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Lehár, Millöcker, Fall – die Operette war die Popmusik der Großeltern und der Urgroßeltern. Das Lebensgefühl, das einst damit korrespondierte, als Paris, und, fast mehr noch, Wien kulturelle Sehnsuchtsorte waren, scheint verblichen. Und dennoch ist in diesen volkstümlichen Bühnenwerken, deren Musik auf neuen CDs sich Hans-Klaus Jungheinrich widmet, noch etwas, was die Begeisterung unserer Vorfahren erklärt.

CD

Ein zweites Leben für die Operette?

Anlässlich dreier cpo-Neuerscheinungen: Gedanken über eine periphere Gattung

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Zwar gilt die „Fledermaus“, unzweifelhaft eine Operette, als musiktheatralisches Nationalheiligtum der Österreicher. Das ändert aber nichts daran, dass diese Kunstgattung kaum noch lebendig ist. Spätestens mit dem Aufkommen des Fernsehens hat sich eine primär Unterhaltungsbedürfnissen dienende und auf ein kleinbürgerliches Publikum zugeschnittene Theaterform offensichtlich überlebt. Zudem wurde die Operette teilweise „beerbt“ vom angelsächsischen Musical, das sich unschwerer mit den zeitgemäßen Erfahrungen von Popmusik-Konsumenten verbinden ließ. Die Operette behielt eine gleichsam provinzielle deutsch-mitteleuropäische Ausstrahlung. Ihre „kreativen“ Energien schienen seit dem letzten Weltkrieg (und dem Tod Franz Léhars 1948) endgültig verbraucht. Eine geringfügige Renaissance erfährt die Operette gegenwärtig an etlichen ostdeutschen Opernhäusern, die ihrem durchweg überalterten Publikum damit eine Gefälligkeit zu erweisen trachten. Naturgemäß handelt es sich dabei um keine breite Repertoireerkundung, sondern um die Parade einiger weniger (vermeintlicher) Zugpferde vom „Zigeunerbaron“ über die „Gräfin Mariza“ bis zur „Maske in Blau“.

Von ganz anderem Zuschnitt war der umfassende Operetten-Enthusiasmus des zum Connaisseur trainierten Germanisten Volker Klotz, dessen monumentales Operettenbuch ganze Generationen von Dramaturgen verproviantieren könnte. Klotz war sich klar darüber, dass eine Restauration der Operette als „Volkstheater“ keine Chance mehr hatte; immerhin wäre sie als Seitenzweig und Spezialität unverächtlich und zu pflegen. Unter den Auguren gilt das zuvörderst für Jacques Offenbach; dessen tatsächliche Bühnenpräsenz ist derzeit aber alles andere als berauschend. Wenig bekannt hierzulande sind sowieso populäre Musiktheaterarten nichtdeutscher Herkunft, etwa französische Operetten oder spanische Zarzuelas oder die wunderbar skurrilen Hervorbringungen des englischen Autorenduos Gilbert & Sullivan.

Karl Kraus hatte seinerzeit gewiss Recht, wenn er von Offenbach über Johann Strauß bis hin zum damals aktuellen Franz Lehár und Konsorten einen stetigen Niedergang konstatierte. Sähe er das aus der heutigen Situation, dann käme ihm Lehár im Vergleich mit Andrew Lloyd Webber & Aliens zweifellos als ein musikalischer Gott vor. Nun, sagen wir, als Halbgott. Um Lehár und andere einschlägige Operettenmeister bekümmert sich diskographisch seit längerem, Klotz sei Dank, das Label cpo. Unter diesem Signet hat sich im Laufe der Jahre ein stattliches Repertoire bekannter und unbekannter Operetten angesammelt. Von Lehár sind die meisten Bühnenwerke bereits vorgelegt, von anderen Komponisten auch schon viele. Ein entscheidender Produktionsfaktor dafür ist die Existenz des Operettenfestivals in der oberösterreichischen Lehárstadt Bad Ischl. Cpo ist dessen rühriger Dokumentarist, das Festival der Hauptlieferant seiner die Operette betreffenden editorischen Aktivitäten.

Nun zu drei Operetten-Neuerscheinungen bei cpo. Ganz altväterlich solide und blitzblank in den satztechnischen Konturen der „Gasparone“ aus dem Jahre 1884 von Carol Millöcker, auch vom Libretto her ein Wurf (eine Räuberpistole, in der die Titelfigur Fiktion bleibt). An der Musik spürt man auf Schritt und Tritt, wie die „klassische“ Operette nahezu unmerklich aus der deutschen Spieloper herauswächst. Unterschiede zu Lortzing oder Kreutzer sind nicht erheblich. Auch Vokalensemblekunst à la Mozart ist nicht vergessen. Die musikalischen Eindrücke mit dem Chor und dem Orchester des Ischler Festivals sind zuverlässig, wenn auch deftig. Gerhard Ernst als Bürgermeister von Palermo (!) zeigt ein bärbeißiges Spieltalent, und die Operettendiva Miriam Portmann (Gräfin Carlotta) klingt wie eine richtige Operettendiva.

