Der Schriftsteller Wilhelm Genazino hat seine letzten Romane durchweg mit etwas antriebsarmen Helden bestückt. Auch in seinem neuen Buch, „Bei Regen im Saal“, treffen wir auf einen Erzähler, der seine besten Jahre hinter sich hat. Weniger wäre mehr gewesen in diesem Roman, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Im Leerlauf des Lebens

Wilhelm Genazinos neuer Roman »Bei Regen im Saal«

Von Otto A. Böhmer

Ach ja, das Leben -. Wer in der Gunst steht, es weitgehend unbehelligt und störungsfrei abwickeln zu können, darf sich nicht beschweren, wenn ihn gelegentlich die Langeweile anspringt. Und die Zweifel, die natürlich auch, denn eine behagliche Existenz zu führen, ist personalpolitisch nicht mehr korrekt; man wird heutzutage gezwungen, sich Vorwürfe zu machen und, dies vor allem, die bekannt-berüchtigte Sinnfrage zu stellen, auf die es viele Antworten gibt, die aber für den tagtäglich zu durchstehenden Befindlichkeitsdienst nichts taugen. Bei all dem vergeht, strafverschärfend, auch noch die Zeit, die möglicherweise nur eine hektikbefördernde Erfindung des Menschen ist, trotzdem aber ihr Räderwerk abschnurren lässt, was z.B. die Folge hat, dass man nicht nur alt wird, sondern sich eines unguten Tages auch tatsächlich alt fühlt. Und dann? Es geht immer weiter, meinen wir zu wissen, der Friedhof ist in Sichtweite, Urnen gibt es genug, die Bestatter lauern an allen Ecken.

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino, hochdekoriert über die Jahre, hat seine letzten Romane durchweg mit, höflich gesprochen, etwas antriebsarmen Helden bestückt, die durchs Leben tappen wie durch einen Kurpark, für den ein privater Investor gesucht wird. Auch in seinem neuen Buch mit dem charmanten Titel „Bei Regen im Saal“ treffen wir auf einen Erzähler, der seine besten Jahre, von denen zu vermuten ist, dass es sie gar nicht gab, hinter sich hat. Reinhard, so heißt der gute Mann, was man immerhin auf S. 135 erfährt, wo es allerdings auch nichts mehr zur Sache tut, lebt in Frankfurt und wollte mal Wissenschaftler werden: „Ich hatte ein überlanges Philosophiestudium hinter mir, … über Kants Apodiktizität promoviert (…) und mir tatsächlich vorgestellt, dass ich in der akademischen Welt Karriere machen würde. Über diese Illusion konnte ich heute kaum sprechen, ohne mich zu genieren.“ So kam er dazu, eine eigene Überlebensstrategie zu entwickeln, die nach Hausmacherart funktioniert: Man nimmt, zu Existenzfinanzierungszwecken, diesen und jenen Job an, betreibt ihn mehr recht als schlecht, bleibt ansonsten aber auf Distanz, vor allem zu sich selbst. Dass ein solches Leben nicht glücklich macht, leuchtet ein, wobei, nicht nur mit Reinhard, hinzuzufügen wäre: Was macht schon glücklich?. Am erfolgreichsten ist der Erzähler, als er einen neuen Geschäftszweig ausheckt: Er betätigt sich als „Überwinder“, der seinen Klienten Ratschläge erteilt, wie sie ihre realen oder eingebildeten Probleme hinter sich lassen können, was letztlich auf die Empfehlung hinausläuft, sich selbst abzuschaffen. Das aber geht nicht, so wie auch Reinhard wiederkehrend matte Anwandlungen hat, sich selbst abzuschaffen, wovon er, nicht zuletzt aus Bequemlichkeitsgründen, Abstand nimmt. Überhaupt erweist sich der Erzähler als versierter Abständler, damit kommt er über die Runden, macht dem Leser aber, der bei der Lektüre nicht umhin kommt, ein klein wenig genervt zu sein, zunehmend Probleme. Er wünscht sich, dass, wenn schon kein Ruck mehr durchs Land geht, zumindest ein solcher in diesen Mann fahren möge, auf dass er endlich in die Gänge komme. In Maßen lebhafter wird Reinhard, der sich merkwürdig oft an seine Mutter erinnert, nur, wenn er mit seiner Freundin Sonja, einer zur Leidenschaftlichkeit befähigten Finanzbeamtin, zusammentrifft; dann wird schon mal gern „stundenlang gevögelt“, wobei sich, in Anbetracht aller in diesem Buch versammelten Lebensumstände, der Verdacht aufdrängt, dass dabei der Wunsch Vater des Gedankens ist. Da die Frauen in Genazinos Romanen gern mehr wollen, als die Männer geben können, gerät auch Sonja, zur Irritation des Protagonisten, vorübergehend auf Abwege: Sie heiratet einen Finanzamtskollegen und wird danach, wen wundert’s, zusehends unzufrieden. So macht sie denn, gegen Ende des Buches, Anstalten, zu ihrem Reinhard zurückzukehren, der inzwischen Redakteur beim Provinzblatt „Taunus-Anzeiger“ ist, was aber, versteht sich, nur eine weitere Durchgangsstation sein kann im bewährten Leerlauf des Lebens.

Wie es weitergeht mit Ihm? Wir wissen es nicht und müssen gestehen, dass wir es auch nicht unbedingt wissen wollen. Er wird schon irgendwie durchkommen und sich von seinen Melancholien einspinnen lassen, bis er endgültig festsitzt. Auch das muss uns aber keine Sorgen machen, denn damit gerät alles nur wieder auf Anfang. Genazinos Helden sind Kreisgänger, die gern mal stehenbleiben und schauen, wobei ihnen auffällt, was bei anderen, deutlich umtriebigeren Zeitgenossen, durchfällt. Manche schöne Einzelbeobachtung springt dabei heraus, der man nachsinnen kann, bis die Geschichte wieder schleifend in Gang kommt. Weniger wäre mehr gewesen in diesem Roman, der, mit dem darauf abgestimmten Blick gelesen, dennoch die eine oder andere stimmungsfördernde Einsicht parat hält: „Plötzlich war ich mit der allgemeinen Einsamkeit einverstanden. Es konnte gar nichts anderes geben außer der Einsamkeit! Sie war die einzig mögliche Form des dauerhaften Unterwegsseins, das zu keinem Ergebnis führte und die Menschen dennoch tröstete. Bald würde ich zu den … Leuten gehören, die fast jede Woche davon redeten, dass sie demnächst aus ihrer Erstarrung heraustreten würden.“

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erstellt am 15.11.2014

Wilhelm Genazino. Foto © Alexander Paul Englert
Wilhelm Genazino. Foto © Alexander Paul Englert

Wilhelm Genazino
Bei Regen im Saal
Roman
Fester Einband, 160 Seiten
ISBN 978-3-446-24596-9
Hanser Verlag, München 2014

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