Er gehört zu den berühmtesten deutsch-jüdischen Flüchtligen des 20. Jahrhunderts: Erich Auerbach, 1892 in Berlin geboren und 1957 in den USA gestorben. 1935 floh er vor den Nazis nach Istanbul, wo er europäische Philologie lehrte und die bis heute bedeutende Realismusstudie »Mimesis« schrieb. Dort hielt er auch eine Reihe von Vorträgen zu europäischen Klassikern und zum Reflex des Zeitgeistes in der Literatur, von denen es keine Manuskripte, sondern nur Versionen in türkischer Übersetzung gibt. Nun wurden die Aufsätze ins Deutsche zurückübersetzt und ediert. Aus der sicheren Entfernung setzte sich Auerbach in Istanbul mit der intellektuellen Lage auseinander und trat nicht nur als Literatur-, sondern auch als Kulturhistoriker auf – so in dem Vortrag über Literatur und Krieg, den er 1941 gehalten hat. Faust-Kultur veröffentlicht diesen Text in leicht gekürzter Fassung.

Essay

Literatur und Krieg

Von Erich Auerbach

Es gibt zwei Formen von Kriegsliteratur. Zunächst die, die sich zusammen mit den Kriegen bildet und aus kürzeren Stücken lyrischer Natur besteht: Gebete um den Sieg, Lieder, die die Krieger zum Heldentum anspornen, Spottverse, die den Feind verhöhnen, Hymnen, die einen Triumph feiern und den Gott­heiten danken. Für all dies gibt es zahlreiche Beispiele.

Die ältesten sind das Deboralied der Bibel, das die Richte­rin Debora nach einem Siege des Volkes der Söhne Israels über die Kanaaniter, die alteingesessenen Bewohner Palästinas sang, und die Elegien des Tyrtaîos, mit denen er die Spartaner zum Kampfe gegen ihre peloponnesischen Nachbarn aufrief und die zu den ältesten Werken der griechischen Literatur gehören. Tyrtaîos hat zuerst den heute allgemein bekannten und seitdem stets wiederholten Gedanken geäußert: »Der schönste Tod von allen ist es, von Feindes Hand / Als tapfrer Mann zu fallen im Streit fürs Heimatland.«

Diese Form von Literatur finden Sie bei allen europäischen Völkern, wenn der Krieg zur Angelegenheit einer ganzen Volks­gemeinschaft wird.

Seit den Zeiten der Kreuzzugs-Gesänge des 12. Jahrhunderts oder der religiösen Kriegslieder des 16. Jahrhunderts hat sich viel verändert. Heute bleiben wir den Gegenständen jener Kämpfe gegenüber kalt. Dennoch spüren wir beim Lesen dieser Lieder immer noch die Begeisterung, die sie erfüllt. Aus der jüngeren Vergangenheit möchte ich Sie an die Marseillaise erinnern, das Kriegs- und Freiheitslied der Franzosen, sowie an die Lieder, die die Deutschen in ihren Befreiungskriegen gegen Napoleon I. gesungen haben.

Lassen Sie uns nun zur zweiten Form der Kriegsliteratur übergehen, und diese ist vom künstlerischen Standpunkt viel­leicht von größerem Gewicht. Denn zu ihr gehören zahlreiche Meisterwerke, und sie bilden die Grundlage einer jeden Natio­nalliteratur. Diese Werke sind meist sehr umfangreich; sie sind nicht lyrisch, sondern episch (es handelt sich um Epen), und sie erzählen nicht von einem Krieg zu Lebzeiten des Dichters, sondern von einem Krieg der Vergangenheit, von den Helden­taten der Väter.

Dies sind zunächst die Nationalepen, die Ilias des Homer, Vergils Äneis, das Nibelungenlied der Deutschen, der Roland der Franzosen und viele andere mehr. Aus jüngerer Zeit gehören einige historische Tragödien Goethes und Schillers und sogar einige Romane zu dieser Art von Kriegsliteratur.

