Es gibt Exhibitionisten der Kulturszene, die können mehr ausziehen, als sie anhaben. Der langjährige Feuilletonchef der ZEIT, Fritz J. Raddatz, veröffentlichte 2010 und 2014 seine Tagebücher in zwei Bänden. Detlev Claussen warnt ausdrücklich vor der Lektüre dieses Spiegelkabinetts der Eitelkeiten.

Buchkritik

Zur Schau gestellt

Bedrückende Lektüre: Fritz J.Raddatz´ Tagebücher

Von Detlev Claussen

Die Neugier siegte über die Abscheu. Klatsch macht doch wirklich nur mündlich Spaß, nicht in Büchern. Veröffentlichte „Tagebücher“ leben noch von der Autorität alles Gedruckten und spielen doch zugleich mit dem Reizen von Voyeurismus und Exhibitionismus. Bei zu Lebzeiten publizierten Diaries werden diese Verlockungen werbewirksam eingesetzt. Der langjährige (1976 bis 1985) Feuilletonchef der ZEIT, Fritz J. Raddatz, kennt das Geschäft aus dem FF und keiner hat wie FJR sich in seiner Selbstdarstellung so schamlos als Mediennutte zur Schau gestellt. Das war zu erwarten; die Abscheu lässt sich leicht begründen. Sein erster Erguss „Tagebücher 1982-2001“ erschien 2010 kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag bei Rowohlt – ein Verlag, den er 1969 mit Aplomb verlassen hatte. Ein zweiter Streich erfolgte 2014 („Tagebücher 2002-2012). FJR (Selbststilisierung) liebt es, sich bei denen, die ihn einmal abgelehnt haben, auch im Zustand eines has been wieder anzubieten – um sich dann am hohen Honorar zu erfreuen oder über die erneute Ablehnung zu lamentieren: Glanz und Elend einer abgehalfterten literarischen Kurtisane. Die Schonungslosigkeit, mit der seine aus der Kindheit (Mutter bei Geburt gestorben, vom Stiefvater ausgepeitscht und zum Sexualakt mit Stiefmutter gezwungen) hergeleitete Sexualität (mit Nurejew im Bett, „mit zwei Negern gefickt“ – zumindest gerüchteweise) exponiert, erlaubt es ihm, indiskret mit jeder und jedem umzuspringen. Der von ihm selbst geäußerte, begründete Verdacht einer Prostitution in aller Öffentlichkeit macht ihn zum Kronzeugen eines gigantischen Bordells, des bundesdeutschen Kulturbetriebs – ein abstoßendes Così fan tutte.

Bald wird der Leser müde – angesichts von dark rooms, Ficken, Mösen und Schwänzen. FJR wühlt in diesem sprachlichen Schlamm: Lust und Ekel vermischen sich zu einem klebrigen Textklumpen aus jeweils 1000 Seiten. Vor lauter „feinstem“ Champagner und Bordeaux tut schon beim Lesen die Leber weh. Der für sich selbst immer wieder reklamierte Stil, der nahezu allen anderen fehle, bleibt in Perserteppichen, Fayencen und einer angeberischen Kunstsammlung hängen. Berühmte Namen aus Waren- und Menschenwelt reizen die Neugier des Lesers an, der aber wenig Neues über Dinge und Menschen erfährt. Die schon von Hegel kritisierte Kammerdienerperspektive des Biographismus beherrscht jede Tagebucheintragung. Aber nicht nur der Held trinkt Champagner – hurt, stiehlt und rufmordet, sondern der Kammerdiener besäuft sich vor aller Augen mit perlendem Getränk, umso hemmungsloser über tutti quanti herzuziehen. Der bevorzugte Hauptschauplatz ist der Stehempfang zum runden Geburtstag von Prominenten, deren Peinlichkeiten und Gekränktheiten anschließend noch bei privaten Gelagen nachbesprochen werden. Und der peinlichste von allen, FJR, schreibt das alles auf. Selbst ist er der Gekränkteste, der sich ohne dieses permanente name dropping nicht sicher ist, ob er überhaupt wichtig genug ist, um mit seinen Emotionen so viel Papier zu füllen. Diese Tagebücher taugen nichts. Ihnen fehlt die Raffinesse eines Thomas Mann, der eiskalt für die Nachwelt aufzeichnete, wie er alles gesehen und gelesen haben wollte. FJR kann nicht warten; er will noch zu Lebzeiten seine Wirkung spüren. Zu recht; denn eine Nachwirkung wird es nicht geben. Dieses Spiegelkabinett der Eitelkeiten wird mit ihm zu Grabe getragen werden.

