Was wird uns vorgespielt im Spielfilm? Lässt sich die Realität im Dokumentarfilm aussparen? Werden die Grenzen zwischen tendenziöser Fiktion und wahrhaftiger Dokumentation gerade aufgehoben? Oder gab es sie nie? Thomas Rothschild berichtet vom 57. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, sowie von Denunziationen.

Filmfestival

Legenden und Denunzianten

Eindrücke beim Leipziger DOK Festival

Von Thomas Rothschild

In John Fords Western „The Man Who Shot Liberty Valance“ sagt der Journalist Maxwell Scott: „When the legend becomes fact, print the legend.“

In einer Videobotschaft an das Publikum des 57. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm zu dem mit Vorschusslorbeeren versehenen Eröffnungsfilm „CITIZENFOUR“ von Laura Poitras sagte Edward Snowden: „Die Ereignisse in Leipzig erinnern uns daran, dass die Mauer und die DDR nicht durch Bomben, Waffen oder gewalttätigen Widerstand zu Fall gebracht wurden, sondern immer montags durch gewöhnliche Menschen auf den Straßen und Plätzen.“

Nun ist mir Edward Snowden um Klassen sympathischer als Helmut Kohl. Aber Kohl hat, wie jeder halbwegs vernünftige Mensch zugeben muss, recht, wenn er sagt: „Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert“. Es war selbstverständlich der ökonomische Bankrott der Sowjetunion, was zum unblutigen Ende der DDR geführt hat. Wie anders wollte man erklären, dass auch die anderen Staaten des sowjetischen Machtbereichs innerhalb kürzester Zeit zusammengebrochen sind. Alles die Folge der Montagsdemonstrationen an der Nikolaikirche? Und wieso hat das nicht 1956 in Budapest oder 1968 in Prag funktioniert? Wir sind Augenzeugen einer Legendenbildung, die man genauer Geschichtsfälschung nennen sollte, und die Legende wird gedruckt, auf Informationstafeln überall in Leipzig und in Schulbüchern, weil sie zum Faktum geworden zu sein scheint. Denn es will ihr niemand widersprechen. Es bringt eben mehr Wählerstimmen ein, wenn man dem Volk schmeichelt, als wenn man die Wahrheit sagt.

Wer aber tatsächlich der Meinung ist, man könne ein Regime durch friedliche Demonstrationen beseitigen, und zugleich in einem Atem von den „beiden Diktaturen auf deutschen Boden“ spricht, muss zwangsläufig hinzufügen, dass „das Volk“, das weder 1933, noch 1939 noch 1944 gegen das NS-Regime auf die Straße ging, mit diesem offenbar einverstanden war. Was hätte es sonst davon abhalten sollen, auf den Straßen und Plätzen zu tun, was es 1989 angeblich getan hat: die Diktatur zu Fall zu bringen?

„CITIZENFOUR“ biedert sich dem Kinopublikum an wie die Politik dem Volk. Der Film enthält nicht eine Information, die der lesende Zeitgenosse nicht bereits kannte. Seine Machart aber folgt der Ästhetik amerikanischer Serien wie „Law & Order“. Glatt, perfekt, immer gestochen scharfe Bilder und einer Spannungsdramaturgie folgend, die nicht funktioniert, weil man die Pointe kennt.

Von der NSA zur Stasi, von der Überwachung der deutschen Bundeskanzlerin durch einen amerikanischen Geheimdienst, die für diesen allerdings nicht annähernd so scharfe Worte findet wie für die Stasi, zur Überwachung junger Oppositioneller in der DDR ist es nur ein Schritt. Der einzige Unterschied liegt in der höheren Effizienz der NSA. Gerd Kroskes Film „Striche ziehen“, der im Deutschen Wettbewerb lief, handelt von einer Gruppe damals sehr junger Menschen, die in den frühen achtziger Jahren in Weimar vergleichsweise harmlose subversive Aktionen durchführten. Einer von ihnen ließ sich mit der Stasi ein und hat die Namen der anderen, darunter seines Bruders, genannt. Sie kamen ins Gefängnis. Jetzt, dreißig Jahre später, versuchen die Betroffenen und der Filmemacher herauszufinden, warum ein durchaus sympathischer Zeitgenosse so gehandelt hat.

