen.

Katsushika Hokusai 
Die große Welle vor der Küste bei Kanagawa

, um 1831. 
Aus der Serie: Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji. Mehrfarbiger Holzschnitt (nishiki-e), 25,2 × 37,6 cm. Privatsammlung 
© Foto: Museum Folkwang

Welche typisch japanischen Motive beeinflussen die Künstler?

Abgesehen von den japanische Alltags-Objekten gibt es die vielfältigen Blicke auf die japanische Landschaft und das umgebende Meer von Katsushika Hokusai. So hatte die Darstellung der großen Welle vor der Küste bei Kanagawa, die vergleichsweise eingefroren erscheint, Einfluss auf Couberts aufgewühlt gemalte „Woge“ . Ein anderes Beispiel, das die Künstler beeinflusste, war Hokusais Serie der „36 Ansichten des Fuji“, die zwischen 1830 und 1831 entstanden sind. Diese Bilder vom Fuji haben wie kaum etwas anderes die Vorstellung von Japan in der westlichen Welt geprägt. Sie variieren den heiligen Berg der Japaner, den Fuji, zu den verschiedenen Jahreszeiten und Wetterlagen sowie aus unterschiedlichen Perspektiven. Betrachtet man sie, so sieht man anschließend die berühmten Bilder des Aixer Malers Paul Cézanne von seinem „Hausberg“, dem „Mont Sainte Victoire“, den er in 44 Ölbildern und 43 Aquarellen einzufangen versuchte, mit anderen Augen. Man entdeckt Parallelen zwischen Hokusais Fuji-Ansichten und dem immer wiederkehrenden Motiv des Berges Sainte-Victoire bei Cézanne. Insbesondere bei der Sicht des Berges von 1890 und in dem stark reduzierten, im lockeren Farbauftrag ausgeführten Gemälde von 1904/06 mit dem großen weißen Freiraum kann man vermuten, dass Cézanne möglicherweise entscheidende Impulse von Hokusai bekam oder, zumindest unbewusst das japanische Gestaltungsprinzip der ständigen Variation Eingang in sein Werk gefunden hat. Abgesehen vom Prinzip der Serialität in der Darstellung des Berges, hatte Cézanne sich auch gewisse Gestaltungsmerkmale zunutze gemacht. So nimmt er von Les Lauves, seinem Aixer Atelier aus, den erhöhten Blickpunkt ein. Ähnlich wie Hokusai schneidet er den Bildraum an, er dezentriert das Bild und schafft mit der Flächigkeit der Farbgebung starke Kontraste. Damit variierte Cézanne das Motiv in ähnlicher Weise wie Hokusai.

Die Regeln der europäischen Zentralperspektive werden aber auch bei anderen Malern gänzlich außer Acht gelassen ‒ bei Paul Gauguin zum Beispiel, der sich ebenfalls vom südlichen Licht angezogen fühlt und 1888 ins südfranzösische Arles zu van Gogh reist. Dort schreibt er: „Betrachten Sie die Japaner, die doch wunderbar zeichnen. Sie sehen das Leben im Freien und an der Sonne ohne Schatten. Sie bedienen sich der Farbe nur wie einer Kombination von Tönen, verschiedenen Harmonien, die den Eindruck von Wärme vermitteln.“ Auch bei ihm entstanden Werke, die maßgeblich von japanischen Stilmitteln geprägt sind. In seinen „Frauen aus Arles“ werden in fast monochromen Farbflächen Figuren und Landschaft zu einfachen geometrischen Formen stilisiert. Seine beiden Arlesierinnen setzen sich im Bildvordergrund als dunkle Silhouetten von den farbigen Flächen ab, in die Gauguin diagonal Weg und Rasen gemalt hat. Die Kühnheit der Szene steigert er noch zusätzlich durch die steile Aufsicht auf die Parklandschaft ohne Horizont. Die Stilmittel des japanischen Farbholzschnittes wurden ebenfalls von den Malern der Schule von Pont Aven mit Paul Gauguin als Inspirator angewendet. Und Pierre Bonnard aus Le Cannet, der zu Lebzeiten als „le nabi très japonard“ galt, war vielleicht am stärksten vom Holzschnitt, dessen Elemente seine Landschaften, Blumengärten, Segelboote und weiblichen Akte sozusagen wie ein roter Faden durchziehen, geprägt. Die Künstlergruppe der Nabis arbeitete vor allem mit Drucktechniken, Posterdesigns, Buchillustrationen, Textilien, Möbeln und Bühnenbildern und schätzten daher japanische Holzschnitte. Sie verstanden die japanischen Vorbilder jedoch mehr als Ausdruck einer Volkskunst.
Die Ausstellung vollzieht schließlich mit den Werken von Matisse und Picasso den Übergang der Japanrezeption in die Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Japonisierung wird bei Matisse vollends abstrahiert, wenn man sein Gemälde „La Japonaise au bord de l’eau“ von 1905 anschaut. Die beweglich-blaue Silhouette der am Wasser sitzenden Frau im Kimono mit japanisch hochgesteckter Frisur erschließt sich nur noch aus der Distanz. Das Gemälde zeigt im Übrigen keine Japanerin, sondern seine Frau Amélie. Matisse selbst erkannte jedoch einen fernöstlichen Einfluss auf sein Werk im Bereich der Farbe, was er 1947 in Vence so kommentierte: „Farbe existiert aus sich heraus, besitzt eine ganz eigene Schönheit. Die japanischen Krepp-Papiere haben uns das offenbart, und ich habe begriffen, dass man mit expressiven Farben malen kann, die nicht notwendigerweise beschreibende Farben sind“. Der erotomane Picasso hatte die japanische Kunst schon in den späten 1890er Jahren für sich entdeckt. Er wiederum interessierte sich für eine überaus spezielle Facette des Holzschnitts – die pornografischen Blätter („Shungas“ ‒ Frühlingsbilder), die er ausgiebig sammelte und bis in sein hohes Alter in Mougins („Raffael et la Fornarina“) als erotische Druckgrafiken in seine persönliche Formensprache übersetzte und variierte. „Die Kunst“, so heißt es im letzten, leicht abgedunkelten Ausstellungsraum in Essen denn auch folgerichtig: „Die Kunst ist niemals keusch“.

