Buchkritik

Die Unentwegten

Von Otto A. Böhmer

Historische Romane erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit, was auch daran liegen mag, dass der Leser von ihnen in eine Geschichte hineingezogen wird, die nicht mehr abstrakt anmutet, sondern von Menschen betrieben wird, denen, selbst wenn sie sich in abgelegenen Zeiten tummeln, gewisse Ähnlichkeiten mit lebenden Personen nicht abzusprechen sind. Noch anschaulicher wird es, wenn die Zeiten, um die es geht, zur unmittelbaren Vergangenheit gehören oder, noch besser, die eigene Familie betreffen, der anzugehören zwar immer etwas Zufälliges hat, dafür jedoch Bindungen schafft, die zur Herzensangelegenheit werden. Die aus Reutlingen stammende und in Berlin lebende Autorin Miriam Eberhard (Jg. 1968) legt in ihrem Buch Die Unentwegten eine Familiengeschichte vor, die weniger auf romanhafte Zutaten setzt, sondern sich an Zeugenaussagen hält, was für zusätzliche Authentizität sorgt. Eberhard hat ein Epos aus O-Tönen geschaffen, in dem sie selbst als einfühlsame Reporterin unterwegs ist, der um es eine Wahrheit geht, die, gerade weil sie subjektiv verortet bleibt, eine Anschaulichkeit gewinnt, die objektiv ansetzende Geschichtswerke nur selten erreichen. Erzählt wird vom Leben der schwäbischen Großeltern Pauline und Friedrich Thiel, die höchst unterschiedliche Charaktere sind, in schwerer Zeit (1927 – 1948) vierzehn Kinder bekommen und, allen Widerständen zum Trotz, in Treue zusammenstehen. Der Großvater ist ein geschäftlich nicht sonderlich erfolgreicher Erfinder und versucht sich als Autorennfahrer; die Großmutter stammt aus wohlhabendem Hause und legt künstlerische Interessen an den Tag, was für wiederkehrende Spannungen in der Ehe sorgt. Aus den Befragungen ihrer zahlreichen Onkeln und Tanten, die mehr oder weniger ausführlich Antwort geben und sich an ein Leben zu erinnern suchen, von dem wir immer nur ausschnitthaft, nie aber in Gänze etwas wissen können, montiert Miriam Eberhard ein faszinierendes Familienpanorama, das sich spannender liest als jeder Historienschinken, der beansprucht, Feinschmeckerware zu sein, im Grunde aber nur Sättigungsbeilagen zu bieten hat. Geschichte, so zeigt sich einmal mehr, besteht aus Geschichten, die erzählt und weitergegeben werden; sie machen unsere Vergangenheit lebendig, auch wenn es eine Vergangenheit ist, über die man ansonsten lieber den Mantel des Schweigens legt: „In der Pogromnacht im November 1938 haben wir im Kinderzimmer geschlafen. Wenn man da die Fensterläden aufgemacht hat, konnte man durch den Schlosspark direkt zur Synagoge sehen. Der Vater ist nachts aufgestanden: ‚Heute Nacht isch’s so unruhig! I muss amol gucke!’ Und ist er raus und hat geguckt. Und hat das dann mitgekriegt, was da los ist. Morgens um fünf ist er heimgekommen, hat uns Große geweckt und die Fensterläden aufgemacht: ‚(…) Kinder, des müsset ihr sehe, was heut Nacht passiert ischt. Des isch’s Schlimmste, was passiere kann. Des isch dr Anfang vom Zweite Weltkrieg!’“

erstellt am 09.1.2011

Miriam Eberhard
Die Unentwegten
Eine Familiengeschichte
384 S., mit 12 Abbildungen
Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2010