Elf junge ägyptische Autoren haben unter der Anleitung des irakischen Schriftstellers Abbas Khider an einer Schreibwerkstatt der KfW Stiftung in Kairo teilgenommen. Die Autoren der drei stärksten Kurzgeschichten wurden zur Buchmesse nach Frankfurt eingeladen. Im Gespräch mit Andrea Pollmeier schildert Abbas Khider Besonderheiten des Projekts.

Cairo Short Stories

Literatur als Zuflucht

Abbas Khider im Faust-Gespräch

Andrea Pollmeier: Wie wurden die Teilnehmer des Workshops ausgewählt?

Abbas Khider: Über 100 Bewerber haben Kurzgeschichten eingereicht. Die Jurymitglieder und ich haben die Texte anonymisiert gelesen und 11 junge Autoren ausgewählt. Wichtig war uns an erster Stelle die Form, der Inhalt war zweitrangig. Auch die letzten drei Gewinner wurden ohne dass deren Namen bekannt waren bestimmt. So standen am Ende drei Frauen auf der Liste der Prämierten.

Anhand welcher Kriterien hat die Jury die Texte ausgewählt?

Da ich während des Workshops eine persönliche Beziehung zu den Teilnehmern entwickelt habe, war ich nicht Teil der Jury. Doch wurde lange gemeinsam über die Texte diskutiert. Wichtig war das literarische Niveau, Kriterien waren der Stil, die sprachliche Form und ob etwas Neues eingebracht wurde. Persönlich finde ich die Gewinnertexte sehr gut, die Jury hat die Entscheidung jedoch unabhängig von mir getroffen.

Wie stark sind die jungen Autoren in Ägypten an den aktuellen politischen Auseinandersetzungen interessiert. Es gibt Darstellungen, die besagen, dass die Jugend inzwischen von Politik nichts mehr wissen will?

Jugendliche interessieren sich für politische Angelegenheiten, doch haben sie von allem, was sich 2011 und 2013 ereignet hat die Nase voll. Wenn man mit ihnen spricht, träumen sie davon, Ruhe zu haben und ein besseres Leben führen zu können. In ihren literarischen Texten spiegeln sich die Erfahrungen dieser Zeit noch nicht wider. Sie haben noch nicht genug Abstand, die Ereignisse müssen alt werden, man muss Zeit haben zu reflektieren. Noch gibt es keine großen Werke über den „Arabischen Frühling“.

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht das Förderprojekt?

Anfangs hatte ich mir Sorgen gemacht. Die Region wurde nach dem „Arabischen Frühling“ mit Projekten aus dem Ausland überschüttet. Ich dachte, es würde sogar eine Art „neuer Imperialismus“ entstehen. Mir war aber wichtig, dass ich absolute Freiheit haben würde, dass es keine Tabuthemen gibt. Dann habe ich die Teilnehmer getroffen und festgestellt, dass das Projekt für junge Menschen sehr nötig ist. Es wäre perfekt, wenn die Länder wie Ägypten selbst viel mehr machen würden. Zwar gibt es einen Verlag in Kairo, den ich kenne, der solche Schreibinitiativen selbst organisiert und finanziert, das ist aber die Ausnahme.

Aus welcher gesellschaftlichen Umgebung kamen die Teilnehmer?

Die soziale oder religiöse Herkunft hat in unserem Workshop keine Rolle gespielt. Wir haben uns regelmäßig im Goethe-Institut getroffen, doch war die politische Situation zu dieser Zeit sehr kompliziert. Mohammed Mursi war als Präsident abgesetzt, die neuen Wahlen standen gerade an und in Kairo herrschte viel Chaos. Manchmal hatten wir Angst, dass der Workshop wegen der Unruhen im Zentrum nicht stattfinden konnte. Wir blieben mit den Teilnehmern des Workshops ständig in Kontakt, telefonierten abends, ob das Zusammentreffen am nächsten Tag stattfinden kann. Das hat uns natürlich näher zu einander gebracht, die Literatur wurde zu einer Art Zuflucht.

Die Jugendlichen werden drei Tage auf der Buchmesse zu Gast sein, was erwarten sie von der Begegnung hier?

Vor drei Tagen habe ich mit ihnen gesprochen. Alle drei Preisträger erzählten mir, wie schwer es für sie war, ein Visum zu bekommen. Sie waren sehr genervt. Aber natürlich freuen sie sich jetzt darauf, auf der größten Buchmesse der Welt zu sein und zu erleben, dass man sich für sie interessiert, dass sie andere Autoren, Publikum und Journalisten treffen werden. Ich hoffe, wir geben ihnen das Gefühl, dass sie herzlich willkommen sind.

Sie haben in dem Workshop mit Texten von Franz Kafka gearbeitet? Warum wählten sie einen deutschen Autor?

