Dmitri Levkovich am Piano

Dmitri Levkovich wurde in der Ukraine geboren und hat in Philadelphia und Chicago Komposition studiert, bevor er sich entschied, eine Solokarriere als Pianist zu verfolgen. Inzwischen hat er international Anerkennung gefunden. 2013 gewann er in Frankfurt den Deutschen Pianistenpreis, der talentierten Musikern auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung in Europa Präsenz zu geben sucht. Zwei Jahre nach dieser Ehrung kehrt Levkovich zurück, um in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk in der Alten Oper Frankfurt und anschließend in der Berliner Philharmonie zu konzertieren. Auftritte gab es zuvor u. a. im Mariinsky Theater St. Petersburg und der Carnegie Hall New York.

Faust-Gespräch mit dem Pianisten Dmitri Levkovich

Unbefangen und visionär

Wie wurden sie Musiker?

Meine Eltern sind beide Musiker. Als ich geboren wurde, studierten sie noch am Konservatorium in der Ukraine. Mein Vater machte später außerdem eine Ausbildung zum Komponisten. Indem ich in einer Familie aufwuchs, deren Leben so stark von der Musik geprägt war, hatte ich keinen anderen Wunsch für die Zukunft, als auch Musiker zu werden.

Als Elfjähriger haben Sie mit Ihrer Familie die Ukraine verlassen und sind nach Israel ausgewandert. Drei Jahre lebten Sie in Tel Aviv, dann ging es weiter nach Toronto in Kanada. Wieder zwei Jahre später zogen Sie zum Studium in die USA. Wie stark hat die Erfahrung, Lebens- und Kulturräume zu wechseln, die Art Ihres musikalischen Ausdrucks geprägt?

In der Zeit, in der ich in ein anderes Land immigrierte, gab es noch kein Internet, keine E-Mails, keine SMS und keine billigen Telefonanrufe. Unter diesen Bedingungen lässt man, wenn man immigriert, all seine Freunde zurück. Beim ersten Mal, als ich nach Israel ging, war das kein Problem. Ich war noch sehr jung und habe nicht viel darüber nachgedacht. Bei meiner zweiten Ausreise nach Kanada war ich jedoch schon 14 Jahre. Mir wurde bewusst, dass sich durch diesen Umzug mein ganzes Leben ändern würde. Ich wünschte mir damals, in meinem Leben etwas zu haben, was ich nicht so leicht verlieren kann. Das war für mich damals eine starke Motivation, mich zurückzuziehen und zu musizieren. Ich saß oft über sieben Stunden am Klavier und übte.

Gab es für Sie immer ausschließlich das Piano?

Ja. Außerdem habe ich bereits als Siebenjähriger begonnen, zu komponieren. Ich tat das, wie andere Kinder in diesem Alter zeichnen, unbefangen und spielerisch.

Gibt es einen Musikstil, der Sie besonders interessiert?

Als Jugendlicher gab es Auseinandersetzungen, weil ich klassische Komponisten langweilig fand. Bach, Mozart, Beethoven – warum wurde um diese Komponisten so viel Aufheben gemacht? Mir lag mehr an Chopin und Rachmaninow, von Scrjabin war ich begeistert. Erst später realisierte ich, dass meine Reaktion mit der Art zu tun hatte, wie eine Komposition interpretiert wurde. Je nachdem, wer sie spielte, berührte mich die Musik oder blieb mir fern. Oft klingt sie zu abstrakt, zu weit vom Menschen entfernt. Gerade der Umgang mit klassischer Musik ist oft zu professionalisiert, sie wird in eine Art Museum gesteckt und wie ein Dinosaurier konserviert.

Waren Sie mit Ihrem Musikinteresse in Kanada zunächst allein?

Ich blieb zwei Jahre ziemlich für mich, meine Freunde waren keine Musiker und man nannte mich schon damals „der Pianist“. Dann wurde ich am Curtis Institute of Music in Philadelphia aufgenommen und ging in die USA. Dort entdeckte ich, dass es andere Jugendliche gab, deren Leidenschaft die Musik war. Das war eine große Erleichterung.

Sein eigenes, kreatives Talent zu entwickeln, erfordert ein hohes Maß an individueller Autonomie und Zielstrebigkeit. Man ist viel allein, nur für begrenzte Momente kann ein Musiker die Musik mit Zuhörern teilen. Für einen jungen Menschen ist das eine ungewöhnliche Lebenshaltung und ein eindrucksvoll hoher Einsatz.

Ja, das ist Teil des Musikerlebens. Wichtig ist aber auch, dass man sich auf der Bühne selbst wohl fühlt. Man muss den Drang spüren, vor vielen Menschen ein musikalisches Statement abzugeben. Man braucht also eine Vision, und sei es nur die Ahnung von einer Vision, die man durch die eigene Musik hindurch hörbar machen möchte. Es ist eine Belohnung, wenn Menschen miterleben, was Du dir vorstellst … – das sind aber nur Vermutungen, ich denke, es ist eine Kombination aus vielerlei Momenten, die einen Musiker zum Musiker werden lassen.

