Günter Grass wollte ursprünglich Bildhauer werden. Karlheinz Stockhausen sah sich anfangs als Romancier und schickte seinen Roman zur Begutachtung an Hermann Hesse. Otto A. Böhmer hat nun die Spur des Sozialphilosophen Max Horkheimer aufgenommen, der gerne Dramatiker geworden wäre.

Holzwege

Im Schlaf gesprochen

Der Philosoph Max Horkheimer

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Max Horkheimer kam sich mit einem Mal klein und hässlich vor. Was für eine Schnapsidee, mit seinem wohlgehüteten Geheimnis an die Öffentlichkeit gehen zu wollen, auch wenn diese Öffentlichkeit im Moment nur aus dem Verleger Diether W. Pinkernagel bestand, der ihm, dem Philosophen, hinter einem breiten Schreibtisch gegenübersaß und missmutig die Stirn runzelte. Horkheimers Geheimnis war ein Theaterstück mit dem Titel „Herr und Frau Schopenhauer“, das er vor Jahren geschrieben und ängstlich verwahrt hatte, bis ihn auf einmal doch noch die unglückselige Kühnheit befiel, das Werk eben jenem Verleger Pinkernagel anzu­bieten, über dessen Verlag vorwiegend positive Mitteilungen im Umlauf waren. Pinkernagel leitete den FVV (Frankfurter Verlags-Verbund), einen Zusammenschluss kleinerer Frankfurter Verlage, „die als Gruppe“, wie es in einer zeitgenössischen Kritik hieß, „zu einem jungen, ambitionierten Unternehmen wurden, das jenseits aller Modernismen eine fast altertümliche Liebe zur Literatur zum Programm erhoben hat und, erstaunlich genug, auch in Verkaufserfolg ummünzen konnte“. Der Verleger, ein Mann unschätzbaren Alters mit schmalem Kinnbart und militärisch gestutztem Haupthaar, blätterte in Horkheimers Manuskript. Er sieht unglücklich aus, dachte der Philosoph. Und dafür bin ich verantwortlich. Hätte ich mein Stück nur in der Schublade belassen, dort wo es hingehört. „Mein lieber Herr“, sagte Pinkernagel und kratzte sich am Kopf. „Die Lektüre ihrer Schrift hat mir mächtige Gefühle bereitet. Soll ich Ihnen sagen, warum?“ „Ich bitte darum“, krächzte Horkheimer. „Mögen Sie etwas trinken?“ fragte Pinkernagel. „Die Luft hier ist so trocken. Ich werde uns zwei lange Drinks kommen lassen… Sie verstehen, was ich meine?“ „Nein, sagte Horkheimer. „Ausgezeichnet“, meinte Pinkernagel. „Damit wären wir wieder beim Thema. Ihr Stück also. Es ist kühn, zugegeben. Die Grundidee, dass Schopenhauer, der bewährte Junggeselle, auf einmal verheiratet ist, eine Frau hat und selber noch immer lebt: diese Idee finde ich gar nicht übel. Das Stück aber, das Sie daraus gemacht haben, ist ganz und gar bühnenuntauglich. Und auch nicht witzig.“ Horkheimer sank in sich zusammen. Das also war das Urteil, dachte er. Vermutlich gibt es keine Bewährung. „Nehmen Sie zum Beispiel gleich die erste Szene, Seite eins“, sagte Pinkernagel. „Dort heißt es: Im Schlafzimmer der Schopenhauers, gegen Morgen. Frau Schopenhauer sitzt aufrecht im Bett; ihr Gatte, eingerollt in seine Decken, liegt auf der Seite und stößt in unregelmäßigen Abständen mächtige Schnarchlaute aus. Frau Schopenhauer: ‚Es ist nicht auszuhalten… mit ihm. Ein Leben an seiner Seite, ein Leben lang; kein Auge zugetan. Ein Walross ist er, rücksichtslos. Die Welt, die ihn für bedeutend hält, überzieht er mit seinem tierischen Schnarchen.‘ – Sie stößt ihren Mann an; Schopenhauer grunzt unwillig auf. Er dreht sich auf die andere Seite und schläft seltsam säuselnd weiter… Finden Sie das etwa witzig, Herr –?“ „Es war vielleicht gar nicht witzig gemeint“, sagte Horkheimer, „sondern nur realistisch.“ „Realistisch!