Der Schriftsteller Marcus Kolpa, Protagonist von Marcel Mörings Roman „Im Wald“, sucht Schutz im Vergessen und im Verdrängen. Eines Tages lassen sich die ihn quälenden Fragen plötzlich nicht länger aufschieben, und er begibt sich auf eine schmerzhafte Expedition in die Vergangenheit. Mit „Im Wald“ ist Möring ein mutiger, mitreißender Roman geglückt, findet Peter Henning.

Buchkritik

»Verlassen von sich selbst«

Marcel Mörings neuer Roman „Im Wald“ ist ein beeindruckendes Stück europäischer Literatur

Von Peter Henning

„Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser. Auf dass Sie einige Züge meiner Lebensart und meiner Gemütsverfassung darin wiederfinden, denn ich bin es, den ich darstelle. Meine Fehler wird man hier finden, so wie sie sind, und mein umfangreiches Wesen, so weit es nur die öffentliche Schicklichkeit erlaubt.“ So steht es in der berühmten Vorrede zu den Essais des französischen Politikers und Philosophen Michel Montaigne, niedergeschrieben im März 1580. Von Aufrichtigkeit ist da die Rede. Von Lebensart, persönlichen Fehlern und Gemütsverfassung. Begriffe, um welche auch der neue, eindringliche Roman des niederländischen Schriftstellers Marcel Möring kreist, nämlich in wahrhaft „aufrichtiger“ Weise. Nie zuvor hatte man bei der Lektüre eines Romans dieses Autors, der mit Arbeiten wie „Das große Verlangen“, In Babylon“, „Modelfliegen“ oder „Eine Frau“ hierzulande einem größeren Publikum bekannt wurde, derart unabweisbar das Gefühl, dessen eigenes Leben durch die im Buch ausgesprochenen Wahrheiten und Bekenntnisse hindurch schimmern zu sehen. So heißt es einmal über Marcus Kolpa, den Protagonisten des Romans: „Langsam war ich in einem Sumpf von Bitterkeit und Enttäuschung versunken. Ich hatte mir lange vorgemacht, es sei die Welt, die ich verabscheute, und dass ich mich aus ihr zurückziehen wollte, einsam auf den Berg, mit meiner Tochter. Aber irgendwann begann ich zu begreifen, dass ich nicht die Welt verlassen hatte, sondern mich selbst.“

Eigentlich ist Marcus Kolpa ein privilegierter Mann – und könnte mehr als zufrieden sein. Nach einem Sensationserfolg mit einem Roman, der ihm schlagartig materielle Unabhängigkeit beschert hat, könnte er ein Leben in größtmöglicher Gelassenheit führen, sich neuen Projekten widmen, sein Dasein sorglos genießen. Doch weit gefehlt. Denn Kolpa ist eine zerrissene Person. Ein von nicht nachlassender Verunsicherung gezeichneter Zweifler, dessen einstiger Glaube an sich und die Welt zunehmend schwindet. Zurückgezogen in ein großes, in einem abgelegenen Wald auf einer Anhöhe stehendes Haus, zieht er seine Tochter groß, lebt in den Tag hinein, vergrübelt ihn allerdings mehr, als dass er ihn wirklich durchlebt. Als „falschen Mann am falschen Ort“ beschreibt er sich selbst einmal im Gespräch mit seiner Haushälterin – unfähig sich wirklich zugehörig zu fühlen zum Leben der anderen. So laboriert er an einer Gegenwart, die partout nicht leicht werden will, weil die dahinter stehende Vergangenheit allzu schwer wiegt. „Ich sagte mir, Du bist, der Du bist! Eine Schnecke, die ihre Vergangenheit als Haus auf dem Rücken trägt, ein humpelnder Einsiedler, der seinen Buckel nicht verbergen kann.“ Kolpas Denken, so hat es den Anschein, kreist bloß noch um Vergangenes. Da sind die ihn quälenden, unbeantworteten Fragen nach dem Verhalten seiner Frau Chaja, der Liebe seines Lebens, die 1983 eines Tages spurlos verschwand – und ihn mit der gemeinsamen kleinen Tochter Rebecca sich selbst überließ. Hinzu kommt die plötzliche Rückkehr seiner Mutter in das Land ihrer Wurzeln, nach Israel. Er fragt sich, was die alte Frau dazu veranlasst, die Niederlande von heute auf morgen ohne plausible Erklärung zu verlassen. Hat sie womöglich ein dunkles, all die Jahre über streng gehütetes Geheimnis? Und was wurde aus Chaja? Wurde sie womöglich Opfer eines Verbrechens? Wer ist sein Vater, dessen Name die Mutter immer vor ihm geheim hielt? Und woher kommt das große Erbe, dass die Mutter ihm mit ihrem Tod in Israel hinterlässt? Fragen über Fragen. „Und jetzt? dachte ich. Jetzt ist fast nichts mehr übrig. Ich war bereits wohlhabend, jetzt bin ich durch den Tod meiner Mutter noch ein bisschen reicher. Außer meiner Tochter habe ich niemanden, für den ich lebe. Ich arbeite nicht mehr, obwohl ich den Schein wahre, in dem ich mir Notizen mache. Aber das ist nichts als äußerliche Bewegung. Ich lebe in einer Welt, in der Zeit und Ort keine Rolle mehr spielen.“

Düsternis und Zynismus sind Kolpas ständige Begleiter. Anhaltend paralysiert von der Wucht der Ereignisse und der offenen Fragen geht er scheinbar fühllos durch die Tage, Wochen, Jahre. Sucht Schutz im Vergessen und im Verdrängen. Und nur in den Gesprächen mit Frau Sanders, seiner Haushälterin, oder den gelegentlichen Telefonaten mit seiner inzwischen in London lebenden Tochter Rebecca findet er momentlang Ablenkung von sich selbst. Bis sich die ihn quälenden Fragen plötzlich nicht länger aufschieben lassen, er eines Tages beginnt, Antworten zu suchen – und sich auf eine schmerzhafte Expedition in die Vergangenheit begibt. Als er bereit ist, sich dieser zu stellen, kehrt der Wunsch zu leben, in ihn zurück: „Und so, nach langer und harter Selbsterforschung, zog ich mich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf meiner Erstarrung.“

So ist dem Niederländer Marcel Möring mit seinem neuen Roman etwas Besonderes geglückt: Ein Buch des Fragens und des Zweifels, und ein Roman über die Unsicherheit eines Menschen, den seine Skepsis gegenüber sich selbst in eine Art privaten Untergang treibt, dem er viel zu lange selbst als Zeuge zusieht. So erweist sich „Im Wald“ am Ende als ein überzeugendes Stück europäischer Literatur: mutig in seinen Fragestellungen, mitreißend im Ton, überzeugend in seiner poetischen Klarheit.

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erstellt am 25.10.2014

Marcel Möring
Im Wald
Roman. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Gebunden, 512 Seiten
ISBN: 978-3-630-87393-0
Luchterhand Literaturverlag, München 2014

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