Albert Ostermaier ist ein äußerst produktiver Autor, der in seinem neuen Gedichtband »Außer mir« der ekstatischen Liebe mit feinen und grellen Sprachbildern zu Leibe rückt. Bernd Leukert hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Stiefelschritte der Ameisen

Albert Ostermaiers Gedichtband »Außer mir«

Von Bernd Leukert

Von der albernen Sehnsucht schreibt er, und es ist zu vermuten, dass er ohne sie nicht schriebe. Albert Ostermaier ist ein erfahrener Autor, der seinen Stoff kennt und die Methoden, mit denen er ihn bearbeitet. Knapp dreißig Theaterstücke hat er geschrieben, knapp zehn Hörspiele, mindestens 26 Bücher, darunter zehn Gedichtbände. Und er ist ein höchst erfolgreicher Autor, ein Profi unter den Ende der Sechzigerjahre geborenen Romantikern.

Romantiker ist er nicht zu nennen, weil er sich etwa der Sprache eines Novalis, Tieck oder Eichendorff bediente, nein, da ist er ganz gegenwärtig; Romantiker ist er, weil er sein liebestaumeliges lyrisches Ich gerne in die gefährlichen Quartiere des Begehrens und der Verzweiflung schickt. Von Goethes Werther über Bretons L'Amour fou bis zu den zahllosen Adaptionen der Gegenwart ist das der Vernunft enthobene seelische Beben ein Konzept des Sturm und Drang, das sich im antibürgerlichen Teil der Romantik variantenreich entfaltete. Aber Ostermaier schmachtet nicht. Er treibt seine Verse – und nichts außer dem Zeilenbruch, der auch ein Spaltenende sein könnte, deutet darauf hin, dass es welche sein möchten – in grotesk überzeichnete Sprachbilder: du fährst aus deiner haut in/ meine und ziehst mir übern/ kopf die deine so stellen wir/ unsre liebe auf die beine. Und eine gewisse knallige Expressivität zieht sich durch die ganze Sammlung. Da regnet es Frösche in L.A., ein erlöschender Tag stürzt wie ein Fahrstuhl in die Tiefe, man hört das Pfeifen aus den Einschusslöchern und die Ankündigung, die Zähne in die schönen Schwanenhälse zu schlagen und blaues Blut zu spucken, der Auspuff aber spuckt asthmatische Sätze in die Straße, man sieht die Stiefelschritte der Ameisen und die Metallwände der Regentropfen, hört das Husten der Engel in den Träumen, Flugzeuge fallen wie Tränen aus den Wolken, man spürt Kopfschläge gegen Herzwände, liest, dass das Ich brennt wie zwei brennende Augen, wie die Asche aus seinen Pupillen auf die Brust fällt, es sich das Hemd aufreißt und die Klinge quer über die Brust zieht, wo der Spalt an seiner Herzkammer ist, oder gar: ich hab dem tod die schaufel aus/ den händen gerissen und sie ihm/ in seine dürren rippen gerammt. Das sitzt wie die markigen Sprüche der Jerry-Cotton-Hefte und Westernfilme. Und es blockiert oft die anderen poetischen Möglichkeiten, über die Ostermaier ja durchaus verfügt und die er auch manchmal ins Spiel bringt. So wird in „embedded“ zwar auch mit Bissen geliebt, aber das Äußerste, liebe ist wie in den krieg zu ziehen, wird nun aphoristisch thematisiert: man/ weiß nicht ob man lebend zurückkommt. Das eben meint Romantik, die sich hier nicht selten in zeitgenössischen Knittelversen des Rap verknappt.

Die acht Kapitel der Gedichtsammlung „Außer mir“ sind nicht alle mit lebensgefährlichen Liebesgedichten gefüllt. Es finden sich auch selbstmörderische, von der Erfahrung der Depression geprägte Texte und Zyklen, die thematisch an andere Projekte des Autors gebunden sind, wie „Ein Familienalbum zu Tennessee Williams’ ‚Die Katze auf dem heißen Blechdach’“, zu den Figuren in William Shakespeares’ ‚Der Kaufmann von Venedig’ oder anderen Theaterstücken oder nach venezianischen Photographien von Christopher Thomas.

Gewiss hat Albert Ostermaier in diesem Band auch berückende Sprachbilder untergebracht (der wind zieht mit seinen/ feuchten händen den letzten/ traum durch den fensterspalt/ auf die strasse wo ihn die/ menschen mit ihren flüchtigen/ blicken streifen ihn in die/ pfützen treten oder aus den/ haaren schütteln …), aber eben auch viel Geläufiges. Da bleibt in der Stadt ein Lächeln zurück, liegt das Herz auf der Zunge, der Wüstensand zwischen den Zähnen, da strahlt der volle Mond und wird die Einsamkeit verklären, da zieht das Herz für sein Glück die letzten Farben, und das Ohr, wäre es geliehen, wäre auf dem Herz zu liegen gekommen, das wen auch immer schlägt. Das Herz schlägt sich durch sehr viele Gedichte in diesem Band, dass man ihn von Herzen all den Leserinnen und Lesern empfehlen kann, die von Herz und Seele, von Lippen und Schlüsselbein nicht genug bekommen können.

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erstellt am 04.10.2014

Albert Ostermaier © Martin Lengemann / Suhrkamp Verlag
Albert Ostermaier © Martin Lengemann / Suhrkamp Verlag

Albert Ostermaier
Außer mir
Gedichte
Gebunden, 198 Seiten
ISBN: 978-3-518-42381-3
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

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