Diese beiden dicken Tagebuchbände lohnen keine Rezension; es gibt keine neuen Erkenntnisse. Aber warum vergeudet man so viel Zeit mit ihnen? Je länger man liest, umso ängstlicher fühlt man sich bei dem Gedanken ertappt, wird da nicht die eigene Geschichte erzählt. Ich meine nicht die kolportierten Sexorgien, Betrügereien und Hinterhältigkeiten, nicht die Luxushotels, die nicht enden wollenden Ströme hochwertiger Getränke und hässlichen Insinuationen. Es geht um diesen Aufschrei einer gequälten Kreatur, die sich im Strudel des Malstroms einer verschwindenden bürgerlichen Öffentlichkeit bemerkbar zu machen versucht. Dem Ertrinkenden in seiner Not ist jedes literarische Mittel recht. Hat FJR nicht völlig recht, wenn er lamentiert, seine Entlassung als Feuilletonchef der ZEIT aufgrund einer lächerlichen Schlamperei sei ein Sturm im Wasserglas gewesen, der ihn weggespült hätte – aber nicht all die anderen, die „gegenzulesen“ hatten und nichts merkten, oder die Mächtigen, die ihr Banausentum eben bei jeder Gelegenheit ungestraft zum Besten geben? Anlass seiner Demissionierung: In einem Artikel zur Buchmesse 1985 hatte er Goethe über den Hauptbahnhof schreiben lassen, den es zu Zeiten des Klassikers noch gar nicht gab. Ein typischer FJR: Er weiß, von wem er spricht, aber worüber, weiß er nicht so genau. Dass machen viele, wie er dauernd zu beweisen versucht. Die Ironie der Zeitungsgeschichte will es: In einer Rezension des Buches schreibt der ZEIT-Autor Alexander Cammann am 18. März 2014, FJR behaupte: „Ich bin eine Art Trotzki, dessen Anwesenheit wegretuschiert wurde.“ Hat das auch niemand gegengelesen? Nicht FJR behauptet das nämlich von sich, sondern in identisch größenwahnsinniger Manier Grass bei FJR auf S. 56. Schlamperei ist eben kein individueller Fehler von FJR, sondern typischer Kollateralschaden des deutschen Feuilletons.

Der ZEIT-Rezensent von heute ist auf den Feuilletonchef von gestern reingefallen. Ist doch gar nicht so wichtig, wer was wann gesagt hat. Alle könnten Ähnliches äußern. Mit FJR steigt der Leser von der Kommandobrücke des Kulturbetriebs über dreißig Jahre ab in den Maschinenraum der Kulturindustrie. Bei Horkheimer und Adorno hatte der Begriff „Kulturindustrie“ einen ironischen Charakter; zur Ironie sind kulturindustrielle Produzenten wie FJR, Grass, Walser – nur um ein paar prominente Namen zu nennen – nicht mehr fähig, weil sie ohne Selbstüberschätzung ihre Bedeutungslosigkeit eingestehen müssten. Aber ohne das Schmiermittel Narzissmus läuft der Dampfer nicht: „ICHICHICH“, schreibt FJR kritisch über andere, pseudokritisch selbstmitleidig über sich. Vulgärpsychologisch schickt er die Frage, welcher SCHWANZ der größte sei, hinterher. Frauen tauchen nur als betrogene Gattinnen, betrunkene Mäzene, skurrile Schönheiten oder publizistische Lady Macbeth (die Gräfin z.B.) auf. Nein, da gibt es noch die Unbekannten, die FJR im Stich gelassen hat, und die bekannten, die zu seinem höheren Ruhm mit (und ohne ihn) sich besaufen – nicht auszuhalten, kann man mit Daniil Charms sagen.

Warum soll der Leser diesem Absturz folgen? Wieso wird so etwas gedruckt oder besprochen? Vor der Lektüre sei gewarnt. Man kann die Tagebücher von FJR als Ausrutscher eines Exzentrikers abtun. Aber ein Blick in die Feuilletons von 2014 genügt: Autobiographisches ist en vogue. Selbstverliebtheit und Sexualprotzerei findet man auch bei Enzensberger und Walser. Nur bei FJR sieht man das Elend des freien Schreibens in seiner Nacktheit. Während andere sich noch auf dem Höhepunkt ihrer Berühmtheit selbst bespiegeln, erlebt man hier den Absturz, der von Existenzangst begleitet wird. Den Übergang von bürgerlicher Öffentlichkeit in subventionierte Eventkultur erlebt FJR am eigenen Leben. Das frustrierende Feilschen um Honorare und Spesen erlebt der Leser nahezu mitfühlend. Auf den ablehnenden Bescheid von Mitarbeitern großer Institutionen, an ein Entgelt für einen gewünschten Auftritt sei eigentlich nicht gedacht, reagiert FJR mit Sarkasmus: „Kein Geld hab´ ich selber!“ Doch die Wiederkehr des Immergleichen ermüdet. Der Blick hinter die Kulissen des Medienzirkus ist noch deprimierender als die täglichen Beobachtungen, die jeder Leser und Autor selbst machen kann, ohne mit der literarischen und politischen Prominenz am gleichen Stehtisch sein Glas erheben zu müssen: Qualität muss man im Verborgenen suchen.

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erstellt am 31.10.2014

Foto: Fritz J. Raddatz auf dem blauen Sofa
Foto: Fritz J. Raddatz auf dem blauen Sofa

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