Seine Romane erinnern an die Filmklassiker der Nouvelle Vague, und in seiner poetischen Paris-Beschwörung erweist sich der Franzose Patrick Modiano als Proust'scher Nachfahre. Nun wurde dem zurückgezogen an der Seine lebenden Autor der Literaturnobelpreis zuerkannt. Peter Henning stellt Modiano vor.

Literaturnobelpreis 2014 an Patrick Modiano

»Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«

Von Peter Henning

Der Zeitungshinweis auf eine vor langer Zeit als verschwunden gemeldete junge Frau, ein scheinbar achtlos in einem Hotelzimmer zurückgelassener Lederkoffer oder eine Handvoll plötzlich aufgetauchter Schwarz-Weiß-Fotos: Nur scheinbar unbedeutende Details, an denen sich regelmäßig das flirrend in die Vergangenheit zurückdrängende Erzählen des Franzosen Patrick Modiano entzündet. Ein beschwörendes Erzählen, das immer neu für diesen Autor längst programmatisch gewordene Sätze wie diese gebiert: „Er war auf der Suche nach einer verlorenen Unschuld, auf der nach Orten, die für das Glück und die Sorglosigkeit gedacht waren, wo man aber von nun an nicht mehr glücklich sein konnte.“

Für die deutschsprachigen Leser 1985 von Peter Handke, der dessen Roman „Eine Jugend“ aus dem Französischen übertrug, entdeckt, gilt der 1945 im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt geborene Modiano als der Spuren- und Fährtenleser unter Frankreichs bedeutenden Erzählern. Ein zurückgezogen lebender, gleichwohl scharfsinniger Beobachter, der uns in all seinen schwebend-leichten und wie hingetupft anmutenden Romanen regelmäßig am Faden seiner Sätze zurück geleitet in das von ihm unermüdlich neu mit Worten kartographierte Nachkriegsparis. Denn genau betrachtet sind die wiederkehrenden literarischen Tauchfahrten dieses Autors durch sein mit Worten erinnertes Paris der 40er und 50er Jahre nichts anderes als poetische Anrufungen jener längst versunkenen Nachkriegsära, in welcher Größen wie Edith Piaf, Jean Gabin oder Charles Aznavour erstmals die Bühne betraten, Schwarzhandel blühte – und die Träume noch in Schwarzweiß abliefen.

„Es war keine Berufung und keine besondere Begabung, die mich zum Schreiben drängten“, bekannte Modiano einmal in einem seiner seltenen Fernsehinterviews, „sondern all die Fragen, auf die es niemals eine Antwort gegen würde.“ Fragen, auf die er sich in seinem Roman „Ruinenblüten“ von 1991 selbst folgende Antwort gab: „Wozu versuchen, unlösbare Geheimnisse aufzudecken und Gespenster zu verfolgen, wenn das Leben hier war, ganz einfach, in der Sonne?“ Gleichwohl versetzt uns der 1988 mit dem Prix Goncourt, Frankreichs höchster literarischer Auszeichnung, bedachte Geisterbeschwörer Modiano regelmäßig in ein Klima der Unsicherheit, des Rätsels und des Ungefähren. Dabei macht er uns wiederkehrend zu staunenden Zeugen der nicht selten Jahrzehnte weit in die Geschichte zurückreichenden Tast- und Aufklärungsversuche seiner Figuren. Das Resultat sind kunstvoll inszenierte Rätselspiele, die sich mal als roman noir erweisen, mal als finster-poetischer Fiebertraum.

