Acht auf einen Streich! Es geht um Theaterstücke. Simon Werle ist Übersetzer, Prosaautor und Dramatiker. Die von Karlheinz Braun im Verlag der Autoren herausgegebenen „Acht Stücke im antiken Kontext“ mit dem Titel ‚Mythen.Mutanten’ lassen schon im respektgebietenden Inhaltsverzeichnis die Methode des Überschreibens ahnen, mit der der Autor der antiken Stoffe habhaft wird: „HIPPOLYTOS. Der Menschenbaum“, „MELOS. Die Invasion“, „MARSYAS. Der Wettstreit“, „AKTAION. Die Verwandlung“, „MEDEA. Das Sonnenfleisch“, „THEBEN. Die Botschaft“, „NAUKRATIS. Die Doppelstadt“ und „APELLES UND KAMPASPE. Das Vexierbild“. Hier rücken keine Helden auf homerischen Versfüßen heran, die Tyrannen sind keine SS-Offiziere, und die rebellische Jugend besteht nicht aus Hip-Hoppern, die Knittelverse skandieren müssen. Hier wird dem Leser und, wenn es gut geht, dem Theaterbesucher ein reicher Text angeboten, ein richtiger, dichter Text, dem zu folgen heißt, hoffentlich, dem eigenen Anspruch zu folgen. „Während die szenischen Abläufe eine nachvollziehbare dramaturgische Logik der Impulse und Reaktionen aufweisen …, besteht die eigentümliche Qualität der Stücke vor allem in ihrer sprachlichen Kraft.“, schreibt Hans-Thies Lehmann in seinem Nachwort. Zwei Textproben zeigen, was damit gemeint ist. Die erste ist ein Auszug aus „MELOS. Die Invasion“, der den Leser zwanglos in die Auseinandersetzungen der Gegenwart holt; der zweite, aus „APELLES UND KAMPASPE. Das Vexierbild“, gibt den gewitzten Dialog zwischen dem Philosophen und Zeuspriesters Aristandros und dem Kyniker Diogenes wieder. -ert

Originalauszug

MELOS. Die Invasion

Euphrades Unterhändler von Melos
Teisias Unterhändler von Athen

Teisias: Dass Krieg herrscht zwischen Sparta samt all seinen Verbündeten und Athen samt all seinen Verbündeten ist euch, bei aller Arglosigkeit, doch wohl schwerlich verborgen geblieben?

Euphrades: Wie es euch, o Athener, wohl schwerlich verborgen geblieben sein kann, dass wir uns wohlweislich keinem Bündnis angeschlossen haben noch anschließen werden und diesen Bürgerkrieg unter Hellenen nicht als den unsern betrachten.

Teisias: Unparteilichkeit, die sich für Friedenszeiten geziemt, entpuppt sich in Kriegszeiten als nichts anderes denn Kriegslist.

Euphrades: Ihr also seid es, die uns, ohne dass wir den geringsten Anlass dazu böten, unbillige Absichten unterstellen.

Teisias: Eure schiere Existenz auf dem Kriegsschauplatz macht euch notwendigerweise bereits zur Partei und euer Handeln oder Nichthandeln zu Optionen eines strategischen Kalküls.

Euphrades: Ihr, die ihr Land und Meer mit der Elle der Macht vermesst und nur mit dieser, seht zu, dass ihr, allen anderen die gleiche Machtgier unterstellend, nicht das Maß verliert.

Teisias: Anstatt voller Überheblichkeit Mahnungen auszusprechen an Überlegene, seht zu, dass ihr über das Los eurer Stadt gut verhandelt.

Euphrades: Welches Ziel also liegt eurem ungerufenen Auftreten auf dieser Insel zugrunde, die einzig uns Heimat ist und auf der wir Hüter des Gastrechts sind?

Teisias: Unser Ziel ist euer Bestes, unter den jetzt bestehenden Bedingungen.

Euphrades: Was, ihr kühnen Männer von Athen, ist es, das ihr von eurer Höhe herab als unser Bestes erkennt, das sich indes aus dem engen Blickwinkel des minder Mächtigen unseren Augen als solches nicht sogleich erschließt?

Teisias: Dies von gleich zu gleich in freier Rede zu erörtern und einvernehmlich festzustellen wollen wir vor eure Volksversammlung treten.

Euphrades: Damit das Volk, von Furcht vor eurem Invasionsheer überwältigt und somit keineswegs von gleich zu gleich, beschließen möge, was die Ehre nicht billigen kann.

Teisias: Nicht was die Furcht kurzfristig in einer führerlosen Masse auszulösen vermag, ist Gegenstand unseres Angebots, sondern unser durch reifliches Wägen einvernehmlich zu bestimmender gemeinsamer Vorteil.

