Das Stück „In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich“ thematisiert die Situation der Frauen im heutigen Algerien. Die algerische Autorin, die unter dem Pseudonym Rayhana schreibt und in Frankreich lebt, ist nach der Pariser Aufführung dieses Stücks, das nun beim 12. Stuttgarter Europa Theater Treffen gezeigt wurde, nur knapp einem Mordanschlag entgangen, berichtet Thomas Rothschild.

Theater

Blut aus der Pampelmuse

Das Mailänder ATIR Teatro Ringhiera in Stuttgart

Von Thomas Rothschild

Fatima, Mutter von acht Kindern, hat die Nase voll. Mit Männern will sie nichts mehr zu tun haben. Die neunundzwanzigjährige Samia wünscht sich nichts so sehr wie einen Ehemann. Dass sie noch keinen gefunden hat, liegt, wie sie denkt, an ihrem Aussehen. Zwischen diesen beiden Extremen führt das Stück mit dem umständlichen Titel „In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich“ ein Spektrum von Frauen und ihrer Möglichkeiten weiblichen Verhaltens im heutigen Algerien vor: Myriam, deren Bruder Mohammed sie töten will, weil sie schwanger geworden ist; die Lehrerein Latifa und die Studentin Nadia, die sich hat scheiden lassen; Zaya, die an den überlieferten Glaubensgrundsätzen festhält und erkennt, wie Gewalt wiederum Gewalt zeugt und junge Männer zu Eiferern und Terroristen macht; und Louisa und Aïcha, die von allen nur „die Kuhhaut“ genannt wird, von der älteren Generation; und die nach Frankreich ausgewanderte aufgetakelte Madame Mouni im fliederfarbenen Hosenanzug, mit dem Flachmann in der Tasche.

Sie alle treffen in einem Hammām, einem mit weißen Tüchern ausgestatteten Dampfbad auf einander. Von außen droht die Gewalt einer patriarchalischen und religiös fanatisierten Gesellschaft. Die algerische Autorin, die unter dem Pseudonym Rayhana schreibt und in Frankreich lebt, weiß, wovon sie spricht. Sie ist nach der Pariser Aufführung dieses Stücks, mit dem das italienische ATIR Teatro Ringhiera jetzt beim 12. Stuttgarter Europa Theater Treffen des Stuttgarter Theaters tri-bühne aufgetreten ist, nur knapp einem mörderischen Anschlag entgangen.

In den Gesprächen der so unterschiedlichen Frauen trifft das Alte auf die neue Zeit, die Tradition auf die Moderne, die manche, nicht nur in der arabischen Welt, gerne wieder rückgängig machten. Die von allen Illusionen befreite Fatima funktioniert als ordnende Instanz inmitten der zwischen Furcht und Anpassung schwankenden Besucherinnen. Die Regisseurin und Theatergründerin Serena Sinigaglia verleiht jeder von ihnen ein individuelles Profil, einen unverwechselbaren Gestus. Der satirische Grundton des Stücks mit seiner deftigen Sprache schlägt immer wieder für Sekunden in beklemmenden Ernst um. Komisch ist nur die Darstellungsweise, nicht das Thema. Am Ende hält Samia eine Pampelmuse, das Symbol der Liebe, an die sie glaubt, hoch. Aus ihr fließt Blut.

Im Publikum saß Dario Fo. Ihm muss gefallen haben, wie die quicklebendigen Damen mit Sprechweise und Körpersprache an Traditionen des italienischen Volkstheaters anknüpfen. Und dass Männerherrschaft und religiöse Intoleranz nicht Privilegien von Muslimen sind, hat er zusammen mit seiner verstorbenen Frau Franca Rame mit der Komödie „Offene Zweierbeziehung“ und am Abend vor dem Gastspiel seiner Mailänder Kolleginnen am Beispiel fanatischer Kämpfer gegen Darwins Evolutionstheorie demonstriert. Sie sind Christen.

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erstellt am 14.11.2014

In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich Koproduktion: ATIR Teatro Ringhiera, Mailand (Italien) / Theater tri-bühne, Stuttgart

In meinem Alter rauche ich immer noch heimlich Koproduktion: ATIR Teatro Ringhiera, Mailand (Italien) / Theater tri-bühne, Stuttgart