Um in die Stilistik der Kurzgeschichte einzuführen, habe ich den „Hungerkünstler“ ausgewählt, das war eine spontane Entscheidung, mir kamen einfach Beispiele Kafkas in den Sinn. Aber wir haben auch anhand älterer und moderner arabischer Autoren nachvollzogen, wie man ein Thema unterschiedlich beschreiben kann. Westliche Literatur gilt jedoch vielen als Vorbild. Jeder, der besser werden will, versucht die westlichen Methoden zu imitieren. Das ist die nackte Realität, doch gibt es auch Ausnahmen. Wir haben im Westen und im Osten andere politische Verhältnisse, und so wartet man in Ägypten, dass sich die politische Gesamtlage ändert. Man muss auch stolz auf seine eigene Geschichte sein, doch das braucht noch Zeit. Die alte Frage, ob man Elemente der westlichen Kultur übernimmt oder arabische Traditionen fortführt, existiert also immer noch. Die Iraker blicken beispielsweise zurück auf die großen Kulturen der Babylonier und Somäer, doch was ist davon geblieben, sogar Überreste existieren heute nicht mehr!

Wie wichtig ist es Ihnen, dass die regionalen Traditionen von der eigenen Wurzel her weitergeführt werden?

Viele Menschen möchten das Gefühl für die eigene Kultur bewahren bzw weiter entwickeln, doch wie kann man das machen, wenn nur Diktaturen herrschen und Krieg…

Haben die jungen Autoren im Workshop versucht, in ihren Beiträgen den Bezug zu der eigenen Realität herzustellen?

Man redet über die Veränderungen, als seien sie selbstverständlich. Das ist, wie wenn jemand auf der Straße entlang geht und eine Leiche sieht. Er wird weitergehen. Warum? Weil er bereits so viele Leichen gesehen hat. Ähnlich ist es auch mit der Kultur. Man sieht, dass die eigene Kultur zerstört wird, aber man geht weiter, weil man erlebt hat, dass vorher schon so vieles zerstört worden ist, man kann nichts dagegen tun. Die Selbstverständlichkeit, dass alles so grausam ist und sogar die eigene Kultur verloren geht, ist schon zum Alltag geworden. Alles ist normal und das ist das Drama. Wenn man dieses Drama bearbeitet, bearbeitet man es nicht mit großer Leidenschaft, sondern als Tatsache.

Keiner im Workshop hat diese Zerstörung thematisiert?

Es gibt eine Person, die dieses Thema angesprochen hat, der Text wurde von der Jury jedoch nicht ausgewählt. Ich fand den Text gut, es war der Versuch, aus der Perspektive der mittelalterlichen, arabischen Kultur Gegenwartsprobleme zu beschreiben, es schien, also ob diese alte Zeit immer noch gegenwärtig wäre.

Wie gut ist zeitgenössische ägyptische Literatur den jungen Autoren in Kairo zugänglich?

In Ägypten kennt man oft nicht nur die Bücher, sondern auch die Autoren selbst. In Kairo trifft man sie abends im Café, wenn man ein Buch liest, geht man zum Autor und diskutiert mit ihm, das ist Alltag in Kairo. Manchmal sind wir abends zusammen losgezogen und haben im Café Autoren getroffen. Die eigene intellektuelle Welt ist ganz nah, wie in den 60er und 70er Jahren in Paris, London oder Berlin, in Kairo ist das immer noch so.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

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erstellt am 07.10.2014

Abbas Khider. Foto: Wolfgang Becker
Abbas Khider. Foto: Wolfgang Becker

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten kam er als 19-jähriger für zwei Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich bis 1999 als illegaler Flüchtling in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studiert Philosophie und Literaturwissenschaft in München und Potsdam. Seine Romane, die alle in der Edition Nautilus erschienen sind, Der falsche Inder (2008) und Die Orangen des Präsidenten (2011) wurden mehrfach ausgezeichnet. Im Februar 2013 erschien sein dritter Roman Brief in die Auberginenrepublik.

Preisverleihung / Lesung

Cairo Short Stories

Am Donnerstag, 9. Oktober 2014, 16.30 Uhr, Weltempfang (Halle 5.0 E 81), Frankfurter Buchmesse

Würdigung / Gespräch zwischen Areej Gamal und Abbas Khider und Stephan Milich, moderiert von Iris Radisch / Lesung des Gewinnertextes auf Arabisch und Deutsch

Das Literaturprojekt „Cairo Short Stories“ wurde 2014 mit dem Ziel einer Stärkung des Dialogs zwischen Deutschland und der arabischen Welt initiiert. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt von Goethe-Institut Kairo, KfW Stiftung und Litprom. Unter der Leitung von Abbas Khider nahmen elf junge ägyptische Autorinnen und Autoren zwischen Februar und Juni 2014 an drei mehrtägigen Workshops im Goethe-Institut Kairo teil. Am 26. Juni wählte die Jury aus den elf eingereichten Geschichten die drei besten aus. Nun werden sie in Frankfurt präsentiert.

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