Bis auf diese 90 Kilometer zwischen dem Panamakanal und der kolumbianischen Grenze, wo der Lebensraum indigener Völker, der Naturschutz und der Drogenhandel den Bau verhindern, verbindet die Panamericana über fast 26.000 Kilometer Alaska mit Feuerland. Diese westamerikanische Schnellstraße ist 1923 konzipiert und auf der Interamerikanischen Konferenz zur Festigung des Friedens in Buenos Aires Weihnachten 1936 schließlich beschlossen worden. Mit ihrer Fertigstellung ist sie zum langen Sehnsuchtsort unterschiedlichster Abenteurer geworden, auch zum Mythos eines Völker und Kontinente vereinigenden Verkehrswegs. Johannes Winter hat einen Streckenabschnitt innerhalb Kolumbiens befahren, der nicht überall befriedet ist.

Reportage

Coca und Terror, Uniformen und Bananen

Auf der Panamericana durch Kolumbien

Von Johannes Winter

I

Zum Frühstück hatte Carmen Teigtaschen aus Maismehl gebacken. Füllte sie mit kreolischer Kartoffel und Hackfleisch, übergoss sie mit Erdnusssauce, wickelte sie in ein Bananenblatt, das sie mit Kordel verschnürte, und servierte dazu frittierte Fladen aus Kochbanane und rote Bohnen. Zum Nachtisch gab es eine Scheibe geronnener Guayave-Marmelade. Krönung der Mahlzeit war eine Tasse heißer Schokolade, hand-gequirlter Kakao – eine kleine Auswahl aus dem natürlichen Reichtum Kolumbiens. Vor der Terrasse glänzten die dunkelgrünen Blätter eines Coca-Strauchs in der Morgensonne.

Wir waren bald aufgebrochen, von Cali aus sollte es nach Popayán gehen. Eine Tagesreise durch die Region Cauca hatten wir uns vorgenommen, ein Strecke auf der Panamericana, die weniger als eine Daumenbreite auf einem Atlas ausmacht, der den 25-tausend Kilometer langen Highway zwischen Alaska und Feuerland abbildet. Kaum hatten wir die Stadt verlassen, tauchte die Straße ein in Wälder von Zuckerrohr. Bei Santander, am Fuß der westlichen Kordillere, schlängelte sie sich durch ein Tal, statt Plantagen ein Mosaik aus Gärten und Feldern. Hinter einem Hügel tauchte eine Gruppe von Fußgängern auf. Sie wanderten auf dem Randstreifen vor sich hin. Über ihnen schwankte eine blauweiße Statue. Vier Männer schleppten ein religiöses Abbild aus katholischer Gottesmutter und indigener Mutter Erde auf ihren Schultern. Ein historisches Amalgam aus Conquista-Erbe und unbedingter Selbstbehauptung.

Der Brauch beruhe, wie Carmen, von Beruf Ethnologin, uns erläuterte, auf der Vorstellung der Nasa, eines von 80 indigenen Völkern Kolumbiens, dass die Heilige Frau durch die Natur bewegt werden müsse, „damit sie lebt“.

Roberto, unser Begleiter am Steuer, im Hauptberuf Lehrer, vermutete, dass den Teilnehmern der Prozession ein Quäntchen Coca in der Backe dazu verhalf, nicht nur bei Sinnen und Kräften zu bleiben, sondern auch den Hunger zu vergessen. „Mama Coca“, die heilige Pflanze, die, seit Jahrhunderten in den tropischen Andenregionen angebaut und als Lebensmittel konsumiert, in religiöser Überhöhung verehrt wird. Zum Teufelszeug sei Coca durch die Erfindung des Kokain mutiert, das in versteckten Labors produziert wird, tief im Urwald, meist mit einer Landebahn nebenan, Pisten für Kleinflieger, die das weiße Pulver aufnehmen, um es in die milliardenschwere Handelskette zu überführen, von der Coca-Mafia bis zum Endverbraucher in den Designerbüros von New York oder L. A. Ohne dass der Produzent des Rohstoffs mehr als die Mittel zu Subsistenz davon abbekäme. Außer der Gewalt von Polizei, Guerilla und Militär.

