Was man den guten Malern nachsagt, trifft auch auf die guten Fotografen zu, – dass sie die Welt sichtbar machen. Stefan Moses, der 1928 im schlesischen Liegnitz geboren wurde, begann als Theaterfotograf und arbeitete dann für die Illustrierte Stern. Bekannt geworden ist er mit seinen ungewöhnlichen Porträts von Menschen aus der arbeitenden Bevölkerung. Peter Iden schreibt über sein Werk, das jetzt im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst Duisburg (MKM) gezeigt wird.

Fotografie

Das Ende von etwas

Zu den Photos von Stefan Moses

Von Peter Iden

I

Für den Betrachter ihrer Ergebnisse ist Photographie, soweit sie an reale Außenwelt sich hält, immer der Versuch eines Noch-Einmal. Dabei wird, was – so wie im Abbild zu sehen – erfasst wurde, aufgehoben im doppelten Wortsinn: bewahrt nämlich vor der Flüchtigkeit der Dinge, Menschen, Situationen – zugleich aber auch entfernt von sich selbst, verwandelt jedenfalls, so, wie im Prozess des Erinnerns das Erinnerte sich verändert. Je intensiver sich Photographien der Wirklichkeit eines Augenblicks verpflichten, umso rascher wird mit vergehender Zeit und wachsendem Abstand zum Anlass das Photo sich verselbstständigen gegen das, was es fixieren sollte im Moment des photographischen Zugriffs. War das wirklich so und wie wirklich war das?, fragen wir dann. Und eröffnen so die Möglichkeit von Betrachter zu Betrachter unterschiedlichster Wahrnehmungen des gleichen Abbildes.

Solche Projektionsräume für Assoziationen des Zuschauers und generelle Erweiterungen des Sichtbaren über das Sichtbare hinaus entstehen in allen der drei thematisch definierten Abschnitte aus dem Werk des Photographen Stefan Moses, die für die Ausstellung aus dessen (längst nicht abgeschlossenen) Gesamtwerk ausgewählt wurden. Zuallererst sind in jedem Fall den Photos der „Emigranten“ ebenso wie den „Ostdeutschen Porträts“ und den „Parolen und Schriftbildern“ die politischen Verhältnisse hinzuzudenken: Stefan Moses ist daran vordringlich und ausdrücklich interessiert, diese Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Zustände und deren Bedeutung für den Einzelnen zeichnet ihn besonders aus. In den Arbeiten der Ausstellung sind es durch diktatorisch Regime bestimmte Umstände, die den Hintergrund der photographischen Darstellungen von einzelnen Personen oder Gruppen bilden: die nationalsozialistische Zwangsherrschaft, der die deutschen Emigranten sich ausgesetzt sahen und die Verletzungen an ihnen verursacht hat, auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland unauslöschlich; und die Diktatur des SED-Regimes der DDR.

II

„Vor dem gewaltsamen Hitlertod war ich aus Deutschland geflohen und kehrte zurück, um viele Jahre dem natürlichen Tode näher“, so beginnt eines der schönsten, reichsten Erinnerungsbücher des deutschen Theaters, Fritz Kortners „Aller Tage Abend“. Der Theatermann, als Schauspieler schon in den Zwanziger Jahren ein Protagonist des Theaters der Weimarer Republik, später als Regisseur der kühnste Erneuerer des deutschen Theaters nach dem Weltkrieg, hatte das Land am Tag der Machtergreifung Hitlers verlassen und war 1947 zurückgekehrt. Wie jeder der Emigranten, auf die Stefan Moses sich mit der schon gegen Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einsetzenden Erinnerungsarbeit seiner Porträts bezieht, litt Kortner unter dem Verlust der Entfaltungsmöglichkeiten, den die Jahre der Emigration bedeuteten. Alle gehörten, als sie, um ihr Leben zu retten, fliehen mussten, zur Elite der deutschen Kultur. Als Philosophen wie Adorno, Ernst Bloch, Ludwig Marcuse; als Schriftsteller wie die Gebrüder Mann, Hermann Kesten, Oskar Maria Graf; als Maler wie Hans Hartung, Ludwig Meidner, Josef Albers; als Schauspieler wie Therese Giehse, Tilla Durieux, Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Curt Bois – um aus der langen Liste der Namen nur diese zu nennen.
Nicht allen ist es wie Kortner oder Adorno und Bloch gelungen, nach der Rückkehr wieder anzuknüpfen an die Anerkennung und die Erfolge von einst, wieder Funktionen zu finden, die ihren Begabungen und Absichten entsprochen hätten. Der Regisseur Erwin Piscator etwa, Erfinder neuer Formen des politischen Theaters im Berlin der Zwanziger Jahre, den das Porträt bei einer Art von fröhlich ausgeführter gymnastischer Übung zeigt, ist lange in der alten Bundesrepublik herumgereist, um Häuser zu finden, die ihn arbeiten ließen. Erst in den frühen sechziger Jahren übertrug man ihm die Direktion der Freien Volksbühne in Berlin, seine Inszenierungen dort, die Aufführungen der Stücke von Rolf Hochhuth, Peter Weiss, Heinar Kipphardt, Martin Walser, haben wesentlich beigetragen zu dem Prozess der gesellschaftlichen Veränderungen in der BRD seit etwa 1965.

