PH Gruner, der erste Darmstädter Turmschreiber, legt mit »La Tour du Mariage« eine reichlich mit Fotos gesättigte Kurzgeschichten-Sammlung vor. Der Band liefert in kompaktem Format Bilder und Belege, die anzuschauen und zu lesen schlichtweg ein Genuss sind, findet Bruno Laberthier.

Buchkritik

Hochzeit-Stürmerisches und Hochzeits-Türmerisches

Die Kurzgeschichten des 1. Darmstädter Turmschreibers

Von Bruno Laberthier

PH Gruner im Darmstädter Hochzeitsturm. Foto: Skynamic
PH Gruner im Darmstädter Hochzeitsturm. Foto: Skynamic

Was dem Autofreund der Toyota-Hybrid und der Kulturwissenschaftlerin die Intermedialitätstheorie, das ist dem Kunstbeflissenen in Darmstadt das Flipbook im handlichen Kalenderformat, das zu Ehren des 1. Turmschreibers der Stadt, PH Gruner, im Herbst 2014 das Licht der Buchhandlungen erblickt. Es hat Geschriebenes und Abfotografiertes: vom Preisträger und vom Preisnamensgeber, das eine aus eigener Feder, das andere aus der wunderbaren Kameraperspektive des Fotografen Christoph Rau. Sowohl das eine als auch das andere bringen gut was auf die Piste.

Darmstädter Turmschreiben in Bildern …

Turmschreiber, dazu wird man in Darmstadt berufen vom ‚Förderkreis Hochzeitsturm‘. Bergen-Enkheim lässt deutlich grüßen, wobei das einjährige Aufenthaltsrecht im dortigen Stadtschreiberhaus von der Wohn- und Wohlfühlqualität kaum wird anstinken können gegen den von Joseph Maria Olbrich gestalteten und 1908 fertiggestellten Hochzeitsturm. In dem Wahrzeichen Darmstadts kann sich heute, wer mag, das Jawort geben. Ein Trauzimmer steht dafür zu Verfügung, das örtliche Standesamt hat seit 1993 Jahren hier eine Außenstelle, und überhaupt Vermählungen: Großherzog Ernst Ludwig zu Hessen und Rhein stiftete den knapp 50 Meter hohen Bau zuallererst, weil er 1905 zum zweiten Mal das Wagnis der Ehe eingegangen war. Eine steingewordene Mitgift steht also in Darmstadt herum, und nennt sich aus heute doppeltem Grund „Hochzeitsturm“.

Das wie ein gigantische Fünffinger-Reckübung (oder wie ein, „pardon – Stinkefinger“, 294) in die blaue Luft über Darmstadt ragende Gebäude schwört dabei dem mit reichlich floral-ornamentalem Zierrat daherkommenden Jugendstil der anderen Bauten des Mathildenhöhen-Ensembles bereits merklich ab und gibt sich neu-sachlich. 220 farbige Fotoseiten voller ins innenarchitektonische Detail oder in die drohnenfotografische Vogelperspektive gehende Bilder des Flipbooks belegen dies.

… und in Texten

Die andere Komponente des Hybrids aus Hochzeitsturmfotografien und Kurzprosa steht dieser Pracht ins nichts nach. Der 55-jährige Literat Gruner, der bereits 2012 und unter vollem Namen ein fulminantes Stück Darmstadt-Prosa veröffentlicht hatte, zeigt auch in den sieben hier versammelten Storys, wo fiktionale Darstellung die Wirklichkeit überschießt und weitere Horizonte aufzeigt, die in den Bann schlagen und zum Nachdenken über das (Da-)Sein in Darmstadt und dem Rest der Welt anregen.

Da sind etwa die beiden kurzen Stücke zu Beginn, die wie wörtlich genommene und dadurch ins Groteske abdriftende Exegesen von Phrasen und Redewendungen daherkommen. An David Lynchs Blue Velvet geschult, lässt der erwachsene PH Gruner den neugierigen Grundschüler Paul ein menschliches Ohr finden: was wie eine Reminiszenz an ein Kindheitserlebnis Gruners daherkommt, entpuppt sich als fantasmagorische Übung auf die Rede vom Gras, das man förmlich wachsen hört. Dasselbe Spiel veranstaltet Gruner mit der Schönheit, die im Auge des Betrachters liegt, sich dort aber dem wissenschaftlich-neugierigen Blick entzieht – es sei denn, man legt das Seziermesser an wie in Salvador Dalís und Luis Buñuels Chien Andalou.

Aus dem „Jahrgang 1917“ sind zwei Weltkriegsveteranen, die eine ganze Nacht lang das Gerücht durchspintisieren, dass sich seit dem Zweiten Weltkrieg ein deutsches U-Boot in einem der norditalienischen Seen versteckt, dessen Besatzung nächtliche Raubzüge in örtliche Supermärkte unternimmt, um die Vorräte aufzustocken. PH Gruners Leidenschaft für dicke Pötte über und unter der Wasserlinie, die es ebenfalls schon in Wunderlich und die Logik zu bestaunen gab, kommt hier nicht zum letzten Mal zum Tragen – ein als Dampfer getarntes Schlachtschiff der Mackensen-Klasse wird, wie sich zeigt, auch noch von der Aussichtsplattform des Hochzeitsturms aus gesichtet.

