Als Georg Trakl 1914 an einer Überdosis Kokain starb, war er 27 Jahre alt. Angst, Verzweiflung und Drogensucht bestimmten das Leben des Mannes, der einige der großen Gedichte des Expressionismus geschrieben hat. Ria Endres hat den österreichischen Poeten anlässlich seines 100. Todestags am 3. November 2014 porträtiert.

Zum 100. Todestag 2014

Georg Trakl – Lebensversager und Wortträumer

Ein Portrait

Von Ria Endres

Musik im Mirabell

Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn
Im klaren Blau, die weißen, zarten.
Bedächtig stille Menschen gehen
Am Abend durch den alten Garten.

Der Ahnen Marmor ist ergraut.
Ein Vogelzug streift in die Weiten.
Ein Faun mit toten Augen schaut
Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

Das Laub fällt rot vom alten Baum
Und kreist herein durchs offne Fenster.
Ein Feuerschein glüht auf im Raum
Und malet trübe Angstgespenster.

Ein weißer Fremdling tritt ins Haus.
Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge.
Die Magd löscht eine Lampe aus,
Das Ohr hört nachts Sonatenklänge.

Als Georg Trakl 1913 dieses Gedicht ein Jahr vor seinem Tod im Kurt Wolff-Verlag veröffentlichte, war er 26 Jahre alt. Aus dem Schulversager, Berufsversager, Lebensversager, war einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts geworden, obwohl Gedichteschreiben nichts in seinem bürgerlichen Elternhaus galt.

Ein paar Monate vor seinem Tod wurde ein Photo von ihm gemacht, das wie die Momentaufnahme aus einem Stummfilm wirkt. Seine Augen blicken angestrengt in die Ferne, seine Gesichtszüge wollen erwachsen sein. Misstrauisch hat sich Trakl für den Phototermin hergerichtet und dabei gründlich überlegt, wie ein Dichter aussehen soll. Es ist ihm entgangen, wie es eben einem Mann aus der Provinz passieren kann, dass sein Anzug nicht die Pariser Eleganz seiner geliebten französischen Vorbilder ausstrahlt.

Das Gedicht „Musik im Mirabell“ führt in die Bilderwelt eines versunkenen Kindheitstraums und mitten hinein in Trakls Salzburg, seine geliebte und gehasste Geburtsstadt, jenes Salzburg, von dem Hugo von Hofmannsthal als „das Herz vom Herzen Europas“ spricht. Die Zeit steht still im Salzburger Mirabellgarten. Der Blick des Marmorgottes hat jede Lüsternheit verloren. Die Wolken verharren in einem Schwebezustand, bevor die Dunkelheit hereinbricht und Blau und Weiß verschluckt. Bewegt sich etwas, so geschieht es lautlos und verzögert; Blätter, Schatten und der Zug der Vögel haben kein Gewicht. Die ehemalige Welt des Kindes ist zu einer poetischen Landschaft geworden, nicht ganz leblos, aber auch nicht gerade lebendig. Nur die „stillen Menschen“ hören den Gesang des Brunnens in einem endlos gedehnten Augenblick, bevor es dann dunkel wird und die roten Herbstblätter ins Fenster herein wehen. Im Innern des Hauses sieht der Fremdling Georg Trakl zwar einen Feuerschein, doch die Schatten von draußen verwandeln sich zu Angstgespenstern drinnen. Plötzlich verändert sich durch das unheimliche Bild des davonstürzenden Hundes die ganze Szene. Dunkelheit draußen und drinnen. Aber das Ohr konzentriert sich auf den Klang der Musik.

Das Gedicht lebt von Andeutungen. Erst am Ende wissen wir, dass die Klänge des fast verwunschenen Paradiesgartens mit dem Sonatenspiel korrespondieren. Dingwelt und Seelenwelt verbinden sich in einem vierhebigen Jambus, der alles Wirkliche in der Schwebe hält. Intensität und Musikalität lyrischer Bilder suchen ihren Halt in einem scheinbar einfachen Reim, der Trakls schwermütige Bilderwelt gestaltet und zu einer einzigartigen Poesie formt.