Piscators Porträt zeigt ihn lachend. Das ist unter nahezu allen anderen die Ausnahme. Christoph Stölzl hat Recht, wenn er in einem Text der Buchausgabe der Porträts (Verlag Nimbus, 1913) bemerkt, die Bilder von Moses seien durchtränkt „von dem dunklen Stoff Melancholie“. Es ist die verlorene Zeit, die sich ausprägt im Alter der Gesichter, denen das Lachen vergangen ist. Diese Menschen haben überlebt – und konnten doch niemals die Bedrohung vergessen, vor der sie sich gerade noch zu retten vermochten.

Fast alle der Porträtierten sind inzwischen nicht mehr unter uns. Das macht die Photos zu einer Herausforderung von besonderer Schärfe. Die Bildnisse der Personen sind nun nämlich jeweils zu ergänzen durch das, was sie selber direkt nicht enthalten: die konkrete Bedeutung der Leistungen, die diese Menschen vor und nach ihrer Emigration für die Gemeinschaft erbracht haben. Ohne diese Dimension gleichsam eines Vorwissens, das dem Betrachter abverlangt wird, wären es immer noch Physiognomien voller Lebensspuren und intensiver Spannungen – aber es fehlte dann doch die Grundierung der Bilder durch Geschichte. Der Photograph Stefan Moses hat seine Arbeit getan – uns und den Kommenden bleibt aufgegeben, sie zu vervollständigen.

Auffällig ist das Ambiente, in dem viele der Porträtierten auftreten. Es sind oft Umgebungen in freier Natur, vornehmlich in der unmittelbaren Nähe von Bäumen, manchmal sogar in unwegsamen Waldstücken. Was hat Stefan Moses damit gewollt? Der Auftritt als einzelne Person draußen, in einem Außerhalb der Gemeinschaft signalisiert einerseits das Selbstverständnis, sich isoliert zu wissen, ein Grundgefühl der Emigration. Andererseits ist eine natürliche, mehr als eine gebaute Umgebung auch Ausdruck einer gewissen Ortlosigkeit: Man ist als Flüchtling angekommen; aber angekommen nirgendwo.

III

Das ist nun alles schon länger her. Zeitlich näher liegen die Monate, in denen 1989-90 der Staat in der abgetrennten, östlichen Hälfte Deutschlands, die DDR, an sein Ende kam – zeitlich näher, aber doch auch schon weit. Mit dem Erstaunen vor etwas sehr, sehr Fremdem schaut man, jedenfalls als Deutscher aus dem demokratisch verfassten Teil des Landes auf das Personal der Porträts, für die Stefan Moses in der Wendezeit des Untergangs des in vieler Hinsicht verbrecherischen Staatsgebildes DDR jenes Land bereist und einige seiner Bewohner getroffen, kennengelernt und photographiert hat.

Diese Photos und die Menschen, die sie zeigen, sind nun allerdings doch deutlich unterschieden von denen der Emigranten. Es fehlt ihnen die Aura des Bürgerlichen, die der Mehrheit der damals aus Deutschland Vertriebenen zu eigen war. Das nimmt nicht Wunder: Es ging ja dem Regime der SED als wichtigstes Element des Programms eines „realen Sozialismus“ ausdrücklich um die Auslöschung der Bourgeosie. Das hat sich ausgewirkt in allen Lebensbereichen, etwa in den Künsten, der Malerei, der Skulptur, dem Theater, ebenso wie beispielsweise bei der Zulassung zum Universitätsstudium, die den Kindern der einst oberen Schichten häufig aus ideologischen Gründen nicht gewährt wurde. Die Tendenz zur Entwicklung einer Gesellschaft ohne Bürgertum wurde durch die hermetische Abriegelung des Landes nachdrücklich verstärkt.

