Den Lebensdaten nach gehört Thornton Wilder, 1897 geboren und 1975 gestorben, der sogenannten verlorenen Generation amerikanischer Schriftsteller an, aber thematisch und stilistisch blieb er ihr fern. Denn nicht die Suche nach einer authentisch amerikanischen Literatur bestimmte sein Werk, sondern die Beschäftigung mit europäischen Wertvorstellungen. In seinem zweiten Roman »Die Brücke von San Luis Rey« kombinierte er Liebes- mit Leidensgeschichten, das Tragische mit dem Pikaresken und entwarf ein traditionelles humanistisches Menschenbild – und wurde damit berühmt. Anlässlich einer neuen deutschen Übersetzung hat Stefana Sabin den Roman wieder gelesen.

Buchkritik

Die Brücke in den Tod

Von Stefana Sabin

Es war ein reales Ereignis, das Thornton Wilder 1927 zum narrativen Anlass seines Romans „Die Brücke von San Luis Rey“ machte: Die Hängebrücke über einer Schlucht zwischen Lima und Cuzco riss, und fünf Reisende stürzten in den Tod. Entsprechend beginnt der Roman wie ein Bericht: «Am Freitag, dem 20. Juli 1714, um die Mittagszeit, riss die schönste Brücke in ganz Peru und ließ fünf Reisende in den Abgrund stürzen.»

Ein tragischer Unfall – oder göttliche Vorsehung? Der Franziskanermönch Bruder Juniper, der als einziger den Unfall sieht, kann nicht umhin, sich darüber zu wundern: «Warum geschah das just diesen fünfen? fragte er sich. Wenn es überhaupt einen Plan im Weltall gab, wenn dem menschlichen Dasein irgendein Sinn innewohnte, musste er sich, wenn auch noch so geheimnisvoll verborgen, sicherlich in diesen fünf so jäh abgeschnittenen Lebensläufen entdecken lassen.»

Und Bruder Juniper beschliesst, die Lebensgeschichten der fünf Opfer zu rekonstruieren, um den Plan der Existenz, falls es einen gibt, zu entdecken und zu prüfen. So rekonstruiert Bruder Juniper fünf Lebensläufe, die enger miteinander verwoben sind, als ihr scheinbar zufälliges Ende glauben ließe – das sind auch fünf miteinander verschränkte Geschichten, die mit Anleihen aus der klassischen spanischen Literatur und aus Prosper Mérimées Stück über die berühmte Schauspielerin und Kurtisane Camilla Perichole, «La Carrosse du Saint-Sacrément», gespickt sind und die zusammen ein dichtes narratives Gewebe darstellen.

Ob die alternde Marquesa de Montemayor, die sich nach der Versöhnung mit ihrer entfremdeten Tochter sehnt; ob die Waise Pepita, die Gesellschafterin der Marquesa, die ihr eine Art Ersatztochter geworden ist; ob der Bauer Estebán, der nach dem Tod seines Zwillingsbruders sich dem Kapitän Alvarado anschliessen und mit ihm aufs Meer fahren will; ob der Abenteuer Onkel Pio, dessen langjährige Beziehung zu der Sängerin Camila abbröckelt; ob schliesslich der siebenjährige Jaime, Camillas Sohn, der unter der Obhut von Onkel Pio reist – alle diese Figuren, die gemeinsam in den Tod stürzten, hatten ein verborgenes Liebesleiden und alle standen vor einer Umkehr. Denn diese Geschichten führen die Liebes-, Leidens- und Umkehrfähigkeit des Menschen vor.

Der Brücke von San Luis Rey kommt insofern eine symbolische Funktion zu, als sich alle fünf Opfer auf der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt befanden, den sie nun nicht mehr erreichen; statt in ein neues Leben führt die Brücke in den Tod, auch für Bruder Juniper. Denn dessen Aufzeichnungen über den Unfall und die Opfer haftet Zweifel über die Vorsehung und ihre Gerechtigkeit an, und er wird der Ketzerei bezichtigt – und sowohl er selber als auch der „mächtige Foliant,“ in dem er seine Recherchen über die fünf Verunglückten zusammengetragen hatte, enden auf dem Scheiterhaufen.

Allerdings gelingt eine Abschrift von Junipers Notizen unversehrt in eine Bibliothek, wo, so die Implikation, der Erzähler sie findet. Denn der Roman fungiert als Quellenfiktion. Er gibt vor, aus den Notizen von Bruder Juniper zu bestehen. Das erlaubt dem namenlosen Erzähler, hinter die Figur Juniper zurückzutreten und dennoch als narrative Autorität allgegenwärtig zu sein.

Dieser Erzähler greift die Reflexionen des Bruders Juniper über die allumfassende Ordnung, der das menschliche Dasein unterworfen ist, auf und führt sie weiter. Was zuerst ein realistischer historischer Roman zu sein scheint, entpuppt sich als eine vielschichtige Erzählung, in der das Tragische und das Pikareske, Reflexion und Aktion sich vor dem Hintergrund humanistischer Tradition vermischen.

Wilders Roman war schon ein Bestseller, bevor er mit dem allerersten Pulitzer Preis 1928 ausgezeichnet und ein Jahr später verfilmt wurde. Dann wurde er ein Longseller und etablierte sich als Klassiker der amerikanischen Literatur. Schon 1929 erschien die deutsche Übersetzung von Herberth E. Herlitschka, die 1945 in der Schweiz als erstes Buch des Arche-Verlags, 1951 als allerstes Fischer-Taschenbuch und seitdem immer wieder aufgelegt wurde. Anlässlich seines 70jährigen Jubiläums legt der Arche Verlag in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag eine neue Übersetzung von Wilders Klassiker vor.

Herlitschkas Übersetzung war flüssig und gab den Registerwechsel zwischen verbrämtem Pathos und beschreibender Sachlichkeit angemessen wieder. Das leistet auch die neue Übersetzung von Brigitte Jakobeit, der manchmal eine heute passender erscheinende, modernere Formulierung gelingt. Allerdings findet auch sie für das englische „accident“ des Originals, das ebenso Unfall wie Zufall bedeuten kann und eine leichte überweltliche Konnotation hat, keine genaue Entsprechung und laviert zwischen Zufall, Unglück und Unfall.

Aber schließlich ist der Tod der fünf Reisenden ein Unfall und ein Zufall und allemal ein Unglück.

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erstellt am 19.9.2014

Thornton Wilder
Thornton Wilder

Thornton Wilder
Die Brücke von San Luis Rey
Roman. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit
Mit Schutzumschlag, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7160-2721-9
Arche Verlag, Zürich und Hamburg 2014

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