Euphrades: Wir haben um Teilhabe an einem von euch zu gewährenden Vorteil nicht ersucht.

Teisias: Unabweisbar lädt euch dazu ein die Insellage eurer Stadt und ihre Nähe zu der unsern, der zugefallen ist, das Meer zu beherrschen. Und als Meerbeherrschende bieten wir euch sowohl Schutz vor äußerer Gewalt als auch vor jener unberechenbaren Unentschiedenheit im Innern, die am Ende zumeist dem Schlechteren zuneigt.

Euphrades: Um uns vor der Gewalt zu schützen, bringt ihr also die Gewalt ins Land?

Teisias: Ihr selber übt schon längst Gewalt auf eurer Insel, weil in eurer Adelsherrschaft die Wenigen die Vielen unterdrücken. Und nur darum lasst ihr uns nicht mit offener Rede vor das zur Fron gepresste Volk, damit es nicht bei uns Beistand sucht gegen euer tyrannisches Joch, sich mit Waffengewalt gegen euch erhebt und sich mit unserer Hilfe die Freiheit erkämpft.

Euphrades: Das wahre Gesicht jener Freiheit, die ihr euren sogenannten Verbündeten bringt, ist keinem Bürger von Melos verborgen, denn schon zu lange scheuert ein und dieselbe Lüge, die ihr erzählt, gegen ein und dieselbe Wahrheit, die ihr ver-heimlicht, und gar zu fadenscheinig sind eure Verheißungen von Freiheit geworden.

Teisias: So lasst die Bürger von Melos selber uns befragen und selber gemäß unserer Antwort entscheiden.

Euphrades: Antwort gibt ihnen wie uns bereits vor jeder Frage der Anblick eurer Streitmacht.

Teisias: Die Kraft unserer Hopliten zu eurem Vorteil oder zu eurem Nachteil zu wenden liegt ausschließlich in eurer Entscheidung. Eine Macht aber, die schlagkräftig bereitsteht, zu ignorieren, wäre Verblendung.

Euphrades: Verblendung wäre es demnach auch eurerseits, wenn ihr verkennt, dass auch Melos nicht ohne Macht ist und durchaus wehrhaft.

Reisias: Verblendung liegt vor allem darin, sich dem weitaus Stärkeren in aussichtsloser Lage zu widersetzen, anstatt für das eigene Wohlergehen wirklich Sorge zu tragen.

Euphrades: Bestimmt also den Ausgang dieser Verhandlung das Gewicht der Waffen statt der Sinn für Recht und Billigkeit?

Teisias: Die Schärfe der Waffen schärft auch den Sinn für das jeweils geltende Recht: eines für Bürgerh.ndel um eine Handbreit Ackerkrume, ein anderes für die Ordnung, die ein ganzes Meer umspannt.

Euphrades: Ein und dieselbe Gerechtigkeit waltet über Bürger wie über Städte, und auch ohne Anklage und Prozess bringt sie am Ende Sühne über den, der Recht und Gesetz verhöhnt.

Teisias: An dem künftigen Sturz des Starken wird der Schwache sich nicht freuen, wenn er vernichtet ist.

Euphrades: Vielleicht wird ein andrer, und sei es nur als Vorwand, um seinerseits Gewalt auszuüben unter dem Deckmantel des Rechts, am Starken die Rache für den untergegangenen Schwachen übernehmen. Dahin geht, für den Fall des größten Missgeschicks, unsere Hoffnung.

Teisias: Die Hoffnung, ihr weisen Männer von Melos, ist eine Hure, die sich billig kaufen lässt durch das Missachten der gegebenen Wirklichkeit. Doch den endgültigen Preis dieses Beischlafs zahlt manchmal die durchgeschnittene Kehle oder die eingeäscherte Stadt.

Euphrades: Wir, o Athener, sind nicht aus auf Unzucht mit der Unwahrscheinlichkeit einer fernen Zukunft, sondern richten unsere Augen auf die gegenwärtige und wirkliche Macht, die uns gegründet hat, auf Sparta.

Teisias: gibt seinem Begleiter ein Zeichen, der daraufhin ein bemaltes Gefäß zwischen die Parteien stellt Ihr, die ihr Sparta als eure Pflanzstadt und Mutter betrachtet, seht zu, dass eure Hoffnung sich nicht in blutige Verzweiflung kehrt über die Hilfe, die von der einstigen Mutter in Zukunft ausbleibt, weil ihr das Hier und Jetzt nicht beachtet, nämlich die Übermacht Athens zu See und zu Land. Auch dieses Gefäß stellt sie unter Beweis.