Es ist fast ein Operetten-Urerlebnis, zu hören, wie sich in vielen Ouvertüren oder Instrumental-Introduktionen aus einem anfänglichen Vierer-Rhythmus (Marsch oder Polka) irgendwann ein Walzer-Dreiertakt herauslöst. Das ist jedes Mal ein magischer Moment. Er deutet darauf hin, dass der Walzer immer ein Steigerungspotential hat, bis hin zum Dämonischen. Zumindest verwandelt er einen biederen Trott in beflügelte Beschwingtheit. Das geschieht in der „Gasparone“-Einleitung ebenso wie an weit prominenterer Stelle in der „Fledermaus“-Ouvertüre.

Aber auch Lehár mochte auf diesen Effekt nicht verzichten in seiner (zu Unrecht?) vergessenen Operette „Wo die Lerche singt“ aus den 1910er Jahren. Damals gehörte zu seinen Bewunderern der Kollege Puccini, der, ebenfalls für Wien, seinerseits eine operettenartige lyrische Oper namens „Die Schwalbe“ komponiert hatte. Ähnlich erfolgsschwach wie der Lehár’sche Vogel, dem eine Ischler Neuinterpretation, ebenfalls mit Kollektiven und Sängern des Festivals unter Leitung von Marius Burkert, mit zum Teil denselben Protagonisten wie bei Millöcker in die Luft hilft. Die Melodien sind nicht mehr so frisch und munter wie im „Gasparone“ und viel mehr in instrumentale Zuckerwatte gepackt. Dennoch lohnt es sich, das Stück anzuhören. Der ältere Lehár vermittelt mehr Betulichkeit als Schmiss, aber die geradezu puccineske delicatezza seiner Klangphantasie sticht doch erfreulich von der Vulgarität späterer U-Musik-Fabrikanten ab.

In eine etwas andere Welt führt die ungefähr gleichaltrige „Madame Pompadour“ von Leo Fall, mit einem Text, der mit ebenso witzigen wie derben Wortkaskaden daherkommt. Die Musik mutet teilweise ein wenig berlinerisch an, obwohl der Komponist, schon 1925 gestorben, mehr aus der k. und k. Sphäre (nämlich dem mährischen Olmütz) kommt. Madame Pompadour, die berühmteste Maitresse des französischen Königs Louis XV, war übrigens die Erfinderin des tollen sprichwörtlichen Diktums „Après moi, le déluge“. Die von ihr berufene „Sintflut“, die das ancien regime verschlang, geschah tatsächlich erst ein Vierteljahrhundert nach ihrem frühen Tod 1742. Falls schwungvolle, kernige Operette kommt übrigens ganz ohne spezifisch französisches Musikflair und ohne Rokoko-Reminiszenzen aus (wie man letztere pikant in eine filigrane Operette einbrachte, zeigte Edmund Nick in seinem „Kleinen Hofkonzert“). An der Volksoper Wien, auf deren Interpretation die cpo-Veröffentlichung zurückgreift, fährt Falls Stück anscheinend beträchtliche Publikumserfolge ein. Kein Wunder bei Sängern wie Annette Dasch in der Titelrolle und dem komisch-tenoralen Heinz Zednik als König. Die Operette, ein bisschen lebt sie also noch. Nichts Alltägliches, mehr etwas für Kenner.

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erstellt am 08.11.2014

Carl Millöcker
Gasparone
Operette in drei Akten; Miriam Portmann, Gerhard ernst, Thomas Zisterer u.a.; Chor des Lehár-Festivals Bad Ischl, Franz Lehár-Orchester, Dirigent: Marius Burkert
cpo 777 7815-2

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Franz Lehár
Wo die Lerche singt
Operette in vier Bildern; Gerhard Ernst, Jewgenij Tauntsov, Miriam Portmann u.a.; Chor des Lehár-Festivals Bad Ischl, Franz Lehár-Orchester, Leitung: Marius Burkert
cpo 777 816-2

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Leo Fall
Madame Pompadour
Operette in drei Akten; Annette Dasch, Heinz Zednik, Mirko Roschkowski u.a.; Orchester und Chor der Volksoper Wien, Dirigent: Andreas Schüler
cpo 777 795-2

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