In Cali waren wir ihr begegnet, in der „Galeria de la Memoria“. Unter den Opfern, derer an diesem Ort der Erinnerung gedacht wurde, war auch ein Student namens Johnny. Sein Vater war anwesend. Hielt ein zerfleddertes Buch in der Hand, in dem niedergeschrieben war, was, wie er klagte, kein Gericht interessiere. Er habe seinen Job als Ingenieur aufgegeben, um für die Aufklärung des Mordes an seinem Sohn zu streiten. Johnny sei bei einem Polizeieinsatz gegen demonstrierende Studenten in der Universität erschossen worden. Dies aufzuklären, sagte der Vater so verzweifelt wie entschlossen, sei seine Lebensaufgabe. Das sei er Johnny schuldig.

II

Eine schwarze Frau näherte sich, verstohlen schob sie mir einen Zettel zu und zog sich zurück. Ich las, sie sei aus ihrem Dorf vertrieben worden und lebe in einer Elendssiedlung am Rande der Stadt. Seit Monaten sei sie mit der Miete in Rückstand. Sie habe vier Kinder und wisse nicht mehr weiter. Sie brauche Hilfe. Für die Frau machte es wenig aus, wer schuld an ihrem Leid war. Ob sie Opfer einer Todesschwadron der „Paras“ genannten Paramilitärs war, die als „Rote“, „Blaue“ oder „Schwarze Adler“ Terror ausübten. Oder ob ein Kommando der Guerilla ihr Dorf überfallen hatte.

Kaum ein Gespräch, das nicht beim Narcotráfico, dem Drogenhandel und seinen Folgen für das Land endete, in den Abgründen einer Gesellschaft, die zerrissen war zwischen Armut und Flucht zahlloser Familien, zwischen Vertreibung, Mord und Erpressung, darunter Coca-Bauern, denen vor lauter Verzweiflung nur ein Umzug mit der Heiligen Maria alias Mutter Erde entlang der Landstraße blieb – und dem Reichtum einer Drogen-Mafia, die sich beim illegalen Handel mit dem weißen Gold jeglicher Mittel von Gewalt bediente, um ihre märchenhaften Gewinne zu sichern.

Zwar hatte die Polizei den einstigen Drogenboss Pablo Escobar, den Kopf des Cali-Kartells und mutmaßlichen Gründer der Paramilitärs, längst zur Strecke gebracht. Aber ein Mittel gegen die verbreitete Korruption, das Schmiermittel, das Kolumbiens Politik am Laufen hält, schien nicht in Sicht.

Der Zug der Pilger verschwand aus dem Rückspiegel. Um die weißgetünchte Hütte einer Finca reihten sich Bananenstauden und Kaffeebüsche, Schattenbäume ragten empor. Ihre bohnen-ähnlichen Früchte machten die heimische Trias landwirtschaftlicher Produkte vollzählig, welche einer Bauernfamilie zu ihrem schlichten Leben hinreichen mochte. Im Cauca war die schwelgerische Natur in Parzellen gezähmt.

Ein Schulgebäude inmitten spielender Kinder geriet in den Blick, auf dessen Fassade ein Name gepinselt war: Camilo Torres, Priester und Revolutionär. Als Anhänger der Befreiungstheologie hatte Torres in den siebziger Jahren zur Waffe gegriffen, sich den Partisanen angeschlossen. Und war nach kurzer Zeit im Gefecht getötet worden.

Erinnerungen wurden wach, Erinnerungen an die eigene jugendlich-radikale Begeisterung für die Guerilla Lateinamerikas, für den Che, für Camilo, wie sie sich im fernen Europa ausgelebt hatte. „Camilo lebt“, stand an der Hauswand zu lesen, eine Heiligsprechung, die ihn seinem Zeitgenossen Che Guevara ebenbürtig machte. Ein Märtyrer, angebetet von den Gläubigen seines Landes, ob sie auf der Panamericana pilgerten oder ob sie im Schatten eines Mangobaumes im Straßengraben hockten, in der Hoffnung, dass ihnen jemand eine Ananas oder einen Kürbis abkaufe, – während sich nebenan ein Schwarm von Aasgeiern um einen Hundekadaver balgte.