Die Bischofsstadt Salzburg. In ihr hat sich der 42jährige Tobias Trakl, dessen Vorfahren aus dem deutschsprachigen Teil Westungarns kamen, niedergelassen. Dort übernahm er eine Eisenhandlung. Mit seiner 15 Jahre jüngeren Frau Maria, die aus Böhmen stammte, hatte er sechs Kinder. Dem durchaus zufriedenen Geschäftsmann wurde 1898 das Bürgerrecht verliehen. Als viertes Kind kam Georg Trakl 1887 am Waagplatz zur Welt. Einen Teil der häuslichen Belastung übertrug die überforderte Mutter Dienstmädchen und Gouvernanten. Eine elsässische Bonne, die den Kindern leidlich Französisch beibrachte, blieb 14 Jahre Haushalt der Familie. Den gepflegten und wohlbehüteten Kindern fehlte es scheinbar an nichts. Sie spielen im Garten, machen Ausflüge, besuchen Volksfeste. Die Kinder lernten Klavierspielen und die jüngste Schwester Grete bringt es schon bald zu einem hervorragenden Können. Die stattliche Zehn-Zimmer-Wohnung inmitten der Altstadt zeigt auf die Kaiseite der Salzach; jenseits des Flusses blickt man auf den Kalvarienberg mit seinem dicken Baumwuchs. Im Innenhof des Hauses allerdings liefen die Ratten herum.

Die Ratten

Im Hof scheint weiß der herbstliche Mond.
Vom Dachrand fallen phantastische Schatten.
Ein Schweigen in leeren Fenstern wohnt;
Da tauchen leise herauf die Ratten

Und huschen pfeifend hier und dort
Und ein gräulicher Dunsthauch wittert
Ihnen nach aus dem Abort,
Den geisterhaft der Mondschein durchzittert

Und sie keifen vor Gier wie toll
Und erfüllen Haus und Scheunen,
Die von Korn und Früchten voll.
Eisige Winde im Dunkeln greinen.

An der Hand der Bonne bekundet Georg die Plätze, Brunnen und Kirchen, den Schlossgarten, den Friedhof und den Kalvarienberg mit dem Kreuzweg. Aber das Leben in der alten Residenzstadt
Salzburg war eine bedrohte Idylle. Ein Drittel der Einwohner musste sich mit winzigen Zwei-Zimmer-Wohnungen begnügen. Der Gymnasiast Trakl konnte immerhin in der elterlichen Wohnung ein eigenes Kabinett benutzen. Die städtischen Sickergruben wurden nur zweimal im Jahr ausgeräumt. Ansteckende Krankheiten wie die Tuberkulose grassierten. In die Salzach ergoss sich der Inhalt stinkender Kanäle und der Abfall eines großen Schlachthauses.

Georg Trakl nimmt alle Bilder in sich auf. Später wird er mit ihnen arbeiten. Als Schüler erforscht er auch die Umgebung Salzburgs mit ihren Wiesen, Wäldern und Stiften. In den Dorfschänken lässt er sich nieder, kehrt aber am Abend immer wieder in sein Elternhaus zurück. Die Bilder seiner Kindheit werden Futter für seine Gedichte. Auch wenn er als junger Mann in Innsbruck oder Wien wohnt, ist seine Erinnerung geradezu obsessiv besetzt von seiner Kindheitswelt in Salzburg.

Die schöne Stadt

Alle Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
Traumhaft hasten sanfte Nonnen
Unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen
Schaun des Todes reine Bilder,
Großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.

Rösser tauchen aus den Brunnen.
Blütenkrallen drohn aus Bäumen
Knaben spielen wirr von Träumen
Abends leise dort am Brunnen.

Mädchen stehen an den Toren,
schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben
Und sie warten an den Toren.