Was ist ihre Vision von Musik? Was möchten sie mitteilen?

Das kann ich nicht in Worte fassen. Hinsichtlich der Interpretation einer Komposition sind jedoch mehrere Dinge wichtig. Erstens gibt es die Noten des Komponisten. Man braucht etwas Zeit, um zu verstehen, warum ein Komponist sich aus vielen Möglichkeiten für das eine Detail entschieden hat. Was also hat ihn geleitet? Warum ist ein Stück zehn Minuten lang und nicht nur zwei? Ich meine, dass man in der Ausbildung nicht wirklich lernt, wie dieser Prozess der Werkanalyse vor sich geht. Ich musste meinen Weg selbst finden, das heißt, jeder Musiker hat seine eigene Methode, mit der er die Werke der Komponisten analysiert.

Ihre Art, sich der Musik anzunähern, wird als poetisch feinfühlig bezeichnet. Wie ein Dichter die Sprache, so loten Sie durch ihren einzigartigen Umgang mit den Noten ungewohnte Grenzbereiche der Musik aus.

Es gibt einen wichtigen vokalen Aspekt beim Klavierspiel. Viele der berühmtesten Pianisten sprechen davon. Ein Sänger wird, selbst wenn er eine großartige Stimme hat, nichts mit dieser Stimme anfangen können, wenn ihm jeglicher Sinn für die Poesie fehlt. Man wird beim Zuhören einfach nicht berührt. Am Flügel zu „singen“ ist also ganz sicher entscheidend, das darf allerdings nicht so, wie bei manchen Musikstudenten, geschehen. Bei großer Anspannung können sie es manchmal nicht verhindern, dass sie plötzlich beginnen zu singen, sie versuchen dann mit der Stimme das zu machen, was sie in diesem Moment mit ihren Händen nicht realisieren können. Singen ist für einen Pianisten also ein natürlicher Impuls. Wenn ein Pianist einen professionellen Weg einschlägt, kann es passieren, dass er dieses vokale Element der Performance vollständig abblockt. Ich denke jedoch, dass man diese Seite in sich nicht blockieren sollte, sie muss präsent bleiben. Ich habe gelesen, dass große Pianisten nach einer Aufführung oft Schmerzen in der Kehle haben, so, also ob sie gesungen hätten.

Wie sehr gilt es, beim Musizieren die eigene Persönlichkeit zu entfalten?

Das Sichtbarmachen der eigenen Persönlichkeit wird von den Lehrern während der Ausbildung meist kritisiert. Es heißt dann, dass die eigene Persönlichkeit die Intention des Komponisten verdrängt. Ich habe über diese Frage viel nachgedacht. Welche Intention hatte der Komponist und wie viel Persönliches ist erlaubt? Ich denke, es geht nicht um ein Entweder-oder. Es muss beides zusammenkommen und in ein Gleichgewicht gebracht werden.

Welche zeitgenössischen Komponisten sind für Sie bedeutsam?

Komposition und Klavierspiel sind meiner Meinung nach heute zu sehr getrennt. Komponisten sind darum heute selber keine guten Pianisten mehr. Es gibt großartige Performer und großartige Komponisten, früher waren jedoch diejenigen, die Klavierwerke schrieben, auch – wie beispielsweise Rachmaninow oder Chopin – selber großartige Pianisten. Sie würden eine Komposition nicht unnötig schwierig machen, es gibt bei ihnen darum selbst bei schwierigsten Passagen immer einen Weg, sie auf angenehme Art zu spielen.

Was zieht Sie zu einem Musikstück oder zu einem Komponisten hin?

Ich liebe Herausforderungen. Chopin und Rachmaninow sind musikalisch und philosophisch herausfordernd, ihre Musik regt das Denken an, stellt Fragen nach dem eigenen Leben, das macht diese Musik groß. Für den Pianisten ist diese Musik eine tiefe Begegnung, die Zeit vergeht am Klavier dann wie im Flug. Als Zuhörender suche ich große Interpreten, es ist dann egal, welchen Komponisten sie spielen. Auch jenseits der Klassik gibt es als Musiker bewundernswerte Persönlichkeiten. Ich such nach Interpreten, die eine Vision haben, das ist mir wichtiger, als die Musikrichtung selbst.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier.

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erstellt am 24.9.2014

Dmitri Levkovich
Dmitri Levkovich

Konzerttermine:

25. und 26. September, Alter Oper, Frankfurt

1. Oktober, Steinway Haus, Frankfurt

4. Oktober, Berliner Philharmonie

14. Oktober, Königstein

Website von Dmitri Levkovich