Die Piste stieg unmerklich an. Hinter einer Kreuzung, die von mächtigen Stapeln dunkelgrüner Bananenstauden umstellt war, von denen jede einzelne die Ladefläche eines Pick-up ausfüllte, wurden auf dem Mittelstreifen rote Plastikhüte sichtbar. Kein Hinweis auf eine Baustelle, sondern eine Spur, die zur allgegenwärtigen Präsenz der Sicherheitskräfte führte. Sie leitete uns in eine militärische Kontrollstelle, Schritttempo war angesagt. Beiderseits der Straße standen Soldaten aufgereiht, das Schnellfeuergewehr emporgereckt, eine doppelte Menschenkette in Uniform.

Roberto kam ins Reden, nannte endlose Zahlen von Entführungen, von Toten, ohne den Hinweis zu vergessen, dass uns die Fahrt durch den Cauca in eine Konfliktzone geführt hatte, so der offizielle Begriff. In den Bergen der nahen Kordillere sei die Guerilla aktiv, mit der die Armee Krieg führte.

III

In Carmen de Bolivar war es Padre Rafael, ein schwarzer Priester, der sich um die Opfer der Gewalt in seiner Diözese kümmerte. Am Rande eines Treffens im Kulturzentrum suchten zwei Dorfbewohner mit uns vertraulich Kontakt, um über ein Massaker zu berichten, das zwar Jahre zurücklag, dem aber in ihren Augen noch immer jede juristische Ahndung fehlte. Dreißig Männer ihres Dorfes habe eine Truppe von „Paras“ ermordet. Die Täter seien auf freiem Fuß, es gebe keine Entschädigungen, das Wort ´Versöhnung` sei leeres Gerede. Es fröstelte einen, wenn man erfuhr, wie sadistisch die Todesschwadron gegen die Dörfler vorgegangen war. Dass Anführer solcher Banden auch Kinder mit Gewalt einzogen, sie mit blutrünstigen Ritualen quälten, um ihre Abwehr gegen das Töten zu brechen, hatte die Tageszeitung „El Tiempo“ in einer Aufsehen erregenden Reportage enthüllt.
Im Kulturzentrum von Carmen de Bolivar trat auch ein junger Mann auf, der sich in bewegender Weise bemühte, über die Vertreibung seiner Familie aus ihrem Dorf in den nahen Bergen zu sprechen. Ihm fehlten die Worte, ihm versagte die Stimme, er brach in Schluchzen aus.

Unsere Freunde blieben wachsam, von dezenter Fürsorge für die Gäste, ihr Blick galt von Berufs wegen der sozialen Realität der Violencia, der historischen Gewalt, die das Land wie ein Netz gefangen hielt, mit grausamen Auswirkungen. Dafür sei, neben Militär und Guerilla, ein dritter Protagonist verantwortlich.

Die berüchtigten paramilitärischen Gruppen als gedungene und geduldete Mörderbanden zu bezeichnen, hielt nicht allein Roberto, sondern auch Amnesty International für angemessen. Gerade auch wenn sie im Dienste eines US-amerikanischen Bananen-Konzerns arbeiteten. Erst kürzlich sei das Unternehmen Chiquita wegen der Zahlung von Schutzgeld an derartige Para-Gruppen von einem Washingtoner Gericht zu einer Millionenstrafe verurteilt worden.
Auf eine schier unauflösliche Weise waren die bewaffneten Organisationen ineinander verkrallt, als könnten sie, wie unser literarischer Reisebegleiter Gabriel García Márquez im „General in seinem Labyrinth“ schreibt, die eigene Autorität und das eigene Leben „nur mit dem Blut ihrer Gegner erhalten“. Wer sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetze, fügte Roberto an, setze sein Leben aufs Spiel.

