Es kann einem viel in den Sinn kommen auf einem Spaziergang am 9. November im Rheingau. Dieses Datum hat es in sich. Und Harry Oberländer hat in seiner Erzählung die Monographie des Tages in das Erleben dieses Tages aufgenommen.

Erzählung

Stiefel muss sterben

Gedanken zum 9. November

Von Harry Oberländer

Wir gehen, gehen zu Fuß. Sie neben mir. Manchmal auch weit hinter mir, weil sie langsamer geht, weil sie öfter den Blick über das weite Tal genießen will. Dann warte ich, dann sehe ich ihr zu, wie sie näher kommt. Die Erde ist nass, am Grund modern abgestorbene Blätter, dem Himmel ist man für jede Lücke dankbar, aus der das Licht kommt.

Das ist die Landschaft am Ufer des Stroms, Weinberge, darüber ein Streifen Wald. In Geisenheim gibt es eine Forschungsanstalt für Weinbau, dort einen Parkplatz. Der Wagen fährt nicht mehr gut. Lässt sich nicht mehr beschleunigen, kommt kaum einen Hügel noch hinauf. Muss in die Werkstatt, es könnte die Kupplung sein, es wird eine Stange Geld kosten. Wer wenig Geld hat, wird verachtet. Wer verachtet wird, will sich Respekt verschaffen, so oder so. Schau mal, die Büste! Der würdevolle Herr heißt Eduard von Lade. Eduard von Lade war wohlhabend. Eduard von Lade verstand etwas von Botanik. Eduard von Lade verstand etwas von der Natur und vom Klima hier. Er hatte gute Beziehungen zum preußischen Kaiserhof in Berlin. Eduard von Lade ist zu verdanken, dass die Rheinregulierung gestoppt wurde.

Wir gehen also ein Stück die Landstraße entlang Richtung Taunus, biegen dann nach links ab in die Weinberge. Manchmal hängen noch ein paar Trauben an den abgeernteten Reben. Manche schmecken süß, manche auch sauer. Dass uns nur keiner sieht, sage ich. Ach was, sagt sie, meinst du, das interessiert irgendwen? Sind auch Vögel da, Spatzen und viele schwarze Krähen. Die fliegen auf, wenn wir vorbeikommen. Was das für ein herrliches Wetter ist, sagt sie. Richtiges dramatisches Wetter. So wie es sein sollte im November.

Besser als ein gleichförmiges trauriges Grau. Dafür hasse ich den November, den Monat, in dem ich geboren bin, den Monat, in dem Gott krank ist, unsterblich krank. Kann sich nicht ganz entscheiden, das Wetter, zwischen der dunklen Regenwolke von Westen her, die über der Rochuskapelle und über Bingen hängt, die schnell heranzieht, und dem blauen Himmelsloch weiter nördlich über dem Niederwald. Rechter Hand die Abtei Sankt Hildegard, pseudoromanisch und imperial.
Jetzt fängt es zu regnen an, ein heftiger Schauer. Die Böen treiben den Regen fast horizontal heran. Kannst dich hinter die Wand dieses Schuppens stellen und wirst nicht nass. »Kennst du das?«, frage ich: »Nichts wird sein als der Regen, – mich schützt kein Dach und kein Damm – / zertreten wird auf den Wegen / das Grün des Frühlings zu Schlamm.«– »Nein«, sagt sie, »aber es ist bestimmt nicht von Goethe.« – »Es ist auch nicht von Brentano«, sage ich, »es ist von einem, der 1945 im Kriegsgefangenencamp hockte: Ich habe auch keine Decke / Der Mantel blieb in Opladen. / Wenn ich ins Erdloch mich strecke, / finde ich keinen Kameraden.« – »Mutig«, sagt sie, »sich einen Reim auf Opladen zu machen.«

Schnell lässt der Regen nach. Und weiter bergauf und auf Eibingen zu. Da kommt uns was entgegen, ein Pony mit einem Kind drauf und eine junge Frau mit zwei weiteren Kindern hinterdrein. So ein kleines, hellbraunes, sehr gedrungenes Pony. Hej, bist du ein Hund oder doch ein Pferd. Die Kinder lachen, die junge Frau lacht auch. Das blaue Wolkenloch wird wieder größer.
Die Hände sind klebrig geworden von den Trauben. Wir waschen sie in den Pfützen ab. Ein kleines Stück Wegs durch das Dorf Eibingen. Hier aber schnell wieder raus, sagt sie. Ist nicht besonders schön das Dorf Eibingen, nicht das, was wir mögen an deutschen Dörfern: Fachwerk und möglichst malerisch. Die alten Fassaden sind verputzt und verschandelt durch Kunststoffplatten. Die neuen Einfamilienhäuser, alle von Schwäbisch Hall und Wüstenrot, protzen mit Edelkoniferen und gusseisernen Applikationen. In der Dorfkirche soll der Sarkophag der Hildegard von Bingen zu sehen sein. Nein, den wollen wir heute nicht sehen.