“ rief Pinkernagel. „Dass ich nicht lache. Ist das etwa auch realistisch, was Sie auf Seite sechs schreiben? Dort lesen wir, dass Schopenhauer im Schlaf spricht und folgendes zum besten gibt: ‚Nein, nein und nochmals nein! Es kann gar nicht genug Ehrungen geben – für mich… Es ist mir eine Ehre, Herr Präsident. Ich weiß die Auszeichnung zu würdigen. Natürlich werde ich den damit verbundenen Scheck einem wohltätigen Zweck zuführen… Ich zahle ihn, mit anderen Worten, sehr schnell auf mein Konto ein… Wie meinen Sie? Ein neues Werk? Nein, ein neues Werk ist, glaube ich, nicht mehr von mir zu erwarten… In meinem hohen Alter, wissen Sie… Außerdem habe ich alles gesagt. Die Gesamtausgabe meiner Werke, vom handschriftlichen Nachlass ganz zu schweigen, umfasst sieben stattliche Bände… Wenn Sie die alle gelesen haben, sind Sie ein weiser Mann… Ja, auch Sie, Herr Minister‘… Und so weiter und so fort. Ich weiß nicht, was Sie sich dabei gedacht haben.“ „Schopenhauer hat wirklich im Schlaf gesprochen“, sagte Horkheimer, „das ist erwiesen. Es gibt sogar eine Dissertation darüber.“ „Mag ja sein“, meinte Pinkernagel. „Aber auf dem Theater gelten eigene Gesetzmäßigkeiten, die Sie leider nicht zu kennen scheinen. Nehmen Sie beispielsweise die zweite Szene. Da wird es in Ihrem Stück nun vollkommen absurd. Ich zitiere: ‚Das Badezimmer der Schopenhauers. – Schopenhauer, im Nachthemd und sehr unausgeschlafen wirkend, kommt durch die Tür herein; sein mächtiger Haarbusch steht ihm zu Berge. Er äugt missmutig in den großen Spiegel über dem Doppelwaschbecken und schüttelt in gespielter Verzweiflung den Kopf. Dann entledigt er sich seines Nachthemds, das er an einen Haken hängt. Er steht nun in einer eindrucksvollen Unterhose da. Noch einmal starrt er in den Spiegel, geht ganz nah an das Glas heran, so dass er sozusagen das Rote in seinem Auge sehen kann. – Schließlich bewaffnet er sich mit einem bereitliegenden kolossalen Schwamm: Er tränkt ihn mit kaltem Wasser und beginnt mit seiner Morgenwäsche. Schopenhauer prustet; mit dem Schwamm versucht er, auch die etwas entfernteren Körperteile zu erreichen, was sichtliche Mühe bereitet.“ „Ich weiß nicht, wie Sie sich waschen“, sagte Horkheimer. „Darum geht es doch gar nicht“, rief Pinkernagel. „Es geht um Schopenhauer. Und den lassen Sie beim Waschen zu allem Übel auch noch einen Monolog halten. Er sagt: ‚Seit mehr als sieben Jahrzehnten wasche ich mich – kalt, immer nur kalt, sommers wie winters… Die modernen Feiglinge findet man in der Badewanne, wo sie ihr lauwarmes Vollbad nehmen, gewürzt mit ätzenden Chemikalien und gesundheitsschädlichen Parfümerien. Pfui Teufel.‘ Und dann fährt er, in den Spiegel starrend, fort: ‚Warum, trotz aller Spiegel, weiß man eigentlich nicht, wie man aussieht – und kann daher nicht die eigene Person, wie die jedes Bekannten, der Phantasie vergegenwärtigen? – Ohne Zweifel liegt es zum Teil mit daran, dass man im Spiegel sich nie anders als mit gerade zugewendetem und unbeweglichem Blick sieht, wodurch das so bedeutsame Spiel der Augen, mit ihm das Charakteristische des Blickes, großenteils verlorengeht…‘ Nein, nein, verehrter Herr – so geht es nicht.“ „Der letzte Satz war vermutlich von Ihnen“, sagte Horkheimer, „die davor stammten zumeist von Schopenhauer. Ich gehe aber wohl recht in der Annahme, dass Sie mein Stück nicht verlegen wollen?“ „So ist es“, sagte Pinkernagel. „Und warum haben Sie mich dann überhaupt kommen lassen?“ fragte Horkheimer. „Zum einen, weil ich Ihnen ihr Werk persönlich zurückgeben möchte“, sagte Pinkernagel und warf dem Philosophen das Manuskript in den Schoß. „Und zum anderen, weil ich Sie bitten möchte, mir einen Satz zu erklären, den Sie in einem Ihrer philosophischen Werke geschrieben haben. Dieser Satz, den ich mir vor Jahren schon aufgeschrieben habe, lautet: ‚Die kleinsten innerweltlichen Züge haben Relevanz fürs Absolute, denn der mikrologische Blick zertrümmert die Schalen des nach dem Maß des subsumierenden Oberbegriffs hilflos Vereinzelten und sprengt seine Identität, den Trug.“ „Dieser Satz ist nicht von mir“, sagte Horkheimer. „Er kann nur von meinem Kollegen Adorno stammen. Aber vielleicht hat der ja auch ein Theaterstück geschrieben, das er Ihnen schicken darf, damit Sie es ihm persönlich zurückreichen können.“

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erstellt am 06.10.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Max Horkheimer
Max Horkheimer