Rax Rinnekangas' Roman „Der Mond flieht“ spielt im nüchtern-ekstatischen Milieu der finnischen Erweckungsbewegung. Er handelt von Schuld und vom Erwachsenwerden und ist eine ideale Lektüre für mondlose Nächte, findet Ruthard Stäblein.

Buchkritik

Unschuldig schuldig werden

Rax Rinnekangas' Roman »Der Mond flieht«

Von Ruthard Stäblein

Finnland ist das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse. Rax Rinnekangas, der Autor des Romans „Der Mond flieht“, kommt aus einem der bekanntesten Orte Finnlands: aus Rovaniemi. Das liegt im Norden Finnlands, am Polarkreis, der Ort, aus dem auch Santa Claus stammt.

Rinnekangas führt uns zwar mitten in die Seelenlandschaft der Finnen, aber sein Roman spielt mitten im Sommer, während der Heuernte, etwa um 1960. In einer Zeit, als der Autor selbst ein Kind war. Worum geht es? – Der Ich-Erzähler Lauri besucht in den Sommerferien seine Verwandten, einfache, strenggläubige Bauern. Sie gehören zur Erweckungsbewegung, die im Norden von Finnland bis heute verbreitet ist. Religiöse Begeisterung, gemeinsames Beten, strenge Regeln, Selbstbeherrschung, enge Beziehungen in der Gemeinde bilden die Grundlage. Eher kein Stoff für einen Roman, eher ein Milieu, aus dem man sich befreien will. Die älteste Tochter der Bauernfamilie führt diesen Befreiungsschlag aus. Sie bildet mit dem jüngeren Bruder und dem Ich-Erzähler eine eigene, eine neue, eine verschworene Gemeinde. Im finnischen Norden, wo es nur wenige Einwohner und wenige Bauernhöfe gibt, ist genügend Platz für die Abenteuer der drei Kinder. Sie klettern auf hohe Bäume. Sie treiben verbotene Spiele. Sie träumen gemeinsam vom Fliegen. Alles unter der strengen Anleitung des älteren Mädchens. Sie beherrscht und bezirzt die Jungs. Durch ihr fast weißes Haar, durch das Blitzen ihrer Augen, durch ihre Erfindungsgabe, durch ihre Belohnungen. Das Mädchen greift zurück auf uralte, vorchristliche Mythen, die dort oben, bei den letzten Ureinwohnern Europas, bei den Samen, noch immer kursieren. Und das Mädchen wird selbst zu einem mythischen Wesen, dem die Jungs, wörtlich, an den Lippen hängen. Aber dann kommt es zum Drama, zur Katastrophe, die hier natürlich nicht verraten wird.

Nach der Katastrophe haben die beiden Jungs das Gefühl, „schwarzer Mond bräche ein“. Selbst das Licht des Mondes würde vor ihnen fliehen. – Daher der Titel des Romans – Sie werden sich plötzlich bewusst, dass sie etwas Böses getan haben. Dass sie die moralischen Gesetze der Erwachsenen überschritten haben. Aber als sie ihre Abenteuer auslebten, als das Unglück passierte, da fühlten sie sich absolut glücklich, absolut frei, absolut unschuldig. Der Roman von Rax Rinnekangas enthält also auch eine moralische Ebene. Ich kann auch unschuldig schuldig werden. Und wie kann ich diese Schuld überwinden? Durch Erinnern, durch Bewusstwerden, durch Weitererzählen? – All das hilft dem Ich-Erzähler dabei, erwachsen zu werden. Aber das Schuldgefühl bleibt, und das Bild von dieser mythischen Mädchenfigur geht ihm nicht aus dem Sinn.

Den Reiz des Romans macht die Erzählweise aus. Streng und nüchtern im Satzbau. Lyrisch und ekstatisch in den Beschreibungen der finnischen Natur, dem weiten Norden Finnlands. Dramatisch und spannend im Erzählaufbau. Das sind alles Charaktereigenschaften der Anhänger dieser Erweckungsbewegung im Norden von Finnland. Streng, nüchtern, ekstatisch, dramatisch: Rax Rinnekangas überträgt und profaniert, verweltlicht diese Qualitäten auf den Roman. Der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin nannte das Phänomen einmal heilig-nüchtern. Ja, heilig-nüchtern ist dieser Roman. Durch die flüssige Übersetzung aus dem Finnischen von Stefan Moster stolpert man auch nicht, sondern bleibt dran an diesem kurzen und auch kurzweiligen Roman. Eine ideale Lektüre für finnisch sich anfühlende mondlose Nächte.

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erstellt am 04.10.2014

Rax Rinnekangas
Rax Rinnekangas

Rax Rinnekangas
Der Mond flieht
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten
ISBN-13 9783862200344
Graf Verlag, München 2014

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