Und bald, etwas weiter, oberhalb von Rüdesheim schon, sehen wir die Germania, erst wie einen Zeigefinger, aus dem Berg hervorragen, himmelwärts. Solche Fetzen von Gedanken im Kopf, die nicht ausgesprochen werden. Fetzen, wie die Wolken jetzt vor dem Blau auf das Denkmal zu, gehetzt vom Wind, und das Licht ist beinahe kein Licht, sondern eine durchsichtige Novemberfinsternis. Und bist selbst am 9. November geboren, ausgerechnet, am neunten, der November zu Grabe geläutet, als Gott krank war. Woran denkst du? fragt sie, an nichts, sage ich.
Wir steigen aufwärts und finden, dass die Trauben saurer werden. Je weiter oben, desto saurer, sage ich. Und der Wein, den du von den Nonnen mitgebracht hast, war auch sauer, sagt sie. Trocken war der, sage ich, und sie haben auch anderen. Der war richtig sauer, sagt sie, sauer, sonst nix.
Dann stehen wir oben, da, wo die Weinberge enden und der Wald beginnt. Da umarmt sie mich und küsst mich, küsst mich heftig und sagt: »Du magst mich nicht mehr küssen, oder? Vielleicht hast du Angst vor den Leuten?« – »Sind ja keine da«, sage ich. »Heute Morgen wolltest du mich auch schon nicht küssen«, sagt sie. Und ich küsse sie und weiß, dass mir nach Küssen nicht ist. Und sie spürt es und wendet sich ab.

Ein Parkplatz vor der Straße, die in den Taunus hineinführt, und wo wollen wir jetzt eigentlich hin. Dem Autofahrer, der vom Parkplatz kommt, stehen wir im Weg. Wenn er jetzt eine falsche Bemerkung macht, bin ich bereit, mich mit ihm zu streiten. Er kurbelt das Fenster runter und sagt: »Kann ich Ihnen helfen?« – »Ja also, zum Niederwalddenkmal, geht das geradeaus?« – »Geradeaus und dann zweigt ein Weg nach rechts ab«, sagt der Mann. »Zum Niederwalddenkmal will ich nicht«, sagt sie und fragt, wie lange man braucht bis Assmannshausen. »Wenn Sie stramm gehen«, sagt der Mann, »mindestens eine Dreiviertelstunde. Dann müssen Sie sich aber links halten.«
Wir könnten auch wieder runter zum Fluss … »Bloß nicht nach Rüdesheim«, sagt sie, »bloß nicht zu den Drosselgassengemütern.« Also gut, dann nach Assmannshausen. Unter dem Denkmal vorbei. Links unten sehen wir die Brennerei Asbach. Gehört schon nicht mehr der Familie Asbach. Gehört zu United Destillers. Und der Wein für den Brand kommt auch schon längst nicht mehr aus dieser Gegend. Ging nicht mehr so gut, der deutsche Weinbrand. Die würdevollen alten Herren, die ihn tranken, wenn ihnen etwas Gutes widerfuhr, die gab es nicht mehr. Waren irgendwie plötzlich ausgestorben, tot wie Konrad Adenauer.

Von Rüdesheim herauf eine Reihe von Ahornbäumen. Ein Schild sagt: Brahmsweg. Ein Zitat des Komponisten: nirgends sei es so schön gewesen oder so ähnlich. Darunter: gesponsert von. Ungefähr hier könnten sie damals hinaufgekommen sein mit Blasmusik und Fahnen und Wimpeln, die weißgekleideten Ehrenjungfrauen, die Chöre der Handwerker, die Honoratioren. Anzug nach allerhöchster Bestimmung: Paradeuniform, Uniform mit dunklen Unterkleidern, Frack mit weißer Binde. Zwei Extrazüge auf dem Bahnhof von Rüdesheim entleeren sich von der Generalität, dem Gesamtpräsidium des Reiches und des preußischen Landtags, gruppieren sich mit Ehrendamen und erwarten, hurra und hurra, dann seine Majestät höchstselbst, Wilhelm I., der, das ist wohl wahr, den Rhein immer sehr geliebt hat. Und sechshundert Schritt vor dem Denkmal das Abflussrohr unter dem Weg, wo das Dynamit versteckt war.