Der Volksmund hatte für die verwickelte Lage Kolumbiens einen Begriff gefunden, der aus der Küche stammte. Vom Sancocho, einem landesweit beliebten Eintopf sprach, wer die terrorgetränkte Melange aus Armee, Paras, Partisanen und Drogenbanden in ein Bild fassen wollte. Dass wir heil an unser Ziel kämen, sollte der Kordon des Militärs am Straßenrand garantieren. Die Posten-Ketten, wie sie alle paar Kilometer die Panamericana säumten, hinterließen gemischte Gefühle.

Um welche Sicherheit ging es? In den Städten war uns das unübersehbare Gestrüpp aus Gittern und Zäunen aufgefallen, hinter denen sich die Mittelschicht verbarrikadierte. Manche Viertel, manche Häuser in Cali hatten auf uns wie Käfige gewirkt. Auch das Viertel, in dem Carmen und Roberto zuhause war, bot wahre Trutzburgen mit Vorgärten, etliche übermannshoch eingemauert, und Zäunen, von Nato-Draht gekrönt. Kein Fenster, das nicht vergittert gewesen wäre, kein Hinterhof, der nicht unter einem Stahlnetz lag, das wie ein eiserner Schirm zwischen die Mauern gespannt war. Eine Wohnung zu betreten, bedurfte nicht selten des vierfachen Einsatzes kräftiger Schlüssel für Gitter und Tore – Alltag gleichsam als Knast, der anschaulich machte, was man in Kolumbien unter „innere Sicherheit“ verstand.

Die Sonne stand hoch über der Panamericana, es war Mittag. Carmen erzählte von einer anderen Nutzung der Landstraße. Allenthalben diene sie als Bühne sozialer Kämpfe. Nahe dem Dorf La Venta de Cajibío, wo ein staubiger Weg in die Berge abzweigte, verzeichnete das Kalendarium missachteter Menschenrechte eine Tragödie. An dieser Kreuzung hatte die Armee einen Konflikt auf gewaltsame Weise beendet.

IV

Aus Protest gegen ihre Vertreibung durch paramilitärische Banden – im Auftrag von Konzernen, die mit dem Anbau von Ölpalmen Profite zu machen trachteten – hatten indigene Bauern die Panamericana besetzt. Bevor sie in den Elendssiedlungen der Großstädte landen würden, waren sie in ihren Dörfern aufgebrochen, dicht gedrängt auf klapprigen Lastwagen, um sich auf dem Asphalt niederzulassen. Demonstration der Verzweiflung.
Mit Musik und erbitterten Reden hätten sie sich die Zeit vertrieben, bis irgendwann die Staatsgewalt in Gestalt einer Truppe wie aus einem Horror-Film aufmarschierte: Soldaten in schwarzer Rüstung, vor der Brust Plastikschilde, die in der Sonne blinkten. Einer feuerbereiten Festung gleich schoben sie sich, mit Schusswaffen im Anschlag, gegen das bunte Treiben der Demonstranten. Innerhalb kürzester Zeit, erzählte Roberto, habe die Armee die Blockade zerschossen. Zehn Tote lagen auf der Straße.

Über dem Ort, dessen Geschehen einen festen Platz in der kollektiven Erinnerung hatte, flirrte die Luft. Die Sonne brannte auf den Helmen gelangweilter Posten. Die Glücklichen unter ihnen teilten sich den Schatten eines Mangobaums mit einer Indigenenmutter und ihrer Kinderschar, welche Kürbisse anbot, Käse oder Limonade aus Zuckerrohr, die beliebte Aguapanela – Produkte des Kleinhandels, der sich zur landesweiten Schattenwirtschaft ausgeweitet hatte.

Wir näherten uns einer Zahlstelle. Der Korridor der Uniformierten, die unsere Freunde gern im Diminutiv als Soldaditos bezeichneten, wurde enger. Ihre Anwesenheit hinderte keinen der zahlreichen Straßenhändler, seine Chance bei den Reisenden zu suchen. Sie drängten sich heran, einer versuchte dem anderen zuvorzukommen. Fladen aus Kochbananen wollten sie loswerden oder gefüllte Teigtaschen, pochten an die Autoscheibe, dringlich, und reichten Früchte und frische Säfte durchs Fenster.

