Der Countertenor Gerson Sales stammt aus Brasilien und kam über Italien nach Deutschland, wo er zuletzt in Darmstadt große Opernrollen sang. Nun versucht er sich als „Alleinunterhalter“ und hat zusammen mit dem Dramaturgen Oliver Nedelmann eine autobiographisch getönte, theatralisierte Darstellung der Countertenor-Existenz entwickelt. Hans-Klaus Jungheinrich stellt Sales vor.

Gesang

Anatomie des Countertenors

Ein-Mann-Show mit Gerson Sales startet im Theater & Nedelmann Rödermark

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Die ultimative Countertenor-Anekdote geht so: Rheingau-Festival, nach einem Konzert im auratischen Kloster Eberbach. Zwei ältere Damen verlassen den Saal, sichtlich bewegt von einer Sängerleistung. Sagt die eine zur anderen: „Schee gesunge hat er ja, awwer en arme Kerl iser doch“.

Da wurde also ein Countertenor (oder männlicher Altus) verwechselt mit einer Spezies, deren Marktwert in der Musikwelt des vorletzten Jahrhunderts aus Gründen der Menschenwürde auf Null sank. Erst im späteren 20. Jahrhundert wurde es üblich, die in der Barockmusik beliebten und bewunderten Kastraten durch Künstler zu substituieren, die durch Talent und Training fähig waren, eine „zweite“ Stimme auszubilden, neben ihrer viril-„natürlichen“ sozusagen eine „Kunststimme“, die eine eigentümliche Klangfarbe und Ausdruckskraft gewinnen konnte und womöglich die suggestive Magie eines „dritten Geschlechts“ vermittelte. Countertenöre waren an der internationalen „Renaissance“ der Barockopern im letzten halben Jahrhundert entscheidend beteiligt. Inzwischen sind sie so zahlreich, dass der Konkurrenzdruck groß geworden ist.

Gerson Sales stammt aus Brasilien und kam über Italien nach Deutschland, wo er zuletzt in Darmstadt große Opernrollen sang (2009 schaffte er es aufs Titelbild der Fachzeitschrift „Opernwelt“). Es waren wohl auch die darstellerischen Erfolge, die ihn dazu anregten, sich nun als „Alleinunterhalter“ zu versuchen und, zusammen mit dem Dramaturgen Oliver Nedelmann, eine autobiographisch getönte Ein-Mann-Show zu entwickeln, die mit dem Untertitel „Opera meets Theatre“ gewissermaßen eine theatralisierte Anatomie der Countertenor-Existenz vorstellt. Dabei spielt das musikalische „Repertoire“ als roter Faden durch 75 Minuten Bühnenpräsenz die Hauptrolle.

Puristen des Ariengesangs kommen jedoch nicht auf ihre Kosten, wenn sie das falsche Genre erwarten. Gerson Sales benutzt die bei seinem Auftritt fast allgegenwärtige Musik nämlich als „Material“, das parodistisch, karikaturistisch tüchtig gezaust und fragmentiert, gestaucht und zerfetzt wird. Als „running gag“ dient die Melodie der Händel’schen Xerxes-Arie „Ombra mai fu“ (das wohlbekannte sogenannte „Largo“), mit der er in einer simulierten Probe- und Einübe-Situation allerlei Schabernack anrichtet und dabei gesangslehrertypische Posen und Attitüden persifliert. Auf jede nur erdenkliche Weise – beiläufig oder nachdrücklich, selbstbewusst oder verklemmt-jaulend – quetscht er die vokalen Fertigteile aus auf ihre kabarettistische Wirkung hin. Die Weise der deutschen Nationalhymne erfährt so ihre Eignung zur Übermittlung eines Pizzarezepts per Handy an die Freundin, und die brasilianische säumt einen mit umgeschlungener heimatlicher Fahne höchst würdevoll gesäumten Klogang. Auch „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist als verschmitzt gebrachtes Schmankerl zweisprachig („Noite feliz“) dabei wie viele andere spezifisch der Countertenor-Literatur zugehörige und sonstige Vokalartistik. Mit am umwerfendsten vielleicht die telefonische Liebeserklärung mit dem berühmten Ohrwurm aus Saint-Saens’ „Samson et Dalila“.
Das portugiesische Wort „Camarim“ heißt „Garderobe“. Die erdachte Spielsituation umfasst also die Zeitstrecke vor einer Opernaufführung am Schminktisch, skandiert durch die „authentischen“ Lautsprecher-Mitteilungen des Inspizienten. Der Akteur sitzt vor dem Spiegel, rekapituliert (unrealistischerweise) mehr oder weniger unwillkürlich seinen ganzen Melodienfundus, schlägt sich auch mit Privatem herum, erfährt also vom Unfall und der Krankenhauseinlieferung seiner Mutter im fernen Brasilien oder bekommt ein telefonisches Angebot für ein Gastspiel im Altersheim, Honorar 2000 Euro, was er zufrieden quittiert – leider war’s ein Missverständnis, und die tatsächlichen 200 Euro sind eine unakzeptierbare Offerte. Zum Schluss hin zieht der Countertenor ein prächtig frackartiges Pfauengewand an und verwandelt sich, mit Kappe und Vogelmaske, in eine rätselhaft schöne, surreale Bühnenfigur.
Lebendig gehalten in jedem Moment wird dieses Ein-Mann-Theater von einem animierten und animierenden mimischen Vermögen, einer hintergründig clownesken Energie, einem intelligent eingesetzten nimmermüden Spieltemperament. Im monatelangen Zusammenwirken hat Theatermann Oliver Nedelmann den Bühnen-Selbsterkundungen Sales’ einen tragfähigen Rahmen, ja geradezu die Konturen eines reizvoll gebauten Stückes verschafft. Nun ermöglichte er den Start der ungewöhnlichen Etüde (dank ihres Minimalaufwands an Ausstattungsmitteln ist sie auch bestens reisegeeignet) in seinem Zimmertheater (Theater & Nedelmann) im südhessischen Rödermark-Urberach, das in diesen Wochen sein zehnjähriges Jubiläum feiert.

Warum sich Gerson Sales der heroisch todesmutigen Strapaze des von A bis Z unbegleiteten, eine zuverlässige Intonation aufs äußerste erschwerenden Singens unterzieht? Auch dazu eine Anekdote. Sales, ein guter Schwimmer, schwamm eines Tages durch einen kleinen Schwarzwaldsee und fing am anderen Ufer unter einer Felswand einen feriengelaunt einsamen Gesang an. Zurückgekehrt, bestaunte ihn eine Dame um so einer nie gehörten Kunstleistung willen. Gleich nochmals schwamm Sales zum Felsen und freute sich an dessen besonderer Akustik. Muss so etwas wie eine Initialzündung gewesen sein.

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erstellt am 30.9.2014

Gerson Sales
Gerson Sales
Gesang

CAMARIM. Opera Meets Theatre

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