Der Stadtmensch Georg Simmel ist gerade dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke, die sein Nervenleben steigerte, aufs Land entrückt. Dort beeindrucken ihn, wie Otto A. Böhmer berichtet, nicht nur nächtliche Illuminationen, sondern auch ein Geist, den er einst beschwor.

Holzwege

Mit Seufzern behängte Träume

Der Philosoph Georg Simmel

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Georg Simmel stand am Fenster seines Hotelzimmers und schaute hinaus. Ein ferner Landregen ging nieder; am Himmel standen, wie aufgehängt, drei verblichene Sterne, und die Bäume jenseits der Straße bewegten sich in kaum merklichem Wind. In der Ferne bellte ein Hund. Simmel, der am Abend noch, ganz in der Nähe, auf Einladung der Droste-Gesellschaft im Geburtshaus der Dichterin über „Tendenzen im deutschen Leben und Denken seit 1870“ gesprochen hatte, glaubte, nicht schlafen zu können; die schier unglaubliche Ruhe, mit der sich die für ihn neue und ungewohnte westfälische Landschaft den Tritten ihrer Bewunderer darbot, ließ ihm, einem versierten Stadtmenschen, keine Ruhe. Der Philosoph zog sich seinen Mantel an und verließ das Hotel. Im trüben Schein der Laternen ging er ein Stück auf der Hauptstraße entlang und bog dann nach links in einen Feldweg ein, auf dem er tags zuvor schon spazierengegangen und ins Staunen verfallen war. Einen ungeahnten Himmel hatte er über sich gesehen, weit und doch nah über der schweren Erde; – das Land schien sich seiner annehmen zu wollen, – das Land mit seinen Wiesen und Feldern, mit Gräbern, Wallhecken und trockenen Mooren, mit lichten Wäldern, behäbigen Gehöften und Wasserburgen, die Einkehr boten – und die Besinnung auf das, was in der Unwirtlichkeit der Städte längst verlorengegangen war. Simmel hatte sich zurückversetzt gefühlt in eine vergessene Heimat, der er zuvor nur mit wiederkehrenden Traumbildern aufgesessen war; – nun hatte er sich wieder eingefunden, und die Nacht wich und ging in den Morgen über. Der Horizont war in feuerrotes Licht getaucht, das sich von den ersten Sonnenstrahlen besänftigen ließ; ein merkwürdiger Glanz lag über dieser Welt, in der sich die Dinge anschauen ließen wie beim allerersten Mal. Simmel dachte an die Worte der Dichterin, die er in seinem Vortrag zitiert hatte: „Seltsames schlummerndes Land!“ hatte die Droste geschrieben, „seltsames schlummerndes Land! so sachte Elemente! so leiser, seufzender Strichwind, so träumende Gewässer! so kleine, friedliche Donnerwetterchen ohne Widerhall! und so stille, blonde Leutchen, die niemals fluchen oder pfeifen…“

Leutchen aber waren um diese Zeit noch gar nicht zu sehen; der Philosoph – blieb für sich, und er wusste, dass sich daran nichts ändern durfte. Hinter einer Baumgruppe entdeckte er ein Anwesen, das wie ein Schlösschen aussah; – ein verlassener Herrensitz, wie es schien, dem der Herr abhanden gekommen war. Kein Hund schlug an, keine Bediensteten schwärmten aus, als Simmel über den Hofgrund auf die große Treppe zuging, die zu der verwitterten Eingangstür des Anwesens hinaufführte. Hier hätte er das Licht der Welt erblicken können, dachte Simmel, Adalbert von Zages, jener westfälische Philosoph und Arzt, dem er, Simmel, einen seiner ersten Aufsätze gewidmet hatte, der natürlich nicht verhindern konnte, dass Zages, ein genialer und doch eher bedächtiger Zeitgenosse der Droste, mittlerweile fast völlig in Vergessenheit geraten war. Zages, der sich als „Therapeut“, als „Diener der Seele“ verstand, hatte sich mit den Tagträumen beschäftigt, die er für geeignet hielt, „den Königsweg zu weisen zum an sich seienden Grunde des Wissens“. Vorsichtig öffnete Simmel die Tür und trat ein; vor ihm taten sich leere Räume auf, – spinnwebverhängte Hallen, in denen jeder Schritt zu hören war wie eine anheimelnde Drohung. Er lief treppauf und treppab; er hastete durch alle Zimmer, weil ihm längst klar geworden war, dass Zages noch immer hier sein musste. In einer winzigen Rumpelkammer unter dem Dach flatterte ein Vogel, ein Rotkehlchen; Simmel stieß die Fenster auf, und der Vogel flog taumelnd ins Freie. Als er zurückkam an seinen Ausgangspunkt, hörte er die Stimme, die er hören wollte: „Nun, mein Freund, was haben Sie mir zu sagen? Wie ich hörte, haben Sie kluge Äußerungen getan vor nicht sehr klugen Leuten, und dies gar nicht weit von hier, im Hause der von mir sehr verehrten Dichterin…“ „Ich sprach über die sogenannte Moderne“, sagte Simmel, „über Nutzen und Nachteile einer Zeit, die Ihnen, lieber Zages, kaum zusagen dürfte.“ „Wer weiß“, antwortete Zages, der zu hören, aber nicht zu sehen war, „man hat mich zwar längst zu Grabe getragen, aber ich bin deswegen noch lange nicht tot… So weiß ich natürlich, dass Kennzeichen der Moderne die Allmacht der Technik ist…“ „Von der ich gestern Abend gesagt habe“, meinte Simmel, „dass sie lediglich ein Mittel zum Zweck sein kann. Dabei wird sie gepriesen, als gehöre sie zu den ganz großen Zielen der Menschheit; so als wären Telegraphen und Telephone schon an sich Dinge von ungewöhnlichem Wert, ungeachtet der Tatsache, dass das, was sich die Menschen durch sie mitteilen, kein bisschen klüger, besser oder in irgendeiner Weise herausragender ist als das, was sie vordem den weniger schnellen Kommunikationsmitteln anvertrauten. Oder als brächte das elektrische Licht die Menschen der Vollkommenheit auch nur eine Stufe näher, ungeachtet der Tatsache, dass die Dinge, die jetzt deutlicher gesehen werden, ebenso trivial, höflich oder unwichtig sind wie im Schein der Petroleumlampe…“ „Gut gesprochen“, sagte Zages. „Ich denke, dass ich mich zu Recht an die Träume gehalten habe. Sie sind unser wahres Fenster zur Welt. Nach der vermutlich ewigen Tat der Selbstoffenbarung nämlich scheint in der Welt, wie wir sie erblicken, alles Regel, Ordnung und Form zu sein; aber immer liegt doch noch im Grunde das Regellose, als könnte es einmal wieder durchbrechen. Dieses ist an den Dingen die unergreifliche Basis der Realität, der nie aufgehende Rest, – das, was sich nicht im Verstande auflösen lässt, sondern ewig in jenem Grunde bleibt, den wir immer wieder aufscheinen sehen –, im Traum des Tages zumal – und, oftmals einem verwirrenden Vergessen gleichkommend, in den mit Seufzern behängten Träumen der Nacht…“

Eine Tür fiel ins Schloss, und der Regen wurde stärker. Simmel ächzte im Schlaf, aber er sah keineswegs unzufrieden aus; – eher schon wie ein Wanderer, der seinen Schatten verloren und noch vor Einbruch der Dämmerung wiedergefunden hatte.

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erstellt am 27.10.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Georg Simmel
Georg Simmel