Auf einer Passhöhe machten wir Rast, Zeit für einen Imbiss. Der Duft von frischem Backwerk stieg in die Nase. In der Hinterstube einer Kneipe waren Frauen damit beschäftigt, Teig aus Maismehl und Maniok in weißem Käse zu kneten. Mit flinken Fingern formten sie handtellergroße Kringel und schoben sie, Blech für Blech, in den Ofen. Zum Tinto, einer Tasse schwarzen Kaffees aus heimischem Anbau, kamen die Rundlinge auf den Tisch: Pan de bono, Gebäck, das auf der Zunge zerging.

Doch der Wohlgeruch zerstob. Über den Parkplatz senkten sich Auspuffgase, deren Wirkung einem die Rast vergällen konnte. Der Gestank entwich dröhnenden Lastwagen, die sich im niedrigen Gang über den Pass mühten. Er kam aus Reisebussen, die bei jedem Schaltvorgang eine schwarze Wolke ausspukten, grellbunten Chivas, auf denen sich die Fahrgäste so gut es eben ging bis aufs Dach zusammendrängten. Und er kroch aus bulligen Pick-up, gegen die sich unser Mittelklassewagen wie ein Exot ausnahm.

Die Panamericana folgte den Konturen der Landschaft, bald legte sie sich in Kurven, bald verlief sie auf einem Damm, von dem der Blick schweifte wie von einem Balkon, bis er in einem Bambushain verharrte. Hellgrün leuchteten die Stämme unter dem gefiederten Blattwerk, aus denen eine Araukarie aufragte, ein Baum von symmetrischem Wuchs, als habe ihn ein Designer ersonnen.

Im Talgrund blendete eine schattenlose Fläche die Augen, groß wie ein Fußballfeld. Weiße Planen waren ausgelegt, gleich einem Sonnengrill, der bedeckt war mit den Knollen der Yuccapflanze, aus denen Maniok gewonnen wurde, ein Grundnahrungsmittel, das den Speisezettel der Bauern aufbesserte und ihre Haushaltskasse.

Die nächste Kontrollstelle. Unverkennbar, dass die Soldaten das wichtigste Verkehrsmittel des Landes im Visier hatten, einen Überlandbus. Der farbenprächtige Chiva wurde gestoppt. Uniformierte richteten ihre Neugier auf Waffen, auf Drogen, auf Kokain, sie arbeiteten mit Geräten, die gleich Minensuchern unter jedes Fahrzeug geschoben wurden.

V

Mit der Folge, dass die Fahrgäste mehr als genug Zeit hatten, sich die Beine zu vertreten, hinter dem nächsten Busch zu verschwinden, an einer Ananasbude ein Schnäppchen zu machen oder das verschwitzte Hemd über einer Agave zu lüften.
In Cali war es gewesen, wo Kleindarsteller die Autofahrer unterhielten, Pantomimen, Akrobaten, den Rhythmus der Ampeln für ihren Auftritt nutzten. Und niemand hinterm Steuer wäre auf die Idee gekommen, den Gauklern, sozusagen der Künstlerfraktion innerhalb der Schattenwirtschaft, eine Spende vorzuenthalten. Kein Taxifahrer, der ihnen nicht ein paar Münzen in die Hand drückte.

An der Panamericana hatten wir es mit Kleinhandel zu tun und mit Militär, jungen indigenen Männern, breitbeinigen Glatzköpfen, die in der Armee ihr Auskommen suchten. Staatsmacht mit stählerner Waffe neben Kochkunst, Bettelei und Akrobatik. Nicht ohne den Esel, der neben der Postenkette vor sich hin döste. Das Langohr als Inbegriff gemächlichen Friedens.
Ungeklärt blieb, ob Gabriel García Márquez aus der Gegenwart seines Landes geschöpft hatte, als er in seinem Roman über Simón Bolívar, den Befreier Lateinamerikas, bemerkte: „Es waren nicht die Zeiten, in denen man, umgeben von so vielen Soldaten, irgendetwas für sicher halten konnte.“ Ob Vorsicht geboten war, Misstrauen oder Zuversicht – wer wollte das entscheiden? Was in Kolumbien vor sich gehe, klagten unsere Begleiter, sei „Militarisierung der Gesellschaft“. Irgendwann kam es uns nur noch angemessen vor, dass die Gespräche über ein Ende der Gewalt in Ratlosigkeit endeten.