Zitternd flackern Glockenklänge,
Marschtakt hallt und Wacherufen.
Fremde lauschen auf den Stufen.
Hoch im Blau sind Orgelklänge …

Warum gerät nun das Kind Georg in eine Familienfalle, der es nie mehr entkommt? Darüber ist viel spekuliert worden. Die Geschwister betonen ihre „normale“ Kindheit, in der die Mutter Wäsche aus Wien bestellte und Wert auf gute Kleidung legte. Aber sie hinterließ in allen Räumen ihre Gefühlskälte, die besonders Georg und seine Schwester Grete lähmte. Sogar der auf Harmonie bedachte Bruder Fritz muss jedoch im nach hinein zugeben:

» Die Mutter kümmerte sich mehr um ihre Antiquitätensammlung als um uns (…) Sie war eine kühle, reservierte Frau; sie sorgte wohl für uns, aber es fehlte ihr die Wärme. Sie fühlte sich unverstanden, von ihrem Mann, von ihren Kindern, von der ganzen Welt. Ganz glücklich war sie nur, wenn sie allein mit ihren Sammlungen blieb – sie schloß sich tagelang in ihre Zimmer ein, die vollgestopft waren mit Barockmöbeln, Gläsern und Porzellan. Wir Kinder waren etwas unglücklich darüber, denn je länger ihre Leidenschaft dauerte, desto mehr Zimmer wurden für uns tabu. «

Georg beurteilt seine Mutter nicht so moderat. Er bezeichnet sie später als „Opiumesserin“ und „nervenkrank“, als eine Frau, die er, wie er sagt, „mit eigenen Händen hätte ermorden können.“

Die Nähe zu seiner geliebten Schwester Grete aber nimmt in der Pubertät wahrscheinlich inzestuöse Formen an, und bis heute gehen die Meinungen der Forscher über die Art dieser Geschwisterbeziehung auseinander. Entscheidend ist jedoch, dass Georg Trakl selbst diese Beziehung schuldhaft erlebt hat und nie von ihr und seiner Schwester loskam. Grete ist seine große Passion. Allein sechzig Mal wird sie in seinen Gedichten wörtlich genannt. Seine Schwester erwartet ihn, wenn er von seinen Ausflügen ins verfluchte Elternhaus zurückkehrt. Sie scheint wie er zu sein; der auf Fremde sehr isoliert wirkende Knabe vertraut der Schwester alles an; als „Engel“ und „Dämon“ kommt sie zu ihm aus der „blauen Nacht.“

An die Schwester

Wo du gehst wird Herbst und Abend,
Blaues Wild, das unter Bäumen tönt,
Einsamer Weiher am Abend.

Leise der Flug der Vögel tönt,
Die Schwermut über deinen Augenbogen.
Dein schmales Lächeln tönt.

Gott hat deine Lider verbogen.
Sterne suchen nachts, Karfreitagskind,
Deinen Stirnenbogen.

Es gibt keinen dokumentarischen Beleg für eine andere intensive Frauenbeziehung im kurzen Leben des Dichters. Seine Aufenthalte in einem benachbarten Hurenhaus soll sich darauf beschränkt haben, mit den Freudenmädchen zu trinken.

Die Dokumente über Trakls Schulzeit sind deprimierend. Bereits die 4. Klasse des Gymnasiums muss er als 14jähriger wiederholen. Nach außen reagiert er mit völliger Gleichgültigkeit, empfindet aber das Sitzenbleiben sicher als Demütigung. Das Schwanken zwischen Protest und Resignation erreicht seinen traurigen Höhepunkt, als er 1905, ein Jahr vor dem Abitur noch einmal durchfällt und von der Schule abgemeldet wird. Sicher waren die Identifikationsmöglichkeiten im Unterricht gering und die Bücherrechnungen, die sein Vater bezahlen muss, zeigen ein ganz anderes Leseinteresse als das in einer stockkonservativen Schule gewünschtes: Lenau, Nietzsche, Dostojewski, Verlaine, Rimbaud. Trakl arbeitet an frühen Gedichten und nimmt Chloroform. Sein Bruder Fritz erinnert sich, dass Georg seine Zigaretten mit Opiumlösung bestrich. Aus einem Brief an einen Jugendfreund erfahren wir, dass er nach seinem verfrühten Abgang in „verzweifelter Stimmung“ war. Eine Chloroformvergiftung und der Alkoholkonsum zeigen ihn schon damals als Süchtigen; auch die Gier nach Süßigkeiten passt in sein Suchtverhalten. Warum Trakl so unterschiedliche Drogen faszinierten, ist immer noch ungeklärt. Vielleicht hat er seine Mutter beobachtet, vielleicht waren seine geliebten französischen Dichter pubertäre Idole. Das rauschhafte Versinken in den Drogen geriet schon bald in die Nähe einer Selbstauflösung und hat suizidale Züge. Veronal versetzte ihn in Schlafperioden; er stellt sich tot. Im Salzburger Dichterzirkel „Minerva“ wurde dem Wein zugesprochen. Der Schulversager Trakl schreibt zwei Einakter („Totentag“, „Fata Morgana“) die immerhin durch Vermittlung eines Freundes am Salzburger Theater uraufgeführt wurden, wenn auch nicht gerade erfolgreich. Trakl hat die Textbücher vernichtet.

