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Als Mark Twain seine Reise um die Welt antrat, hatte er einen Schuldenberg von 190000 Dollar angehäuft. Bei seiner Rückkehr war er schuldenfrei. Der Autor von „Huckleberry Finn“ und „Tom Sawyers Abenteuer“ konnte sich auf seine Leserschaft in der ganzen Welt verlassen. Der Schuldenabbau war ein Nebeneffekt der Reise. Indien war für Twain selbst eine Entdeckung. Dem Subkontinent widmete er ein Jahr später den schillerndsten Teil seiner Reisegeschichte „Meine Weltreise nach Indien“.

Clair Lüdenbach

Sechster Reisebericht

Mark Twain: Meine Weltreise nach Indien

Following the Equator, 1895-1896

Auszug aus Kapitel Siebzehn

20. Januar. Bombay! – wie ein Märchen aus »Tausendundeiner Nacht«, entzückend, verwirrend, bezaubernd! Es ist eine ungeheure Stadt, mit etwa einer Million Einwohner, meist braune Leute; die wenigen Weißen, die man zerstreut unter der Masse der Bevölkerung sieht, kommen gegen all die dunklen Gesichter kaum in Betracht. Hier ist es Winter: ein himmlisches Juniwetter und frisches, köstliches Sommerlaub. Im Schatten der großen prächtigen Baumreihe dem Hotel gegenüber sitzen malerische Gruppen von Eingeborenen beiderlei Geschlechts; der Gaukler im Turban mit den Schlangen und Zauberkünsten ist natürlich dabei. Den ganzen Tag sieht man die verschiedenartigsten Trachten zu Fuß und zu Wagen vorüberziehen; es ist, als könnte man nie müde werden, diese endlosen Wandelbilder, dies glänzende und stets wechselnde Schauspiel zu betrachten. Die fest eingekeilte Masse der Eingeborenen im großen Basar bot einen wunderbaren Anblick; es war ein Meer von buntfarbigen Turbanen und faltigen Gewändern, zu dem die fremdartigen, prunkvollen indischen Bauwerke gerade den richtigen Hintergrund bildeten. Bei Sonnenuntergang folgte ein anderes Schauspiel: eine Fahrt am Seestrand bis zur Malabarspitze, wo Lord Sandhurst, der Gouverneur der Präsidentschaft Bombay, wohnt. Auf der ersten Hälfte des Weges, den alle Welt fährt, steht ein schöner Parsenpalast neben dem andern. Die Privatequipagen der reichen Engländer und vornehmen Eingeborenen haben außer dem Kutscher noch drei Bediente in wundervollen orientalischen Livreen. Zwei davon, prächtig anzuschauen, stehen als beturbante Statuen hintenauf. Manchmal nehmen selbst die öffentlichen Fuhrwerke dergleichen überschüssige Diener mit: einen zum Fahren, einen, um neben dem Kutscher zu sitzen und ihm zuzusehen, und einen, der hinten auf dem Tritt steht und schreit, wenn jemand im Weg steht; wenn niemand da ist, schreit er auch, um nicht aus der Übung zu kommen. Das alles bringt Leben und Bewegung mit und erhöht den Gesamteindruck von Hast, Schnelligkeit, Lärm und Verwirrung.

Ja, das ist Indien! Das Land der Romantik und der Träume, wo fabelhafter Reichtum und fabelhafte Armut wohnen, das Land der Pracht und der Herrlichkeit, der Lumpen, der Paläste und elenden Hütten, der Pest und Hungersnot, der Schutzgeister und Riesen, wo Aladins Lampe, Tiger, Elefanten, die Kobra, der Dschungel zu finden sind, wo hunderterlei Völker in hunderterlei Sprachen reden, das tausend Religionen und zwei Millionen Götter hat. Indien ist die Wiege des Menschengeschlechts, der Geburtsort der menschlichen Sprache, die Mutter der Geschichte, die Großmutter der Sage, die Urgroßmutter der Überlieferung; was für andere Völker graues Altertum ist, zählt zu Indiens jüngster Vergangenheit. Es ist das einzige Land unter der Sonne, das für den Fürsten und den Bettler, den Gebildeten und den Unwissenden, den Weisen und den Toren, den Sklaven und den Freien den gleichen, unzerstörbaren Reiz besitzt. Alle Menschen möchten es sehen, und wer es einmal auch nur flüchtig geschaut hat, würde die Wonne dieses Anblicks nicht für all das Gepränge eintauschen, das der gesamte übrige Erdball zu bieten vermag.