Siehe auch

Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst präsentiert rund 90 wertvolle japanische Holzschnitte in der Ausstellung „Das pralle Leben II. Ukiyoe aus den Sammlungen Johann Georg Geyger und Otto Riese“

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erstellt am 19.11.2014

Kitagawa Utamaro Die Kurtisane Kisegawa aus dem Matsubaya. 
Aus der Serie Wettstreit der Attraktivität von fünf Schönheiten, um 1795 – 1796
. Mehrfarbiger Holzschnitt (nishiki-e) / 36,6 × 24,9 cm. Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst 
© Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto: Jürgen Liepe

Ausstellung in Essen

Monet, Gauguin, van Gogh …

Inspiration Japan

Bis 18. Januar 2015

Museum Folkwang
Museumsplatz 1, 45128 Essen

Claude Monet 
Le bassin des nymphéas / Der Seerosenteich
, 1899
. Öl auf Leinwand; 93 × 74 cm 
The Metropolitan Museum of Art, H. O. Havemeyer Collection, Bequest of Mrs. H. O. Havemeyer, 1929 
© Foto: bpk; The Metropolitan Museum of Art

Paul Cézanne 
Montagne Sainte-Victoire, um 1890. 
Öl auf Leinwand, 65 × 92 cm. 
Musée d'Orsay, Paris, donation de la petite fille d'Auguste Pellerin, 1969 
© Foto: bpk / RMN Grand Palais / Hervé Lewandowski

Paul Gauguin Arlésiennes (Mistral) Dans le jardin de l'hôpital d'Arles / Frauen aus Arles (Mistral), 1888.
 Öl auf Jute, 73 × 92 cm. Mr. and Mrs. Lewis Larned Coburn Memorial Collection, The Art Institute of Chicago © Foto: The Art Institute of Chicago

Pierre Bonnard
 Promenade des nourrices, frise des fiacres / Wandschirm: Spaziergang der Ammen, Fiakerfries 1894/1897
. Paravent mit vier Lithographien in fünf Farben, je 143 × 46 cm. 
Privatsammlung, courtesy Städel Museum, Frankfurt am Main 
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014 
© Foto: Horst Ziegenfusz

Vincent van Gogh Le Semeur / Sämann bei Sonnenuntergang, 1888. Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich © Foto: SIK Zürich (J. P. Kuhn)

Utagawa Hiroshige Der Pflaumengarten von Kameido, 1857. Aus der Serie Hundert berühmte Ansichten von Edo. Mehrfarbiger Holzschnitt (nishiki-e), 34 × 22,5 cm. Privatsammlung
 © Foto: Museum Folkwang

Japan. No-Gewand, 18. oder frühes 19. Jahrhundert. Atsuita-karaori, Seide, komplexes Gewebe mit lancierten und broschierten Mustern in farbiger Seide und vergoldeten Papierstreifen, gefüttert mit leinwandbindiger Seide, 170,5 × 140,5 cm. Museum Folkwang, Essen © Foto: Hans Hansen, Hamburg 2009