Der Gebrauch des Begriffs Gelehrtenrepublik, der in seiner lateinischen Version aus dem italienischen Renaissancehumanismus hervorging und sich später zu einer Staatsmetapher für die Kommunikation in der Gelehrtenkultur entwickelte, begegnet uns heute zwar immer häufiger, er unterliegt dabei aber vielen Missverständnissen. Zu deren Kritik hat sich Herbert Jaumann eine Begriffsrekonstruktion vorgenommen.

Essay

Respublica litteraria: Partei mit einem Programm der Parteilosigkeit

Gegen das anachronistische Missverständnis eines mehrdeutigen Konzepts der Frühen Neuzeit

Von Herbert Jaumann

Erinnert sich noch jemand an den Streit um die Untersuchung des nordamerikanischen Historikers Daniel Goldhagen? Das Buch über die antisemitische Botmäßigkeit der Deutschen (Hitlers willige Vollstrecker: zuerst englisch 1996 und im gleichen Jahr deutsch), das damals wahrscheinlich kaum jemand vollständig gelesen hat, hielt das Medientheater monatelang in Atem, und gegen Ende folgte ein juristisches Nachspiel, dessen Ausgang auch der gewöhnliche Zeitungsleser schon nicht mehr erfuhr. Goldhagen verklagte nämlich 1997 eine deutsch-kanadische Historikerin, die, so wie danach auch der New Yorker Politologe Norman Finkelstein, im März-Heft 1997 der Cambridger Zeitschrift The Historical Journal sein Buch kritisiert hatte, wegen Verleumdung. Und wie reagiert die Presse, in diesem Fall der Hamburger Spiegel? Er hält Goldhagens Klage nicht etwa für einen legitimen (oder auch illegitimen) Akt der Selbstverteidigung. Er hält sie für das Ende von nicht mehr und nicht weniger als der „Gelehrtenrepublik“! Das heißt: Etwas, das vor allem nur als historisch überlieferte Metapher existiert – das also zur (Selbst)Beschreibung realer Verhältnisse dient, jedoch nicht als Name für diese selbst – soll demnach in der Realität, etwa als wirkliche Institution, zerstört worden sein. Die ganze Institution ein für alle Mal? Oder nur deren deutscher Zweig, die deutsche Ausgabe davon? Und auch diese nur in diesem besonderen Fall? Viele, noch vermehrbare Fragen, die aber beim Hantieren mit diesem Begriff im Grunde sehr alt sind und immer viel zu selten aufgeworfen wurden.

Der Ausdruck Gelehrtenrepublik stammt in seiner lateinischen Version aus der Tiefe des Quattrocento, des italienischen 15. Jahrhunderts, also der großen Zeit des Humanismus – die deutsche Version besitzt eine sehr viel geringere Bedeutung als die historischen Bezeichnungen im transnationalen Gebrauch, die der Sache auch einzig angemessen waren: Respublica litteraria und davon direkt abgeleitet République des Lettres und allenfalls Republic of Letters. Wenn man vom heutigen Begriffsverständnis und den vorausliegenden Konzepten der Frühen Neuzeit reden will, ist es daher nützlich, sich immer wieder der namens- und begriffsgeschichtlichen Anfänge zu vergewissern, die, wie gesagt, in der Glanzzeit des Renaissancehumanismus in Italien liegen.

