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Wolfgang Rihm hat aus Georg Büchners Erzählung „Lenz“ eine Oper gemacht, die zu den bedeutendsten Opern des 20. Jahrhunderts zählt. Andrea Breth hat sie nun in Stuttgart einstudiert. Die Stuttgarter Oper hat einen großen Abend kreiert, findet Thomas Rothschild.

Oper

Die Passion des Jakob Lenz

Von Thomas Rothschild

Es ist einer der berühmten ersten Sätze der deutschen Literatur: „Den 20. ging Lenz durch's Gebirg.“ So beginnt Georg Büchners Erzählung über den Kollegen Jakob Michael Reinhold Lenz. Wolfgang Rihm hat aus dieser Erzählung eine Oper gemacht, die mittlerweile auf dem selben Niveau wie die Bühnenwerke von Berg, Zimmermann, Nono, Henze, Ligeti zu den bedeutendsten Opern des 20. Jahrhunderts zählt, und Andrea Breth hat sie jetzt in Stuttgart einstudiert, von wo sie nach Brüssel und Berlin weiterreisen wird. Bei ihr kriecht Lenz fast nackt über Felsen wie ein verwundetes Tier, um alsbald in der Stellung eines Embryos zu erstarren. Aus dem Bühnenboden fällt ein zweiter Lenz. Andrea Breth nimmt das Motiv der Schizophrenie ernst. Dieser Lenz ist gespalten, er tritt doppelt auf.

Andrea Breth inszeniert eine Krankengeschichte und zugleich einen Leidensweg. Die Anspielungen auf die Passion Christi sind überdeutlich. Und die Regisseurin, die, eigentlich eine Gegnerin von Romanadaptionen, „Verbrechen und Strafe“ auf die Bühne gebracht hat, nähert Büchner, ein wenig überraschend, Dostojewski an. Das allerdings macht sie konsequent (und „konsequent“ ist das Wort, das Lenz vor seinem unklaren Ende zwanghaft wiederholt): keine Mätzchen, keine Abschweifungen, keine dämlichen „Einfälle“, wie wir sie von anderen Regisseurinnen und Regisseuren erleiden müssen.

Den drei Solisten – Georg Nigl, der diese Rolle auch 2008 in der Regie von Frank Castorf gesungen hat, als Lenz, Henry Waddington als Oberlin und John Graham-Hall als Kaufmann, alle drei intonationssicher und ausdrucksstark in der Artikulation der nicht eben leichten Partien – stellt Rihm einen Minichor von nur sechs Stimmen gegenüber. Andrea Breth lässt ihn immer wieder zu Bildern erstarren, die an Delvaux erinnern. Am Surrealismus orientieren sich auch lesende Kinder auf zu hohen Stühlen – eins der vielen einprägsamen Arrangements dieser Aufführung.

Martin Zehetgruber, der für Andrea Breth (aber auch für Martin Kušej) eine ähnliche Bedeutung hat wie Anna Viebrock für Christoph Marthaler oder für Jossi Wieler, hat mehrere magische Räume entworfen, die in atemberaubender Geschwindigkeit hinter einem von vorne beleuchteten und daher undurchsichtigen Gazevorhang aufgebaut werden. Sie sorgen dafür, dass Rihms klein besetzte Kammeroper zu einem opulenten visuellen Erlebnis in abgestuften Grautönen auf einer überwiegend halbdunklen Bühne wird.

Unübertrefflich zeigt sich auch das zu einem Kammerensemble reduzierte Staatsorchester unter der Leitung von Franck Ollu. Die Differenzierung der Tempi, der Dynamik und der von Bläsern und dem Schlagzeug dominierten Klangfarben wirkte umso eindringlicher, als Andrea Breth sich der Bewegung der Musik voll anvertraut hat. Wie Orientierungsmarkierungen unterbrechen verfremdete Zitate aus der Musikgeschichte, darunter auch jene Sarabande von Händel, die Stanley Kubrick vier Jahre vor der Uraufführung von „Jakob Lenz“ für seinen Film „Barry Lyndon“ variiert hat, Rihms von der Wiener Schule beeinflusstes, aber eigenständig weiter entwickeltes Vokabular. Da ist der überaus gebildete Komponist gar nicht so weit entfernt von dem Schriftsteller Thomas Mann, dessen „Zauberberg“ am Abend zuvor in einer Bearbeitung auf die Bühne des Stuttgarter Schauspiels gebracht wurde: Beide, Rihm wie Mann, nützen die Musik als Auslöser von Assoziationsräumen und Stimmungsvaleurs. Wer die Zitate nicht erkennt, weil Musik für ihn mit den Rolling Stones beginnt, versäumt eine Dimension der Künste, die noch mit einem geschichtlichen Bewusstsein rechnen.

Am Ende: anhaltender Jubel für alle Beteiligte. Wer sagt denn, das zeitgenössische Musik nicht zumutbar sei? Ein sichtlich gerührter Wolfgang Rihm dankte dem Publikum und den Interpreten. Die Stuttgarter Oper hat einen großen Abend kreiert, Brüssel und Berlin dürfen sich freuen.

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erstellt am 27.10.2014

Szenenfoto Oper Stuttgart: Bernd Uhlig

Oper in Stuttgart

Jakob Lenz

Von Wolfgang Rihm

Musikalische Leitung Franck Ollu
Regie Andrea Breth
Bühne Martin Zehetgruber

Oper Stuttgart

Szenenfoto Oper Stuttgart: Bernd Uhlig

Szenenfoto Oper Stuttgart: Bernd Uhlig