Vanessa F. Fogel lernte ich bei einer Lesung in Frankfurt kennen. Ein älterer Zuhörer konnte es kaum abwarten, selbst von eigenen, traumatischen Erlebnissen sprechen zu dürfen. Die Geschichte der 29-jährigen Autorin schien ihm „nicht der Rede wert“. Diese Übermacht der Vergangenheit begleitet die Enkel-Generation auf Schritt und Tritt. Wie entwickelt sich mit dieser Prägung eine eigene Identität? Offen beschreibt die Autorin einen steinigen Weg.
Andrea Pollmeier

Das Leben danach

Deutsch-jüdische Identitätssuche in der 3. Generation

„Sag es mir“ ist Ihr erster Roman. Sie erzählen darin die Geschichte Ihres Großvaters. Er ist Ihr wichtigster Leser. Für ihn wurde das Buch gleich aus dem Englischen übersetzt und zunächst in Deutschland publiziert. Man könnte also klassische Memoiren erwarten, geschrieben aus der Perspektive der Enkelin. Sie beginnen aber ganz anders: in der ersten Szene beschreiben Sie die Nacht, in der Fela, die Ich-Erzählerin, ihre Jungfräulichkeit verliert. Warum beginnen Sie mit einer so intimen Szene?

Die ersten Entwürfe zu dem Buch haben nicht mit dieser Szene, sondern später angefangen. Aber ich spürte, dass das nicht echt war. Ich wollte den wirklichen Anfang der Geschichte. Was ich erzähle, ist nicht „far away past“, sondern Gegenwart, authentisch und nah, alles steht im Präsens. Auch beim Schreiben habe ich gespürt, dass die Anfangsszene sehr intim ist, aber ich wollte ganz offen sein und den Leser gleich einbeziehen. Die Lebensphasen von Fela und ihrem Großvater sind parallel gestaltet. Fela ist in dem Buch genauso alt, wie es der Großvater bei Kriegsende war. Das Buch beschreibt also die Phase des Erwachsen- und Frau-Werdens, dementsprechend erschien es mir stimmig, die Geschichte genau in diesem Moment zu beginnen.

Der spannungsvolle Start weckt hohe Erwartungen. Man ist neugierig auf die Lebensgeschichte dieser jungen Frau, deren erster Liebesakt auf geheimnisvolle Weise zum Schnittpunkt unterschiedlicher Ort- und Zeitphasen wird. Bis zum Schluss gelingt es, den Leser souverän durch all die Zeit- und Ortswechsel zu manövrieren, die mit dem Schicksal der eigenen Familie verbunden sind. Die Flucht des Großvaters aus Polen, eigene Erfahrungen als deutsche Jüdin auf dem Schulhof in Israel, politische Konflikte zwischen den Eltern: drei Generationen kommen anschaulich zu Wort, ohne dass die Erzählung an Spannung oder Glaubwürdigkeit verliert. Wie ist das Werk entstanden?

Ich lasse zunächst alles raus, egal ob es Sinn macht, eine Szene nicht geht oder man einen Charakter nicht versteht, danach baue ich alles wie ein Puzzle zusammen.

Wie historisch genau haben Sie die Geschichte des Großvaters und eigene Erlebnisse in das Buch einbezogen?

Die Reise, die Fela in dem Buch mit ihrem Großvater erlebt, entspricht der Reise, die ich mit meinem Großvater gemacht habe. Der Kern der Geschichte meines Großvaters ist real, doch gibt es auch fiktive Teile. Allerdings habe ich mich immer wieder gefragt, wie sehr ich in die Geschichte eingreifen darf, wo sind meine Grenzen. Ändere ich damit nur seine Geschichte oder verfälsche ich Geschichte? Ich habe darum versucht, jedes Wort, das der Großvater über den Krieg sagt, im Buch 1:1 wiederzugeben. Die Gespräche zwischen ihm und Fela sind hingegen fiktiv.

Die persönliche Geschichte Felas ist erstens so spannend wie die des Großvaters. Fela repräsentiert die dritte Generation, ihre Eltern haben den Holocaust nicht selbst erfahren. Dieser Blickwinkel ist noch neu und überraschend. Warum wird so selten von den Nöten gesprochen, die Felas Generation erlebt?

Wenn man mit so einer riesigen Geschichte aufwächst, ist alles, was man selber durchlebt, klein und unbedeutend, es ist nicht der Rede wert. Ich habe viel über den Wunsch meines Großvaters, seine Lebensgeschichte zu erzählen, nachgedacht. Ich kam zu dem Schluss, dass es nicht wirklich möglich ist, die Lebensgeschichte eines anderen Menschen zu erzählen. Dann habe ich mich gefragt, wie sehr unsere Leben miteinander verbunden sind. Wie sehr ist Fela durch das geprägt, was in der früheren Generation geschehen ist? Kann sie über sich schreiben und auf diesen Zusammenhang verweisen? Auch wenn sie nicht das erlebt hat, was der Großvater durchgemacht hat, so hat sie doch eine eigene Geschichte zu erzählen. Und diese ist nicht so klein, wie der Vergleich mit dem Großvater glauben lässt.
Das war für mich ein zentraler Punkt. Mich interessiert, was die Generationen danach erlebt haben. Das heißt nicht, dass für mich nicht wichtig ist, was in der ersten Generation passiert ist. Die Geschichte meiner Großeltern hat mich immer interessiert, aber ich bin nicht das Gedächtnis meines Großvaters. Ich wollte nicht ausschließlich die Geschichte eines Überlebenden schreiben. Nicht, weil dies nicht genug wäre, ich wollte diese Geschichte mit der Gegenwart verbinden.