Die Stärke von Kroskes perfekt gemachtem Film liegt darin, dass er hinter dem individuellen Konflikt des Verräters erkennen lässt, wie das Spitzelsystem in der DDR funktioniert hat. Dass Denunziation allerdings kein Monopol der DDR war, wurde mir am Rande des Leipziger Festivals bestätigt. Ich erfuhr, dass mich der Potsdamer Slawist Norbert Franz, der seinen Lehrstuhl auf dem Umweg über das bischöfliche Cusanuswerk erobert hat, in der Einführung zu einem Tarkovskij-Symposium kürzlich als „Linksradikalen“ apostrophiert hat. Damit drängt er sich würdig in die Reihe jenes Studienkollegen, der mich bei der österreichischen Staatspolizei als Mitglied der KPÖ (das ich niemals war), und jenes Stasi-Informanten, der mich als Maoisten (der ich niemals war) denunziert haben: In die Akten beider Geheimdienste konnte ich Einblick nehmen. Offenbar reichte es Norbert Franz, dass ich Tarkovskij für einen zwar genialen, aber auch reaktionären Künstler halte, um mich öffentlich zum Linksradikalen zu stempeln – und keiner der Anwesenden fragte laut, ob er noch alle Tassen im Schrank habe. Was solche Stigmatisierung bedeutet, erkennt man daran, dass ich auf dem Symposium wohl zitiert, aber nicht dazu eingeladen wurde. Dass ich zwar kein Linksradikaler, aber ein Linker bin, gebe ich gerne zu. Offenbar ist das für Forscher, die Tarkovskijs Religiosität nicht nur untersuchen, sondern auch teilen, ein hinreichender Grund, nur als Negativfolie, nicht als Gesprächspartner akzeptiert zu werden. In Potsdam haben sich die DDR-Verhältnisse erhalten. Nur heißt der Kirchenvater jetzt Nikolaus von Kues und nicht Erich Mielke. Die Büttel des Letzteren vertrauten meiner Stasi-Akte an, dass ich auf einer Ost-Berliner Tagung gegen die Musealisierung von Hanns Eisler gesprochen hatte, die Vasallen des Ersteren lassen mich gar nicht erst zu Wort kommen. Der Denunziant in Kroskes Film zeigt wenigstens Scham. Die Denunzianten von heute beziehen Professorengehälter. Und freuen sich über Ökumenische Juries bei Filmfestivals, denen man Ideologisierung vorwarf, als sie unter verdächtiger Ägide der SED Pazifismus predigten. Denn die richtigen Kirchen haben mit Ideologie bekanntlich nichts zu tun. Es sei denn, es handelt sich um Muslime. Die konsequenterweise, ebenso wie die anderen nicht christlichen Religionen oder gar die Agnostiker, keine Jury stellen.

Vom Widerstand gegen die sinnlichkeitsfeindliche Repression durch die unheilige Allianz von Staat und Kirche – man denke etwa an das anhaltende Tanzverbot an christlichen Feiertagen – handelt auch, ebenfalls im Deutschen Wettbewerb, „No Land's Song“ von Ayat Najafi. In diesem Fall geht es um das Verbot von weiblichem Sologesang in der Öffentlichkeit im Iran. Und der Film zeigt, wie sich dieses Verbot ganz ohne Montagsdemonstrationen, durch den Mut und die Hartnäckigkeit von Individuen, aber auch durch einen Regierungswechsel überwinden lässt. Das verleiht dem informativen und durch die Musik zugleich vergnüglichen Film ein optimistisches Ende. Er beschränkt sich nicht auf Anklage, sondern differenziert und lässt Raum für Hoffnung.

