Anaximander soll der Autor der ersten Zeile griechischer Philosophie überhaupt gewesen sein, und mehr gibt es nicht von dem Naturphilosophen und Astrophysiker. Die aber ist brisant, denn sie spricht von Unrecht und Buße. Otto A. Böhmer beschreibt, wie der Mileser zu seiner Erkenntnis kam.

Holzwege

Die Rache des Himmels

Der Philosoph Anaximander

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Anaximander, ein Schüler des Philosophen Thales, beobachtete eines Tages einen ihm unbekannten, violett-grün gefärbten Käfer, der auf dem knochentrockenen Boden geschäftig und fast nervös hin und her lief. Er schob mit seinen schaufelartigen Arbeitswerkzeugen Erdbrocken zusammen und dekorierte den so entstandenen Haufen mit winzigem Astwerk; danach schien er eine Pause einlegen zu wollen, denn der staunende Anaximander sah den Käfer für ein paar Sekunden vor seinem Bauwerk verharren, nachdem er zuvor einen schnellen Kontrollgang um das von ihm Geschaffene absolviert hatte.

Welche Kraft und Planmäßigkeit zeichnet doch schon die kleinsten Geschöpfe der Götter aus, dachte der Philosoph, und eine gewisse, bis zum blauen Himmel hinaufreichende Zufriedenheit kam in seine Gedanken, die – das wusste er aus Erfahrung – die klügere Schwester der Müdigkeit war, der er stets nur zu gern in ihrem Drängen nachgeben mochte. Noch ehe er aber einschlummern konnte, sah er den Käfer auf einmal wie von der Wut getreten in sein Bauwerk hineinlaufen und es systematisch zerstören; an anderer Stelle, nicht weit entfernt, begann er dann mit neuer Arbeit, die auf ähnliche Weise bewältigt wurde wie die soeben so seltsam zum Abschluss gebrachte. Diese Geschäftigkeit, die Anaximander inzwischen gar nicht mehr planvoll erscheinen wollte, schob ihn endgültig in den Schlaf. Im Traum wurde er einmal um die bekannte Welt gejagt, und als er sich anschließend zur Ruhe setzen wollte, trieb man ihn wieder hinaus und schleppte ihn zur Umrundung der unbekannten Welt, was viel länger dauerte, so dass ihn erst ein kleiner, liebevoller Biss des Käfers, der eine Zehe des Philosophen für ein neues Bauwerk verwenden wollte, aus seinem wenig angenehmen Schlummer befreite.

Anaximander wachte auf; er rieb sich die Augen und den leicht malträtierten Fuß; die hoch am Himmel stehende Sonne blendete ihn. Schwankend erhob sich der Philosoph; er fühlte sich wie ausgeraubt, und so ging er – fast sah es wie ein Torkeln aus – auf dem Weg zurück, den er gekommen war.

Ich bin noch nicht wieder da, dachte er. Man hat mich hinweggehoben und Jagd auf mich gemacht; man hat die mir bestimmten Grenzen ins Unbestimmte verschoben, und man scheint sich, noch immer, an meiner Ratlosigkeit zu freuen. Das alles kann und will ich nicht vergessen. Ich muss nachtragend sein; das zumindest ist mir schon klargeworden. An wen aber soll ich mich halten; von wem darf ich Rechenschaft fordern für das, was keiner Erklärung bedarf? Anaximander spürte, dass ihm die Hitze zusetzte – eine geradezu unflätige Hitze, die es nur auf ihn abgesehen hatte, zumal es keine Menschen mehr gab. Er war allein, auf sich gestellt; man hatte ihn verlassen und geärgert, und er würde sich rächen mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Auf einer Anhöhe, die er nie zuvor gesehen hatte, ließ er sich im Schatten eines einzelnen Baumes nieder. Nun wagte er es auch wieder, den Kopf zu heben: Er sah ein Blätterdach über sich, das sich immer weiter in den Himmel hinaufschob. Dort war die Sonne, ein Rad aus Licht und Feuer, das sich in Bewegung setzte und auf seiner Fahrt Strahlenasche zur Erde brachte. Inmitten der Sonne gab es ein Feuerluftloch, und Anaximander fühlte sich auf einmal lächerlich stark und mäuschenhaft sicher. Er holte tief Luft und blies das, was er auf dem Herzen hatte, nach oben zur Sonne, wo es in das Feuerluftloch stieß und für Empörung sorgte. Ein Rauschen erhob sich; der Baum begann zu zittern, und der Philosoph lächelte. Manchmal war es wirklich ein leichtes, Wirkungen zu erzielen. Man musste nur einmal tief Luft holen, und schon tat sich etwas am Himmel und im Allrad der Sonne. Nun hörte er auch Vogelgeschrei über sich, und während Anaximander noch angenehmen Gedanken nachhing, klatschte ihm ein warmes und klebriges Geschoß in die Halssenke, wo es verlief und herzhaften Gestank verbreitete. Das ist die Rache des Himmels, dachte der Philosoph. Er bedient sich, wenn er in unbotmäßiger Weise bedacht wird, der Vögel und zwingt sie zum Abwurf der Notdurft über dem, der sich aufmüpfig zeigt. Das darf man und muss man gerecht nennen.

Anaximander verließ die Anhöhe, die ihm nun wie eine altvertraute Erhebung erscheinen wollte. In der Ferne verlor sich das Land im Dunst über dem Meer. Dem Philosophen war es, als ob er schwebte; dabei schritt er über strohtrockenem Boden und hatte Blasen an den Füßen. Ein Vogel stellte ihm nach, schien ihn in eindeutiger Absicht umkreisen zu wollen, um noch etwas loszuwerden; mit gelbdummen Augen starrte er auf den Philosophen herab, stand über ihm in der Luft. „Nein, nicht schon wieder!“ rief Anaximander aus und duckte sich unwillkürlich. „Ich habe doch längst begriffen und zeige mich unendlich einsichtig.“ Das schien zu guter Letzt auch den Vogel zu überzeugen, denn er hielt nun seine Mission für vollbracht und drehte ab. Anaximander stapfte zu Tale; er wollte nach Hause, obwohl er wußte, dass er sich auch dort nicht mehr so recht sicher fühlen konnte. Als er endlich die Dächer von Milet, seiner Heimatstadt, sah, atmete er auf. Zu Hause angekommen, machte er es sich bequem; der Kopf tat ihm weh, und vor den Augen zogen schwarze Punkte vorbei; trotz allem aber war der Philosoph Anaximander nicht unzufrieden, und als es ihm später so vorkam, als sei er wieder in sein früheres Dasein zurückgerutscht, beschrieb er den Sachverhalt, der ihm widerfahren war, in der Sprache des Philosophen – sie ist angehalten, nur den sich andrängenden großen Ergebnissen Aufmerksamkeit zu schenken – wie folgt: „Ursprung der Dinge ist das Unendliche. Woraus aber den Dingen das Entstehen kommt, dahinein geschieht ihnen auch der Untergang nach der Notwendigkeit. Denn sie zahlen einander Sühne und Buße für ihr Unrecht nach der Ordnung der Zeit.“

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erstellt am 11.11.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Anaximander
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