Benediktinische Gelehrsamkeit
Benediktinische Gelehrsamkeit

In einem Aufsatz von 1997 in Band LXX der hochinteressanten Buchreihe Lessico intellettuale europeo hat Marc Fumaroli den Erstbeleg aus dem Jahr 1417 an einer wenig entlegenen Stelle aufgegriffen, und das Zitat macht den Eindruck eines Zufallsfundes. Die eher beiläufige Wendung hat Fumaroli in dem auf den 6. Juli 1417 datierten enthusiastischen Brief des jungen Francesco Barbaro (1390-1454) gefunden, den dieser aus Venedig an Poggio Bracciolini nach Konstanz schickt, um ihn für seine eben bekannt gewordenen Manuskriptfunde in deutschen und französischen Klosterbibliotheken, wie u. a. in Cluny und Sankt Gallen, zu rühmen, besitzt offensichtlich keinerlei terminologischen Charakter: Wer könnte so böswillig sein zu glauben, schreibt der Schüler von Guarino da Verona an den bewunderten Freund aus Florenz, ich würde euch, d. h. Poggio und seinem Gefährten Bartolomeo da Montepulciano, zu viel Ehre antun. „Quos autem orno? Eos nempe, qui huic litterariae Reip.[ublicae] plurima adjumenta, atque ornamenta contulerunt.“ (Wen will ich eigentlich ehren? Das sind doch diejenigen, die diese öffentliche Gemeinschaft der Gelehrten mit den meisten Mitteln für ihre ruhmreichen Leistungen ausgestattet haben). Und nur mit Schande seien jene Deutschen zu nennen, die die hochberühmten Autoren, deren Gedächtnis für alle am Leben zu erhalten ihre Pflicht gewesen wäre, dauerhaft lebendig begraben haben. Weder ist erkennbar, dass der Schreiber mit der Wendung von der litteraria Respublica eine neue Formel verwenden noch dass er auf eine etwa schon geprägte und als solche bekannte zurückgreifen möchte, und man darf deshalb schließen, dass es kein Wunder wäre, wenn sich auch noch ältere Belege finden ließen.

Percy Gothein hat den Brief, der ein exemplarischer Text für die enkomiastische Rhetorik des klassisch-humanistischen Quattrocento ist, in seiner großen Studie über Francesco Barbaro von 1932, der noch immer einzigen Monographie von Gewicht über den venezianischen Humanisten und seine Welt, ausführlich paraphrasiert und stellenweise übersetzt. Gothein ist zwar nicht die Stelle über die „litteraria Respublica“ aufgefallen, dafür aber der Ausdruck „amplissimi in litterario Senatu [Hervorh. H.J.], & in aede Musarum“, den er mit „die Ansehnlichsten im geistigen Senat und im Hause der Musen“ wiedergibt; gemeint sind die gebildeten antik-römischen Vorfahren des Autors und Seinesgleichen, die ihren Kriegshelden Triumphzüge veranstaltet haben, und zu Ähnlichem fühle auch er, Barbaro, sich berechtigt aus Anlass der Großtaten des humanistischen Manuskriptenretters Poggio. Es begegnet also in diesem Brief die Staatsmetapher für die „geistige“ (Gothein) Gemeinschaft der Gelehrten an zwei Stellen, einmal mit Bezug auf die gegenwärtige „Respublica“ und zwei Seiten vorher auch mit Bezug auf den antiken römischen Senat, der zudem in einen direkten Zusammenhang mit dem „Haus der Musen“ gebracht wird.

Percy Gotheins Buch Francesco Barbaro. Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig ist die Druckfassung der Schrift, mit der Gotheins Habilitationsversuch kurz nach 1930 bei Leo Spitzer in Köln gescheitert ist (wie ein paar Jahre zuvor Walter Benjamins Versuch mit seiner Trauerspiel-Abhandlung vor allem in Frankfurt/M., aber auch an anderen Universitäten ). Percy Gothein (1896-1944), der Sohn des Heidelberger Gelehrten Eberhard Gothein, seit 1910 als „schöner Knabe“ bewunderter Novize des Georgekreises, lebte später vor allem in Italien, gehörte zum Widerstand gegen NS-Deutschland, wurde 1944 in Holland verhaftet und als politischer Häftling im KZ Neuengamme ermordet. Er steht in besonderer Weise für die in diesem Kreis lebendige Parole vom „geheimen Deutschland“, das er, ähnlich wie George selbst und andere Historiker des Kreises (Ernst Kantorowicz, Friedrich Gundolf) mit dem Renaissancehumanismus in Verbindung brachte. So lässt sich meines Erachtens auch seine (sonst unübliche) Übersetzung von „litterarius“ als „geistig“ (statt ‚gelehrt’) interpretieren. In der sonst ausgezeichneten Darstellung von Ulrich Raulff (Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben, München 2009, besonders S. 188 f.), werden die Konturen von Gotheins Gestalt leider nicht hinreichend deutlich.