Was nütze es den Angehörigen eines ermordeten Bürgermeisters oder den Anhängern eines getöteten Bauernführers, dass etliche der berüchtigten Paras nach offizieller Lesart ihre Waffen inzwischen niedergelegt hatten – selbst wenn ihre Tötungswerkzeuge zu einer Kirchenglocke umgeschmiedet wurden. In ihrer Verbitterung konnten es die Hinterbliebenen nur als Hohn empfinden, dass eine solche Glocke womöglich auch einem der straflos davongekommenen Täter läutete, ob zur Hochzeit oder zum Begräbnis.

In Piendamó ging ein kräftiger Regenschauer nieder, Ausdruck der Jahreszeit. Winter in Kolumbien. Eine andere Wirkung auf das Klima hatte die „kalte“ Jahreszeit dicht neben dem Äquator nicht. Indigene Frauen mit dunklen Filzhüten suchten Schutz unter dem Dach einer Bushaltestelle. Über ihrem Rock in der schwarzen Farbe von Mutter Erde, der mit bunten Bändern gesäumt war, trugen sie ein kornblumenblaues Schultertuch, dessen Färbung dem Kosmos nachempfunden war.

Nicht weniger auffällig waren ihre Männer gekleidet, im Partnerlook. Mit dem Unterschied, dass sie einen blauen Rock und dazu einen schwarzen Poncho trugen und um den Hals einen bunten Schal. Die einheitliche Kleidung, meinte Carmen, sei gewählt, um die sozialen Unterschiede ausgleichen.

Wir befanden uns in Guambiá, dem Territorium der Guambiano. Soeben hatten wir die Panamericana verlassen, um Silvia anzusteuern, den Hauptort des indigenen Volkes, der in zweieinhalbtausend Metern Höhe am Abhang der Kordillere lag. Carmen würzte die Fahrt ins Gebirge mit einer Lektion über die heilige Pflanze Coca, die in der Sprache der Einheimischen Cuca hieß, welches auch Vagina bedeute, der Form der Blätter wegen.
Einsame Pferde sahen uns nach, die auf dem Grünstreifen angepflockt waren. Einsame Hunde verloren sich im Rückspiegel. Auf den Bergweiden grasten einsame Rinder. Weit und breit keine Herde. Ein zerlumpter Knabe führte den Gaul, der seinen Vater trug, einem Vorrecht folgend, dass dem Alter Achtung gehöre. Irgendwann war Silvia erreicht, dessen mächtige Glockentürme für die Macht der katholischen Kirche selbst im hinterletzten Bergdorf standen.
Wir ließen die Kathedrale links liegen. Unser Ziel war eine Kneipe ohne Namen. Das Gotteshaus umkreisend, machten wir uns auf die Suche nach dem Ort, in dem der delikateste Zuckerrohrschnaps weit und breit gebrannt wurde, Chirincho, ein Aguardiente, der mit einem Schuss Anis verfeinert wird.

VI

Im Hinterzimmer der Destille ließen wir uns zu einer Probe nieder, während die Tischnachbarn in der schwarzblauen Tracht der Guambiano das heimische Bier vorzogen, vor sich eine stolze Sammlung geleerter Flaschen. Sie hatten sich ein Atemholen gegönnt, bevor der Markt eröffnet war, dessen Buden den Platz vor der Kirche säumten. Zwiebeln und Knoblauch hatten sie herangekarrt, Kartoffeln, Bohnen, Getreide und Ballen weißer Agavenfasern. In ihrem Angebot für Touristen befanden sich allerlei bunte Taschen, Beutel und Hängematten.

