Für den richtigen Moment hat die große Fotografin Barbara Klemm einen sechsten Sinn. Sie scheint vorauszusehen, wann eine Person die Geste macht, die mehr erzählt und zählt, als zu erwarten war. Sie hat das Panorama zur ›sprechenden‹ Kunst gemacht, die den Betrachter unmittelbar in Bann schlägt. Petra Kammann hat die aktuellen Ausstellungen mit Fotografien von Klemm besucht und empfiehlt sie.

Fotografie

Leise, politisch und poetisch

Die Fotografin Barbara Klemm mit Ausstellungen in Duisburg und Frankfurt

Von Petra Kammann

Nein, sie gehört nicht zur Kaste der lauten Fotografen, die sich mit ihrer gewaltigen Fotomaschine brutal vor andere Menschen und Kollegen drängen, um ihr Foto zu bekommen. Im Gegenteil. Sie kommt auf leisen Sohlen, holt unauffällig eine kleine Kamera aus ihrer Umhängetasche, schaut freundlich und wachsam um sich und drückt meist unbemerkt auf den Auslöser. Barbara Klemms Menschenbild ist auch nicht vom Zynismus geprägt. Zu lange hat sie bescheiden im Hintergrund gearbeitet, auf Reportagen in der ganzen Welt oder im Labor der FAZ, während die Herren des Feuilletons oder der Politik die Lorbeeren für ihre splendiden Artikel einheimsten.

Und doch ließen ihre Bilder auf einen Blick eine ganze und komplexe Welt vor dem inneren Auge entstehen. Und das alles in den vielfältigen Nuancen zwischen Schwarz und Weiß. Gleichermaßen mit Distanz und mit Nähe der Kamera nahm sie auch Anteil am Elend, an den Nöten der Menschen, ob in südamerikanischen oder osteuropäischen Ländern oder bei ganz einfachen Menschen in zum Teil elenden Behausungen, selbst in Frankfurt am Main. Aber sie war auch immer nah am Geschehen, an den großen politischen Ereignissen, gesellschaftlichen Umwälzungen sowie an Spitzentreffen zwischen Politikern. Und die traf sie im Kern sehr genau. So konnte der Erfolg nicht ausbleiben. Trotzdem blieb Hybris für die inzwischen 74-Jährige ein Fremdwort. Vielmehr strahlt die immer noch mädchenhaft Wirkende Ruhe und Freundlichkeit aus. Das Glück, das sie hatte, besondere Menschen zu treffen und unbeachtete Momente mit ihrer Kamera festgehalten zu haben, hat auf sie als Person zurückgestrahlt.

Barbara Klemms hoch-atmosphärische Fotos haben in den Museen und in herausragenden Ausstellungen ihren Platz gefunden. So konnte man noch zu Beginn des Jahres die einmaligen Schwarz-Weiß-Fotos der so künstlerisch wie zutiefst politisch und journalistisch motivierten Fotografin Barbara Klemm in Berlin sehen: eine großartige retrospektive Werkschau, welche die renommierte Fotografin eigens für den Martin-Gropius-Bau entwickelt hatte: Arbeiten, politische Ereignisse, Studentenunruhen, Bürgerinitiativen, Szenen aus dem geteilten und aus dem wiedervereinigten Deutschland, Alltagsszenen und Straßensituationen aus allen Erdteilen, einfühlsame Porträts von Künstlern, Schriftstellern, Musikern und schließlich die Menschen und die Wirkung der Kunst auf sie im Museum.

Und doch scheint das Reservoir an Bildern Barbara Klemms noch lange nicht erschöpft, Manche ihrer Fotos haben sich wie Ikonen der Zeitgeschichte in unsere Gehirne eingegraben wie das allessagende janusköpfige Doppelporträt des in herzlicher Feindschaft verbundenden SPD-Führungs-Duos Brandt und Schmidt; dann der lachende, von der Bühne abtretende Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung aus der DDR 1976 oder der auf den Stock gebeugte Heinrich Böll, der 1983 wie ein Schäfer in Mutlangen Gemeinde die Demonstranten gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen um sich geschart hat; schließlich die einprägsamen Bilder der Wende und vom sich öffnenden Brandenburger Tor mit der jubelnden Menge.
Andere, unbekanntere Motive von ihr sind noch zu entdecken wie die Eindrücke von ihrer China-Reise aus dem Jahr 1985, die im gerade eröffneten MMK2 in Frankfurts neuem Taunusturm ausgestellt sind.