So exponieren die Photos in Habitus, Haltung und Ausstrahlung der dargestellten kleinen Leute beinah ausschließlich Proletarier. Arbeiter und Arbeiterinnen aus dem, was in der DDR „die Produktion“ hieß, den (wie sich am Ende erwies: unrentablen) Fabriken aller Art, aus den landwirtschaftlichen Großbetrieben, den LPGs, und aus den städtischen Werkstätten, im Typus stämmige Männer und resolut selbstbewusste Frauen, nicht ohne trotzigen Stolz. Es war allerdings nun dies die Schicht, die inzwischen immer schmaler geworden ist. Während das Bürgertum sich gerade wieder formiert.

Der Photograph hat diese Menschen auch als Einzelne aufgenommen, häufiger aber treten sie auf im Verbund von kleineren oder größeren Gruppen. Stefan Moses war nach 1950 zunächst tätig als Theaterphotograph in Weimar – der Betrachter bemerkt den Sinn für das Theatralische am Arrangement, an der Inszenierung solcher Gruppenbilder. Sie leiten ihre Berechtigung auch daraus her, dass „Gesellschaft“ im Propaganda-Gefasel der herrschenden Partei einer der meist (bis zur völligen Abnutzung) gebrauchten Begriffe war. Wirken die Gesichter der Abgebildeten zu Zeiten der Wende tatsächlich so „erwartungsvoll und offen“ wie Stefan Moses im Vorwort des Katalogs „Ende mit Wende“ (Hatje Cantz Verlag, 1999) meint? Man kann in den Gesichtern auch Anflüge von Skepsis lesen. Eingedenk der Folgen des Umbruchs für beide Teile des wiedervereinigten Landes immerhin keine ganz unbegründete Regung.

Die Umgebungen der Personen in diesen DDR-Porträts lassen den heruntergekommenen Gesamtzustand des Landes ahnen. Auf keinem Einzelfeld der Lebenswirklichkeit haben die Staatsführung und ihre Gefolgsleute dermaßen versagt wie in Hinsicht auf die ästhetische Praxis. Es ist doch alles, wirklich alles, was an Design behauptet wurde, nur scheußlich gewesen. Man wird daran von Stefan Moses besonders durch den Komplex von Photos deutlich erinnert, die sich auf Schriftbilder im öffentlichen Raum, also auf Plakate und mit irgendwelchen Parolen beschmierte Hauswände beziehen. Das Land war ja geradezu überzogen von Parolen, anfangs nur optimistischen Inhalts, den Sozialismus preisend, am Ende mit den von Stefan Moses auszugsweise reproduzierten Schmähreden auf das ganze System. Da war auch der letzte Rest von Lack ab.

Es ist vor manchen dieser suggestiven DDR-Photos so, als stiege einem wieder jener bestimmte Geruch nach Zweitakter-Benzin in die Nase, der in dem Land allgegenwärtig war. Noch einmal. Wann war das? Es ist oft die Frage der sich erinnernden Figuren Samuel Becketts. Im Subtext der Erkundigung dämmert der Verdacht: Niemals.

Für hier und diesmal ist er leider grundlos.

Aus: Barbara Klemm / Stefan Moses. Ausstellungskatalog. Mit freundlicher Genehmigung © NIMBUS. Kunst und Bücher, Wädenswil, 2014

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erstellt am 01.11.2014

Stefan Moses © Stefan Moses

Ausstellung in Duisburg

Barbara Klemm / Stefan Moses

Bis 18. Januar 2015

MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst Duisburg

Theodor W. Adorno, Philosoph, Frankfurt am Main, 1963 © Stefan Moses

Ausstellungskatalog

Barbara Klemm / Stefan Moses
Mit Beiträgen von Peter Iden, Alexander Kluge und Stefan Koldehoff
Leinen mit Schutzumschlag, 280 Seiten, 238 Fotos
ISBN 978-3-03850-006-3
NIMBUS. Kunst und Bücher, Wädenswil, 2014

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Willy Brandt, Politiker, Siebengebirge, 1984, © Stefan Moses

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Alle Fotos sind aus dem Band.