Romanauszug

Auf der Achterbahn, Träume und Schlaf

Von Vanessa F. Fogel

An einem heißen Junitag, als ich in der zweiten Klasse war, wurde ich als Nazi beschimpft. Wir spielten im Sportunterricht Basketball, und irgendjemand brüllte etwas wie ›den Ball nach rechts abgeben‹. Ich hörte den Ball prallen, ich hörte die Stimme eines anderen etwas sagen wie ›aufpassen‹, und ich habe vermutlich nicht das gemacht, was meine Mannschaft erwartete, jedenfalls beschimpfte mich ein Junge als Nazi. »Was machst du denn da, du Nazi?«, sagte er, oder »Warum hast du das gemacht, Nazi?«, oder vielleicht formulierte er es auch ganz anders und sagte, »Bist du ein Nazi, oder was? Gib den Ball ab!« Ich weiß nicht, was er sagte, aber ich hörte ihn so deutlich, wie man nur etwas hören kann. Ich blickte die Gruppe Klassenkameraden um mich herum genau an, Kinder in gelben t-Shirts und blauen Turnhosen, und mein Blick wanderte von einem Augenpaar zum nächsten, und ich stand ganz still und stumm und geschockt und beleidigt da, verwirrt, verletzt, böse, ärgerlich und beschämt. Ihre Blicke beobachteten mich ebenfalls, und ich bewegte mich nicht, nicht einen Zentimeter. Es war, als hätten die Laute dieses einen Wortes in mir einen Krieg entfacht, einen rasenden, zornigen Aufruhr. Einen Krieg, der nicht gewonnen werden konnte. Es war, als hätten die Laute dieses einen Wortes meine ganzen Organe dazu gebracht, sich im Zentrum meines Körpers zusammenzuziehen und ihre Funktionen einzustellen.

Aber dann, kaum hatte ich bis drei gezählt, rauschten sie an ihre Plätze zurück, und weil sie sich alle in genau derselben Sekunde in Bewegung setzten, stießen sie aneinander, stießen immer wieder gegen die Wände meines Körpers, knallten gegeneinander, wieder und wieder. Meine Venen zogen an meinem Herz, meine Herzklappen hinderten Blut und Sauerstoff daran, in mein Herz zu strömen, und meine Luftröhre war in Knoten um mein Gehirn geschlungen.

Als jedes Körperteil wieder seinen richtigen Platz gefunden hatte, wurden sie alle ganz still, als wären sie versteinert. Und ich, ich hatte mich immer noch nicht bewegt, ich war gelähmt, als hätte ich mich in eine Statue verwandelt. Mein Blick kreuzte den von Lior und blieb starr auf ihn gerichtet. Er schämte sich mit mir. Er schaute mir in die Augen, mandelförmige Smaragde, die mich anwiesen, seinen Blick nicht loszulassen; die darauf bestanden, dass ich ihn weiter ansehe, die mich ermutigten, stark zu sein, zu verstehen, dass jener Junge nicht gemeint, was er gesagt hatte. Ich spürte Tränen in mir aufsteigen, und darum schaute ich weg und zwang mich, sie zurückzuhalten, keinen einzigen Tropfen loszulassen. Überhaupt nicht zu weinen – und ganz sicher nicht vor allen anderen.

