Das Tagebuch eines Schriftstellers, in dem das Private als ausgestellte Intimität öffentlich wird, ist eine problematische Gattung. Der Fall liegt jedoch anders bei Martin Walser, der sein Leben zum Instrument seines Schreibens gemacht hat. Nun sind Walsers Tagebücher aus den Jahren 1979 bis 1981 erschienen und Martin Lüdke hat sie gelesen.

Martin Walsers Tagebücher 1979 bis 1981

So geht Kulturgeschichte

Ein persönlicher Zugang zu diesem dicken Brocken

Von Martin Lüdke

Es gibt unter den vielen, vielen Walser-Lesern nur wenige, die das Glück hatten, Martin Walsers herrliches Haus am Bodensee zu betreten, gar noch von der Rückseite her, also vom Wasser kommend, und das, wie ich einst, auch noch in der Badehose von Uwe Johnson. Mir war dieses Privileg vergönnt. Ich habe seine Frau, seine Töchter, und zwar alle vier, seinen Hund, das kleine Ruderboot, die Wiese, die bis zum See hinunterführt, kennen lernen dürfen, seine Arbeitszimmer, seinen Weinkeller und den Schrank, in dem die, zum Teil ehrgebietend alten Hemden aufbewahrt sind.

Ich bin stolz darauf gewesen. Vielleicht unverhältnismäßig stolz, weil dieser Martin Walser von dem Augenblick an, an dem ich unsere Gegenwartsliteratur zur Kenntnis nahm, für mich immer schon präsent war, mit seinen Büchern, seinen Stellungnahmen, seinem Engagement. Einer der Großen, einer der wenigen, zu dem ich, wie zu einem Denkmal auf hohem Sockel, bewundernd aufblickte. Und dann öffnete er selbst mir seine Tür. Alle Türen.

Ich war stolz wie Bolle. Allerdings, wie ich jetzt noch einmal schmerzlich erfahren musste, etwas voreilig. Denn ein Privileg, das jedermann genießen kann, verdient kaum mehr diesen Namen. Zumal wenn es, wie in diesem, dem jüngsten Fall wieder, für exakt 26,95 € in jeder guten Buchhandlung zu erwerben ist.

Martin Walser: Schreiben und Leben. Tagebücher 1979 – 1981

Hießen die früheren drei Bände, die den Zeitraum von 1951 bis 1978 umfassen, noch „Leben und Schreiben“, so kehrte sich für den Autor, der damals gerade die fünfzig überschritten hatte, das Verhältnis um: Schreiben und, erst dann, Leben.

Kunst, das wissen wir, entsteht erst in der Differenz zum Leben. Das gelebte Leben, unmittelbar abgebildet, mag angestrebt werden. Authentizität ist aber, ästhetisch betrachtet, immer Ergebnis, nie Ausgangspunkt.

Deshalb ist das Tagebuch eines Schriftstellers, in dem das Private als ausgestellte Intimität öffentlich wird, eine etwas problematische Gattung. Der Leser eines Tagebuchs ähnelt dem Voyeur, der sich durchs Schlüsselloch seinen Einblick verschaffen will, um, wie Hegel das hübsch beschrieb, den Helden in der Unterhose zu sehen. Das mag dann legitim sein, wenn die Biographie des Schriftstellers tatsächlich zum Verständnis seines Werkes beiträgt. Ich habe nie die Begeisterung über die Tagebücher Thomas Manns verstehen können. Sein zuweilen leider etwas harter Stuhlgang hat mir die Gestalt des Adrian Leverkühn nicht näher gebracht. Der Fall liegt etwas anders bei Kafka und wieder anders bei Martin Walser.

Aus einem einfachen Grund: Walser hat sein Leben zum Instrument seines Schreibens gemacht. Er hat sich als Seismograph eingesetzt, um die Ausschläge psychischer, sozialer und politischer Erschütterungen am Individuum abzulesen.