In der Apotheke „Zum weißen Engel“ wird er Praktikant, denn für den Beruf eines Pharmazeuten waren nur sechs Jahre Gymnasium erforderlich. Er kann sich nun mit Rauschmitteln eindecken. Der Besitzer der Apotheke hat ihn „Traumulus“ genannt. Auch seine vier Jahre jüngere Schwester nimmt Drogen; vielleicht ein Grund, weshalb Trakl sich ihr gegenüber schuldig fühlte. Das Ende seiner Praktikantenzeit im Jahr 1908 berechtigte ihn, in der K. u. K. Armee das Freiwilligenjahr abzulegen und auf diese Weise, wie einer seiner Brüder, Offizier zu werden. Seinem Vater wird das recht gewesen sein. Aber als Tobias Trakl 1910 stirbt, bricht etwas ganz anderes auf den bisher finanziell Geschützten herein: Geldsorgen, die ihn bis zu seinem Tod nicht mehr loslassen werden. In der Todesanzeige des Vaters ist zu lesen: „Kaufmann, Hausbesitzer, Bürger“. All diese Ziele wird sein Sohn nie erreichen.

Die Hauptstadt Wien. Georg Trakls viersemestriges Studium der Pharmazie und sein Militärdienst (von 1908 bis 1910) verliefen chaotisch. Auf Postkarten und Briefen an seine Geschwister verurteilt er die Wiener und seine ganze Unsicherheit kommt zum Ausdruck.

» Als ich hier ankam, war es mir, als sähe ich zum ersten Mal das Leben so klar wie es ist, ohne alle persönliche Deutung, nackt, voraussetzungslos, als vernähme ich all jene Stimmen, die die Wirklichkeit spricht, die grausamen, … Und einen Augenblick spürte ich etwas von dem Druck, der auf den Menschen für gewöhnlich lastet und das Treibende des Schicksals. (Die Wiener sind ein Volk), das eine Unsumme dummer, alberner und auch gemeiner Eigenschaften hinter einer unangenehmen Bonhomie verbirgt. «

Hinter solchen Sätzen stehen Hilferufe eines jungen Mannes, der nicht weiß, was er mit dem großstädtischen Leben anfangen soll.

Wien, diese Drehscheibe eines großen Reiches mit Prachtstrassen und Repräsentationsbauten, schüchterte Trakl ein. Er spürte die Auflösung der Habsburgischen Monarchie, ihr „Fortwurschtln“ als kranke Epoche, deren Katastrophe schon bald im ersten Weltkrieg sichtbar werden sollte. Noch lebt Wien im Spannungsfeld von Selbstauflösung und künstlerischen Aufbrüchen. 1897 war das Jahr der Wiener Secession; auf dem sogenannten Kunsttempel von Josef Olbrich steht: „Der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit.“ Im Wien der Jahrhundertwende wirkten Maler wie Klimt und Schiele; Architekten wie Loos und Otto Wagner, Komponisten wie Mahler und Schönberg, ganz zu schweigen von Dichtern wie Hofmannsthal und Schnitzler. Das künstlerische und literarische Leben wollte oder konnte Trakl nie wirklich kennenlernen, auch wenn er manchmal im berühmten Café Museum saß. Das Kulturangebot Wiens ignoriert er fast völlig, vielleicht aus Angst oder provinzieller Ungeschicklichkeit. Und natürlich ahnte er wie so viele nichts von Freuds Traumdeutung, die im selben Jahr erschienen war wie das erste Heft der Zeitschrift „Fackel“ von Karl Kraus mit seinen Texten gegen die verlogene Sprache und falsches Denken. Als Trakl in Wien ständig seine Wohnung wechselte, lebte auch ein gänzlich unbekannter junger Postkartenmaler aus Linz zur gleichen Zeit in einem Wiener Obdachlosenasyl. Er ist zwei Jahre jünger als Trakl und in ihm schlummern mörderische Energien. Aber davon hatte damals niemand eine Ahnung.