Im absichtlich endalphabetisch anlautenden „Zwischen Zypressen“ macht sich der Zeitungsmensch Adam wie ein Gregor Samsa aus Darmstadt auf, um sein Tagwerk zu verrichten:

Auf dem Weg nach unten. Im Treppenhaus des alten vornehmen Stadthauses knarrten die Holzstufen wie betont beleidigte Antiquitäten. Wie immer. Dieses Lebenszeichen toter Bäume rührte ihn. Wer über so viele bittere Jahrzehnte getreten wird, das war seinem mitfühlenden Wesen sehr bewusst, der hat das Recht zu stöhnen (94).

Adam verwandelt sich zwar nicht in einen Käfer, die Diskrepanz zwischen Selbstempfindung und gemeinläufig akzeptierter Wahrnehmung durch die Umwelt ist jedoch schlagend und macht den Clou der Story aus. Ähnlich verhält es sich in „Das erotische Radio“, wo Gruner virtuos vorführt, wie einen das Mikrofonstimmedilemma erwischen kann. Abschließend folgt wieder etwas Wortspielerisches, das sich erst bei genauerem Hinsehen als freudscher Fehler entpuppt. Wir sind zurück im kleinen Zwischenreich von Fiktion und Wirklichkeitsabbildung und bei der ins Fantastische fortgesponnenen Exegese von Begriffen, Wendungen, Worten. Schauplatz ist der olbrichsche Bau auf der Mathildenhöhe; seiner französischen Übersetzung geschuldet lautet der Titel der Story „La Tour du Mariage“ und es geht nicht nur hochzeits-türmerisch, sondern, dem Faible Gruners für alles Maritime und Meerdurchpflügende entsprechend, hochzeit-stürmerisch zu.

Ohr, Auge – und „Die Hand“

Das Stück Kurzprosa allerdings, das am meisten überzeugt, hat Gruner wie das siebte Geißlein im Uhrkasten der Kurzgeschichtenabfolge vom La Tour du Mariage versteckt. In „Die Hand“ geht es nicht um phrasenstiftende Körperteile, und auch nicht um fantasievoll-geistreiche Hommagen an einen Turm, der in Darmstadt steht und den Namen für einen Stadtschreiberpreis abgibt. Sondern um das, was auch die kunstvollste Literatur nicht zu überschreiten vermag: die Minuten des Verabschiedens und ein letztes Mal die warme Hand Spürens, ehe sie erkaltet. Die Mutter eines fiktiven Journalisten ist es, die stirbt und ihren Sohn Revue passieren lässt, was sie ihm mit auf den Weg gegeben hat – und was es immer noch und hoffentlich immer wieder anzunehmen lohnt. Es sind schwere, melancholische und wahre – eigentlich binsenwahre – Dinge:

Auf diese hellsichtig leidende […] Weise sah sie auch Nachrichten. Und vor allem die Schreckensnachrichten. Die Tet-Offensive des Vietkcong erlebte sie im ‚Weltspiegel‘ der ARD mit. Zu Beispiel. Nicht anders ging es ihr beim Jom-Kippur-Krieg. Oder angesichts der jeweiligen Opferwelle, die tapfere, aber fehlgeleitete junge Männer an Ende so gut wie jeden James-Bond-Streifens in Truppenstärke hinwegrafft. Auch da schüttelte sie den Kopf. Achtzehn Jahre, höre ich sie noch heute, achtzehn Jahre muss man sie füttern und abwischen und wickeln und füttern und abwischen und wickeln und dann erst recht begleiten und erziehen und ermutigen. Von ihrer Geburt und den Ängsten und Anstrengungen nicht zu reden. Aber totmachen, das geht in einer Sekunde, und dazu noch so locker und geschäftsmäßig. Und so niveaulos unbeteiligt. In einer einzigen Sekunde. Ein Drama, fügte sie meist hinzu. […] So schauen Mütter Krieg und Spielfilme, vielleicht (87).

PH Gruner im Darmstädter Hochzeitsturm. Foto: Skynamic
PH Gruner im Darmstädter Hochzeitsturm. Foto: Skynamic

Fazit

Dass PH Gruner seiner Turmschreiberstadt, dem Schauplatz Darmstadt, die irrwitzigsten Funken zu entlocken und fantastischsten Plots auf den Leib zu schreiben versteht, ist seit seiner pittoresken Katzenmordkrimifarce Wunderlich und die Logik unumstritten. Mit La Tour du Mariage legt er nun unter leicht verändertem Autorennamen nach. Der Band liefert in kompaktem Format Bilder und Belege, die anzuschauen und zu lesen schlichtweg ein Genuss sind – und die das Maß für den 2. Darmstädter Turmschreiber vorgeben.

Drohnenflug über die Mathildenhöhe in Darmstadt von Skynamic

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erstellt am 10.11.2014

PH Gruner. Foto: Christoph Rau
PH Gruner. Foto: Christoph Rau

PH Gruner
La Tour du Mariage / Der Hochzeitsturm
Sieben Kurzgeschichten des 1. Darmstädter Turmschreibers mit einer fotografischen Hommage an das Wahrzeichen Darmstadts von Christoph Rau, Flipbook, Broschur, 320 Seiten, mehr als 220 farbige Fotoseiten
ISBN 978-3-939855-35-4
Surface Book, Darmstadt 2014

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Der Darmstädter Hochzeitsturm. Foto: Christoph Rau
Der Darmstädter Hochzeitsturm. Foto: Christoph Rau

Alle Fotos sind aus dem besprochenen Band.