Er hat aus diesem Stoff ganze Dynastien geschaffen, die Kristleins, die Horns, die Halms und Zürns, Walser‘sche Helden, die, vom Bodensee kommend, durch alle Welt ziehen, und immer mit dem Empfindungsapparat ausgestattet sind, den er hier, in seinen Tagebüchern, überhaupt erst entwickelt.

Geschichtsschreibung des Alltags nannte Walser einmal selbst sein Vorhaben. Es ist aber mehr: In seinen Büchern nimmt das Leben Gestalt an, es wird auch die Mentalitätsgeschichte, überhaupt die Geschichte der Bundesrepublik (wie übrigens auch die deutschen Teilung) geschrieben.

Walser kann bekanntlich viel. Er kann beschreiben. Er kann erzählen. Er kann, virtuos wie kein zweiter, mit der Öffentlichkeit, mit den Medien spielen. Seine Gesprächspartner an der Nase herumführen. Und: er kann provozieren. Zudem kann er, absolut einzigartig, leiden – auch an den Reaktionen, die er selbst erst provoziert hat. Er ist spontan, impulsiv, zuweilen auch jähzornig. Ein gewiefter Taktiker, aber auch, wie ich jetzt erfahren musste, ängstlich. Allerdings immer reflektiert. Stets legt er sich Rechenschaft ab, über sein Tun, sein Unterlassen, und sein Denken.

Und dieser Mann öffnet uns nun freiwillig die Tür zu seinem ansehnlichen Anwesen. Wir dürfen aufs Grundstück. Wir dürfen ins Haus. Wir dürfen dabei sein. Immer. Oder fast immer. Beim Zoff zwischen den Kindern. Der Wirkung oft knüppeldicker Kritik. Den täglichen Kämpfen. Den Querelen im Betrieb. Den Eifersüchteleien.

Und da, bei ihm, sind wir, seine Leser, jetzt wirklich eingeladen? Bei den Walsers, in Nußdorf am Bodensee. Ja. Walser lässt uns mit am Tisch sitzen, wenn sich seine Töchter beim Essen streiten, zum Beispiel die beiden, aus denen später erfolgreiche Schriftstellerinnen wurden, Alissa und Teresia. Wir sind dabei. Wir leiden mit, wenn der Vater um die Bühnenauftritte seiner Franziska, der ältesten Tochter bangt. Wir freuen uns mit, wenn er sich über die ersten Erfolge seiner Johanna, (Buch bei S. Fischer), freut. Wir sitzen mit an seinem Schreibtisch, wenn er Pläne entwirft, Figuren skizziert, Gedanken notiert. Wenn sich, ganz allmählich, Lord Liszt zu einer Figur formt, wenn Gottlieb Zürn, der Makler aus dem „Schwanenhaus“, seinen Weg bis in die SPIEGEL-Bestsellerliste findet, dorthin, wo das „Fliehende Pferd“, die große Erfolgsnovelle schon wartet. Wir gehen mit ihm und seiner Familie auf Reisen, zu einer Gastprofessur in die USA, nach Frankfurt, München, Berlin. Wir nehmen an den Auseinandersetzungen mit seinem Verleger Siegfried Unseld teil, in einer schwierigen Freundschaft, dem Verhältnis zu Reich-Ranicki. Wir spüren Walsers Wut, seine Ohnmacht, und die Mechanismen eines Literaturbetriebs, der damals begann, sich mit neuen Strategien, etwa der Skandalisierung, Aufmerksamkeit zu verschaffen. Wir lesen zugleich eine Literaturgeschichte der ganz anderen Art, zum Beispiel aus der Kollegen-Perspektive geschrieben. Es ist nicht immer und auch nicht für alle die vorteilhafteste Sehweise. Walsers Sottisen gegen Handke und Bernhard, seine ambivalente Haltung gegenüber Max Frisch und Uwe Johnson, all das wird uns – wie hinter vorgehaltener Hand, doch offen – erzählt. Wir werden eingeladen, seine intimsten Regungen zu beobachten. Diese verblüffende, sich und anderen gegenüber oft schonungslose Offenheit darf aber nicht falsch verstanden werden: Walsers Tagebücher sind zwar oft intim, sehr intim sogar, aber sie sind kaum einmal indiskret.