Seit den 1980er Jahren hat sich Barbara Klemm intensiv den Künstlerporträts gewidmet. Vor allem diese Fotos sind es, die bis zum 18. Januar 2015 in der Duisburger Küppersmühle zu sehen sind: Aufnahmen, die Werk und Charakter der jeweiligen Künstler durchschimmern lassen, gleich ob es sich um Popstars wie Madonna, Mick Jagger, Andy Warhol handelt oder um „seriöse“ Schriftsteller wie Ingeborg Bachmann, Friedrich Dürrenmatt, Thomas Bernhard, Nadine Gordimer, Elfriede Jelinek, Herta Müller, Houellebecq oder um Musiker wie Claudio Abbado oder Györgi Ligeti. In Duisburg stellen Fotos von zeitgenössischen bildenden Künstlern einen Schwerpunkt dar – man sieht den fast aus dem Bild fliehenden Neo Rauch, Gerhard Richter, Richard Serra und Joseph Beuys.
Ihn hat Barbara Klemm 1982 unter der Kuppel des Martin-Gropius-Bau im Rahmen der Ausstellung „Zeitgeist“ beim Aufbau seiner legendären Arbeit „Hirschdenkmäler“ mit ihrer Kamera eingefangen, ein anderes Mal traf sie Beuys im Landesmuseum Darmstadt auf dem Boden sitzend an, mit Filzhut und Fliegerjacke neben unausgepackten Kartons und einem aufgerollten Teppich. Aus dem Provisorium sollte ein Environment entstehen. Wahrlich ein Kontrast zum „aufgeräumten“ Gerhard Richter, dessen prüfender Blick umso konzentrierter vor dem angedeuteten sich frei entfaltenden Raum wirkt.

Jedes der von Barbara Klemm sorgfältig auf Barytpapier abgezogenen Fotos der dargestellten Personen vermittelt eine Geschichte, die sich zu lesen lohnt. Und sie ist Ausdruck einer Beziehung zwischen der Fotografin und der dargestellten Persönlichkeit. Vor jedem Treffen bereitete sich die Fotografin auf die Begegnung mit einem Literaten, Künstler oder Musiker sorgfältig vor, um mit der Person ins Gespräch zu kommen und etwas von dem, was sie ausmacht, aufblitzen zu lassen. Nur bei der Begegnung mit dem Pop-Artisten Andy Warhol war es etwas anders. Als Barbara Klemm mit ihrem Mann Leo das Frankfurter Städel besuchte, begegnete sie dem PopArtist zufällig. Der wiederum wollte den „Tischbein-Goethe in der Campagna“, dessen Kopf er peppig zur Siebdruck-Ikone verwandelte, einmal „im Original“ sehen.
Da die Fotografin ihre kleine Leica immer griffbereit in der Umhängetasche mit sich trägt, konnte sie spontan reagieren und den fast scheuen und etwas starren Warhol vor Tischbeins berühmtem Gemälde ablichten.

Anders als die Künstlerporträts kamen Klemms Fotos „Menschen im Museum“ zustande, die ebenfalls in Duisburg zu sehen sind: die Fotografin schlenderte durch die Museen, ließ die museale Atmosphäre erst einmal optisch auf sich wirken, um sie dann „aufzubrechen“. Oft spricht die Körperhaltung der Betrachter Bände, gleich ob sie unbewusst die ausgestellten Kunstwerke spiegeln oder bisweilen auch konterkarieren. Klemm ließ sich auf das Dialogspiel zwischen den Kunstwerken und den unbefangenen Betrachtern ein, um dann im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken.

Da sitzt zum Beispiel im Louvre eine einsame farbige Wärterin etwas verlassen in der Ecke, der Blick des über ihr thronenden Gemäldes mit dem romantischen Helden trifft sie nicht. Auf einem anderen Bild sehen wir im Moma drei kleine Kinder auf einer Museumsbank vor dem berühmten Reigen von Matisse diskutieren. Während der mittlere Junge etwas zu erklären scheint, greift er mit seiner noch etwas ungelenken Hand den Gestus des Matisse’schen Tanzes auf. Eine perfekte Komposition. In Sankt Peterburg wiederum erscheint eine Betrachterin in ihrem äußeren Purismus geradezu einer Malewitsch-Figur entsprechen zu wollen. In der Münchner Pinakothek steht so sinnend wie kräftig und breitbeinig ein junger Mann mit leicht geneigtem Kopf, der den „Schreckensbildern“ von Francis Bacon am liebsten etwas entgegensetzen möchte. Köstlich wiederum der Blick auf die Gräber in der französischen Königskirche Saint Denis, wo dem Betrachter nur weiße marmorne nackte Fußsohlen entgegengestreckt werden und aus dem darüber liegenden Dunkel der Kirche Köpfe auftauchen.