Die indische Krähe – dieser Vogel aller Vögel. Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen und war dann ganz in ihn vernarrt. Ich glaube, er ist der durchtriebenste Spitzbube, der Federn trägt, und dabei so lustig und selbstzufrieden wie kein anderer. Ein solcher Vogel konnte nicht mit einem Mal zu dem geschaffen werden, was er ist: unvordenkliche Zeitalter haben an seiner Entwicklung gearbeitet. Er ist öfter wiedergeboren als der Gott Schiwa und hat bei jeder Seelenwanderung etwas zurückbehalten und es seinem Wesen einverleibt. Im Verlauf seines stufenweisen Fortschritts, seines glorreichen Vorwärtsschreitens zu letzter Vollendung ist er ein Spieler gewesen, ein zuchtloser Priester, ein Komödiant, ein zänkisches Weib, ein Schuft, ein Spötter, ein Lügner, ein Dieb, ein Spion, ein Angeber, ein käuflicher Politiker, ein Schwindler, ein berufsmäßiger Heuchler, ein bezahlter Patriot, auch Reformator, Vorleser, Anwalt, Verschwörer, Rebell, Royalist, Demokrat; er hat sich überall eingemischt, sich unehrerbietig und zudringlich benommen, hat ein gottloses, sündhaftes Leben geführt, bloß weil es ihm das größte Gaudium machte. Und das Ergebnis der stetigen Ansammlung aller verwerflichsten Eigenschaften ist merkwürdigerweise, dass er weder Sorge noch Kummer noch Reue kennt; sein Leben ist eine einzige Kette von Wonne und Glückseligkeit, und er wird seiner Todesstunde ruhig entgegensehen, da er weiß, dass er vielleicht als Schriftsteller oder dergleichen wiedergeboren wird, um sich dann womöglich als noch größerer Schwerenöter behaglicher zu fühlen als je zuvor.

Auszug aus Kapitel Vierundzwanzig

In Indien werden die Züge ausschließlich von Eingeborenen bedient, auch alle Stationsbeamten – außer an den Hauptplätzen – sind Eingeborene, desgleichen die Polizisten und die Angestellten im Post- und Telegrafendienst. Lauter sehr freundliche und gefällige Leute. Eines Tages war ich aus dem Schnellzug gestiegen, um mich mit Entzücken an dem Schauspiel zu weiden, das jede große Station in Indien bietet. Die bunten Scharen der Eingeborenen, welche auf dem breiten Perron rastlos durcheinander wirbelten, fesselten mich dergestalt, dass ich alles andere darüber vergaß. Als ich mich umwandte sah ich, dass mein Zug soeben zum Bahnhof hinausfuhr. Ich wollte mich ruhig hinsetzen, um den nächsten Zug abzuwarten, wie ich es zu Hause getan hätte; an eine andere Möglichkeit dachte ich nicht. Da trat ein eingeborener Beamter, der eine grüne Flagge in der Hand hielt, höflich auf mich zu: »Wollten Sie nicht mit dem Zug weiter?« Als ich dies bejahte, ließ er seine Flagge wehen, der Zug kam zurück, und er half mir mit solcher Ehrerbietung einsteigen, als wäre ich der Generaldirektor selber gewesen. Ein gutherziges Volk, diese Hindus! Unfreundliche, mürrische Mienen, welche Bosheit und schlechte Gemütsart verraten, sind eine solche Seltenheit, dass es mir oft vorkam, als müsse ich die Mordgeschichten der Thugs geträumt haben. Freilich wird es auch unter den Indern schlechte Menschen geben, aber jedenfalls in großer Minderzahl. Eines ist gewiss: Es ist das interessanteste Volk in der ganzen Welt und dabei unerklärlich und unbegreiflich in seinem Wesen wie kein anderes. Sein Charakter, seine Geschichte, seine Religion, seine Sitten sind voller Rätsel, die nur noch unverständlicher werden, wenn man uns Aufschluss darüber gibt. Weshalb und auf welche Weise so seltsame Dinge wie die verschiedenen Kasten, die Thugs, die Sates entstanden sein können, geht über unsere Begriffe.

Für die Sitte der Witwenverbrennung hat man zum Beispiel folgende Erklärung: Eine Frau, die ihr Leben freiwillig hingibt, wenn ihr Gatte stirbt, wird augenblicklich wieder mit ihm vereinigt, und sie genießen fortan im Himmel zusammen ewige Freuden; die Familie errichtet ihr ein Denkmal oder einen Tempel und hält ihr Andenken in hohen Ehren. Der Opfertod der Frau verleiht auch allen ihren Angehörigen eine besondere Auszeichnung in den Augen des Volkes, die sich dauernd auf ihre Nachkommenschaft vererbt. Bleibt sie dagegen am Leben, so erwartet sie Schmach und Schande; wieder verheiraten kann sie sich nicht, die Familie verachtet sie und sagt sich von ihr los; freundlos und verlassen fristet sie ihr jammervolles Dasein.

