Experimentelle Rockmusiker wie Kevin Ayers oder Frank Zappa scheuten keine Anleihen beim Jazz. Man kann davon ausgehen, dass sie auch mit der Musik des Altsaxophonisten Lee Konitz vertraut waren. Von allen drei Interpreten sind nun neu bearbeitete Aufnahmen erschienen und Thomas Rothschild hat sie sich angehört.

CD

Von Ayers bis Zappa

Von Thomas Rothschild

Gemeinhin denkt man bei Popmusik an Fließbandproduktionen, die eher kommerziellen als künstlerischen Erwägungen folgen, und das hat ja auch seine Berechtigung. Aber in den Hoch-Zeiten des Rock gab es auch Individuen und Gruppen, die Experimente wagten und sich gar nicht so weit entfernt von ähnlichen Unternehmungen in der so genannten E-Musik befanden. Soft Machine, Stormy Six oder Rip, Rig & Panic wären in diesem Zusammenhang zu nennen. Auch Kevin Ayers wollte sich nicht mit Routine zufrieden geben. Auf seinem Album „Whatevershebringswesing“ von 1972, das jetzt digital aufgearbeitet und um drei Titel ergänzt als CD vorliegt, gleichen sich keine zwei Songs. Jeder hat seinen eigenen Charakter. Ayers und seine Band experimentieren mit Soundeffekten, sie zitieren, in „Oh My“, den New Orleans Jazz, im Titeltrack, mit Soli von Mike Oldfield, die Schnulze, in „Stranger in Blue Suede Shoes“ Velvet Underground (und mit dem Titel Elvis Presley), in „Fake Mexican Tourist Blues“ die lateinamerikanische Musik, und beim „Lullaby“ könnte man vermuten, dass Kevin Ayers gerade Eric Satie gehört hat. Auch die Beatles und die Rolling Stones haben Spuren auf den Songs ihres Landsmanns und Altersgenossen hinterlassen.

Wenn man einen einzigen Namen wählen wollte, der die Avantgarde des Rock repräsentiert, das, was man seinerzeit Progressive Rock nannte, dann wäre es wohl Frank Zappa. Er war tatsächlich, was man so vielen zu Unrecht attestiert: ein Genie. Er war hochintelligent, kreativ, unangepasst, aber vor allem ein großer Musiker, Komponist und Gitarrist.

„Puttin' On The Ritz“ ist der Titel eines Jazzstandards von Irving Berlin aus dem Jahr 1929. Der Titel bedeutet, dass man sich extravagant aufführt, und spielt auf das Nobelhotel Ritz an. The Ritz war aber auch der Name eines schummrigen Rock-Clubs im New Yorker East Village. Am 17. November 1981 trat Frank Zappa mit seiner damaligen Band im Ritz auf. Er spielte in zweieinhalb Stunden 30 Titel ohne Unterbrechung. Special Guest war Al Di Meola, der mit zwei atemberaubenden Gitarrensoli einheizt. In einer Umfrage des Guitar Player Magazine wurde das Konzert zum „best concert by anyone, anywhere, ever“ gewählt. Es wurde von einem Radiosender ausgestrahlt, der Mitschnitt liegt jetzt als Doppel-CD vor, allerdings nicht zum ersten Mal, wie im Beitext behauptet wird. Es gab schon früher eine inoffizielle CD-Ausgabe der vier LPs mit dem Konzert.

Das ist politische Musik, nicht so sehr durch die teilweise dadaistischen und zotigen Texte wie durch ihren anarchischen Gestus, der eine einzige Herausforderung der McDonald's-Kultur bedeutet. Direkte politische Aussagen wie die Aufforderung, die Kirchen und die den Kirchen gehörenden Unternehmen zu besteuern, sind eher die Ausnahme.

Charakteristisch für den Progressive Rock sind seine Anleihen beim Jazz. Es ist, als wollte man sich ein Stück von dessen Seriosität leihen, die er, im Gegensatz zum Rock, in den siebziger und achtziger Jahren längst erworben hatte. Aber auch die Freiheit der Improvisation machte ihn attraktiv. Man kann davon ausgehen, dass sowohl Ayers, wie auch Zappa mit der Musik von Lee Konitz vertraut waren. 1959 nahm Konitz zwei LPs auf, die als Meilensteine des Cool Jazz gelten können. Auf der einen, „You and Lee“, stehen Konitz vor einem hochkarätigen Bläserensemble abwechselnd der Pianist Bill Evans und der Gitarrist Jim Hall als Solisten zur Seite. Auf der zweiten LP trifft der Altsaxophonist auf einen Baritonsaxophonisten, der aus dem gleichen Holz geschnitzt ist: auf Jimmy Giuffre. Drei weitere Saxophonisten sowie wiederum Bill Evans am Piano, Buddy Clark am Kontrabass und Ronnie Free am Schlagzeug ergänzen das Duo. Wie kongenial es zusammenspielt, bezeugt vor allem der letzte Titel, ein Standard: „The Song Is You“. Insgesamt noch aufregender erscheint das knapp zehnminütige „Cork'n'Bib“ von Lee Konitz selbst, in dem sich auch die Rhythmusgruppe, allen voran der Bassist Buddy Clark, profilieren dürfen: Jazz at it's best. Die Freude wird durch die vorzügliche technische Aufbereitung der mehr als ein halbes Jahrhundert alten Aufnahmen auf einer CD, die beide LPs enthält, gesteigert.

Lee Konitz und Bill Evans spielen in West-Berlin, 1965

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erstellt am 18.10.2014

Kevin Ayers
Whatevershebringswesing
Parlophone/in-akustik

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Frank Zappa
Puttin' On The Ritz
Gold Fish/in-akustik GOLF009 (2 CD)

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Lee Konitz & Bill Evans
You and Lee + Lee Konitz Meets Jimmy Giuffre
American Jazz Classics/in-akustik 99110

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