Der Däne Søren Kierkegaard musste exemplarisch seinen christlichen Gott gegen die christliche Kirche verteidigen. Die Schöpfung erfreute ihn, „aber der Mensch, das Wunder der Schöpfung, ihr Schmuck, wie die geistlichen Herren gegen Bezahlung sagen, er ist das einzig Entstellende.“ Otto A. Böhmer hat den Philosophen der Gesellschaft ausgesetzt.

Holzwege

Fleischgewordenen Karikaturen

Der Philosoph Søren Kierkegaard

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Søren Kierkegaard war zu einer Abendgesellschaft geladen worden, einem dieser zwanglos-zwanghaften Empfänge, die er hasste und noch immer nicht missen wollte. Da waren sie wieder zusammengeströmt, die ausgesuchten Wichtigtuer; derbe Stutzer, die für sich arbeiten ließen, reiche Müßiggänger, die mit trübem Blick nach einem Ereignis ausspähten, das ihrem öden Leben einen Sinn geben mochte. Und natürlich die Damen der Herren; aufgedonnerte Geschöpfe, die sich das Maul zerrissen über die Neuigkeiten, denen sie selbst in dumpfer Stunde auf die Spur verholfen hatten. Kierkegaard grüßte freundlich nach links und nach rechts; es muss ein Ende gemacht werden, dachte er. Ein Ende! Aber ich bin nicht der Sprengmeister, der die Dummköpfe aus ihren komfortablen Höhlen treibt, bevor sie – dankenswerterweise – in die Luft gejagt werden. Alle Macht liegt beim Allmächtigen, und der bin ich nicht.

„Mein lieber Kierkegaard“, rief Jesper Olsen, der Fischhändler, um den man, nicht nur des Geruchs wegen, den er ausstrahlte, gern einen Bogen machte. „Schön, Sie zu sehen. Man fragt sich ja immer wieder, was Sie eigentlich den ganzen Tag so treiben, bester Freund.“ „Das bleibt mein Geheimnis, Olsen“, sagte der Philosoph. „Die Kunst des Müßiggangs, Sie verstehen. Ich bin, müssen Sie wissen, wie der Fisch im Wasser.“ „Der so lange schwimmt, bis einer wie ich kommt“, lachte Olsen, „und ihn herausholen lässt.“ „Was ich Ihnen schon immer sagen wollte, Olsen“, meinte der Philosoph und nahm den Fischhändler zur Seite. „Mit Verlaub und ganz im Vertrauen: Sie haben Schuppen. Sagen Sie das Ihrem Figaro, oder legen Sie selbst einmal Hand an sich.“

Olsen lachte. Mein Gott, dachte Kierkegaard. Er ist sogar zu dämlich, um die grob gewürzten Bosheiten zu begreifen. Eine ungeheure Erleichterung befiel ihn; es kam ihm mit einemmal so vor, als sei ihm ein Weg gewiesen, der sich einer grotesken Heiterkeit verdankte, die er nur ausschöpfen musste, um für immer ernst zu werden. Er ging weiter; ein Diener, der mit Getränken unterwegs war, wollte sich an ihm vorbeidrücken. „Halt, mein Freund“, rief Kierkegaard, „bricht es Euch nicht das Herz, wenn Ihr einen Philosophen elendig verdursten lasst?“ Er trank, ließ sich nachschenken; „das ist kein Champagner“, sagte er dann laut und vernehmlich, „sondern ein ganz gewöhnlicher Gänsewein. Oder ein nur mäßig veredelter Lebertran, mit gewöhnlicher Kohlensäure versetzt.“ Die umstehenden Gäste lachten. „Klar doch“, murmelte Kierkegaard, „nicht nur Olsen ist dämlich, sondern sie alle sind über die Maßen dumm.“ Er durchquerte den Raum und kam in die Ecke, wo sich der Klavierspieler abmühte. „Mein Freund“, flüsterte der Philosoph und legte dem Mann die Hand auf die Schulter. „Ihr seid fürwahr ein Künstler. Allerdings nicht auf dem Klavier, das Ihr traktiert wie der Dorfschmied die Hufe des Gaules. Solltet Ihr nicht aufhören und uns Mäßigung gewähren? Steht auf, nehmt Euer Pianoforte und wandelt. Zum Beispiel in den Keller, wo Ihr Euch unter ein Weinfass legen dürft, was die Folge hätte, dass Ihr zumindest hier keinen Schaden mehr anrichten könnt.“