An diesem Tag gingen Lior und ich schweigend nach Hause, bis wir das Eukalyptusfeld durchquert hatten und sich unsere Wege trennten.
»Wir sehen uns morgen, ja?«
»Klar«, antwortete ich betont fröhlich, »klar«.
»Also bis morgen!«, wiederholte er, »ich warte am Tor auf dich.«
Ich fürchtete mich schon vor dem nächsten Tag.
Als ich an diesem Tag beim Mittagessen Tom gegenüber saß, wollte ich ihn unbedingt fragen, ob er ein Geheimnis für sich behalten könne. Ob er wirklich ein Geheimnis für sich behalten könne. Hätte ich gefragt, hätte er gesagt, »Du weißt doch, dass ich das kann. Ich werde es noch geheimer als ein Geheimnis hüten«. Ich hätte ihn mir versprechen, vielleicht sogar bei Gott schwören lassen, dass er das, was ich ihm erzählen würde, für immer in seinem Körper einsperrte, dass er seinen Körper zum Schutzschild für die Worte machte, die in ihm verschlossen waren. Er hätte seine rechte Hand auf seine Brust legen und bei Gott schwören müssen. Und dann hätte ich ihm erzählt, was mir in der Schule passiert war.
Aber ich brachte kein Wort heraus. So oft ich auch für mich die Frage formulierte, »Kannst du ein Geheimnis für dich behalten – Tom, versprichst du mir, keinem davon zu erzählen? Kannst du das vor allen versteckt halten und für immer?« –, so oft ich auch ein Wort durch sein Synonym ersetzte – »Versprichst du mir, es zu verbergen, es dir anzueignen, es aufzubewahren, es nicht zu teilen und nicht weiterzusagen? Kann es nur zwischen dir und mir existieren, unter vier Augen, zwischen einer ersten und einer zweiten Person?« –, ich konnte mich nicht zum Sprechen bringen.
Ich schluckte meine Spucke herunter,
»Hmmm …«
»Was?«
bereitete meine Zunge vor,
»Nichts.«
»Wie, nichts?«
Aber nichts kam heraus.
Als sein Teller halb leer war, entschuldigte sich Tom und ließ mich ganz allein am Tisch sitzen. In dem Moment verlor ich die Kontrolle über meine Augen. Mir liefen die Tränen, und ich wischte sie ab, so gut es ging, denn sie fielen auf den Teller vor mir, auf den Teller voller Kartoffelscheiben und Schnitzelstücke, die ich zu einer Art Brei zerdrückt hatte. Diese Tränen waren Tränen des Gefühls des Andersseins, des Fehl-am-Platz-Seins. Tränen, die in den nächsten Jahren zu Tränen der Einsamkeit werden sollten. Hätte ich Tom erzählt, was an jenem Tag vorgefallen war, hätte er den Jungen ausfindig gemacht, ihn angebrüllt; er hätte ihm Angst eingejagt und mich geschützt, meine Ehre verteidigt, mich überzeugt, dass es nicht an mir lag – »es liegt nicht an dir, Fela. Überhaupt nicht «, hätte er mir millionenmal gesagt, wenn es nötig gewesen wäre, bis ich es wirklich glaubte, voll und ganz, mit Herz und Kopf. Aber ich sagte kein Wort, ich brachte nur den allerundeutlichsten Laut heraus, aß einfach nur mein Mittagessen, hörte meinem eigenen Kaugeräusch zu, ließ die Tränen meine Augen verschleiern – ich sah etwas, sah nichts, sah mit einem Auge, sah mit dem anderen nichts, sah mit keinem etwas, sah mit beiden. Ich war als Nazi beschimpft worden, weil ich Deutsche war. ›Nazi‹ war unter israelischen Kindern kein gebräuchliches Schimpfwort, sondern ein Wort, das sich nur auf alles Deutsche und damit alles Üble bezog. Und weil ich Deutsche war, war ich zutiefst verletzt. Die Worte des Jungen bohrten sich in meine ohnehin schon gespaltene Identität. Und darum konnte ich nicht einfach über diese Worte lachen, wie es jedes andere Kind getan hätte. Ich wusste, meine Scham war irrational und deshalb vielleicht sogar unberechtigt, aber ich wusste auch, dass Gefühle nicht lügen. Und dieses Gefühl der Scham steckte wie ein Betonklotz in mir, so hart und fest wie kaum etwas anderes; Hässlichkeit in Reinkultur. Und dieses Gefühl hatte mich an jenem Tag zum Schweigen gebracht. Und noch Jahre später brachte es mich zum Schweigen, solange, bis es sich selbst zum Schweigen brachte. Aber noch immer weiß meine Familie nichts von diesem Vorfall.