In seiner Studie von 1997 hat Fumaroli die weiteren frühen Belege zusammengestellt: Angelo Decembrios Titel Politia literaria (von griech. politeia und lat. polire/politus) von 1540, entstanden aber schon um 1450; dann Respublica litterarum und Varianten davon beim Drucker-Philologen Aldus Manutius, die bekannten Stellen einschließlich verschiedener Umschreibungen bei Erasmus (bei ihm auch civitas für respublica), nachdem dieser sich, wie Fumaroli eigens betont, 1508 in der Offizin von Aldus in Venedig aufgehalten hatte, ebenso Belege bei Vives, Jacques-Auguste de Thou und Traiano Boccalini bis zu Pierre Bayle u. a. Was in der Forschung hingegen noch immer, auch bei Fumaroli, fehlt, ist eine Vorstellung von dem Prozess, in dem aus einer beiläufig-improvisierten Wortkombination, wie man sie bislang zum erstenmal in dem Brief von Francesco Barbaro vom Juli 1417 finden konnte, eine geprägte Formel wird; der Name für ein Konzept, für eine begriffliche Größe also, die dann reproduziert, durch annähernd synonyme Umschreibungen paraphrasiert, variiert usw. werden kann und wird. Was ich meine, ist also der semasiologische Weg zum Ausbau von Respublica litteraria zu einer Staatsmetaphorik, als die sie dann im 17. und 18. Jahrhundert bekannt und in Gebrauch ist.

Heute ist der Begriff noch wohl bekannt als eine Vokabel des allgemeinen west-, d. h. latein-europäischen Bildungsvokabulars oder dessen, was davon übrig ist, und mir scheint, dass gerade dieser Ausdruck in den letzten Jahrzehnten sogar immer häufiger begegnet. Gelungene Tagungen oder Forschungsaufenthalte an Orten mit einer alten Bibliothek, wie in Deutschland Wolfenbüttel, Göttingen oder München, Weimar oder Halle, und die Berichterstattung darüber werden gerne damit in Verbindung gebracht, nicht ohne das selbstzufriedene Blinzeln des jeweiligen Bibliotheksfunktionärs, und an die Universität in der heutigen Gestalt denkt man dabei wohl zuletzt. Der Heidelberger Klassische Philologe Jürgen Paul Schwindt hat jüngst über die Zerstörung der Universität in einem zweiteiligen Essay anregende Beobachtungen und Folgerungen publiziert: Die Mitmacher. Zur Pathogenese der neuen deutschen Universität. Teil 1: das „Vorfeld“, Teil 2: Das „Zeitfenster“, beides in: Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung, in den Heften Sommer und Herbst 2014. „Respublica litteraria“, „République des Lettres“ – das verströmt den leicht snobistischen Charme einer nostalgischen Idee des alten Wahren und zugleich utopisch Unerreichten, von etwas, das jedoch vermeintlich noch immer den Maßstab setzt. Erst wenn man sich an die im Gange befindliche Ausradierung der Alten Sprachen aus den Bildungsanstalten erinnert – von der des Latein spricht man noch, weil die Abschaffung nicht so rasch gelingen will, das Griechische wird schon gar nicht mehr erwähnt –, wird der Zynismus deutlich, von dem das Hantieren mit solchen Stichworten aus einer sich immer weiter entfernenden Vergangenheit erfüllt ist. Man gibt vor, sich mit einem historischen Konzept zu identifizieren, das schon im 19. Jahrhundert nicht mehr verstanden wurde und das die Assoziierung einer vagen Idee von intellektueller Egalität und Denkfreiheit beim gemeinschaftlichen Streben nach der Wahrheit gestattet, – und am nächsten Tag gründet man in einer Villa am Stadtrand eine Privatuniversität für Studien zur Optimierung der Arbeitsplatzvernichtung.

