Indianer, die ursprünglichsten Bewohner Brasiliens, hatten in der Literatur ihres Landes bisher keine Stimme. Acht Jahre hat Paulo Scott vergeblich nach einem Beispiel gesucht und dann selbst diese Leerstelle beseitigt. Sein Roman „Unwirkliche Bewohner“ erzählt von Maína, von wohlmeinender Gewalt und vom frühen Tod dieses indianischen Mädchens. Es ist der erste Roman, der eine indigene Person in der brasilianischen Literatur Subjekt sein lässt. Michael Kegler hat sich mit der Entstehungsgeschichte des Romans befasst.

Paulo Scott
Porträt des brasilianischen Autors Paulo Scott

Beunruhigend sollte alle Literatur sein

Von Michael Kegler

Der kürzlich verstorbene João Ubaldo Ribeiro lästerte in seinen Berliner Glossen darüber, wie empört das deutsche Publikum reagiert, wenn ein brasilianischer Schriftsteller zugibt, dass er noch nie in seinem Leben einen echten Indianer gesehen hat. Er selbst habe sich aus dieser Lage gerettet, indem er dem Publikum faustdicke Ammenmärchen auftischte: „Als ich klein war, kamen die Indianer immer aus dem Urwald von der anderen Straßenseite und sprangen über die Mauer in unseren Hof, um die Hühner mit Pfeilen zu erlegen.“ In Rio treffe er allerdings nur noch so „zwei- bis dreihundert am Tag.“ (Ein Brasilianer in Berlin, übers.: Ray-Güde Mertin, Suhrkamp 1994 ff / TFM 2010 ff).

Wie erstaunt war man nun, als mehr als zwei Jahrzehnte nach diesen ironischen Aufzeichnungen bei Protesten rund um die Fußballweltmeisterschaft eine Indianersiedlung am Maracanã-Stadion mitten in Rio de Janeiro geräumt wurde. In seiner Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2013 prangerte Luiz Ruffato an: „Von den vier Millionen Indianern, die es im Jahr 1500 gab, sind heute noch ungefähr 900.000 übrig, von denen ein Teil unter erbärmlichen Bedingungen in Lagern am Rande der Landstraßen oder in den Favelas der großen Städte lebt.“

Ruffato selbst lässt in seiner São-Paulo-Collage Es waren viele Pferde einen Indianer mitten in der Großstadt auftauchen, konsequenterweise in der dritten Person, denn tatsächlich ist „der Indianer“ in der Wahrnehmung der brasilianischen Mehrheitsgesellschaft – wenn überhaupt – nur Objekt oder bestenfalls Gegenstand von romantischer Idealisierung, wie in den literarischen Klassikern O Guarani, Iracema und Ubirajara von José de Alencar aus dem 19. Jahrhundert.

Paulo Scott hat, so sagt er selbst unwidersprochen und zum eigenen Erstaunen, „das einzige Buch der brasilianischen Literatur (geschrieben), in dem eine indigene Person Protagonist mit eigener Stimme, literarisches Subjekt ist“. Paulo Scott ist Jurist, versteht sich aber als Lyriker und Autor. Acht Jahre schrieb er an seinem zweiten und zugleich bekanntesten Roman Unwirkliche Bewohner (übersetzt von Marianne Gareis; Wagenbach 2013), der mit zahlreichen Preisen in Brasilien ausgezeichnet wurde und erst kürzlich ins Englische übersetzt worden ist.

Acht Jahre, so Scott, habe er die gesamte „Indianerliteratur“ seines Landes durchforstet, angefangen bei den romantischen Klassikern bis zu „Maíra“ des Anthropologen Darcy Ribeiro aus den 1970er Jahren, und sei selbst sehr verwundert gewesen, wie unwirklich und abwesend die Ureinwohner, die „eigentlichen Brasilianer“ darin bleiben. Die erste Begegnung seines Romanerzählers Paulo – wie der Autor, Aktivist, Jurastudent und am Ende der 1980er Jahre reichlich desillusioniert – ist denn auch zufällig und befremdlich: Im Regen am Rande der Landstraße steht ein indianisches Mädchen, durchnässt und mit einem Stapel Zeitschriften unter dem Arm. Paulo will helfen, das vierzehnjährige Mädchen rührt ihn an, er schenkt ihr trockene Kleider und einen Regenschirm, ist unsicher. Wie sich Maíra und Paulo allmählich begegnen, sich aneinander herantasten, schließlich zum Liebespaar werden, trotz des kriminellen Altersunterschieds, dessen sich der 21jährige Paulo bewusst ist, trotz der Sprachschwierigkeiten (Maína kann kaum Portugiesisch), trotz ihrer nur wenige Kilometer entfernten, aber doch diametral gegensätzlichen Welten, ist die Beschreibung ein lyrisches, erzählerisches, dramatisches Meisterstück, dass – im Gespräch legt Paulo Scott Wert darauf, den fiktiv konstruierten Zauber zu stören – „..genau die Vergewaltigung widerspiegelt, der indigene Völker durch die Eroberung unterworfen waren. So wohlmeinend der Eindringling auch sein möchte – es bleibt ein Akt der Gewalt“.

Maína wird schwanger und bekommt, als Paulo bereits vor der Polizei und seinen persönlichen Problemen nach London geflüchtet ist, ihren Sohn Donato. Paulo schlägt sich als Hausbesetzer und mit Gelegenheitsjobs durch, Donato hingegen hat nach dem Suizid seiner Mutter (ein fast klassischer Tod unter indigenen Jugendlichen in Brasilien) das Glück, bei einem wohlhabenden Adoptivvater aufzuwachsen und schließlich eine der besten Schulen Brasiliens zu besuchen. „Er wird Weißer als die Weißen”, wie Paulo Scott sagt. Am Ende des Buches, konfrontiert mit traumatischen Erlebnissen und – über Fotos und Filmaufnahmen – erstmals auch mit dem Bild seiner leiblichen Mutter, beginnt Donato nach seiner Herkunft, seiner ursprünglichen Identität zu graben. Ein Kreis schließt sich – zum Guten oder Schlechten bleibt offen – schwindelerregend und beunruhigend.