In den Gedichten Trakls kommt Wien nicht vor, sondern immer wieder Salzburg und seine Umgebung. Der Erinnerungsvorrat an Bildern wird in einer verfallenden Naturkulisse angesiedelt. Und letztendlich ist für ihn Salzburg eine morsche Stadt voller Bilder des Todes, die ihm aber gefallen. Seine Schwester Grete studiert ebenfalls in Wien Klavier und Kammermusik, bricht aber das Studium ab. Die wenigen Freunde, mit denen Trakl zusammenkommt, kennt er aus Salzburg. Besonders sein Schulfreund Erhard Buschbeck erleichtert ihm das alltägliche Leben, so gut er kann und gibt sich unendlich viel Mühe, um die Veröffentlichung von Trakls Gedichten in die Wege zu leiten. Aber sein Rat: „Du mußt doch wirklich einmal für dich etwas Reklame zu machen“, ist angesichts der Kontaktschwierigkeiten Trakls vergebene Liebesmüh. Ein Freund aus Wien sagt über Georg Trakl:

» Er ist ein lieber Mensch, schweigsam, verschlossen, scheu, ganz innerlich. Sieht stark, kräftig aus, ist aber dabei empfindlich, krank. Hat Hallucinationen, ‚spinnt‘ (…). Wenn er hie und da irgendetwas Geheimnisvolles ausdrücken will, hat er eine so gequälte Art des Sprechens, hält die Handflächen offen in Schulterhöhe, die Fingerspitzen angehoben, eingekrampft, Kopf etwas schief, Schultern etwas hochgezogen, die Augen fragend auf einen gerichtet. «

Georg Trakl leiht von Buschbeck Geld, das ist ihm weniger unangenehm als von zu Hause Geld zu erbitten. Nach dem Tod des Vaters stellt sich heraus, dass das renommierte Eisenwarengeschäft völlig überschuldet war, und Georg Trakl muss allmählich begreifen, dass er finanziell ungeschützt ist. In der Uniform des „Einjährig-Freiwilligen“ wirkt er depressiv; als seine Schwester nach Berlin übersiedelt, kommt ihm sein Leben „sinnlos zerrissen“ vor.

Erhard Buschbeck knüpft dann doch Kontakte zum „Verein für Kunst und Kultur“, in dem auch Adolf Loos und Karl Kraus Mitglieder waren. Der Verein hat es nicht fertiggebracht, jemals eine Lesung mit Trakl zu organisieren. Unter dem wachsenden finanziellen Druck beginnt nun das Drama seiner Bewerbungen.

Viermal bewirbt er sich im Ministerium; dann will er als Apotheker nach Albanien oder Borneo. Weil aber die Mühlen der Bürokratie langsam mahlen, findet er sich plötzlich wieder in der Apotheke „Zum weißen Engel“ in Salzburg.

Weitere Gesuche folgen. Allein die Dokumentensammlung über seine Bewerbungen, Dienstantritte und Absagen verlieren sich im Uferlosen und zeigen, dass Trakl nicht in der Lage war, einen Brotberuf zu ergreifen. Diese Unfähigkeit hat er durch seine Verweigerungshaltung gezielt unterstützt. In der Salzburger Apotheke mag er sich zwar gesellschaftlich degradiert vorgekommen sein, aber er hatte Zeit für seine Gedichte. Er wohnte wieder im Haus seiner Eltern. Obwohl ihn die versteinerte Mutter um elf Jahre überleben wird, sieht er sie als Tote umherwandeln. Seine Schwester Grete kommt aus Berlin zu Besuch. Die Geschwister leiden an ihrer Beziehung, vor allem, weil sie nicht lebbar ist. In den dunklen Räumen erstarrt das Familiendrama.

