Tom Bresemanns bildungsaffine Gedichte sind bei den Kritikern vor allem für Witz, Wut und Widerborstigkeit bekannt. Ob er in seinem neuen Gedichtband „Arbeiten und wohnen im Denkmal“ dieser Linie treu bleibt, untersucht Alexandru Bulucz.

Buchkritik

Lyrische Widerborstigkeit

Tom Bresemanns Gedichtband »Arbeiten und wohnen im Denkmal«

Von Alexandru Bulucz

In der Lyrikszene ist Tom Bresemann, Jahrgang 1978, längst kein Unbekannter mehr. In Berlin geboren und lebend – tut er sich nicht nur als Lyriker hervor, sondern auch als Herausgeber und Veranstalter. Sein erster Gedichtband „Makellos“ ging ein Jahr nach Erscheinen (2007, J. Frank) in die zweite Auflage. „Berliner Fenster“, sein zweiter Gedichtband, erschien 2011 im damals noch Lyrik verlegenden Berlin Verlag.

Bei den Kritikern sind seine bildungsaffinen Gedichte vor allem für Witz, Wut und Widerborstigkeit bekannt. Es ist diesem Lyriker eigen, sich immer wieder neue (politische) Widerstandsräume in seinen Gedichten zu verschaffen und den Leser herauszufordern. Die Kritik, die er aber darin ausübt, bleibt glücklicherweise stets kritisier- und attackierbar.

Auch seine neuen Gedichte – unter dem Titel „Arbeiten und wohnen im Denkmal“ bei luxbooks in Wiesbaden erschienen – bleiben dieser Linie treu. Auch sie machen es dem Leser nicht leicht: Sie entziehen ihm das Fundament sicheren Auslegens.

Dies liegt einerseits an der Variierung der verwendeten Gedichtformen, die durchweg nicht klassisch genannt werden können und die sogar sich selbst generierende und perpetuierende Wiederholungsmaschinerien wie etwa Konjugationstabellen enthalten. Ein Beispiel: „ich wohne – wohnen, / ich fahre – fahren, / ich wähle – wählen, ich nehme mit – mitnehmen // wir wählen ich wähle? / du wählst? / er wählt sie, es? // wir wählen,? / ihr wählt,? / sie wählen?“ – Dies ist ein Ausschnitt aus dem den Gedichtband beschließenden Zyklus „die große Schrift, die kleine Schrift, die schöne Schrift, die saubere Schrift“, ein Zyklus, der, sofern er der dem Duden gemäßen Groß- und Kleinschreibung der Wörter folgt, sowohl den Gedichtband, dem er beigegeben ist und in dem die meisten Gedichte diese Schreibung gänzlich missachten, als auch die Gegenwartslyrik, die in aller Regel nur von der Kleinschreibung Gebrauch macht, (sozusagen) auf die Schippe nimmt. (Eine argumentativ nachvollziehbare Rechtfertigung dieser Technik der Kleinschreibung in der Lyrik fehlt bisher.) Doch Bresemann wäre nicht Bresemann, würde er durch die orthographische Korrektheit dieses Zyklus nicht auch ein grundsätzliches Thema ansprechen: Was das sein mag? Nun, es ließe sich an den fahrlässigen Umgang mit Sprache denken, an ihre emoticonhafte Kleinwerdung und Verknappung, an ihren Schwund im technischen Zeitalter der Abkürzungen, die in diesem Band (gewiss) auch (kritische) Verwendung finden. Es ließe sich weiterhin an die Sprache per se als ein Spiel zwischen Anpassung und Widerstand denken: Welche neuen Wörter, welche Anglizismen setzen sich durch, welche nicht? Welche Wörter werden vergessen, welche nicht? Und warum?