Einen dritten Schwerpunkt neben den Künstlerporträts oder den Menschen im Museum stellen die streng komponierten Bilder in der Landschaft und in der Tiefe des Raumes dar. Klemm zeigt hier, wie stimmig die Kunstwerke eines Richard Serra, eines Alexander Calder oder eines James Turell in die Landschaft eingebettet sind. Der Licht- und Landart-Künstler Turell hatte in seinem „Roden Crater“ in Arizona einen erloschenen Vulkankegel durch Einbau unterirdischer Räume, Stollen und Schächte in ein Licht-Observatorium verwandelt, damit der Betrachter den Himmel und seine Phänomene, Licht, Sonne und Sterne, erleben kann. Das Spiel mit Licht und Form hat Klemm in perfekter Weise aufgegriffen und man möchte sagen modelliert. Nicht nur an dieser Aufnahme wird einmal mehr deutlich, wie tief die künstlerische Tradition in der Fotografin verankert ist. So widmet sie nicht zu guter Letzt auch ihrem eigenen Vater eine kleine Hommage: Der Maler Fritz Klemm blickt von seinem Atelier aus durch die Staffelei in die Ferne.

In den Räumen der Duisburger Küppersmühle werden etwa 200 dieser poetischen Schwarzweißaufnahmen den Fotos des berühmten Stern-Fotografen Stefan Moses gegenübergestellt, der – anders als Klemm – die von ihm porträtierten Menschen aus den Zusammenhängen herauslöst, um sie dann noch einmal anders und wirkungsvoll in Szene zu setzen. Beide Arten von Schwarzweißfotografien erlebt man als meisterhafte Zeitdokumente.

Raumwechsel

Ein deutsches Museum in einem Bürohochhaus wie das im Frankfurter Finanzdistrikt ist hierzulande so spektakulär wie einzigartig. Mit der Erweiterung des Frankfurter Museums für zeitgenössische Kunst erhielt das inzwischen viel zu klein gewordene Museum rund 2 000 zusätzliche Quadratmeter für die Präsentation seiner umfangreichen Sammlung internationaler Gegenwartskunst. Und das dank des großzügigen Sponsoren für 15 Jahre miet- und nebenkostenfrei. Zur Einweihung der neuen Dependance des MMK, des Museums für Moderne Kunst Frankfurt am Main, inmitten des Frankfurter Bankenviertels ist die derzeitige Ausstellung „Boom she boom“ nun den Künstlerinnen der MMK Sammlung gewidmet. Hier in der zweiten Etage des Taunusturms kann man jetzt eine andere Seite von Klemms Schaffen erleben.

Schon unter dem ersten Direktor Jean-Christophe Ammann waren seit den frühen 1990er Jahren im beengten „Tortenstück“-Museum an der Braubachstraße schon Werke der großen deutschen Bildhauerinnen und Konzeptkünstlerinnen der Gegenwart wie Katharina Fritsch, Isa Genzken und Rosemarie Trockel, Vija Celmins, Marlene Dumas, Cady Noland, Pipilotti Rist und Sturtevant zu erleben, die in ihrer Radikalität und Konsequenz stilbildend für die nachfolgenden Generationen waren. Zu einem der Sammlungsschwerpunkte des Museums zählt aber auch der Bereich der Fotografie mit so bedeutenden Vertreterinnen wie Hilla Becher, Anna Blume und Candida Höfer sowie die Dokumentaristinnen Anja Niedringhaus, Abisag Tüllmann und eben auch Barbara Klemm.

In der aktuellen Ausstellung werden auch die eindrucksvollen Fotoreportagen aus Krisengebieten wie Afghanistan, Kuwait, Libyen und Irak der in diesem Frühjahr in Afghanistan einem Attentat zum Opfer gefallenen Fotojournalistin Anja Niedringhaus gezeigt und der legendären „Tischgesellschaft“ Katharina Fritschs an die Seite gestellt. Diese unmittelbare Konfrontation der am Tisch regierenden bleichgesichtigen uniformen Männergesellschaft, die vom Tisch aus über das Schicksal der anderen entscheidet, wirkt äußerst brisant. Die gesamte Ausstellung im MMK2 wäre jedoch eine eigene Geschichte wert.

Barbara Klemms Fotografien haben fast einen Raum für sich erobert. Sie hängen an Wänden, die schräg wie ein Tortenstück in den Raum hineingebaut sind. Die wenig pittoresken Szenen bilden das Alltagsleben in China im Jahre 1985 ab, im ehemals kaiserlichen Sommerpalast und auf dem Lande vor Peking. Szenen, die man in dieser Form noch nicht so häufig gesehen hat. Der bevorstehende Umbruch Chinas ist in den Fotos fast greifbar. Mao ist zwar noch als Großaufnahme im Foto präsent. Doch die Volksrepublik, einst sozialistischer Schaukasten fortschrittlicher Bauernkommunen, Musterfabriken und Modellkrankenhäuser, präsentiert sich nicht mehr als Bannerträger der Weltrevolution, sondern öffnet sich fast unmerklich dem Tourismus.