Euphrades: Nicht rechtmäßig ist es in eurem Besitz, als Kampfpreis unseres Bürgers Ktesiphos nämlich, den er, ein Seemann, zu Lande beim Wagenrennen gewann, wie die Bemalung euch zeigt: unter dem Bildnis der Hera ein Rossegespann aus vier galoppierenden Pferden, kupferrot auf schwarzem Grund. Und der Lenker schwingt über die Pferderücken nicht die Geißel, sondern ein sich im Wind entrollendes Ankertau.

Teisias: Hat diese Trophäe ihn nicht auf seiner letzten Ausfahrt begleitet? Und war dieser Ktesiphos nicht Steuermann jenes Schiffs, das ihr nach Sparta sandtet mit dem Ersuchen, eure Insel zu besetzen zum Schutz vor uns Athenern, die sich, wie ihr schriebt, zu Tyrannen aufschwingen wollen über alle Hellenen?

Euphrades: Viele Schiffe verkehren zwischen unserer Mutterstadt und Melos.

Teisias: Doch ausgerechnet dieses fiel in unsere Hand mit seiner Botschaft, die uns, heimlich und hinter der Maske der Unparteiischen, so wie wir vermutet haben, den Krieg erklärt. Dieses Gefäß ist in der Tat das des Ktesiphos. Seine stolze Trophäe wurde zur Urne, die jetzt seine Asche birgt.

Originalauszug

APELLES UND KAMPASPE

Diogenes Kyniker
Aristandros Philosoph und Priester des Zeus

Aristandros: Diogenes, du warst pflichtvergessen: Du hast dem König nicht Deine Aufwartung gemacht!

Diogenes: Und du hast deinen Beruf vergessen. Denn du hast es getan.

Aristandros: Du bist so stolz auf deine Misere wie andere auf ihre Medaille.

Diogenes: Und du, Philosoph, schaust so weit zum Staatsmann hinauf wie der Staatsmann auf den Philosophen herab.

Aristandros: Und du? Wie kannst du dich so weit erniedrigen, dass du sogar bettelst?

Diogenes: Ganz einfach, ich habe an Statuen geübt.

Aristandros: Und in der Jugend hast du sogar Geld gefälscht!

Diogenes: Nein, berichtigt! Weil Geld immer Falschgeld ist, habe ich aus dem falschen Falschgeld richtiges Falschgeld gemacht.

Aristandros: Und erst vor kurzem hat man dich gesehen, wie du aus dem Bordell herauskamst.

Diogenes: Aus dem Bordell herauszukommen hat nichts Ehrenrühriges. Höchstens in eins hineinzugehen.

Aristandros: Wozu bist du dann hineingegangen?

Diogenes: Um Unterricht zu geben, wie man Freier wird.

Aristandros: Nennst du das auch Unterricht, dass du öffentlich deine Lust an dir selbst befriedigst?

Diogenes: Ist es besser, heimlich die Lust an sich selbst zu bekriegen?

Aristandros: Du verdirbst mit deinem Beispiel die Jugend.

Diogenes: Dann sind Hunde und Katzen die größten Jugendverderber.

Aristandros: Immerhin lebst du im kategorischen Imperativ der Hunde.

Diogenes: Und wie heißt der?

Aristandros: Fass!

Diogenes: Dein Glück, Aristandros, dass ich in meinem Fass ein kategorischer Befehlsverweigerer bin.

Aristandros: Das schützt uns nicht vor deiner Tollwut.

Diogenes: Ist sie nicht die einzige Wut, die in ein Tollhaus passt?

Aristandros: Du predigst alles, was sich nicht gehört.

Diogenes: Mein Gehör lauscht der Natur, und die gehört sich selbst.

Aristandros: Diogenes, du bist nicht bei Verstand.

Diogenes: Nicht bei Deinem. Und dafür danke ich den Göttern.

Aristandros: Zieh nicht auch noch die Götter in deinen Dreck.

Diogenes: So sauber wie eure Tempel ist selbst mein Hintern allemal.

Aristandros: Lebwohl, Diogenes! Zum Zeichen meiner Hochachtung spucke ich dir vor die Füße.

Diogenes: Und ich, Aristandros, scheiße dir zum Zeichen meiner Kotachtung auf den Kopf.

Aristandros: Seit wann ist Diogenes unter die Frisöre gegangen?

Diogenes: Seit ich als Spucknapf nicht tauge.

Aus: Simon Werle, Mythen.Mutanten. Mit freundlicher Genehmigung © Verlag der Autoren, 2014

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erstellt am 15.11.2014

Simon Werle, Foto: Verlag der Autoren
Simon Werle, Foto: Verlag der Autoren

Simon Werle
Mythen. Mutanten
Acht Stücke im antiken Kontext. Mit einem Nachwort von Hans-Thies Lehmann
Herausgegeben von Karlheinz Braun
Broschiert, 392 Seiten
ISBN: 978-3-88661-365-6
Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2014

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