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Es war zuerst eine Ausstellung im Berliner Gropiusbau, dann ein interkulturelles Projekt, nun ist es ein Buch: »House of Taswir« von Almut Bruckstein Çoruh. Es ist ein Haus, in dem man sich verlieren kann – es ist ein Buch, in dem man sich verirren kann: ein Denk-Labyrinth aus Notizen, Zitaten und Reflexionen einerseits und aus Bildern, Abbildungen und Kalligraphien andererseits – ein anarchisches, höchst idiosynkratisches Gebäude, in dem jüdische und islamische Philosophie, mittelalterliche und postmoderne Deutungstradition aufeinander treffen. Faust-Kultur druckt eine Seite aus Brucksteins Gedanken- und Bildcollage ab.

Buchauszug

Buchstaben, von der Grammatik befreit

Jüdische und islamische Mystiker des 13. Jahrhunderts haben eine poetische Technik, einen jede Bestimmung des Textsinns überbordenden Materialismus im Umgang mit Buchstaben und Zeichen entwickelt. Kabbalistische und Sufi-Gelehrte in der alten arabischen Welt, in Persien und im arabischen Spanien verstehen die göttliche Unendlichkeit als einen Körper implodierender Fülle, die Schrift als eine Matrix der Schöpfung, ihre Zeichen als wundersame Anfänge neuer Überlieferung.

Max Ernst: ohne Titel, aus der Serie Maximiliana ou l’Exercise illégal de l’Astronomie, 1964, Farbradierung, 41 × 61 cm (Photo Volker-H. Schneider, © Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv. 13–1967,28, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014).

Hebräische und arabische Buchstaben werden von den Mystikern des 13. Jahrhunderts als visuelle, körperhafte Zeichen gelesen. „Schwarzes Feuer auf weißem Feuer“, die Umm al-kitab, „Mutter (aller) Bücher” verschleiert die Geheimnisse ihres Körpers durch Leere, Nichts, „weiße Tinte“ „wundersame Anfänge“. Keine Klarheit, keine Distinktion, kein Zola Scriptura, dafür aber auch kein Fundamentalismus. Die Schrift selbst ist abwesend, sie tritt nur im Schleier der Verwandlung auf. Paradoxerweise mögen wir also sagen, quer zu allen soziologischen Erkundungen: Wo der Schleier ist, greift der Fundamentalismus ins Leere. Hadithe, Talmud und Midrasch, vielleicht auch byzantinische Ikonen, ordnen ihre assoziativen Bezüge nach einem latenten, subkutanen semantischen, visuellen oder auch mnemo-akustischen Verfahren in scheinbar zufällig aufscheinenden Bedeutungs-Clustern, deren Assoziationsketten von Prozessen der Verschiebung und Verdichtung getragen sind.

Die Materialität [der Zeichen] ist ein Mantel, ein Schleier, durch den sich die leuchtenden Formschatten der hebräischen Buchstaben zugleich verbergen und offenbaren.

Elliot R. Wolfson, 2005

Tora und Koran verweisen auf ein abwesendes, nicht verfügbares, unlesbares Buch, ein Buch, das die Rabbinen „Em la-Mikra“ und die muslimischen Gelehrten „Umm al-Kitab“ nennen, eine Art himmlische Kopie, die jeden irdischen Koran, jede irdische Tora vorläufig und nachträglich erscheinen lässt; alle vorliegenden „Urtexte“ sind eine Art „zweiter Niederschrift“, zweite Kopie, Übersetzung „ohne Original“, „schwarzes Feuer auf weißem Feuer“, erste Spur der Marginalie, kein Urtext, nicht hier, nicht anderswo. Eine Form der Schrift tritt vor Augen, die die Grenzen zwischen Schreiben, Zeichnen, Malen und choreographischer Bewegung verwischt, und also eine Travestie erlaubt, eine mögliche Travestie nach dem Rückzug der Tradition. Die Semiotik des Textes verbindet sich mit der Gestik eines nicht enden wollenden Kommentars; die unendliche Marginalie wird zu „tanzenden Sprache“.

Auszug aus: A.S. Bruckstein Çoruh, House of Taswir. Doing and Undoing Things. Notizen zur epistemischen Architektur, München: W. Fink, 2014, S. 15-16

Mehr Info zum »House of Taswir«: hier

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erstellt am 08.11.2014

Foto aus dem Arbeistagebuch. „Ein Buch zu machen heißt, die Leere des Schreibens für das Schreiben der Leere einzutauschen.“ Edmond Jabès

Almut Shulamit Bruckstein Çoruh
House of Taswir
Doing and Un-doing Things – Notizen zur epistemischen Architektur
Festeinband, 272 Seiten, 75 s/w und 16 farb. Abb.
ISBN: 978-3-7705-5577-2
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2014

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Seite 166. „Das Karée … ein Quadrat ohne Erbarmen.“ Siegfried Kracauer