Junge Chinesinnen lassen sich lächelnd vor den mächtigen Löwen fotografieren. Und das einheitliche Aussehen der Mao-Anzüge wird überlagert von westlicher Kleidung. Das Fahrrad ist noch das gängige Verkehrs- und Transportmittel, vereinzelt sieht man Pferdekarren. Neu sind die Reklameschilder über Essensständen an der Straße, wenngleich die Hutongs in den alten Stadtteilen und engen Gassen Pekings, die oft nur zu Fuß erreichbar sind, noch nicht abgerissen sind. Hier beherrschen Armut und Improvisation den Alltag. Männer sitzen mit einem Baby auf dem Arm am Straßenrand. Und in den Außengebieten von Peking wirken Handkarren vor dem Bauschutt, auf dem die neuen Hochhausgebiete hervorgehen, wie Boten früherer Zeiten. Geradezu entrückt – man spürt förmlich sein konzentriertes Atmen – wirkt ein einzelner Mann, der vor der Mauer noch Tai Chi macht.

In diesen fotografischen unspektakulären Notaten zeigt sich die Fotografin als Poetin des Alltags, welche an den feinen kleinen Veränderungen Anteil nimmt. Das verleiht ihren Bildern die starke Authentizität. Die zierliche Barbara Klemm hat mit ihrem neugierigen und offenen Blick auf die Dinge die journalistische Fotografie zur Kunst geadelt. Nahezu ihr ganzes Berufsleben, genau seit 1959, arbeitete sie bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, zunächst im Labor und später auf Reisen gemeinsam mit Politik- und mit Feuilletonredakteuren. Weil sie stets freundlich auf die Menschen zuging, hat man das oft mit Harmlosigkeit verwechselt und ihre Professionalität unterschätzt. Für sie ein Plus. So wurden ihr viele Türen geöffnet. Etliche Fotos wären ohne ihr freundliches Lächeln wohl nie entstanden. Seit 2005 fotografiert sie frei und hat sich ein eigenes Labor eingerichtet, wo sie noch jeden Abzug eigenhändig macht. Schließlich hatte sie einst ihre Ausbildung in einem Porträtstudio als Laborantin und als Klischographin begonnen…

Barbara Klemms Werk wurde zu Recht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie (1989), der Hugo-Erfurth-Auszeichnung der Stadt Leverkusen (1989), dem Maria-Sibylla-Merian-Preis für Bildende Künstlerinnen in Hessen (1998), dem Konrad-von-Soest-Preis (2000), dem Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt am Main (2010) und dem Leica Hall of Fame Award (2012). 2010 wurde sie in den Orden „Pour le mérite“ gewählt. Ihre Erfahrungen gibt sie außerdem seit 1992 weiter als Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Und seit 2000 wirkt sie als Honorarprofessorin an der Fachhochschule Darmstadt.

Ihre Aufnahmen dokumentieren nicht nur Zeitgeschichte. Sie haben zugleich eine ganz eigene Ästhetik der Schwarz-Weiß-Fotografie geschaffen. Und immer trägt die Komposition des Bildes selbst zur inhaltlichen Bedeutung bei. Auch deshalb kann man ihre Fotografie getrost zur Kunst zählen.

Kommentare


Peter - ( 07-11-2014 12:52:04 )
"Hybris" bleibt auch für mich ein Fremdwort.

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erstellt am 01.11.2014

Barbara Klemm vor ihren Werken im MMK 2, Frankfurt am Main, 2014
Barbara Klemm vor ihren Werken im MMK 2, Frankfurt am Main, 2014

Madonna, Paris, 1993 © Barbara Klemm

Ausstellung in Duisburg

Barbara Klemm / Stefan Moses

Bis 18. Januar 2015

MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst Duisburg

K.O. Götz, Wolfenacker, 2011 © Barbara Klemm

Ausstellung in Frankfurt

Boom She Boom. Werke aus der Sammlung

Bis 
14. Juni 2015

MMK 2
 Museum für Moderne Kunst
TaunusTurm
, Taunustor 1, Frankfurt am Main



Neo Rauch, Leipzig, 2011 © Barbara Klemm

Andy Warhol, Frankfurt am Main 1981 © Barbara Klemm

Louvre, Paris, 1987 © Barbara Klemm