Als meine Mutter am nächsten Morgen in mein Zimmer kam, um mich zu wecken, war ich schon hellwach und übte meine Lüge.
»Ich fühle mich nicht gut. Vielleicht kriege ich Fieber«, sagte ich zu ihr, als ich mich im Bett aufsetzte. »Ich habe die ganze Nacht schlecht geschlafen.«
»Was ist denn los, Schatz?«, sagte sie, als sie sich neben mich setzte. Ihr Gewicht drückte die Matratze herunter und hob mich in die Höhe.
»Ich habe sicher Fieber. Wirklich. Kannst du mal nachschauen?«, fragte ich sie, während ich ihre Hand auf meine Stirn legte. Ihre Hand war so weich auf meiner straffen Kinderhaut.
»Du bist vielleicht ein bisschen warm«, sagte sie, »aber nur ein ganz kleines bisschen.«
»Und ich habe schlecht geträumt. Kann ich zu Hause bleiben?«
»Was hast du denn geträumt?«, fragte sie.
»Ich weiß nicht mehr«, sagte ich und wollte jede Diskussion vermeiden, die gefolgt wäre, hätte ich ihr meinen Traum erzählt. »Kann ich bitte zu Hause bleiben?«
»Du darfst die ersten zwei Stunden fehlen. Schlaf noch ein bisschen. Und vielleicht fühlst du dich in zwei Stunden besser und gehst dann in die Schule. Okay?«
»Ja. Ich hoffe, ich fühle mich dann besser«, sagte ich und hoffte, ich würde mich besser fühlen.
»Soll ich dir einen Tee bringen? Oder heiße Milch mit Honig?«, bot sie mir an, als sie aufstand und mich in meinen hellrosa Wänden allein lassen wollte.
»Hmm, Hibiskustee mit ganz viel Zucker«, antwortete ich mit meiner kleinen Stimme. »Danke, Mama.«
Nachdem meine Mutter aus dem Zimmer gegangen war, kam mein Vater herein und küsste mich auf die Stirn. Sein Atem roch nach Pfefferminze. »Ich muss jetzt los«, sagte er, »ich hoffe, es geht dir bald besser.«

Er stand in meiner Tür und kaute seinen Kaugummi und zwinkerte mir zu, wie um anzudeuten, dass er wüsste, ich täuschte meine Krankheit nur vor, aber dass mein Geheimnis bei ihm gut aufbewahrt sei. Seine Anmaßung ärgerte mich, und ich sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Ich log meine Mutter an und fühlte mich weder schuldig noch bereute ich es. Ich log meine Mutter an, weil ich meine Lüge für berechtigt hielt. Mit ihr vermied ich es, sie mit meiner dummen Sensibilität zu belasten. Als ihr Schatz konnte ich ihr das nicht antun. Und mit meiner Lüge kam ich an diesem Tag darum herum, in die Schule zu müssen. Ich log sie an, weil ich mich an meinen Traum erinnerte, und mein Traum und meine schla? ose Nacht machten
mir Kopfschmerzen.

In dem Traum befand ich mich auf einem Jahrmarkt, auf einer morschen Achterbahn aus Holz. Ich saß neben Tom, der meine Hand nahm und sie Richtung Himmel hob, als wir nach unten rauschten und mit großer Geschwindigkeit in einen Looping fuhren. Aus meinem Mund kam ein Geräusch, das halb Lachen, halb Schreien war, meine Wangen bebten, und in meinem Bauch waren Hummelkolibris, die ganz schnell mit ihren Flügeln flatterten, Tausende von ihnen, bläuliche, grüne, gräuliche, weiße. Tom war wie ich ganz gebannt von dem Nervenkitzel, von dem Gefühl, das sich vom Magen her ausbreitete, als hätte es Wurzeln, die in alle Richtungen und in jedes Körperteil wachsen könnten. Unsere Gesichter waren ein einziges Lächeln‚ ist das nicht wunderbar?, ließ sich an ihnen ablesen.

