Schon die Tatsache, dass Raja Alem als saudi-arabische Autorin in Mekka und Paris zuhause ist und zwischen diesen Orten hin und her pendeln kann, irritiert. Dem Klischee der unfreien saudi-arabischen Frau scheint diese Lebensart nicht zu entsprechen. Noch dazu erzählt Raja Alem in ihrem Roman „Das Halsband der Tauben“ in biblisch anmutender Freizügigkeit vom allzumenschlichen Leben in Mekka, Medina und Madrid. Für dieses kulturgeschichtlich komplexe, faszinierende Werk hat Raja Alem 2011 bereits den renommierten International Prize for Arabic Fiction erhalten. Auf der Buchmesse Frankfurt wird sie hierfür jetzt zudem von Litprom mit dem LiBeraturpreis 2014 ausgezeichnet. Larissa Bender, die als Übersetzerin und Journalistin auf Faust-Kultur den Syrien-Schwerpunkt betreut, stellt den Roman vor.

Buchkritik

Ein Wimmelbild aus Mekka

Raja Alems Roman »Das Halsband der Tauben«

Von Larissa Bender

In einer sprechenden Gasse in Mekka wird eine Frauenleiche gefunden – in »wundervoller Nacktheit«, aber mit »zerschmettertem« Gesicht. Wer ist die junge Frau? Wurde sie ermordet oder beging sie Selbstmord?

Um diese Fragen und um das Leben zweier verschwundener Frauen, der möglichen Opfer, sowie einer Handvoll Verdächtiger hat die saudiarabische Schriftstellerin Raja Alem einen opulenten Roman gewebt.

Durch das Labyrinth der zum Teil höchst absonderlichen Gestalten führt den Leser der verantwortliche Ermittler, Inspektor Nassir al-Kachtani, der immer tiefer in die Beziehungsgeflechte der Gasse eintaucht. Oder ist es vielleicht doch die Gasse, die den Inspektor – und damit den Leser – durch das Wirrwarr der Bewohner der Gasse leitet und beide – Inspektor und Leser – an der Nase herumführt?

Inspektor Nassirs Verdacht konzentriert sich auf vier junge Männer, kuriose Gestalten, die in irgendeiner Beziehung zu den beiden verschwundenen Frauen standen: da ist der Journalist, der seinen Bachelor für eine Arbeit über Mekkas Minarette erwarb und von dessen Zeitungskolumnen sich der Inspektor Aufklärung erhofft; der Sohn des Imams, der die Fotografie dem Dienst in der Moschee vorzieht; ein gescheiterter Pilot, der statt Flugzeugen jetzt ein gelbes Taxi steuert; und ein sexuell gestörter junger Mann, der sich mangels Kontakt zu lebenden Frauen für Schaufensterpuppen interessiert.

Zwei Hauptthemen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman: zum einen der schändliche Umgang der saudiarabischen Behörden mit dem islamischen Erbe in den beiden heiligen Städten des Islam, Mekka und Medina; zum anderen der verachtende Blick auf den weiblichen Körper.

Unter Hinweis auf die alljährlich ansteigenden Pilgerzahlen ließen die saudischen Behörden in den letzten Jahren ganze Stadtteile niederreißen und stattdessen moderne Shoppingmalls und Luxushotels errichten. Selbst vor der Zerstörung der Gräber des Propheten und seiner ersten beiden Nachfolger in Medina schrecken sie nicht zurück. Was in hier dem Einfluss des fortschrittsfeindlichen, jeglichen Gräberkult ablehnenden Wahhabismus zu verdanken ist, gilt gleichfalls für die untergeordnete Rolle, die der Frau in der saudiarabischen Gesellschaft zugewiesen wird. Frauen werden in der Öffentlichkeit nur schwarz verhüllt akzeptiert, werden ausgenutzt und sind praktisch rechtlos.

Weitere Themen, die die mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnete Raja Alem in ihrem fast sechshundert Seiten umfassenden, modernisierungskritischen Roman aufnimmt, sind etwa die Berührungspunkte der monotheistischen Religionen und ihre gegenseitige Beeinflussung oder das antagonistische Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart.

So vielseitig ist das Themenspektrum und so breit gefächert die Schar der Figuren, dass man sich als Leser bei der Lektüre mitunter etwas verloren fühlt. Trotz mancher Längen aber haben arabische wie deutsche Leser den Roman goutiert, denn er wurde 2011 mit dem International Prize for Arabic Fiction, dem sogenannten arabischen Booker-Preis, ausgezeichnet und steht auf Platz eins der Bestenliste des deutschen Weltempfängers.

Tatsächlich nimmt der Roman gegen Ende noch einmal ziemlich an Fahrt auf und enthüllt völlig unerwartete Perspektiven und Verbindungen, so dass mancher Leser vielleicht geneigt sein mag, das Buch wieder von vorne zu beginnen, um sich beim zweiten Lesen nicht mehr so einfach von der erzählenden Gasse irreführen zu lassen.

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erstellt am 06.10.2014

Raja Alem

Raja Alem
Das Halsband der Tauben
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Roman. 592 Seiten
Unionsverlag, Zürich

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Preisverleihung

LiBeraturpreis 2014 an Raja Alem

Am Samstag, 11. Oktober 2014, 16.30 Uhr, Weltempfang – Bühne, Halle 5.0 E81, Messegelände, Frankfurt am Main

Laudatio: Karl-Markus Gauß

Im Rahmen der diesjäjhrigen Frankfurter Buchmesse erhält Raja Alem den LiBeraturpreis – den einzigen deutsche Literaturpreis, der nur an Frauen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt verliehen wird.

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