Auszug aus Kapitel Sechsundzwanzig

Benares hat mich nicht enttäuscht. Es verdient seinen Ruf als große Sehenswürdigkeit. An einer tiefen Bucht des Ganges amphitheatralisch auf einem Hügel erbaut, den es ganz bedeckt, bildet es eine feste Masse, die nach allen Richtungen hin von labyrinthartig verschlungenen Spalten durchzogen wird, welche Straßen vorstellen. Mit seinen hohen schlanken Minaretts und den beflaggten Tempelkuppeln und Spitzen gewährt die Stadt vom Fluss aus gesehen einen höchst malerischen Anblick. Es wimmelt darin wie in einem Ameisenhaufen; ein Wirrwarr ohnegleichen herrscht in den engen Straßen. Auch die heilige Kuh läuft dort nach Belieben umher, holt sich ihren Zehnten aus den Kornläden, ist überall im Wege und eine große Plage für alle Welt, weil man sie nicht belästigen darf.

Benares ist zweimal so alt wie Geschichte, Überlieferung und Sage zusammengenommen. In Mr. Parkers klar und übersichtlich geschriebenem »Führer durch Benares« steht, dass nach Anschauung der Hindus die Erschaffung der Welt dort ihren Anfang genommen hat. Mitten in das uferlose Meer stellte der gute Gott Wischnu ein aufrechtes »Lingam« hin, das zuerst nicht größer war als ein Ochsenohr; allmählich erweiterte er es, bis es zehn Meilen im Durchmesser hatte. Da ihm das aber noch immer nicht genügte, baute er die ganze Erdkugel herum. Also liegt Benares in ihrem Mittelpunkt, und das wird als ein Vorzug angesehen.

Die Geschichte der Stadt ist sowohl in geistlicher als in weltlicher Beziehung höchst wechselvoll gewesen. Ursprünglich herrschten die Brahmanen dort viele Jahrhunderte lang, dann trat in neuerer Zeit, vor etwa 2 500 Jahren Buddha auf, und während zwölf Jahrhunderten war Benares buddhistisch. Die Brahmanen bekamen jedoch abermals die Oberhand und haben sich seitdem nicht wieder verdrängen lassen. In den Augen der Hindus ist die Stadt unbeschreiblich heilig, aber sie ist auch ebenso ungesund und riecht ganz pestilenzialisch. Benares gilt als Hauptquartier des Brahmanismus, und die Priester bilden ein Achtel seiner Gesamtbevölkerung, doch sind ihrer nicht zu viel, da ganz Indien für ihren Unterhalt sorgt. Aus allen Himmelsgegenden drängen die Pilger herbei, um mit ihren Ersparnissen die Taschen der Priester zu füllen. Der Strom der frommen Spenden versiegt nie. So eine Priesterstelle am Ufer des Ganges ist der einträglichste Posten von der Welt. Ihr heiliger Inhaber sitzt sein Leben lang in großem Staat unter seinem Regenschirm, segnet alle Pilger, steckt seine Gebühren ein und wird fett und reich dabei; die Stelle wird von Vater auf Sohn weiter- und weitervererbt durch alle Zeiten hindurch und bleibt als dauernder, Gewinn bringender Besitz in der Familie.

Gern hätte ich mir irgendwelchen Begriff von der Theologie der Inder gemacht, aber die Sache war allzu verwickelt und die Schwierigkeiten unüberwindlich. Nicht einmal über das Abc kommt man hinaus. Es gibt eine Dreieinigkeit – Brahma, Wischnu und Schiwa – scheinbar voneinander unabhängiger Mächte, aber ganz sicher ist das nicht, denn in einem Tempel steht ein Bildwerk, das alle drei Gottheiten in einer Person zusammenfasst. Jeder der drei Götter hat mehrere Benennungen, er hat auch Frauen mit verschiedenen Namen und Kinder, die bald so, bald so heißen; dadurch entsteht eine heillose Verwirrung, aus der man sich in keiner Weise zurechtfinden kann. Ein Versuch, sich die Scharen der niederen Gottheiten einzuprägen, ist nicht der Mühe wert; ihre Unmenge ist allzu groß.

Aus: Mark Twain, Meine Weltreise nach Indien. Following the Equator
Mit freundlicher Genehmigung © Edition Erdmann, Wiesbaden

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erstellt am 14.10.2014

Sie mussten mit Löwen kämpfen, litten unter unbekannten Krankheiten mit ungewissem Ausgang, sahen ungeahnte Wunder, gerieten immer wieder in Lebensgefahr, erlebten Unglaubliches, hungerten, verdursteten fast und wurden Gäste großherziger Herrscher: die reisenden Entdecker zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert.
Die Reihe mit Fundstücken aus diesen Reisebeschreibungen in Faust-Kultur versammelt, bewahrt frühe Erfahrung des Fremden und gerettete kulturelle Erkenntnisse. Das ergibt ein beträchtliches Lesevergnügen.

Die Wortwahl der Dokumente entspricht nicht in allen Fällen dem derzeitigen Stand politischer Korrektheit (Anm. d. Red.).

Mark Twain
Mark Twain

Mark Twain
Meine Weltreise nach Indien. Following the Equator
Leinen mit Schutzumschlag, ca. 512 Seiten
EAN: 978-3-86539-815-4
Edition Erdmann, Wiesbaden 2010

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