Die beiden Hauptstädte Wien und Bratislava entdecken gerade ihre Nachbarschaft neu. Während das Theater an der Wien mit „Iphigénie en Aulide et Tauride“ eine Oper im Doppelpack inszeniert, zeigt das Slowakische Nationaltheater Mozarts „La clemenza di Tito“. Beide Opern handeln von Edelmut und Gnade, berichtet Thomas Rothschild.

Oper

Autonomie und Gnade in Wien und Bratislava

Von Thomas Rothschild

Zwei verschiedene Legenden erzählen von Iphigenie. Die eine handelt von der Opferung der Atridentochter auf Aulis durch ihren Vater Agamemnon, die andere von ihrem Priesteramt auf Tauris und der Rettung ihres Bruders Orest. Beide hat Euripides als Dramen gestaltet, beide Stoffe wurden von zahlreichen Autoren bearbeitet. Für die deutsche Kultur wurde Goethes „Iphigenie auf Tauris“ zum Paradestück der Klassik und einer humanistischen Haltung schlechthin.

Christoph Willibald Gluck hat aus beiden Stoffen Opern gemacht. Seine „Iphigenie in Aulis“ wurde 1774 uraufgeführt, seine „Iphigenie auf Tauris“ 1779, im selben Jahr, in dem Goethe seine Prosafassung des Dramas schrieb. Torsten Fischer hat am Theater an der Wien beide Opern inszeniert und nun aus ihnen eine Fassung für einen Abend zusammengestellt. Drei Stunden inklusive Pause dauert das Doppelpack, mehr als ein Drittel der zwei Teile, vorwiegend aus „Iphigénie en Aulide“, mussten gestrichen werden. Die Rechnung geht auf. Das Ergebnis überzeugt musikalisch wie dramaturgisch, der Eindruck eines Fragments stellt sich nicht ein.

Im ersten Teil machen Fischer und seine Mitarbeiter Vasilis Triantafillopoulos und Herbert Schäfer sichtbar, dass die Familiengeschichte, die zugleich ein nationaler Mythos sein will, im Krieg spielt. Agamemnon trägt zum Frack, der ihn als Herrscher ausweist, die Schnürstiefel eines (modernen) Soldaten. Achill tritt im schwarzen Ledermantel auf. Eine Figur, wohl eine Synthese aus dem Seher Kalchas und dem Hauptmann Arkas, trägt das angedeutete Gewand eines katholischen Priesters: ein Feldgeistlicher jenseits der Antike.

Die Titelfigur Iphigenie wird im ersten Teil von Lenneke Ruiten und im zweiten Teil von Véronique Gens gesungen – eine Idealbesetzung, wie sie sich fast nur ein Opernhaus leisten kann, das en suite spielt und auf ein Repertoire verzichtet. Darin besteht die Stärke des Theaters an der Wien gegenüber der benachbarten Staatsoper und auch der Volksoper. Da Ruiten und Gens zugleich die Göttin Diana – also Artemis – verkörpern, können sie auf der Bühne anwesend sein, während die andere Iphigenie agiert. Diese Diana ist hier, durch kein eigenes Kostüm kenntlich gemacht, eine Doppelgängerin der Atridentochter, die somit nicht nur hinter einander, sondern synchron verdoppelt auftritt. Die Ermordung Agamemnons durch Klytämnestra und deren Tötung durch Orest wird als Zwischenspiel zwischen den beiden Opern pantomimisch dargestellt.

Im zweiten Teil wandelt sich der Darsteller Agamemnons Christoph Pohl zu Thoas. Die Läuterung des „edlen Wilden“ ist für Gluck, anders als bei Goethe, kein Thema. Alle Schönheit liegt bei ihm in der Musik, nicht in der Handlung. Im Vordergrund aber stehen Orest (Stéphane Degout) und sein opferbereiter Begleiter Pylades (Rainer Trost). Torsten Fischer macht visuell sehr deutlich, dass Gluck eine mehr als nur platonische Männerfreundschaft komponiert hat. Die meist hell ausgeleuchtete Bühne befördert die Klarheit der Inszenierung. Die Wiener Symphoniker unter Leo Hussain tragen das Ihre dazu bei.

Zwischen den beiden Weltkriegen verband eine Elektrische die nur siebzig Kilometer von einander entfernten Städte Wien und Bratislava. Die Geschichte hat diese Nachbarschaft über Jahrzehnte hinweg zerstört. Nun wird man sich ihrer wieder mehr und mehr bewusst, und Wiener, denen die Operninszenierungen daheim zu modern und vor allem zu teuer erscheinen, reisen busweise in die slowakische Hauptstadt, wo die Eintrittskarten ein Zehntel kosten. Wer freilich meint, hier herrsche die Provinz, muss sich eines Besseren belehren lassen. Gewiss, die Sänger am Ort – mit Gästen arbeitet man hier kaum – gehören nicht unbedingt zu den internationalen Stars. Aber immerhin ist sich ein Starregisseur wie Peter Konwitschny nicht zu fein, am Slowakischen Nationaltheater zu inszenieren.

Bei „La clemenza di Tito“, die übrigens in Prag uraufgeführt wurde, übernahm im historischen Gebäude von Fellmer und Helmer – Bratislava hat seit sieben Jahren auch ein zweites, repräsentatives Haus – der aus Mähren stammende Jiří Nekvasil Regie, und manchem Angereisten war diese Inszenierung, nicht zuletzt dank dem aus unterschiedlich angeordneten farbigen Neonröhren bestehenden Bühnenbild von Daniel Dvořák, wiederum zu modern. Auch bei Mozart geht es, wie in Goethes Iphigenie, um Edelmut und Gnade, wie Ivan Nagel sie in einem großen Essay so klug analysiert hat. Nekvasil führt Tito zunächst als komische Figur ein. Er wird, mit zerrauften schneeweißen Haaren und einem Sweatshirt unter dem saloppen Königsmantel, auf einem Hochsitz, der sich wie ein Fahrstuhl auf und ab bewegen lässt, auf die Bühne und dort umher gefahren. Gesanglich ist Anton Rositsky in der Titelrolle der Höhepunkt des Abends, aber auch Denisa Hamarová als Sesto – ursprünglich eine Kastratenrolle – sorgt für Glücksmomente. Mit Applaus geizen die Opernbesucher in Bratislava. An der Qualität der Aufführung liegt es nicht.

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erstellt am 24.10.2014

Szenenfoto Theater an der Wien © Armin Bardel

Oper in Wien

Iphigénie en Aulide et Tauride

Tragédie opéra (Fassung: Torsten Fischer, 2014)

Musik von Christoph Willibald Gluck
Libretto von Marie Francois Louis Gand Bailli du Roullet (Aulide) und Nicolas-Francois Guillard (Tauride)
Musikalische Leitung Leo Hussain

Theater an der Wien

Szenenfoto Theater an der Wien © Armin Bardel

Oper in Bratislawa

La Clemenza di Tito

Opera seria von Wolfgang Amadeus Mozart

Regie Jiří Nekvasil
Bühne Daniel Dvořák
Musikalische Leitung Friedrich Haider

Slowakisches Nationaltheater

Szenenfoto Slowakisches Nationaltheater: Jozef Barinka