Ja, „beunruhigend“ sollte alle Literatur sein, und auch, wenn der Roman, der im historisch markanten Jahr 1989 beginnt und Brasilien bis ins 21. Jahrhundert begleitet, durchaus als Allegorie auf die Suche des Landes nach seinem Standpunkt in den Wirren einer durchaus rasanten Geschichte gelesen werden kann, bleibt im Zentrum doch immer Maína, auch wenn sie längst tot ist. Ihr Vermächtnis, die wenigen materiellen Spuren, die sie außer dem Kind hinterließ, prägen auf dramatische Weise alles, was bis zum Ende geschieht, als Donato den Präsidenten der Indianerbehörde konfrontiert, indem er sich eine selbst gefertigte Maske überzieht.

„Das Massaker ist längst vollzogen“, sagt Paulo Scott immer wieder über die Situation indigener Gemeinschaften nicht nur in Brasilien. „Es gibt keine Lösung“. In seinem Roman tauchen immer wieder wohlmeinende Feldforscher, Soziologen, Anthropologen auf, „und verschwinden schnell wieder“. Als Maína schwanger ist, wird sie vom medizinischen Dienst der Indianerbehörde aufgelesen und von einer in indigener Kultur geschulten jungen Ärztin untersucht, die nicht nur Maínas Sprache nicht versteht: „Sie macht eine Ultraschalluntersuchung, während Maína überhaupt nicht begreift, was der ganze Wirbel soll. Sie ist nur mitgefahren, weil man ihr das gesagt hat. Sie ist nicht krank, sie ist doch nur schwanger, wird ein Kind zur Welt bringen, was völlig normal ist“, belustigt sich Paulo Scott an dem, was er – wieder ernst – als „unüberwindbare Kluft“ bezeichnet, zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den „Unwirklichen Bewohnern“ des Landes, das ihnen genommen wurde.

Selbstverständlich sei er vor allem noch Lyriker, sagt Paulo Scott bei unserer Begegnung in Frankfurt – einer der traditionellen brasilianischen Lesungen in der Zentralbibliothek. Und „Brasilianer, ex-Surfer, ex-Rechtsanwalt, wie ihn eine brasilianische Website charakterisiert: „Ich schreibe jeden Tag Lyrik“. Fast zeitgleich mit der englischen Übersetzung des Romans erschien in Brasilien wieder ein Lyrikband unter dem Titel „Mesmo sem dinheiro comprei um esqueite novo (dt.:Auch ohne Geld habe ich mir ein neues Skateboard gekauft; Companhia das Letras 2014).

was von allem wird bleiben? literatur?
wozu zum teufel, ist literatur gut…

fragt darin der Dichter, das lyrische Ich, jemand, in „Talvez uma carta“ (Vielleicht ein Brief), dem ersten, spielerischen und doch streckenweise fast programmatischen Gedicht dieses Bandes. Vielleicht – diese Unsicherheit, dieses Fragende, prägt auch die Protagonisten seiner Romane. Deren Suche nach Identität und deren Scheitern stehen im Mittelpunkt der Geschichten. Sein jüngster Roman (2013 in Brasilien erschienen) heißt Ithaca Road, spielt in Australien und Protagonistin ist eine Neuseeländerin mit schottischen und Maori-Vorfahren, die im Park einem jungen Mädchen begegnet, das an Psoriasis leidet, Schuppenflechte. Ihre Haut ist rau und gleichzeitig hochempfindlich. Ein gutes Bild für die Herangehensweise des Dichters: „Literatur muss Unbehagen erzeugen“.

In Brasilien sei man permanent mit der Frage der Hautfarbe konfrontiert, erzählt Scott. Er selbst sei in dem Bewusstsein erzogen worden, „schwarz“ zu sein. In der Familie gibt es helle und dunkle Hautfarben, seine Mutter hat sowohl indigene Vorfahren aus Chile als auch Vorfahren seitens der in Südbrasilien ansässigen Guaraní. „Wir sind in Brasilien bunt durcheinander gewürfelt, ein großer Salat“, und doch sei die Kluft zwischen Kulturen unüberbrückbar, und jenseits aller abstrakten Betrachtungen gehe es den Indigenen „nicht gut“, nicht nur in Brasilien, sondern auch in Australien, Neuseeland, USA, auch in Russland.

“Unwirkliche Bewohner” ist ein so treffender Begriff für die Nicht-Wahrnehmung von Minderheiten aus Sicht einer Mehrheitsgesellschaft, dass man ihn in Brasilien auch auf viele andere Gruppen anwenden könnte. Und nicht nur in Brasilien. Da ist es wieder, dieses Unbehagen, das Paulo Scott für die Literatur einfordert.

Aus dem Publikum stellt übrigens niemand die Frage, ob Paulo Scott jemals Indianer gesehen habe. Er muss auch nicht mit einer lustigen Anekdote über Pfeil und Bogen und Baströckchen antworten …

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erstellt am 13.10.2014

Paulo Scott
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Schwerpunkt

Lusophone Literatur

Michael Kegler betreut auf Faust-Kultur den Schwerpunkt: Lusophone Literatur und stellt in loser Folge Autoren und Autorinnen in einführenden Porträts, Gesprächen und Textauszügen vor.

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Paulo Scott
Unwirkliche Bewohner
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Marianne Gareis
Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten
ISBN 978-3-8031-3250-5
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2013

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