Als die Fahrt zu Ende war, verließen wir die Achterbahn und bemerkten, dass uns alle anstarrten. Das war unangenehm. Und plötzlich wurde mir klar, dass sie alle erfahren haben mussten, dass wir Juden waren. Da fingen sie an, sich einander etwas in die Ohren zu flüstern, auf uns zu zeigen, Dinge zu schreien, die ich nicht verstand, und wie aus heiterem Himmel traten plötzlich zwei Soldaten aus der Menge der Umstehenden. Sie trugen einfache dunkelgrüne Uniformen. In meinem Traum wusste ich Bescheid über den Holocaust und zog deshalb die Schlussfolgerung, dass wir fliehen mussten.

Die Soldaten entdeckten uns – Tom und ich sahen uns an – sie marschierten auf uns zu – Tom und ich liefen schnell vor ihnen weg – sie wurden schneller – Tom und ich fingen an zu rennen, wir rannten schnell, wir rannten immer schneller – und sie und alle anderen verfolgten uns. »Gib mir deine Hand, Tom«, bat ich meinen Bruder, meine Worte kamen in Zeitlupentempo aus mir heraus. Tom nahm meine Hand und zog mich hinter sich her – meine kleinen Füße konnten nicht ganz mit seinen Schritt halten –, er hielt meine Hand fest, und mit seiner ganzen Kraft hob er mich fast vom Boden hoch. Plötzlich waren wir mitten auf einer großen Wiese. Wir glaubten, wir hätten es geschafft zu entkommen, aber trotzdem wussten wir, dass wir nicht in Sicherheit waren. Die Angst kreiste mich ein. Bald sterben wir, dachte ich – bald sterben wir, ich wusste es – bald sterben wir, ich fühlte es. Wie in einer Falle saßen wir auf einem riesigen offenen Feld, wir konnten nirgendwohin gehen, und sie, wer auch immer sie waren, kamen uns immer näher. Dann umarmte mich Tom ganz fest, und ich hatte das Gefühl, langsam in seinen Armen zu verschwinden; zuerst fühlte ich mich unsichtbar und dann wurde ich unsichtbar, auf die Art und Weise, wie es nur in Träumen geschieht. Tom war immer noch zu sehen.

In dem Traum sah ich nicht genauso aus wie ich, und Tom auch nicht, aber ich wusste, dass wir beide es waren, ich kannte meine Hauptdarsteller.
An besagtem Morgen wachte ich mit dem Bild eines abstrakten Körpers vor Augen auf, der mitten auf dem offenen Feld lag – es war weder Toms noch meiner, er war geschlechtslos und vielleicht »Fühlst du dich jetzt besser?«, fragte meine Mutter, als sie zwei Stunden später wiederkam und mich aus einem federleichten Schlaf weckte. »Nein, Mama. Überhaupt nicht. Tut mir leid.« »Dann schlaf weiter. Ich bringe dir einen nassen kalten Waschlappen für deine Stirn und heute Nachmittag rufe ich deine Lehrerin an und sage ihr, dass du heute krank warst.«
Ich nickte mit dem Kopf und schloss meine Augen wieder. Jetzt, da ich sicher war, dass ich auch für den Rest des Tages nicht in die Schule gehen musste, konnte ich endlich richtig einschlafen. Ich ließ meine oberen Augenlider sanft auf den unteren ruhen und machte mich auf zu einem Ort, der weit entfernt war von jenem
Feld, einem guten Ort, einem Ort, den ich nicht kannte – es war ein Ort, der so weit entfernt war, dass er mir nicht wie meine eigene Erfindung vorkam, aber es war ein Ort, von dem ich wusste, dass er meine Erfindung war und nur meine Erfindung.

Als ich an jenem Tag zum dritten Mal aufwachte, erzählte mir meine Mutter, dass Lior auf dem Heimweg von der Schule vorbeigekommen war und sein Hebräischheft für mich dagelassen hatte, damit ich es rechtzeitig vor dem Unterricht morgen lesen konnte.

Auszug aus dem Roman „Sag es mir“.

Vanessa F. Fogel

Interview mit Vanessa F. Fogel

erstellt am 22.12.2010

Vanessa F. Fogel
Sag es mir,
Aus dem Amerikanischen von Katharina Böhmer
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