Alle Werke dieser zweiten Form beziehen sich – ich sagte es bereits – nicht auf die Gegenwart, sondern sind historisch, aber alle, und besonders die alten Epen, haben mitgeholfen, das nationale Selbstbewusstsein zu gründen und zu stärken. In den gefährlichsten Augenblicken ihrer Geschichte war Homers Ilias ein wichtiger Faktor bei der Bewahrung der Einheit der Griechen; und das Rolandslied der Franzosen oder der Cid der Spanier sind ebenso wichtig.

In einem für ein Volk gefährlichen Augenblicke können auch Werke der zweiten Form zum jeweiligen historischen Moment wirksam werden, obwohl sie sich nicht auf die Gegenwart bezie­hen. Die politische Bedeutung dieser zweiten Sorte, deren Gegenstände historisch sind, ist also nicht geringer als die der ersten.

Jedoch entstand im 17. und 18. Jahrhundert, also in der Ära des europäischen Absolutismus, trotz zahlreicher Kriege keine vom Volke geschaffene Kriegsliteratur, und zwar weder der ers­ten, lyrischen und auf die Gegenwart bezogenen, noch von der zweiten, epischen und historischen Sorte.

Wenn auch Voltaires Henriade, ein Epos über die Kriege Heinrichs IV., vorliegt, so handelt es sich doch um ein kühles Werk ohne Verbindung zum Volk; einige Soldatenlieder, die das Volk liebte, sind wichtiger. Diese sind berühmten Feldherren der Zeit, wie Prinz Eugen oder dem Fürst von Marlborough, gewidmet: Vielleicht kennen einige von Ihnen auch das Lied über General Marlborough, einen Vorfahren von Premiermi­nister Churchill. Aber diesen Liedern und Märschen fehlen der Ernst und die Begeisterung, die in Kriegsgedichten anderer Zeiten herrschen; sie gleichen Tanzmusik, und ihre Verse schil­dern keine politischen Gedanken oder die tiefernsten, heroi­schen Pflichten der Vaterlandsverteidigung. Sie sind eher hei­ter, manchmal auch melancholisch, dann wieder beschwingt; sie repräsentieren nicht die Literatur eines Volkes, das um seine Existenz und Freiheit kämpft.

Was mag der Grund dafür sein, dass diese zwei Jahrhunderte voller Kriege so wenig fruchtbar gewesen sind, was diese Sorte der Literatur angeht? Der Grund ist nicht in einer allgemeinen literarischen Dürre zu sehen, denn wir wissen, wie ungeheu­er fruchtbar das 17. und 18. Jahrhundert für die europäische und besonders französische Literatur sind: Das ist die Zeit der Meisterwerke der klassischen französischen Literatur, die Ära Racines, Molières, Boileaus, La Fontaines in Frankreich und genauso sehr die ihrer Nachahmer in anderen Ländern.

Aber diese klassische Literatur ist keine Literatur des Vol­kes; es sind Werke, die in Form und Inhalt im höchsten Maße verfeinert sind und die eine bestimmte Klasse der Gesellschaft ansprechen, mit dem Volk jedoch in keiner Beziehung stehen. Während der zwei Jahr­hunderte des Absolutismus in Europa war das Volk sozusagen stumm.

In Mittelalter und Renaissance spielte das Volk in histori­scher Perspektive eine wichtige, aktive Rolle: Stadtbürger und Bauern waren in vom Staat gegründeten oder berufsständi­schen Organisationen vollgültige und mächtige Elemente im Leben der Allgemeinheit. Dabei handelte es sich nicht, wie in modernen Demokratien, um Verbände, die auf individualisti­schen Grundlagen beruhten, sondern um solche, die von einem Verständnis des Standes und der Klasse getragen wurden. Sie waren außerordentlich aktiv und wussten um ihren politischen Einfluss; und so war das Volk in seinem Kampf gegen die Feu­dalherren in vielen Ländern der natürliche Verbündete der Zen­tralmacht, also des Königs.