Grete Trakl, die in Berlin bei Ernst von Dohnany Klavier studierte, legte auch dort keine Prüfung ab. Die Parallele zum Schulversagen ihres Bruders ist deutlich. Inzwischen hatte sie den 34 Jahre älteren Arthur Langen kennengelernt; die beiden wollen heiraten. Ausgerechnet Georg wird zusammen mit seiner Mutter zum Vormund seiner minderjährigen Schwester eingesetzt; beide weigern sich zuerst, dieser Ehe zuzustimmen. Nach einem für alle peinigenden Hin – und Her wird die Ehe doch geschlossen. Georg Trakl ist mit dieser Lösung jedoch nicht zufrieden; er bekommt seine Schuldgefühle, die sich wohl auch auf das insgesamt verpfuschte Leben seiner Schwester beziehen, nicht mehr los.

Inzwischen versah der Medikanmentenakzessist eine Stelle in der Heeresapotheke Innsbruck und schreibt in einem Brief über die Stadt in den Bergen:

» Sie gehört zu den brutalsten und gemeinsten (Städten), die auf dieser beladenen und verfluchten Welt existieren. Und wenn ich dazudenke, daß mich ein fremder Wille vielleicht ein Jahrzehnt hier leiden lassen wird, kann ich in einen Tränenkrampf trostloser Hoffnungslosigkeit verfallen. Wozu die Plage. Ich werde endlich doch immer ein armer Kaspar Hauser bleiben. «

Buschbeck hat inzwischen für Trakl einen Kontakt zur Zeitschrift „Der Brenner“ hergestellt. Ihr Herausgeber, Ludwig von Ficker, wird in den letzten drei Jahren in Trakls Leben sein wichtigster Gönner und väterlicher Freund. Kontinuierlich druckt er Trakls Gedichte. Außerdem lernt er durch ihn Karl Kraus kennen, den er fast devot verehrt. Er widmet ihm unter anderem das Gedicht:

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Seine Wunde voller Gnaden
Pflegt der Liebe sanfte Kraft.

O! des Menschen bloße Pein.
Der mit Engeln stumm gerungen,
Langt von heiligem Schmerz bezwungen
Still nach Gottes Brot und Wein.

Der unermüdliche Buschbeck, den die dunkle, verworrene Situation seines Freund wohl ängstigt, vermittelt unermüdlich Veröffentlichungen in den Zeitschriften „Ruf“ und „Pan“ und schließlich stellt Karl Kraus einen Kontakt zum Kurt-Wolff-Verlag her. Franz Werfel, damals Lektor, war tief von Trakls Lyrik bewegt. Der Band „Gedichte“ erschien 1913 als Nummer 7/8 in der Reihe „Der jüngste Tag“ bei Kurt Wolff in Leipzig. Es war Trakls einzige Buchveröffentlichung zu Lebzeiten.

Loos lädt ihn zu einer Reise nach Venedig ein. Trakl kann die Reise nicht genießen. Missmutig geht er am Strand entlang und fühlt sich einsam und deplatziert:

In Venedig

Stille in nächtigem Zimmer.
Silbern flackert der Leuchter
Vor dem singenden Odem
Des Einsamen;
Zaubrisches Rosengewölk.

Schwärzlicher Fliegenschwarm
Verdunkelt den steinernen Raum
Und es starrt von der Qual
Des goldenen Tags das Haupt
Des Heimatlosen.

Reglos nachtet das Meer.
Stern und schwärzliche Fahrt
Entschwand im Kanal.
Kind, dein kränkliches Lächeln

Folgte mir leise im Schlaf.

Wo gehört er eigentlich hin? Er ist nirgends zu Hause, entdeckt überall Todesbilder. Seine Schwester Grete hat ein leidenschaftliches Verhältnis mit Buschbeck begonnen. Trakl bricht jeden Kontakt mit dem Freund ab. Depressionsschübe, Vergiftungen durch Überdosen, Hilfebriefe an Ludwig von Ficker häufen sich.