Im Weitergehen sehe ich die Germania mächtig über uns aufragen, in den blauen Novemberhimmel reckt sie die Kaiserkrone, die weißen Wolken fliegen an ihr vorbei wie Fetzen. Fetzen von was? Fahnen, wolltest du sagen, aber vielleicht dann doch eher Leichenhemden. War Hitler nicht sehr beeindruckt, als er hier vorbeikam im Herbst 1914? Ja, er war sehr beeindruckt und war auf dem Weg an die Front.

Die neunten November. Matrosenrevolutionsnovember, Proklamation der Republik, der Kaiser hat abgedankt, damals beim Fest auf dem Niederwald ein Prinz noch, der Marsch-auf-die-Feldherrenhalle-neunter-November, der Reichskristallpogromnacht-November, als die Synagogen brannten, mein Geburtstag, an dem Gott krank war und der neunte Die-Mauer-ist-offen-November im Jahr 89. Und noch ein 9. November, da starb in Paris Guillaume Apollinaire. »Le Rhin le Rhin est ivre où les vignes se mirent.«

Ich bleibe stehen und warte. Sie kommt schnell näher, jetzt hat sie mich eingeholt. Ich küsse sie auf die Stirn und sage: »Stiefel muss sterben, ist noch so jung, jung, jung. Stiefel muss sterben, ist noch so jung.« – »Wie kommst du jetzt nur auf so was«, fragt sie. »Das hat«, sage ich, »der Reinsdorf gesungen vor seiner Hinrichtung.«

Unter dem Denkmal, auf der untersten Plattform, stehen ein paar Leute. Was für ein wunderbarer Blick wieder einmal, sagen die Leute. Über Bingen ins Nahetal hinein und weiter vorne, wo der Abhang immer steiler wird, das schwarze Binger Loch. Und ich, im Weitergehen, sage: »Sein Vater war Schuhmacher. August Reinsdorf aus Elberfeld. Er hatte das Attentat geplant, das Dynamit besorgt, aber er wurde krank. Deshalb musste er die Ausführung seinen Kumpanen Küchler und Rupsch überlassen.« – »Und die haben es vermasselt?« – »Die haben festgestellt, dass es wegen der Sicherheitsvorkehrungen unmöglich war, zum Denkmal vorzudringen. Da haben sie das Dynamit auf der Zufahrtsstraße in ein Abflussrohr gepackt. Es hat aber in der Nacht so heftig geregnet, dass die Zündschnüre sich mit Wasser vollgesogen haben.« – »Und dann?« – »Nichts: und dann. Als der Wagen des Kaisers nahte, gab Küchler dem Rupsch ein Zeichen, aber die Explosion fand nicht statt. Alle drei sind später zum Tode verurteilt worden, aber nur der Reinsdorf stand zu seiner Tat. Er hielt flammende Reden gegen die Monarchie, ging singend auf das Schafott zu. Es lebe die Anarchie, hat er gerufen.«

Wir sind gegangen, weitergegangen, sie und ich. Über den unübersehbar herbstlichen Weinbergen steht ein Raubvogel in der Luft, Falke oder Bussard, er hat zu kämpfen gegen die Windböen. Später über der steilen Schlucht blicken wir fast senkrecht auf den Rhein hinunter, da fahren Schiffe vorbei, vollgeladen mit Containern, manchmal hören wir das Tuckern der Motoren sehr deutlich, sehr laut. Die wechselnden Wunder der Natur und der Zeit, wie sie sich die Seele ausmalt und in kalte Worte kleidet. Hinunter nach Assmannshausen, da leuchtet die Aufschrift auf der anderen Seite: Assmannshäuser Höllenberg. Zum Bahnhof und zurück nach Geisenheim. Wenn das der Absatz wüsst’, dass Stiefel sterben müsst’, Stiefel muss sterben, ist noch so jung. Die Häuser bleiben an den Hang gelehnt, und der Strom fließt davon und nimmt die Worte mit, dieses unzulängliche Ufergespräch, das alles verschwiegen hat. Alles unter dem kranken Novemberlicht, dieser andauernden durchsichtigen Finsternis.

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erstellt am 04.11.2014

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„heute-Journal“ vom 9. November 1989