Das ist auch die Grundlage der nationalen Einheit und des Nationalbewusstseins in Frankreich: Gegen die partikularisti­schen feudalen Aristokraten sind König und Volk Verbündete. In jenen Zeiten war es nicht einfach, zu einem großen kriege­rischen Schlage auszuholen, ohne das Volk mit einzubeziehen; man musste es von der Notwendigkeit überzeugen und an sein Mitgefühl appellieren: Oft griff die Stadt- und Landbevölke­rung von selbst zu den Waffen. Aber am Ende der Religionskrie­ge, als der Absolutismus den uneingeschränkten Sieg errungen hatte und die feudalen Aristokraten ihren Einfluss völlig verlo­ren hatten, wuchs die zentrale Macht des Königs so sehr, dass er des Volkes nicht mehr bedurfte. Die absolutistische Regierung verwaltete das Land mit ihren eigenen Beamten, ohne auf die Unterstützung durch Zünfte oder Volksvertreter zurückzugrei­fen; Kriege wurden zu Fürstenkriegen, die in Kabinetten erklärt und geführt wurden, und an denen das Volk bloß über die Aus­gaben beteiligt war.

Die Entwicklung der Kriegskunst hatte zum Verschwinden der militärischen Betätigung des Volkes geführt. Der Umgang mit Feuerwaffen, insbesondere in der Artillerie, bedurfte einer militärischen Ausbildung, der sich nicht das gesamte Volk unterziehen konnte.

Unter den Offizieren gab es einen Soldatentypus, der zumeist der jüngste Nachkomme einer großen Familie war. Weil sie vom Erbe ausgeschlossen waren, blieben sie ohne Vermögen und Stellung. Sie boten kriegsführenden Fürsten ihre Dienste an und durchzogen auf der Suche nach Abenteuer und Reichtum die Welt.

Diesen Typus finden wir in einer berühmten Komödie der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der vom deutschen Dich­ter Gotthold Ephraim Lessing verfassten Minna von Barnhelm. Es handelt sich um den Leutnant Riccaut de la Marlinière, den jüngsten Sohn einer französischen Adelsfamilie, der nacheinan­der in den Diensten der Niederlande, des Papstes und Friedrichs des Großen von Preußen gestanden hatte und nun gezwungen ist, seinen Lebensunterhalt mit Glücksspiel zu verdienen.

Wenn es um die Lage der Offiziere so bestellt war, dann können Sie sich vorstellen, wie es um die Mannschaften stand. Es gab gewisse Leute, die auf der Suche nach jungen, kräfti­gen Männern durch Europa reisten, damit diese in den Dienst von Fürsten, ihrer Herren, treten würden. Sie sammelten die Unzufriedenen, die mit ihren Familien Zerstrittenen, die Her­umtreiber, die Habenichtse, die Verzweifelten und oft die Mör­der; manchmal brachten sie unerfahrene junge Männer durch Versprechungen und im Zustand der Betrunkenheit dazu, Ver­pflichtungen über zehn, zwölf, ja zwanzig Jahre zu unterschrei­ben. Es kam sogar vor, dass kleinere Fürsten aus Geldmangel einige Tausend ihrer Untertanen für den Krieg an reiche und größere verkauften.

Sie sehen, dass Kriege, die auf diese Art geführt wurden, kei­ne Kriege des Volkes sein konnten; es waren Kriege, die lediglich geführt wurden, um die Belange der Souveräne und Kabinette durchzusetzen.

Es wäre nicht richtig zu sagen, dass die Könige, die solche Kriege führten, an ihre Völker gar nicht gedacht hätten; sie hofften, ihre Herrschaft zu vergrößern, politischen und wirt­schaftlichen Einfluss zu besitzen, Reichtum und Wohlfahrt ihrer Völker zu mehren; sie waren es nicht gewohnt, letztere nach ihrer Ansicht zu fragen und fühlten auch kein Bedürfnis danach.

Oft waren sie außerstande, die Möglichkeiten ihrer Völker angesichts der Lasten und Kosten langer Kriege richtig einzu­schätzen; und das berühmte Beispiel Ludwigs XIV. zeigt, dass, selbst wenn der König äußerst klug, verantwortungsvoll und überdies ständig siegreich ist, er das wirtschaftliche und politi­sche Gefüge seines Landes vernichtet, wenn er alles selbst ent­scheiden möchte oder ausschließlich in Beratung mit von ihm selbst ausgewählten Beamten handelt.