Doch zunächst musste die Lage beim Bier erörtert werden. Es gab keine Eile. Carmen wusste zu erzählen, dass den Guambiano die Zeit im Bild der Schnecke heilig sei, welche sich in einer Spirale bewege. Dies hier in der Kneipe schien sich zu einer Minga auszuwachsen, einer indigenen Versammlung, die sich über Angebot und Nachfrage, die Preise und den jüngsten Angriff der Guerilla auf die Stadt verständigte. Das konnte dauern. Hinter der Wand rauschte ein Bergbach, durch ein geöffnetes Fenster hörten wir Hufe klappern. Ein Trupp Reiter bog um die Hausecke. Man könne sie mieten, gab der Wirt zur Auskunft, ein Ritt in die Berge für zwei Dollar die Stunde.

Unsere Verkostung war irgendwann beendet, der Schnapskanister gut gefüllt, ein Besuch des Gotteshauses angesagt. Arbeitsteilung hin oder her – in der ersten Bankreihe vor dem Altar hatten Frauen der Guambiano Platz genommen, geschmückt mit einem weißen Tuch vor der Brust, dem Zeichen des Friedens. Vor ihren Füßen lagen Beutel mit Heilkräutern, auf denen eine Kerze brannte. Mochte sein, dass sie um gute Geschäfte beteten. Oder „el duende“ wohlgefällig zu stimmen suchten, beim Naturgeist und Herrn über ihre Kartoffelfelder eine gelungene Ernte zu erflehen.
Die Sonne näherte sich dem Kamm der Kordillere, als wir inmitten einer langen Reihe buntscheckiger Chiva-Busse ins Tal rollten. Der Markttag in Silva war zu Ende. Auf nach Coconuco, ein Bergdorf auf halber Höhe des 4.500 m hohen Vulkans Puracé, dessen Name „Feuer speiender Berg“ bedeutete, Mittelpunkt des gleichnamigen Nationalparks, sein Krater rauchte, aber verhielt sich still seit Jahrhunderten.

Im Besucherzentrum Pilimbalá wurden Wanderungen angeboten, die bis auf den 5.000 m hohen Schnee bedeckten Pan de Azúcar führten, und wer Glück hatte, mochte dabei den Andenkondor beobachten, der Ornithologen als größter Landvogel der Welt gilt. Für solche Touren, meinte Roberto, sei noch ein Quäntchen mehr Sicherheit vonnöten.
Es zog uns zum Thermalbad, einer heißen Quelle oberhalb des Dorfes. Wie ein Pfuhl inmitten grüner Almen lag das dampfende Becken vor uns, in dem sich Kinder einen blauen Niveaball zuwarfen und nichts dagegen hatten, dass wir mit ihnen ins Spiel kamen. Am Beckenrand saßen wir und hörten ihnen zu. Ihr Volk, die Nasa, so erzählten die Mädchen, betrachte sich als Eigentümer der Quelle, deren schwefliges Wasser für die Haut ein Labsal sei. Nicht für unsere Nasen. Ein Gestank stieg aus dem idyllischen Planschbecken, der uns bald Reißaus nehmen ließ.

Nacht fiel über die Landschaft. Straßenlaternen verströmten ein sanftes Licht, als wir unser Ziel erreichten, Popayán, die weiße Stadt, die ausgestattet war mit dem Erbe einer gediegenen Kolonial-Architektur. Irgendwo im Universitätsviertel fanden wir ein Restaurant, dessen Sancocho mit allem versöhnte.

Ein Eintopf aus Fisch in Kokosmilch, dreierlei Fleisch von Geflügel, Rind und Schwein, außerdem Kartoffeln und Maniok, sowie Karotten, Zwiebeln, Mais und grüne Banane, gewürzt mit Koriander, garniert mit Avocado-Scheiben. Einem uralten Rezept folgend, hatte sich der Koch drei lange Stunden der landesüblichen Spezialität in ihrer lokalen Prägung gewidmet und sie in der Abgeschiedenheit seiner Küche zur Vollendung gebracht – Sancocho, die Metapher für die politischen Verhältnisse in Kolumbien.

Trailer zum Film „Panamericana – Das Leben an der längsten Straße der Welt“. Kinostart: 30.10.2014

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erstellt am 19.9.2014

Foto: Johannes Winter
Foto: Johannes Winter
Foto: Johannes Winter
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