Konsequenter als der Spielfilm nimmt der Dokumentarfilm Partei für die Unterprivilegierten und Diskriminierten, für die marginalisierten Gruppen der Gesellschaft. Die schönsten und zugleich ergreifendsten Filme im Internationalen Wettbewerb widmeten sich den Roma („Spartacus & Cassandra“ von Ioanis Nuguet, „Toto und seine Schwestern“ von Alexander Nanau), jugendlichen Arbeitslosen („Die Spielregeln“ von Claudine Bories und Patrice Chagnard) oder Obdachlosen („Der Schutzraum“ von Fernand Melgar). Diese Filme weisen auf Missstände hin, machen sie durch Bilder erfahrbar, liefern den Zuschauer freilich auch der Erkenntnis aus, wie hilflos er ist, wenn er daran etwas ändern will. Film bleibt auch in seiner engagierten Variante Film. Das wirkliche Leben findet außerhalb des Kinos statt.

Kennzeichnend für den Status quo des Dokumentarfilms ist die Verwischung der Grenzen zu anderen Genres. Für die Symbiose von Dokumentation und Animation (Animadok) existiert in Leipzig eine eigene Reihe. Aber der Dokumentarfilm öffnet sich auch für den Spielfilm (etwa in Jorge Pelicanos „Pára-me de repente o pensamento“) oder für diverse Formen des Experimentalfilms. Nur der Essayfilm kam in Leipzig zu kurz. Godard wollte bekanntlich überhaupt nicht zwischen Dokument und Fiktion unterscheiden. Für Festivals sind solche Unterscheidungen eine pragmatische Notwendigkeit. Auffällig ist jedenfalls, dass, was als Dokumentarfilm angekündigt wird, in verstärktem Ausmaß einer inhaltlichen und moralischen Kontrolle unterworfen, weniger auf seine Machart hin analysiert wird. Das ist bedauerlich. Eine Sektion und ein Preis für die Lichtgestaltung im Dokumentarfilm, für die Musikverwendung oder für die Montage wäre gewiss nicht weniger interessant als eine Abteilung und ein Preis für den besten Film zum Thema Arbeit oder zum Thema Demokratie. Das Thema jedenfalls macht einen Film noch nicht zu Kunst.

Ein Sonderlob gebührt dem exzellent geschnittenen Trailer des Dokumentarfilmwettbewerbs, für den es leider ebenso wenig einen Preis gibt wie für die phrasenärmste Jurybegründung und die kürzeste Dankesrede.

Die allgemeine Tendenz zur Kommerzialisierung hat längst auch die größeren Filmfestivals erfasst. Früher in erster Linie für ein kunstinteressiertes Publikum und die professionelle Kritik eingerichtet, werben sie heute immer mehr mit Märkten, Koproduzententreffen und Pitchingangeboten. Positiv formuliert kann man das als Hilfestellung bei der Produktion und Distribution von Filmen interpretieren. Kritisch betrachtet bedeutet es, dass Festivals selbst Filmpolitik betreiben und in das Fahrwasser der Logik von Erfolg und Verkäuflichkeit geraten. So legte das Leipziger Festival eine Liste von 21 „Filmempfehlungen für Verleiher“ aus, die sie vorweg als „potentielle Zuschauerlieblinge“ anpries. So etwas nennt man self-fulfilling prophecy. Ein Festival sollte allen seinen Filmen – in Leipzig waren es diesmal fast 400 – die gleiche Chance geben, auch bei der Suche nach einem Verleih. Mit der Auswahl für die Wettbewerbsreihen sollte es seine Einflussmöglichkeiten eigentlich ausgereizt haben.

In Duisburg, wo sich die auf deutschsprachige Beiträge beschränkte Dokumentarfilmwoche, was die Größe angeht, mit Leipzig nicht messen kann, verzichtet man auf solche Einflussnahme. Wir werden nächste Woche davon berichten.

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erstellt am 03.11.2014

Plakat zum DOK Festival Leipzig 2014
Videobotschaft von Edward Snowden. Foto: DOK Leipzig 2014
Videobotschaft von Edward Snowden. Foto: DOK Leipzig 2014
Foto: DOK Leipzig 2014
Foto: DOK Leipzig 2014