Blickt man auf das Volk, so war es anfangs mit seiner Lage einverstanden. Die Stabilisierung der Zentralverwaltung, also der königlichen Administration, war ganz in seinem Sinne; die Leute waren von den feudalen Grundherren erlöst, die sie vor­her unterdrückt hatten. Die Organisation der Verwaltung in der Hand des Königs und sein Amtsapparat sicherten den inneren Frieden und schützten das Erwerbsleben. Sie hatten von reli­giösen Auseinandersetzungen genug, waren der seit Jahrhun­derten andauernden Streitigkeiten überdrüssig, verzichteten auf ihre Rechte und die alten Privilegien ihrer Verbände und waren damit zufrieden, in Ruhe von ihren Fürsten verwaltet zu werden.

Allerdings bedauerten sie ihre Zugeständnisse immer mehr, und sie begannen, gegen den Absolutismus zu rebellieren. Unter der Last der Steuern und ohne Mitspracherecht erfuhr die Stimmung im Volk einen Umschwung. Anstelle von Ruhe und Friedfertigkeit erhob sich nun langsam ein Aufstand und das Volk setzte sich gegen die von der Regierung ausgeübten Rechtsverletzungen und gegen die Korruption zur Wehr. Als im 18. Jahrhundert allmählich die neuen Gedanken zur Freiheit der Nation und des Einzelnen formuliert wurden, fanden diese zunächst unter den Franzosen, dann unter den anderen europä­ischen Nationen tiefen Widerhall.

Die Französische Revolution von 1789 markierte die erste Stufe dieser Veränderung; die Revolution hatte bewirkt, dass der Absolutismus abgeschafft, die Volkssouveränität errichtet und der Nation die gesamte politische Verantwortung über­schrieben wurde; zugleich zerstörte sie die alte Organisation der Armee, veränderte das Verständnis von Krieg und schuf den Begriff der nationalen Verteidigung. Infolge dessen wurde der obligatorische Wehrdienst eingerichtet; und auch die Tatsache, dass alle Kinder vom Staat in Schulen erzogen werden, ist eng damit verflochten.

Wenn wir die Herkunft der französischen Gedanken zur Ver­teidigung des Vaterlandes vermittels der Bewaffnung des ganzen Volkes zu erforschen suchen, wie sie sich sofort in der ganzen Welt verbreiteten, dann finden wir ihre Grundlagen in dem sozialen System Jean-Jacques Rousseaus, der selbst mit Krieg nichts zu schaffen hatte, sondern ein überaus empfindsamer politischer Autor war: In seinen Schriften ist nie vom Krieg die Rede, und zweifellos finden militärische Erfolge ihren Platz weit außerhalb des natürlichen Rahmens seiner Gedanken. Nichts­destotrotz hat die Idee der natürlichen Freiheit des Menschen, die er als ein mit allen Mitteln zu verteidigendes Gut verstand, ihn zu der berühmten Theorie der nationalen Souveränität und Einheit kommen lassen; und dies machte es notwendig, dass bei Bedrohung der gemeinsamen Freiheit jeder waffenfähige Bürger diese Freiheit zu bewahren wissen musste.

Die Ereignisse der zehn Jahre nach Rousseaus Tode ausbre­chenden Revolution verhalfen diesem unbekannten Aspekt sei­nes politischen Systems zur Entfaltung. In dem Augenblick, in dem eine Nation im Aufruhr zu Recht oder zu Unrecht glaubte, sie werde durch Söldner des Königs bedroht, wurde schnellst­möglich die ganze Nation zur Selbstverteidigung bewaffnet; und ebenso wurde verfahren, wenn später die benachbarten Könige und Fürsten ihre Heere mit dem Ziele schickten, den König zu retten, den Absolutismus wieder zu errichten, und die so verbindlich gewonnene nationale und persönliche Freiheit abzuschaffen. Dieses erste Heer, das eine Nation gebildet hat­te, und das das Wunder vollbrachte, obwohl es 1792 in großer Hast aufgestellt und schlecht ausgerüstet war, bildete das Fun­dament für Napoleons Armee.