Im Nachwort zum zweiten Band hatte Walser über die „mögliche Unschuld“ seiner Tagebücher nachgedacht, dabei zwischen „Aufschreiben“ und „Hinschreiben“ unterschieden, um die fließende Grenze zwischen Leben und Schreiben näher zu bestimmen. Natürlich bleibt jede angestrebte Unmittelbarkeit eine Illusion. Trotzdem wird das Ich, das sich auf seiner privaten Bühne präsentiert, zu einer literarischen Figur. Dieser Walser wird zum spannenden Typ, der uns, seine Leser, mitnimmt auf diese lange Reise, auf der sein imposantes Werk entstanden ist. Anders gesagt: Das Privileg, auf das ich mir einst einiges einbildete, war unbegründet. Er selbst hat es verallgemeinert. Und gleichsam umgekehrt, da war die Angst, die ich vor ihm hatte, ebenso unbegründet. Denn er habe, schreibt er, Angst vor mir gehabt. Unglaublich für mich, heute noch. Als junger Kritiker, ich hatte das „Schwanenhaus“ in der „ZEIT“ besprochen, wurde ich (zum ersten Mal!) zu einer Fernsehdiskussion über diesen Roman eingeladen. Ich hatte natürlich Angst, zwei große Namen und, dazu: ich. Jetzt aber konnte ich lesen:

Donnerstag, den 4. 9. 1980:

Am nächsten Dienstag in Baden-Baden Diskussion mit Martin Lüdke und Walter Jens: die bisher größte Beherrschungsaufgabe. (…) Zwei Raubtiere. Ein freundliches und ein bösartiges. Und ich darf nicht merken lassen, dass ich Angst habe. Und ich darf auch nicht merken lassen, dass ich sie für Raubtiere halte. Ich muss bei denen den Eindruck erwecken, als hielte ich sie für höhere Wesen und sei selber ein denkbar niederes Wesen.

Das bösartige Raubtier sollte ich gewesen sein. Nach der Veranstaltung notiert Walser allerdings, ich sei gar nicht so schlimm gewesen, Walter Jens dagegen schon. Über einige Seiten hinweg beschäftigt Walser diese Angelegenheit. Abgesehen davon, dass mir seine, vorsichtig gesagt, hohe Einschätzung geschmeichelt hat, es zeigt sich daran das prinzipiell schiefe Verhältnis zwischen Literatur und Kritik. In einem Aufsatz hatte Walser einmal, hübsch zugespitzt, geschrieben, dass ein Schriftsteller oft genug jahrelang an einem Buch arbeite, dass der Kritiker, wenn es gut geht, morgens lese und am Nachmittag verreiße. Selbst wenn der Kritiker mehr Zeit für seinen Verriss aufwendet, es bleibt ein Missverhältnis. Der Autor hat wenige Chancen, selbst einem ersichtlich falschen Urteil zu widersprechen. Auch in der Diskussion, auch mit den rhetorischen Fähigkeiten, über die Walser seit jeher verfügt. Aus diesem Umstand könnte man die moralische Verpflichtung des Kritikers zu Sorgsamkeit und hinreichender Begründung ableiten. Aber das führt über die – lesenswerten – Tagebücher hinaus. Martin Walser jedenfalls hat sich sein Leben lang mit der Kritik auseinandergesetzt.

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erstellt am 17.10.2014

Martin Walser
Schreiben und Leben. Tagebücher 1979–1981
Hardcover, 704 Seiten
ISBN 978-3-498-07386-2
Rowohlt Verlag, Reinbek 2014

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