Im Dezember 1913 liest er das erste und einzige Mal öffentlich mit viel zu leiser Stimme in Innsbruck. Danach spricht er in einem Brief an Karl Kraus von seiner „rasenden Trunkenheit“ und „verbrecherischen Melancholie“. Einige Monate später reist er nach Berlin zu seiner Schwester, die an einer Fehlgeburt beinahe verblutet wäre. Dort lernt er ein halbes Jahr vor seinem Tod Else Lasker-Schüler kennen. Da sie auch ein Problem mit dem Alkohol hat, können sie sich nicht helfen, obwohl sie ihre Gedichte gegenseitig lieben. Aus Trakls Leben verschwindet einfach die Verzweiflung nicht mehr. Innen und außen sieht er die Spuren des Verfalls. Er schreibt an Ludwig von Ficker:

» Ich weiß nicht mehr ein noch aus. Es (ist) ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht. O mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen Sie mir, daß ich die Kraft haben muß noch zu leben und das Wahre zu tun. Sagen Sie mir, daß ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen. O mein Freund, wie klein und unglücklich bin ich geworden. «

Plötzlich ereignet sich in der Mitte des Jahres 1914 ein Wunder. Ludwig Wittgenstein, der 25jährige Sohn eines der reichsten Großindustriellen Österreichs, überweist 100.000 Kronen seines Erbes an Ludwig von Ficker, damit er sie nach Gutdünken an österreichische Künstler verteile. 20.000 Kronen soll Trakl bekommen. Einer Anekdote zufolge soll Trakl schweißgebadet aus der Bank geflohen sein, als er in Begleitung Fickers von seinem Guthaben abheben wollte. Leider gibt es für dieses Märchen nicht den geringsten Beleg; Tatsache ist, daß Trakl das Geld nie in Händen hielt.

Einige Wochen später meldet sich der Dichter freiwillig an die Kriegsfront nach Galizien. Woher nahm er diese Energie? Nach Berichten von Freunden konnte er doch nicht einmal Aufzug fahren oder telefonieren und stand während einer Zugfahrt lieber auf dem Gang als einem Fremden gegenüber zu sitzen. Oder hatte er es besonders eilig, seinem Leben ein Ende zu setzen? Nach der Schlacht von Grodek musste er neunzig Schwerverwundete betreuen und wollte sich erschießen. Deshalb wird er ins Garnisonsspital nach Krakau zur Untersuchung seines Geisteszustands gebracht. Behandelt wird er nicht. An Ludwig von Ficker schickt er, als er sich schon gar fast jenseits der Welt fühlt, sein letztes Gedicht, das zu einem der berühmtesten expressionistischen Gedichte geworden ist:

Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihre zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Georg Trakl starb am 4. November 1914 an einer Überdosis Kokain. In seinem Testamentsbrief vermacht er alles, was er an Geld und Gegenständen hatte, seiner Schwester Grete. Die 20.000 Kronen Ludwig Wittgensteins erhält auch sie nicht, obwohl ihre materielle und existenzielle Not überdeutlich in Briefen an Ludwig von Ficker und Erhard Buschbeck dargestellt ist. Das Geschwisterdrama endete 1917, als sich Grete Trakl in Berlin erschoss. Ihr Grab ist unbekannt. Über ihrem Schicksal und ihrem Tod lastet das größte Schweigen der Familie. Der leidenschaftliche Trakl-Kenner Franz Fühmann fragt mit Recht, wo der Briefwechsel der Geschwister geblieben ist; er vermutet, dass er von der Familie vernichtet wurde. Außerdem ist, seinen Informationen nach, der gesamte Nachlass Grete Trakls verschwunden.

Im Traklschen Familiengrab liegen die Eltern und alle Geschwister, außer Grete und Georg. Ludwig von Ficker sorgte 1925 für eine zweite Beisetzung Georg Trakls in Mühlau bei Innsbruck. Keines der Geschwister hatte Kinder. Die Familie Trakl ist ausgestorben.

Heute wird der Expressionismus wieder einmal entdeckt. Die Gedichte von Georg Trakl jedoch wurden nie vergessen, sie gehen uns direkt unter die Haut.

Kommentare


- ( 01-06-2015 05:36:51 )
1

Ralf Schaber - ( 31-10-2014 10:54:11 )
Wirklich ein schöner Artikel über einen, in mehrfacher Hinsicht, faszinierenden Dichter.

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erstellt am 27.10.2014

Georg Trakl
Georg Trakl