In der Geschichte des Menschen ist dies eine Entwicklung allererster Wichtigkeit, und ihre Bedeutung übersteigt den militärischen Gesichtspunkt. Eine Nation, die zum Bewusst­sein von sich selbst findet und versteht, dass die nationale Ver­teidigung Angelegenheit des ganzen Volkes ist, muss auch die intellektuellen Erfordernisse dieser Aufgabe begreifen, die die Moderne mit sich bringt; um sich selbst schützen zu können, muss es über Wissen verfügen. Wehrpflicht und Schulpflicht hängen eng miteinander zusammen. Und sie ergänzen einan­der. Die Schule ist die Vorbereitung auf die Kaserne. Und die Kaserne fundiert und fördert oftmals die Erziehung der Nation nicht nur in militärischer, sondern auch in professioneller und allgemeiner Hinsicht.

Das Vorbild des französischen Volkes bewegte auch die ande­ren Völker Europas dazu, die Regelungen zur nationalen Vertei­digung zu übernehmen, die für den Erfolg Frankreichs verant­wortlich waren. Denn die Kräfte, die es zur Zeit der Revolution ausschließlich auf die Verteidigung verwandt hatte, nutzte in Folge Napoleon, um ganz Europa anzugreifen. Auf diese Weise erweckte es das Nationalgefühl der anderen und zwang sie, sich zum eigenen Schutz der nationalen Macht zu bedienen, die sie selbst unterdrückte. Der Krieg von 1813 bis 1815, der Europa von der Besetzung durch Napoleon befreite, geschah durch die Bewaffnung der Völker.

Als der preußische König Friedrich Wilhelm III. 1813 Napo­leon den Krieg erklärte, veröffentlichte er einen offiziellen Auf­ruf »An mein Volk!«. Diese Anrede, die uns in einer solchen Lage natürlich scheint, war in der damaligen Zeit etwas ganz Uner­hörtes, Außergewöhnliches. Sie verdeutlicht den Unterschied zu den Kabinettskriegen, denen die Völker de facto fernstanden und die die Könige ohne ihr Einverständnis führten.

Seit der Zeit der Französischen Revolution und Napoleons hat sich die Idee der nationalen Verteidigung und Wehrpflicht in Europa sowie bei zahlreichen weiteren Völkern tief einge­wurzelt. Diese Ausbreitung geschah nicht ohne Kontroverse. Wir werden die Geschichte von derlei poli­tischen Kämpfen nicht erzählen, aber diese Kontroversen haben die Entwicklung der Heeresorganisation in keiner Weise verhin­dern können: Die Idee der nationalen Bewaffnung bildet bis in unsere Zeit das Fundament des modernen Krieges.

Es ist ganz natürlich, dass eine solche Veränderung Auswir­kungen auf die Literatur hat. Die Kriegsliteratur des 19. Jahr­hunderts ist die Literatur der kämpfenden Nation. Das war nicht von Anfang an so. Viele Dichter waren durch den Terror der Revolution verstört und hatten den Aufstand des Volkes nicht gebilligt. Sie glaubten, dass alle moralischen und ästheti­schen Werte der Zivilisation infolge der Misshandlung der ent­fesselten Massen vernichtet würden.

Selbst Goethe, der in seiner Jugendzeit, als er sein Schauspiel Götz von Berlichingen verfasste, ein passionierter Anhänger von Freiheit und Volk gewesen war, betrachtete die Geschehnisse in Frankreich nach 1789 mit Befremden, Schmerz und Abscheu. 1792 nahm er an dem Feldzug der deutschen Fürsten gegen das revolutionäre Frankreich teil. Die Mitteilungen, die er uns von dort macht, sind sehr realistisch und frei von jeglichem Fanatis­mus, aber zeigen nicht die geringste Neigung für die revolutio­näre Bewegung.

