Nicht nur die Ukraine wird in der deutschen Öffentlichkeit als Teil der russischen Sphäre betrachtet. Auch Weißrussland (Belarus) wird oft einfach übersehen. Einen umfassenden Versuch, zu einem Verständnis des seit 1991 unabhängigen Landes zu verhelfen, unternimmt der Philosoph Valentin Akudowitsch in seinem 2013 auf Deutsch erschienenen Buch „Der Abwesenheitscode“. Eugen El hat es gelesen.

Buchkritik

Unterscheiden lernen

Von Eugen El

Russland sei mit dem Verstand nicht zu begreifen, vielmehr müsse man daran glauben, dichtete im 19. Jahrhundert der Russe Fedor Tjutschew. Bis heute hält sich dieses Bild. Doch ist es besonders heute wichtig, rational auf Russland und auf seine Nachbarn zu schauen. In der deutschen Öffentlichkeit wird nicht nur die Ukraine als Teil der russischen Sphäre betrachtet. Auch Weißrussland (Belarus), das direkt an Russland, die Ukraine, aber auch an die EU- und NATO-Mitglieder Polen, Litauen und Lettland grenzt und sich somit zwischen den Welten befindet, wird oft einfach übersehen. Einen umfassenden Versuch, zu einem Verständnis des seit 1991 unabhängigen Landes zu verhelfen, unternimmt der 1950 geborene weißrussische Philosoph Valentin Akudowitsch. Sein Buch „Der Abwesenheitscode“ erschien 2013 in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp.

Akudowitschs Buch ist ein historisch-politisch-kulturphilosophischer Essay. In siebenundzwanzig kurzen Kapiteln stellt er die Frage nach der Geschichte, der gegenwärtigen Relevanz und der Zukunft Weißrusslands als Nation. Das heutige Weißrussland war im Mittelalter Teil des Großfürstentums Litauen, das über eine fortschrittliche Verfassung verfügte und von Akudowitsch als ein Vorposten Europas in der slawischen Welt bezeichnet wird. Daraus bildete sich das polnische Königreich, die Rzeczpospolita, die zeitweilig das größte Staatsgebilde in Europa war. Ende des 18. Jahrhunderts wurde es aufgeteilt. Weißrussland fiel an das russische Zarenreich. Die Eingliederung ins Russische Reich sieht Akudowitsch als Nukleus zur Herausbildung einer weißrussischen Nation, und zwar in den Dörfern. Auf dem Territorium des heutigen Weißrusslands lebten zudem viele Juden, insbesondere seit ein Erlass der Zarin Katharina II. Juden die Ansiedlung auf russischem Territorium verbot. Sie lebten vor allem in den Städten. So betrug der jüdische Bevölkerungsanteil in (der heutigen Hauptstadt) Minsk zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als fünfzig Prozent. Zwischen 1918 und 1922 wechselten sich mehrere weißrussische Staaten ab, zuletzt entstand die weißrussische Sowjetrepublik. In den Zwanzigern hatte die BSSR (Belarussische Sowjetische Sozialistische Republik) vier Amtssprachen. Weißrussisch, Russisch, Polnisch und sogar Jiddisch – dies wohl als weltweit einziges Land! Die Dreißigerjahre brachten den großen stalinistischen Terror nach Weißrussland. Die gerade erst herausgebildete nationale und kulturelle Elite wurde vernichtet. Die Wehrmacht wütete in Weißrussland besonders stark. Fast jeder dritte Bewohner Weißrusslands starb. Der Zweite Weltkrieg war eine Tragödie für das Land, begründete nach Akudowitsch aber auch den bis heute gültigen Partisanenmythos. Die BSSR zählte nach Kriegsende zu den Gründungsmitgliedern der UN. In den fünfziger Jahren begann eine rasante Urbanisierung Weißrusslands. Die Landbevölkerung zog in die Städte. In den Siebzigern rollte eine Welle der Russifizierung über das Land. Mit der Perestrojka erwachte die Nationalbewegung. Alles Weißrussische kam in Mode. 1991 wurde das Land unabhängig. Doch bereits 1994 kam Alexander Lukaschenko an die Macht – ein bis heute autoritär regierender, erbitterter Gegner der Nationaldemokraten.

Die Geschichte Weißrusslands ist voller Brüche und Katastrophen. Davon leitet Akudowitsch die besondere Toleranz ab, die den Weißrussen oft zugeschrieben wird. Daraus folgt für ihn aber auch die Unmöglichkeit einer homogenen weißrussischen Nation und das zwangsläufige Scheitern der Nationalbewegung in den Neunzigern. Zum einen lebten in Weißrussland über Jahrhunderte Vertreter zu vieler unterschiedlicher Ethnien und Konfessionen (Orthodoxe, Katholiken, Protestanten, Unierte, Juden, Muslime, um nur einige zu nennen.) – eine kollektive weißrussische Idee oder gar Mission könne es im Unterschied zu Russland nicht geben. Zum anderen sind die Weißrussen fatalistisch und auf soziale Sicherheit bedacht, so Akudowitsch. Nation und Sprache seien ihnen weniger wichtig als Stabilität. Die Verwendung der weißrussischen Sprache sei heute zu einer politischen und ästhetischen Entscheidung verkommen.

Aus dem Scheitern der weißrussischen Nationalbewegung gewinnt der Autor eine befreiende, interessante Perspektive. Ein homogener Nationalstaat sei nichts als eine Illusion. Das ethnokulturelle Modell müsse vielmehr aufgegeben werden. Die Nation müsse man als Zivilgesellschaft aller Staatsbürger verstehen, so Akudowitsch. Damit formuliert er eine wahrhaft europäische Perspektive für Weißrussland und vor allem eine Alternative zum derzeit blühenden Nationalismus Russlands und der Ukraine. Dass ein engstirniger Nationalismus besonders in der postnationalen Welt der Globalisierung keine Chance hat, erkennt Akudowitsch hellsichtig.

Dass der Osten Europas nicht nur aus Russland besteht, müssen wir gerade jetzt begreifen. Es ist an der Zeit, unterscheiden zu lernen. Valentin Akudowitschs historisch-analytischer Tiefgang hilft tatsächlich, Weißrussland zu verstehen, vor allem den Unterschied zu Russland zu verstehen. Leider verliert sich der Autor in zum Teil ermüdenden philosophisch-theoretischen Exkursen und mitunter steilen Thesen. Einem unvorbereiteten Leser könnte diese Studie zudem abstrakt erscheinen. Eine Chronik, historische Karten und ein Personenglossar helfen da glücklicherweise. Akudowitschs Buch kann man trotz kleiner Schwächen als längst überfälliges Grundlagenwerk sehen.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 14.11.2014

Blick in die Straßen von Minsk
Blick in die Straßen von Minsk

Valentin Akudowitsch
Der Abwesenheitscode
Versuch, Weißrussland zu verstehen
Aus dem Russischen von Volker Weichsel
Broschur, 204 Seiten
ISBN: 978-3-518-12665-3
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013

Buch bestellen

Deutsche Truppen in Minsk, August 1941 Quelle: Bundesarchiv, Bild 101I-137-1010-37A / Wiesemann / CC-BY-SA