Christian Spuck, ab 2001 Hauschoreograph in Stuttgart und seit zwei Jahren Direktor des Balletts am Opernhaus Zürich, hat zahlreiche abendfüllende Choreographien kreiert. „Leonce und Lena“, das nun wieder in den Spielplan des Stuttgarter Balletts aufgenommen wurde, zählt zu seinen schönsten, findet Thomas Rothschild.

Ballett

Büchner und die Pizzicato-Polka

Von Thomas Rothschild

Szenenfoto Leonce und Lena © Stuttgarter Ballett

Das Stuttgarter Ballett ist bis heute von John Cranko, der vor 41 Jahren verstorben ist, geprägt. Es pflegt seine Tradition ganz bewusst und hält damit die Erinnerung an den großen Choreographen und Compagniechef wach. Eine seltene Haltung in unserer schnelllebigen Zeit mit ihrem kurzen Gedächtnis.

Zum Erbe Crankos gehört unter anderem die Neigung zum Humor, zum Witz in einer Kunst, die sich meist fürchterlich ernst nimmt. Das kann man schon an der Körperhaltung der Fans in den Pausenfoyers ablesen. Da geht es fast zu wie in der Kirche. Nicht so in Crankos Ballettauffassung. Christian Spuck, ab 2001 Hauschoreograph in Stuttgart und seit zwei Jahren Direktor des Balletts am Opernhaus Zürich, steht in dieser Tradition. Er hat zahlreiche abendfüllende Choreographien kreiert. „Leonce und Lena“, das nun wieder in den Spielplan des Stuttgarter Balletts ausgenommen wurde, zählt, neben „Lulu“, zu seinen schönsten. In beiden Fällen hat Spuck ein tänzerisches Pendant zu den literarischen Vorlagen von Büchner und Wedekind gefunden, wie es nur selten gelingt.

Büchners Komödie beruht bekanntlich wesentlich auf Sprachspielen. Was bei Büchner die Wörter, sind bei Spuck die Gesten. Melancholie und Närrischkeit, Standesdünkel und Poesie werden tatsächlich in Tanz übersetzt. Das Motiv der mechanischen Puppen wird gleich im ersten Bild eingeführt. Der Hofstaat zeigt sich als groteskes Ensemble wie in frühen sowjetischen Filmen. Dem gegenüber profilieren sich Leonce und Lena, Valerio und die Gouvernante als Individuen, auch wenn sie, hie die Männer, dort die Frauen, paarweise auftreten, während ihnen König Peter als komische Figur gegenüber steht. Musikfragmente werden waghalsig montiert, aber den roten Faden liefert die Strauß-Dynastie, die Büchner an Nestroy heranrückt.

Der Stoff ist für einen Transfer ins Ballett optimal. Das titelgebende Paar Leonce (Publikumsliebling Marijn Rademaker) und Lena (Alicia Amatriain im Rollendebüt als Nachfolgerin von Katja Wünsche) ermöglichen ein bezauberndes, aber unsentimentales klassisches Pas de deux, und dass beiden schon bei Büchner eine Begleitfigur zur Seite gestellt ist – Valerio und die Gouvernante (Arman Zazyan und Anna Osadcenko) –, liefert Vorgaben für weitere Zweierkonstellationen. König Peter (Damiano Pettenella) darf in einem stummen Solo John Travolta parodieren, und das Corps de ballet feixt lustvoll im Gewand von Bauerntölpeln, als hätte Manfred Deix die Choreographie übernommen.

Dieser rundum gelungene Ballettabend belässt dem Stoff jene historische Dimension, die das Sprechtheater immer häufiger unterschlägt. Wer hätte das bei einer Kunst vermutet, die auf den leistungsfähigsten Bedeutungsträger, die natürliche Sprache eben, verzichtet?

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erstellt am 01.10.2014

Szenenfoto Leonce und Lena © Stuttgarter Ballett

Ballett in Stuttgart

Leonce und Lena

Ballett von Christian Spuck nach dem Lustspiel von Georg Büchner

Musik Johann Strauss, Bernd Alois Zimmermann, Martin Donner, Alfred Schnittke u.a.
Dramaturgie Esther Dreesen-Schaback
Choreographie Christian Spuck

Stuttgarter Ballett

Szenenfoto Leonce und Lena © Stuttgarter Ballett