Nichtsdestotrotz gibt er seinen besorgten Kameraden am Abend der Kanonade von Valmy, in der die Revolutionsarmee die deutschen Fürsten zurückgeschlagen hatte, folgende Wor­te mit: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Welt­geschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.« Dieser Satz zeigt, wie einsichtsvoll er war. Er verfiel nicht den Hoffnungen, die die meisten seiner Freunde hegten und glaubte nicht daran, dass der Aufstand der Völker zu verhindern sei. Dennoch war er kein Anhänger dieser Erhebung, deren Tri­umphs er sich sicher war. Bis zum Ende seines Lebens (das bis 1832 dauerte) verhielt er sich politischen Bewegungen gegen­über, die etwas von einem Volksaufstand hatten, vorsichtig dis­tanziert.

Schiller, der zweite große klassische Dichter der Deut­schen und zehn Jahre jünger als Goethe, gab die revolutionäre Haltung, die den Geist der von ihm in der Jugend verfassten Dramen bildet, niemals ganz auf. Das Sujet des vielleicht am besten bekannten seiner späten Dramen, des Wilhelm Tell, ist der Aufstand der Schweizer Kantone gegen die von ihnen als Fremdherrschaft empfundene Regierung der Habsburger zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Schiller hatte diesen Einfall einer Volkssage entlehnt; diese Legende stellt einen eigentlich lange vorbereiteten nationalen Aufstand als plötzlich ausbrechende Revolution dar. Und die von den Figuren seines Dramas an den Tag gelegten Freiheitsgedanken entsprechen eher denen seiner eigenen Zeit als den Vorstellungen des 14. Jahrhunderts. Das vergrößerte den Ruhm dieses Stückes. Obwohl Schiller kein Schweizer war und die Schweiz niemals besucht hat, ist sein Schauspiel zu einem Teil der Schweizer Nationaldichtung geworden.

Die französische Kriegsliteratur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hängt besonders mit der Person Napoleons und den mit ihr verbundenen Legenden zusammen. Nach seinem Fall und seinem Tode ist Napoleon ganz allmählich zu einem epischen Volkshelden und Nationalsymbol geworden; und die Entwicklung dieses Gefühls kann man bei Schriftstellern wie Paul-Louis Courier und Stendhal beobachten, die in der Armee des Kaisers gedient haben und sich erst nach seinem Fall der Literatur zuwandten.

Zur Zeit seiner Herrschaft sympathisierten weder Courier noch Stendhal mit ihm. Wie viele ihrer Zeitgenossen verstan­den sie Napoleon nicht als Revolutionär, sondern als den Liqui­dator der Revolution. Aber als nach seinem Fall die sich als unwürdig erweisende Restaurationsregierung der Bourbonen die Zuneigung des Volkes verlor, ließen die Größe der Entwürfe Napoleons und die Erinnerung an die Siege, die er Frankreich beschert hatte, die Qualen seiner Regierungszeit vergessen. Er war nun kein Tyrann mehr, sondern ein Held, der seine Nation in den Kriegen gegen die Politik fremder Fürsten und exilierter Aristokraten von Sieg zu Sieg geführt hatte.

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der populistische und demokratische Nationalismus in Europa weit um sich gegriffen. Victor Hugo, der Führer der romantischen Bewegung in Frankreich, war mit der Zeit zu einem begeisterten und gera­dezu mystischen Anhänger der Demokratie geworden, obwohl er zuvor in der Politik dem Konservativismus zugeneigt gewesen war; und in Werken wie Les châtiments, Legendes des siècles und später L’année terrible stellte er die ganze Gewalt seines Genies in den Dienst der Freiheitskämpfe der Nationen. Historiker der romantischen Periode wie etwa Michelet machten sich die glei­che Auffassung zu eigen.