Patrice Leconte übertrug Modianos frühen Roman „Villa Triste“ 1994 mit der bezaubernden Sandra Majani in der Hauptrolle in flirrende Filmbilder. Und wer sich bereitwillig mitreißen ließ von der bittersüßen Leichtigkeit des Films, der einen Sommer des Jahres 1958 beschwor, der konnte plötzlich verstehen, was es bedeutete, als es über Hippolyte Girardot in der Rolle des verliebten Victor hieß: „Der Regen, der auf ihn fiel, löschte ihn aus, wie Wasser Farbe auflöst, die keine Zeit gehabt hat, zu trocknen.“

Konsequent reihte dieser Autor seine Kurzromane zu sich ineinander fügenden Bausteinen eines, nein: seines inneren Paris-Bildes auf: „Unbekannte Frauen“ (2002), „Die kleine Bijou“ (2003), „Unfall in der Nacht“ (2006) oder 2013 die kleine Chronik einer sukzessiven Selbstauflösung, den Roman „Das Café der verlorenen Jugend“. Entrollt wird darin die Geschichte der jungen, unglücklich verheirateten Sinnsucherin Louki, die sich auf ihren nächtlichen Streifzügen in ein Cafè namens Condé verläuft, in welchem sie auf eine Gruppe geheimnisvoller Bohemiens trifft; Typen wie Babilée, der Dichter Adamov oder Doktor Vala – „streunende Hunde“, deren wahres Leben beginnt, wenn die Nacht sich über die Seine zu senken beginnt. Sie alle suchen, genau wie all die anderen Glückssucher in den Roman dieses Meisters der leisen Töne, Zuflucht in der anonymen Geborgenheit irgendwelcher Cafés, „als wollten sie vor etwas fliehen, einer Gefahr entrinnen“.

Doch Modiano wäre nicht er selbst, gelänge es ihm nicht abermals regelmäßig, seine Geschichten als poetische Suchbilder dieser Frau oder jenes Mannes zu arrangieren. Und so füttert er uns Zug und Zug mit Bruchstücken ihrer Legenden – mal aus der Hand eines Detektivs, mal anhand von Fotos oder in Form von Zeitungsartikeln, die den entscheidenden Hinweis auf ihr Verbleiben oder ihre Geschichte liefern. Bis sich das Ganze wiederkehrend zu Porträts von Existenzen rundet, die nur dann sie selbst ist, wenn sie rausreißen, untertauchen, sich in der Fremde verlieren.

„Man braucht nur auf dem Weg zu bleiben, und nichts wird sich je verändern“, heißt es in Modianos Erzählung „Ruinenblüten“ aus dem Jahr 1996, so wie sich all seine über die Jahre erschienenen Romane bei genauer Betrachtung im Kern gleichen: sein früher, 2000 bei uns erschienener Roman „Ein so junger Hund“, seine sommerlich leichte Fluchtgeschichte „Hochzeitsreise“, die Beschwörung „Im Vorraum der Kindheit“ oder seine späteren Geschichten um verlorene Leben, Lieben, Bilder oder Gedanken, „Sonntage im August“, „Dora Bruder“ oder „Aus tiefstem Vergessen.“

Denn hier schreibt einer gegen das Vergessen an, der gleichwohl begriffen hat, dass dieses Spiel auf Dauer nicht zu gewinnen ist. Denn wie heißt es dazu in „Aus tiefstem Vergessen“ stellvertretend: „Das also war mein gegenwärtiges Leben? Alles beschränkte sich für mich in diesem Augenblick also auf rund zwanzig bunt zusammengewürfelte Namen und Adressen, zwischen denen ich die einzige Verbindung war.“ Und so müssen wir Leser seiner Bücher uns als Wesen begreifen, die anderen beim Kommen und Gehen zusehen,- beziehungslose, sisyphoshaft agierende Existenzen, von denen am Ende höchstens ein paar vergilbte Schwarzweißfotos bleiben. Oder doch ein bisschen mehr?

Patrick Modiano entwirft literarische Puzzles, in denen nichts so ist, wie es uns erscheint, geheimnisvoll in sich changierende Stimmungsgemälde, die uns aus den Filmklassikern der Nouvelle Vague vertraut erscheinen – und die allesamt der Idee folgen, dass die Wiederholung des Verpassten und Vergangenen sehr wohl möglich ist – und sei es auch nur in Worten geträumt. Von dieser wunderbaren Illusion handelt das Werk dieses poetischen Beschwörers.

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erstellt am 17.10.2014