Bresemanns Dichtung zeigt eine Gesprächsbereitschaft sondergleichen: „wir wollen jetzt mal ganz offen miteinander sein“. Die Grundlage dafür bietet vor allem das der Einsicht abgewonnene „outsourcen“, die Auslagerung, die Streichung von immer noch verbindlichen, aber zusehends kontraproduktiven und vereisten (religiösen und politischen) Leitbildern: „nun lass den / beschneiten mantel dir outsourcen“, ein Zitat aus „Mir nach, spricht Jesus Christus, unser Held“, dem Gedicht, das den Band (mit einem großen Knall) eröffnet: „ich las die räude von den herrgottswinkeln / (mönchundnonnendeckung) und die kadaver / der ortskerne. jedes der gliedmaßen. / mark vom einzig wahren leichnam, gibt die birke / licht der welt, leitet die leute zur feier- / lichen waschung, parteitag für parteitag, las ich, / knochenkarl, allein die sinne sind der quell. / wer will uns damit locken. // weiterhin sind viele hier von jesus finanziert, / der herr gibt täglich brot den bösen menschen / in großer furcht davor und zag, ich las: / bewahren sie ruhe beim verlassen dieses jahrhunderts!“ Martin Mosebach, Verfasser der Häresie der Formlosigkeit, würde Tom Bresemann nicht nur wegen der schon besprochenen Unbeständigkeit seiner Gedichtformen als einen Ketzer bezeichnen, sondern sicherlich auch aufgrund des soeben Zitierten. Aber das stimmt durchaus, und das sollten wir auch für die Zukunft so festhalten: Stets erdichtet sich Tom Bresemann ein Ketzertum, dem die Religion (vor allem) als kirchliche Institution und die Politik zu Recht anheimfallen. Seine Wegbereiter: der herbeizitierte Bertolt Brecht, womöglich auch Hannah Arendt und Günther Anders. Anders (im Vorwort zu seinem Buch Ketzereien): „in unheimlicher Vorahnung der politischen Exkommunikation unseres Jahrhunderts“, Bresemann (in seinem Jesus-Gedicht): „bewahren sie ruhe beim verlassen dieses jahrhunderts!“, wenngleich dort vom zwanzigsten, hier von der Schnittstelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert die Rede ist.

Andererseits machen es uns diese Gedichte im Hinblick auf ihre Auslegung deshalb nicht leicht, weil sie massiv von der Ironie und deren Unterformen durchdrungen sind. So sind sie vielleicht nur in rhetorischer Hinsicht richtig zu verstehen. Wären sie durch und durch ernst, müsste man sie als zu pathetisch und ihrem Habitus nach als Gedichte mit erhobenem Zeigefinger bezeichnen, ein Habitus, den man sich auf dem verminten Gelände der Politik und der Weltreligionen nur zu einfach und zu schnell zu eigen macht.

Bresemanns Ironie – erhobener Zeigefinger und zugleich seine Zurücknahme – führt dazu, dass sich seine Gedichte bewähren. Sie kommen gewitzt und beinahe sophistisch daher und blühen dort auf, wo es unter den Füßen brennt, wie eine Strophe aus dem Gedicht „aus der brunnengasse“ bezeugt: „ein jeder / kennt so einen antisemiten / den er mag“. Eine These? Eine Kampfthese? Als was auch immer diese Strophe zu kategorisieren ist, sie erfragt sich eine Reaktion, eine Kritik, eine Gegenattacke, eine Assoziation, einen Schrei nach Liebe (Die Ärzte), Kommunikation, Interaktion …

Seine Gedichte führen eine Vita activa: „wir onanieren nicht wir handeln“ (aus: „punktlandung im sinusmilieu“). Sie bewegen sich stets im öffentlichen Raum, den sie strukturieren, und werden auf dem Marktplatz, der Agora, die zuweilen Kreuzberg heißt, lauthals von einem Wir verlesen: „wir verlangen, dass kreuzberg, / ehemals kreuzberg, wieder kreuzberg, / ehemals kreuzberg, wird“ (ebd.). Sie fordern ein, überfordern, stecken ein, ernten die Früchte, fallen hin und stehen auf. Auch büßen sie zuweilen an Poesie ein, und zwar dort, wo die Vita activa bis zum Anschlag geführt wird, aber sie zeigen uns auf diese Weise, wo die Grenzen der Poesie liegen. Ein Verdienst!

Um im Hinblick auf diese Poesiegrenzen in Bresemanns Dichtung denjenigen Satz, mit dem Iris Radisch eine ihrer Rezensionen beendete („Wo die Literatur aufhört, ist das Leben zum Kotzen.“), ein wenig einzugrenzen: Wo die Poesie aufhört, ist das Leben zum Kotzen.

Unbedingt lesen!

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erstellt am 09.11.2014

Tom Bresemann
Tom Bresemann

Tom Bresemann
arbeiten und wohnen im denkmal
Englisch Broschur, 86 Seiten
ISBN: 978-3-939557-58-6
Luxbooks, Wiesbaden 2014

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