Die als »Junges Deutschland« bekannte Gruppe von Demo­kraten, die in Deutschland während der Revolution von 1848 eine wichtige Rolle spielte und die die deutsche Einheit von 1871 vorbereitete, produzierte Werke, deren Gedankengut im gleichen Grade demokratisch wie nationalistisch war. In Itali­en wurde der Gedanke der nationalen Einheit aus revolutionä­ren Vorstellungen geboren und hinterließ in der Literatur tiefe Spuren. Sogar in der Schweiz war der Gedanke der nationalen Bewaffnung nicht getrennt von demokratischen Vorstellungen. Wer Gottfried Kellers Erzählungen, besonders Das Fähnlein der sieben Aufrechten, liest, versteht diesen Gemütszustand.

In Europa gab es nur zwei Länder, die der Atmosphäre demokratischen Patriotismus’ fernstanden. Das war zum einen England, demokratischer als alle anderen, zum anderen Russ­land, das unter einer absoluteren Herrschaft lebte als jeder andere europäische Staat der Zeit. In England stand der demo­kratische Staat in einer unerschütterlichen Tradition; und da die geographische Lage die Nation vor Angriffen schützte, war die militärische Ausprägung des Nationalismus niemals gefördert worden; und das Heldentum im Krieg spielte in der Literatur des 19. Jahrhunderts eine sekundäre Rolle.

Thackerays berühmter Roman Vanity Fair, in dem auch von den historischen Ereignissen der Schlacht von Waterloo die Rede ist, ist ein sehr aufschlussreiches Beispiel. Hier bilden die großen politischen Geschehnisse lediglich den Rahmen, um persönliche und soziale Probleme aufzuzeigen; von den Hel­dentaten, die die Engländer gegen Napoleon geleistet haben, ist kaum die Rede; und Thackeray besteht hartnäckig darauf, dass ein Mann, der zu großen Heldentaten fähig sei, eitel und moralisch schwach sein könne.

In Russland dagegen ist die Lage umgekehrt. Im 19. Jahr­hundert war dem russischen Volk demokratisches Gedankengut völlig fremd; sein Nationalismus war eine instinktive Manifesta­tion seines Patriotismus. In Tolstois Roman Krieg und Frieden, den ich am Anfange meines Vortrages erwähnt habe und in dem wie in Vanity Fair von den letzten Phasen der napoleonischen Kriege die Rede ist, herrscht das Gefühl vor, dass der heilige Boden des ganzen Russlands sich gegen den Aggressor auflehne, und die Menschen erscheinen dem Willen der Erde unterwor­fen; und auch ihr Anführer General Kutusow, der ein ruhig-ge­duldiger, standhafter und einfacher alter Mann ist, wirkt wie ein Symbol dieses Bodens und dieses Menschenschlags.

In der langen, in Europa von 1871 bis 1914 dauernden Frie­denszeit verlor die Kriegsliteratur an Bedeutung. Die Tendenz der literarischen Verfeinerung und Psychologisierung gewann ebenso an Bedeutung wie die Sensibilität für soziale Themen.

Nach Ausbruch des Krieges 1914 folgte die Literatur diesem nur mit Mühe. Außer einigen Stücken, die auf Bestellung oder von im Grunde ganz simplen, flüchtigen Passionen hervorge­bracht worden waren, ist die Literatur des Krieges von 1914 bis 1918 eine Literatur, die nach dem Kriege entstanden ist. Es handelt sich um eine enorme Vielfalt von Werken. Ich kenne nur einige Beispiele. Eigentlich kann man nach persönlichem Standpunkt diese Literatur ganz unterschiedlich bewerten. Ich werde Ihnen nur meine eigenen Eindrücke mitteilen.

Ein Hauptmotiv in diesen Büchern ist die Idee der bewaff­neten Völker; und sie herrscht stärker als je zuvor; die Zahl von Büchern, die über einzelne Helden, seien es Generäle, Piloten oder U-Boot-Kommandanten, berichten, ist natürlich hoch.

Dieses Genre wurde jedoch nicht besonders hoch geschätzt. Diejenigen Bücher, die das größte Publikum fanden, waren die am besten geschriebenen und sie handeln von jedermann: Sie erzählen die Geschichte eines einfachen Soldaten im Schützen­graben. Symbol hierfür sind die überall errichteten Denkmale, die das Andenken an den unbekannten Soldaten heiligen sol­len. Das bedeutet also, dass das beherrschende Element – wie im 19. Jahrhundert – die Nation ist.