Wie jeder Anachronismus blockiert und beschädigt auch dieser die Bemühung um ein angemessenes Verständnis des betreffenden historischen Konzepts. Man lässt sich das Fehlverständnis ungern ausreden, weil es den Selbstwert zu stützen scheint und daher mit angenehmen Gefühlen begleitet ist, und die missverstandene historische Semantik wird zur Legitimation bzw. besitzerstolzen Ornamentierung gegenwärtiger Ziele benutzt, die damit gar nichts zu tun haben. D. h., man genießt den Eindruck, es gibt noch genügend Leute, die sich weismachen lassen, es handle sich um ein nach wie vor gültiges Wertkonzept. Aber dass Geschichte missverstanden wird, ist der globalisierten Elite egal, der denkwürdige Satz von Henry Ford aus den Gründerjahren des amerikanischen Kapitalismus, „history is bunk“ (Geschichte ist Quatsch), scheint erst heute zum Credo auch der europäischen Eliten zu werden, die offenbar alles dafür tun, um mit der Kulturzerstörung des ‚Sozialismus’ gleichzuziehen. Vor etwa hundert Jahren hatte Henry Ford in jenem Interview gesagt: „History is more or less bunk. It’s tradition. We don’t want tradition. We want to live in the present, and the only history that is worth a tinker’s damn is the history that we make today”, wie die Chicago Tribune vom 25. Mai 1916 überlieferte (Geschichte, das ist doch mehr oder weniger Quatsch. Tradition eben. Aber die brauchen wir nicht. Wir leben in der Gegenwart, und die einzige Geschichte, die einem wenigstens einen feuchten Staub wert ist, das ist die, die wir heute machen). Dabei ist mit „history“ hier gewiss nicht historische Kritik gemeint, sondern höchstens so etwas wie ein unnötiger, schädlicher ‚Blick zurück’.

Von ‚Kritik’ will man ohnehin am liebsten gar nichts mehr hören, der Relativismus schließt Freundschaft mit dem historischen Agnostizismus, für den sich vermeintlich anspruchsvollere Gemüter notfalls auch auf Schlagworte aus der Klischee-Küche der ‚Dekonstruktion’ berufen können. Doch selbst damit nicht genug. Der Missgriff bei Modellen aus der Geschichte spiegelt nur das Missverständnis gegenüber heutigen Verhältnissen selbst, in diesem Fall also dessen, was die Organisation von Wissenschaft heute angeht. Und spätestens das kann niemandem egal sein, eigentlich auch dem Verächter der Historie nicht.

Ein Weg aus dem Dilemma ist für Leute, die es trotzdem nicht lassen können, allemal die Rekonstruktion des historischen Begriffsgebrauchs, zumal unter dem Aspekt der Differenzen der historischen Semantik, die dabei deutlich werden. Das Ziel ist in diesem Fall eine These über die dominante Semantik, die sich schon um 1500 ankündigte, also über den ursprünglichen Begriffsumfang sowie vor allem über die Differenz von universalistischer Selbstbeschreibung und realer Partikularität des Konzepts.

In der vorliegenden Fassung wurde auf Fußnoten verzichtet. Die folgenden Schriften, die im Text eine Rolle spielen, sind aber nützlich für interessierte Leser:

Francisci Barbari et aliorum ad ipsum Epistolae, Brixen: Johannes-Maria Rizzardi 1743, darin: Epistola I, vom 6. Juli 1417: “Franscisci Barbari Veneti ad Poggium Secretarium Apostolicum pro inventis Codicibus collaudatio, & ad rimandos ceteros exhortatio”, S. 1-8, hier 4 f.

Percy Gothein: Francesco Barbaro. Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig, Berlin: Verlag Die Runde 1932.

Marc Fumaroli: La République des Lettres redécouverte, in: Marta Fattori (Hrsg.): Il vocabolario della République des Lettres. Terminologia filosofica e storia della filosofia. Problemi di metodo. Firenze 1997 (Lessico intellettuale europeo, LXX), S. 41-56.

Herbert Jaumann: Respublica Literaria als politische Metapher. Die Bedeutung der Res Publica in Europa vom Humanismus zum XVIII. Jahrhundert (mit résumé en français), in: Marc Fumaroli (Hrsg.): Les premiers siècles de la République des Lettres. Actes du colloque Paris 2001, Druck Paris 2005, S. 69-88.

Herbert Jaumann: Ratio clausa. Die Trennung von Erkenntnis und Kommunikation in gelehrten Abhandlungen zur Respublica literaria um 1700 und der europäische Kontext, in: Sebastian Neumeister und Conrad Wiedemann (Hrsg.): Res Publica Litteraria. Die Institutionen der Gelehrsamkeit in der frühen Neuzeit, Wiesbaden 1987, S. 409-429.

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erstellt am 17.11.2014

Francesco Barbaro (1390-1454), Statue an der Kirche Santa Maria del Giglio in Venedig

Statue von Francesco Barbaro an der Kirche Santa Maria del Giglio, Venedig