Dieser auf das Hier und Jetzt bezogene Blick wirkt sehr überzeugend. Indem Sie die verschiedenen Generationen in Felas Person zusammenführen, erhält die Erzählung kraftvolle Authentizität. Eine der stärksten Szenen des Buches beschreibt gegen Ende, wie sich Fela einen Davidstern in ihre Haut tätowieren lässt. Die Szene hat hohe Symbolkraft. Auf dem steinigen Weg ihrer Ich-Findung scheint Fela in diesem Moment bei sich angekommen zu sein.

Juden ist es generell nicht erlaubt, sich tätowieren zu lassen. Wer eine Tätowierung auf seinem Körper trägt, darf nicht auf einem jüdischen Friedhof begraben werden. Dennoch gibt es viele Jugendliche in Israel, die sich tätowieren lassen. Ich weiß nicht, ob das ein Akt gegen die Religion oder Geschichte gerichtet ist, doch müssen diese Tätowierungen normalerweise entfernt werden, bevor man begraben wird.
Fela hat sich für diesen Schritt entschieden und damit auch ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Für sie waren Tätowierungen immer mit dem Holocaust verbunden. Im Krieg konnten Juden nicht selber darüber entscheiden, ob sie tätowiert wurden. Für Fela ist es ein Akt der Selbstermächtigung: ›jetzt tue ich mir das an, weil ich es so richtig finde und nicht, weil ihr mich dazu zwingt.‹

Fela lässt sich nicht tätowieren, um sich vom Judentum abzugrenzen. Im Gegenteil, sie setzt ein Zeichen der Zugehörigkeit. Der Davidstern auf ihrer Haut verbindet sie auf tragische Weise mit ihrem Geliebten und weckt Erinnerungen an frühere Generationen. Die Haut bleibt markiert bis an das Lebensende. Fela hat ganz bewusst die mit ihrem Leben verwobene Geschichte sichtbar werden lassen. Wie sehr ein emotional positiver Grundton ihr Buch prägt, zeigt auch ein anderes Beispiel: Fela begreift nicht, warum ihr Großvater bei der Ankunft in Polen keinen Hass empfindet. Und auch Felas eigenen Gefühle gegenüber Deutschland sind geprägt durch positive Kindheitserinnerungen. Sie selbst haben Deutschland im Alter von vier Jahren verlassen und sind mit ihrer Familie nach Tel Aviv gezogen. Sind die im Buch beschriebenen Gefühle typisch für die dritte Generation?

Ich weiß nicht, wie die dritte Generation denkt, aber ich bzw. Fela assoziiert mit Deutschland ihre Großeltern oder den Moment, wie sie als Kind im Bett aufgewacht ist. Deutschland ist der Platz von Felas Geburt und mit vielen guten Erinnerungen verbunden. Sie fühlt sich teilweise als Deutsche, sie wehrt diesen Teil ihrer Identität nicht ab und sagt, damit will ich nichts zu tun haben. Ich glaube, es ist kompliziert, eine deutsche und eine jüdische Identität zu haben.

Wie sind Sie bei dem Versuch, Geschichte aus heutiger Perspektive zu erzählen und die vielen Teile eines komplexen Puzzles zusammenzusetzen, vorgegangen?

Ich glaube nicht, dass irgendetwas per Zufall in meinen Text gelangt ist. Ich glaube, Hemingway hat einmal über das Schreiben gesagt: Du streichst einen Punkt weg, fügst einen Punkt hinzu, streichst wieder einen Punkt weg …, jedes Detail ist ein bewusster Akt. So habe ich versucht vorzugehen.

Gab es Vorbilder, die Sie zum Schreiben angeregt haben?

„The Lover“ von Marguerite Duras war für mich das perfekte Buch. Ich wusste, das lese ich noch einmal, bevor ich selber mit dem Schreiben beginne. Ich habe mich in die Protagonistin, in alle Charaktere und in das Buch verliebt. Es gab andere Werke, die mir mehr über den Holocaust beigebracht haben. Oft springen sie jedoch zu sehr in Ort und Zeit, nutzen eine verwirrende Erzähltechnik. Ich weiß, dass dieses fragmentarische Beschreiben der Art entspricht, wie das Gedächtnis arbeitet, für mich war aber die emotionelle Wirkung wichtiger, ich wollte, dass Menschen beim Lesen mitfühlen. Es gehört zu den schönsten Erlebnissen, beim Lesen zu weinen. Am Ende denkt man: nein, das Buch darf noch nicht fertig sein! Anders als beim Film investiert man sich beim Lesen mehr. Das Tempo ist langsamer und man hat genug Zeit, das eigene Leben in das Buch hinein zu projizieren.

erstellt am 22.12.2010