Aber die Mentalität hat sich geändert. Mehr als von Hel­dentaten und großen Visionen ist von den Leiden des Krieges die Rede, von Schützengräben, Schlamm und Hunger. Und warum dies alles? Man wünscht sich, frei zu leben und zu arbei­ten, Kinder großzuziehen und ihnen, wenn sich alle vernünftig verhalten, eine Zukunft zu bieten, die den Möglichkeiten unse­rer Zivilisation entspricht. Will der Mann auf der gegnerischen Seite, der sein Maschinengewehr auf mich richtet, um mich umzubringen, nicht ungefähr dasselbe? Hat er nicht die glei­chen Vorstellungen wie ich? Müssen wir uns deswegen gegensei­tig umbringen? Das sind, so denke ich, die in Europa nach dem Kriege vorherrschenden Auffassungen. Das ist der herrschende Gedanke der Bücher, die von dem Großen Krieg erzählen.

Wir können gut verstehen, dass alle Völker einen neuen Krieg voller Abscheu abgelehnt haben, dass viele Staaten allein den Gedanken daran scheuen und keinerlei Kriegsvorbereitungen betrieben. Aber trotz dieser Stimmungslage ist der jetzige Krieg ausgebrochen und breitet sich immer weiter aus.

Der Krieg ist mehr denn je eine Angelegenheit der gesamten Nation geworden. Um ihn vorzubereiten und zu führen, müs­sen alle Individuen organisiert werden; sei es in Industrie, Land­wirtschaft, Luftschutz oder Transport, ein jeder, eingeschlossen auch Frauen und Kinder, muss sich aktiv und passiv an völlig andere Lebensumstände als die alltäglichen anpassen, an Bedin­gungen, die der Krieg aufzwingt.

Ohne die Hilfe des ganzen Volks ist ein Krieg nicht zu führen. Und solange eine Nation ihren Mut und ihre Kaltblütigkeit bewahrt, ist ein Krieg nicht zu verlieren.

Eine zweite Überlegung ist die folgende: In der jetzigen Lage besteht bei jedem Krieg die Gefahr, dass er sich zum Weltkrieg entwickelt. Die Konsequenzen eines in einem Winkel Europas nicht gelösten Problems betreffen die ganze Welt. Zum Bei­spiel zieht es im Mittelmeerraum, in Afrika, im Fernen Osten, in Amerika die bekannten Schwierigkeiten nach sich. In der momentanen Organisation der Welt ist alles miteinander ver­bunden; nichts ist so schwierig, wie einen Konflikt zu begren­zen. Die Welt ist ein Ganzes, das die menschliche Intelligenz in einer einzigen Zusammenschau zu begreifen beginnt. Der Weltkrieg macht das Weltproblem deutlich. Ich will nicht behaupten, dass dieser Krieg der letzte sei, aber falls die Menschen nicht auf anderen Planeten neue Feinde suchen, ist dies einer der letzten Kriege, die sie auf der Erde erleben werden.

Jede Nation liebt den Frieden, aber jede Nation, die sich ihrer Existenz bewusst ist, weiß zu kämpfen, wenn sie begreift, dass es um ihre Unabhängigkeit geht.

Aus: Erich Auerbach, Kultur als Politik. Aufsätze aus dem Exil zur Geschichte und Zukunft Europas (1938-1947). Herausgegeben von Christian Rivoletti. Mit freundlicher Genehmigung © Konstanz University Press, 2014

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 15.11.2014

Erich Auerbach
Erich Auerbach

Erich Auerbach
Kultur als Politik
Aufsätze aus dem Exil zur Geschichte und Zukunft Europas (1938-1947)
Herausgegeben von Christian Rivoletti
Festeinband mit Schutzumschlag, 200 Seiten
ISBN: 978-3-86253-046-5
Konstanz University Press, 2014

Buch bestellen