Dass der Mensch sich seine Existenz bestätigt, weil er denkt, ist für viele unserer Mitmenschen bis heute nicht realisierbar. Die Erkenntnis aber stammt vom Philosophen René Descartes, den die Franzosen zum Begründer des Rationalismus machten. Als Offizier im Dreißigjährigen Krieg hatte er in Neuburg an der Donau drei bedeutsame Träume. Otto A. Böhmer war dabei.

Holzwege

Aus der Hand

Der Philosoph René Descartes

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph René Descartes befand sich im Winterquartier in Neuburg an der Donau. Das Heer, in dem er als Offizier diente, war zur Ruhe gekommen. Da lag es nun, das Heer, mit Mann und Maus, und es glich einem ärmlichen Zirkus, der sich zur letzten Rast begeben hatte. Man war noch einmal zusammengekommen, um neue Informationen auszutauschen; als festgestellt wurde, dass es diese nicht gab, ging man frohgemut auseinander und bezog den Wohnraum, der beizeiten requiriert worden war. Descartes hatte, wie so oft, Glück: Ihm wurde auf einem etwas abseits gelegenen Bauernhof ein komfortables Dachzimmer zugewiesen; nicht weit von ihm, auf dem Nachbargehöft, kam sein Freund Ivo unter, der es schon seit mehr als anderthalb Jahren vorzüglich verstand, den Philosophen von der Philosophie abzuhalten. Descartes hörte seinem Freund gerne zu; nicht dass er dessen Tiraden sonderlich interessant oder gar klug gefunden hätte, nein: Ivo besaß nur eine überaus angenehme Stimme, das Organ des geborenen Märchenerzählers, der auch dem Schweigen noch Bedeutungsschwere verlieh. Man lauschte seinen Berichten aus dem Unterstand der lebens- und lügensnotwendigen Nichtigkeiten; seine Stimme flog auf über das Gebrechliche der Welt und erinnerte an die Chimären des Glücks. Descartes schaute aus dem Fenster. Es schneite; die Schneeflocken fielen unendlich langsam zu Boden. Hinter einem kahlen Wäldchen ragten Türme auf; dort gab es ein Schloss, in dem sich ängstliche Menschen vor einem schwachen Feuer versammelt hatten. Von der Schlosskapelle kamen leise Glockenschläge herüber; sie sprangen zwischen den Schneeflocken hindurch und verwehten in der Ferne. Der Philosoph fühlte sich ausgesprochen behaglich: Sein Zimmer war bequem und warm, und über dem Land lag eine gewalttätige Ruhe, die Trost spendete und den Schrecken auf Eis legte. Einen ganzen Winter lang habe ich nun Muße, mich mit meinen Gedanken zu unterhalten, dachte Descartes, und die Aussicht darauf machte ihn schlagartig müde. Ich werde ein wenig nachdenken, murmelte er und legte sich auf sein Bett. Als er die Augen schloss, war es ihm, als sei er auf einmal wieder hellwach: Das Winterquartier war urplötzlich aufgeho­ben worden, der Krieg ging weiter, sollte aber im letzten aller Sommer, wie es hieß, ein für allemal beendet werden. Irgendein Laufbursche hatte den Philosophen in aller Herrgottsfrühe geweckt, was der, jedermann wußte das, wie die Pest hasste: Ein anständiger Tag begann für ihn erst gegen Mittag. Nun aber hatte man ihn geweckt; und der Dummkopf, der dafür verantwortlich war, schien verschollen; überhaupt war das ganze Heer verschwunden. Descartes rannte vor die Tür; niemand war zu sehen. Krähen kreisten über den Feldern; auch sie blieben stumm. „Wo seid ihr denn?“ rief er, aber er brachte nur ein lächerliches Stammeln hervor. Ich bin allein unter der Sonne, dachte er, ist es das, was ich schon immer wollte? Am nächsten Tag traf er seinen Freund Ivo, der erstaunlich blass und angegriffen aussah. „Was ist mit dir?“ fragte Descartes, „hast du wieder zuviel und zu lange dem Wein zugesprochen? Wer war die Schöne, von der du dich nicht trennen konntest?“ – „Nichts dergleichen, mein Freund“, ächzte Ivo; seine Stimme klang nicht so schön und verführerisch wie sonst, sondern alt und krank. „Ich war bei einer Wahrsagerin, einem entsetzlichen Weib; sie hat mich in die Zukunft blicken lassen, und nun bin ich – am Ende.“ „Du Wirrkopf“, lachte Descartes, „glaubst du etwa an Scharlatane und dumme heimtückische Seher?“ „Ich muss daran glauben“, sagte Ivo. „In meiner armen Seele spüre ich, dass es recht hat, das Weib.“ Er schlurfte davon, ein Bild des Jammers, und der Philosoph erschrak. Ich muss selbst zu dieser Kröte in Menschengestalt, dachte er: sie soll das tun, was erwiesenermaßen niemand kann: mir meine Zukunft zu Füßen legen. Die Wahrsagerin hauste in einem winzigen Haus am Rande der Stadt. Zu Descartes’ Verblüffung aber war sie nicht hässlich, sondern auf seltsame Weise schön: Sie hatte das Gesicht eines jungen Mädchens, das längst gestorben und zu neuem unverhofftem Leben gekommen war. Diese Frau ist ein Kind, dachte er. Die Wahrsagerin nahm seine Hand und schaute ihm tief in die Augen; Descartes wurde es warm ums Herz, und eine Erinnerung, die weit vorausgriff, streifte ihn. „Ich kann Euch nur sagen, was Ihr tun müsst“, flüsterte die Frau. „Und ich kann euch berichten von dem Ende, das Ihr nehmen werdet.“ „Wird es schlimm sein?“ fragte der Philosoph. „Nein“, sagte die Wahrsagerin, „Ihr werdet Glück haben. – Zunächst aber müsst Ihr, für lange Zeit, Eure Augen schließen, die Ohren verstopfen und alle Eure Sinne ablenken, auch die Bilder körperlicher Dinge sämtlich aus dem Bewusstsein tilgen… Mit Euch allein müsst Ihr reden, tiefer in Euch hineinblicken, unentwegt – und so versuchen, Euer Selbst nach und nach bekannter und vertrauter zu machen. Ihr seid ein denkendes Wesen, dessen sollt Ihr gewiss werden. Eine Eingebung kommt, aber die Wahrheit erobert Ihr nicht im Handstreich. Ihr seid allein, und der Traum, den Ihr hattet, rückt auf in die Wirklichkeit…“ „Und mein Ende?“ fragte der Philosoph ängstlich, „was ist mit meinem Ende?“ – „Ihr werdet unter Ehren in ein nördliches Land berufen. Dort ist es kalt; Ihr kommt in ein Land der Bären, mitten unter Felsen und Eis. Aber Ihr werdet gut aufgehoben sein am Hof der Königin, die Euch sehr zugetan ist.“ – „Das ist doch höchst erfreulich“, rief Descartes. „In der Tat: Mir scheint das Glück verordnet zu sein.“ „Eines solltet Ihr allerdings noch wissen“, sagte die Wahrsagerin lächelnd. „Ihr müsst mit der Königin philosophieren, und dazu wird sie Euch jeden Morgen um halb fünf wecken lassen.“ – „O Gott“, murmelte Descartes. „Wie es scheint, hast du mir doch nicht das Glück beschieden. Unter diesem Stern, den du da über mich setzt, kann man nicht philosophieren, sondern nur sehr bald sterben – gegen Mittag, nach einem langen, erfrischenden Schlaf…“

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erstellt am 19.10.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

René Descartes
René Descartes