Auch der Klavierspieler lachte. Er klimperte ungerührt weiter; ja, muss ich sie denn alle eigenhändig verprügeln, dachte der Philosoph, damit sie wenigstens für einen Moment aufhören zu lachen und den wirklichen Ernst ihrer Lage begreifen? Allmählich kam ihm das Spiel, in das er sich selbst gebracht hatte, mehr als sonderbar vor; „es ist eine Wand“, knurrte er, „eine Wand aus Menschen. Wenn man einen von ihnen herauslöst, fällt er zu Boden und grinst; ein grinsender, steingewordener sogenannter Mensch.“ „Mein guter Kierkegaard“, hörte er nun eine weibliche Stimme hinter sich. Er drehte sich um. „Ach, Madame Busk“, sagte er, „welch Freude, Sie zu sehen. Wie immer die Inkarnation der schieren Lebensfreude: rosig und rund, gut geschnürt und schwer gepudert. Was macht die Wohltätigkeit, in der Sie sich breitgemacht haben?“ „Wir machen Fortschritte“, sagte Frau Busk, die Gattin eines weithin gefürchteten Geldverleihers, der sich neuerdings, wie es hieß, um ein politisches Amt, unter Einsatz all seiner Geldreserven, bemüht. „Auch sie lacht“, murmelte er. „Es darf doch nicht wahr sein.“ „Wisst Ihr übrigens, dass Ihr die Angewohnheit habt, mit Euch selbst zu sprechen?“ fragte Frau Busk. „Muss man nicht ständig das Wort an sich selber richten, wenn man weiß, dass man von Hohlköpfen und fleischgewordenen Karikaturen umgeben ist?“ rief der Philosoph. „Dass Ihr immer ein wenig übertreiben müsst, Herr Kierkegaard“, sagte Frau Busk. „Ihr seid ein Schelm, das hört man allgemein. Gott erhalte Euch Euren trefflichen Humor. Und nun müsst Ihr mich, bitte, entschuldigen.“ Ich gebe es auf, dachte Kierkegaard. Die Menschen sind strohdumm, und auf geheimnisvolle Weise scheinen sie mir auch über zu sein. Ich sollte gehen – auf der Stelle. Hier kann man nur noch Unheil mit mir anrichten.

Er eilte zum Ausgang und stieß dort auf den Stadtrat Prosper Laudrup, den Gastgeber des Abends. „Mein lieber Laudrup“, sagte Kierkegaard, „was für ein wunderbarer Abend. Leider muss ich schon gehen. Es tut Euch leid, ich weiß; es steht in Euren Schweinsäuglein geschrieben. Ihr seht aus wie ein Kartoffelsack, mein lieber Laudrup. In der Politik nehmt Ihr zu Recht einen gewichtigen Platz ein. Grüßt Eure Gattin; sie ist zweifellos noch ein wenig unförmiger als Ihr.“ – Kierkegaard stürmte davon. Zu Hause angekommen, notierte er mit fliegenden Fingern im dritten Band seiner Tagebücher: „Ich komme jetzt eben aus einer Gesellschaft, wo ich die Seele war; die bösen Witze strömten aus meinem Munde; alle lachten – aber ich, ja, der Gedankenstrich müsste genauso lang sein wie die Radien der Erde –.“ Als der Philosoph ruhiger geworden war, schrieb er: „Ich – ich wollte mich erschießen… Aber ich weiß nun, dass es gilt, eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich sein kann; – die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will…“

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erstellt am 30.9.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Søren Kierkegaard
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