Vera, die als Stipendiatin nach Griechenland kommt, erwartet dort all das, was sie bis dahin vermisste: ein anderes, intensives Leben, eine bezaubernde Landschaft, Liebe und Glück. Der Roman „Das Ende der Aufzählung” von Irmgard Maria Ostermann korrigiert die Erwartungen. Reinhard Boos hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Vergängliche Leidenschaft

Irmgard Maria Ostermann: »Das Ende der Aufzählung«

Von Reinhard Boos

„Das Ende der Aufzählung“ stellt den eigenwilligen Lebensentwurf einer suchenden Frau vor. Was sich anfangs wie ein Roman über die Stationen eines unglücklichen Liebeslebens liest, entwickelt sich zu einer beeindruckenden, reflektierten Lebensbeichte über das (unvermeidliche) Abschiednehmen von geliebten Menschen.

Vera, Autorin, ausgestattet mit einem Arbeitsstipendium, getrennt lebend, Mutter zweier Kinder, sitzt im Flugzeug nach Rhodos, fühlt sich wie „in einer Rettungskapsel, die sie in eine andere Welt transportiert“. Eine Welt, in der sie Yannis, den attraktiven, eifersüchtigen Tavernenbesitzer kennen lernen wird. Rhodos wird zu einem weiteren Ort vergänglicher Leidenschaft. Gebannt von den überbordenden Bildern der eindrucksvoll sprachmächtigen Autorin Irmgard Maria Ostermann taucht der Leser mit Vera in ihr exzessives Leben auf der Insel ein, erlebt ihren Arbeitsalltag in einem internationalen Autorenhaus, ihre Euphorie für Kultur, Landschaft, Musik und die Gastfreundschaft der Inselbewohner.

Wohltuende Distanz zu dieser Sonne-, Luft- und Liebes-Atmosphäre in Rhodos-Stadt erzielt die Erzählerin durch das Einbeziehen kulturgeschichtlicher Hintergründe und einem kritischen, wenngleich auch nostalgischen Blick auf schleichende Veränderungen der griechischen Gesellschaft, und ihre Reflexionen. Vera kann an diesem Ort aufatmen und alles lieben. Aber diese Idylle täuscht.

Vera leidet am Mangel an verlässlicher Liebe, Ehrlichkeit und Vertrauen. Liebesglück und Liebesscheitern wiederholen und kumulieren sich. Die Motive Liebe und Trauer werden sie auf ihrer (Lebens-) Reise begleiten und jede Beziehung dominieren.
Vera nutzt stille Momente auf Rhodos und anderswo zu Einkehr und Selbstreflexion und beginnt zu schreiben. In ihrem Notizbuch lässt sie ausführlich ihre (chaotische) Gefühlswelt Revue passieren und reflektiert ihre Beziehung zu Max, dem Lehrer, der seine Familie nie verlassen wird, obwohl er mit ihr leidenschaftliche Momente am Lago Maggiore und zu Hause verbringt. Vera weiß um das unausweichliche Ende dieser Beziehung („Wir werden uns verlieren!“). Leidenschaft und Distanz lösen sich wie selbstverständlich ab. Vera leidet darunter, unterschätzt Max' wahre Gefühle, lässt sich in sein chaotisches Eheleben verstricken, bis sie mit dem Zorn und dem Hass seiner Frau Luise konfrontiert wird.

Als einzig wahrer Fixpunkt in Veras Leben erweisen sich ihre Gespräche mit Reseda, ihrer langjährigen besten Freundin, die ihren Mann Walko, einen skurrilen egozentrischen Hypochonder, vorgestellt in herrlich komischen Szenen, nicht mehr erträgt. Reseda gilt Vera als ewige Mahnerin. Einerseits bewundert sie Veras selbstbestimmtes unabhängiges Leben, andererseits prophezeit sie ihrer Freundin eine düstere Zukunft. Vera verdrängt ihre Warnungen. Sie will genießen, obwohl sie weiß, dass auch Max nur eine Episode in ihrem Leben sein wird.

Das dramatische traurige Ende greift das Motiv des Abschiednehmens ein letztes Mal auf und wird Vera in eine neue ungewisse Zukunft führen.

Ostermanns lesenswerter Roman ist eine Empfehlung für alle Griechenlandfreunde, für Neugierige und Alt-Erfahrene und für Leserinnen und Leser, die wissen, was es bedeuten kann, auf der leidenschaftlichen Suche nach einer erfüllenden Partnerschaft in der Mitte des Lebens zu sein.

Reinhard Boos ist Autor und Verleger

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erstellt am 28.9.2014

Irmgard Maria Ostermann
Irmgard Maria Ostermann

Irmgard Maria Ostermann
Das Ende der Aufzählung
Roman
Gebunden, 208 Seiten
ISBN 978-3-89502-338-5
Edition Voss, Berlin

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