Womöglich zeichnet sich hier ein Trend ab: Schriftsteller der sogenannten E-Literatur versuchen sich am Krimigenre. Nach Sibylle Lewitscharoff hat nun Franzobel mit »Wiener Wunder« seinen ersten Krimi vorgelegt. Kirsten Reimers hat ihn gelesen.

Buchkritik

Singulärer Rausch

Franzobels Krimidebüt »Wiener Wunder«

Von Kirsten Reimers

Der Verlag wirbt für das Buch mit einem Ausspruch des Autors: „Das Krimi-Schreiben ist wie für einen Antialkoholiker die Entdeckung des Weins. Ein berauschender Genuss. Man kann sich nicht vorstellen, wie man es so lange ohne ausgehalten hat.“ Aber ganz wie beim Alkohol bleiben Genuss und Rausch auf den Berauschten beschränkt.

Franzobels „Wiener Wunder“ ist nicht ganz so behäbig wie Sibylle Lewitscharoffs „Krimi“, aber auch nicht so richtig weit davon entfernt. Sein Kommissar mit dem sprechenden Namen Falt Groschen (jaha: Einfalt und fallender Groschen!) ist anti-intellektuell, anti-feministisch, ein Spießer, der Gediegenes dem Funktionalen vorzieht – und das bereits mit Mitte vierzig. Natürlich ist er auch ausgestattet mit einer besonderen Macke: unpassend entgleisenden Gesichtszügen, eine Art Mimik-Tourette. Natürlich gibt es auch in diesem Roman eine Katze und Verbrecher mit Spitznamen wie aus dem fünfziger Jahren („Spritzen-Charley“) sowie weitere Figuren mit bedeutungsschwangeren Namen: zum Beispiel den unsympathischen Society- und Sportreporter Walter Maria Schmierer. Und wenn der Kommissar einmal nicht weiter weiß, dann hilft ihm der universelle Krimi-Lückenbüßer, der immer dann ran muss, wenn der Autor nicht weiter weiß: das „Bauchgefühl“.

Der Fall spielt im Dopingmilieu – und es ist klar: Ohne Doping geht es im Sport gar nicht. Ganze Industrien leben davon. Auch die Anti-Doping-Fahndung wie die Tourismusbranche profitieren von den Erfolgen der gedopten österreichischen Sportler und ziehen ihre Existenzberechtigung daraus. Deshalb ist es konsequent, dass die Klärung des Falles (Selbstmord oder Mord eines ehemaligen Spitzensportlers) nichts an diesem Geschäft ändert.

Wie Lewitscharoff spickt Franzobel seinen Roman mit Anspielungen: Auf die Schnelle lassen sich Hinweise auf George Simenons Maigret und auf die unterkühlten blonden Frauen vieler Hitchcock-Filme identifizieren, auch ein kurzer Fingerzeig auf dessen „Vertigo“ ist dabei. Es gibt ein (voreiliges) Dénouement mit der versammelten Verdächtigenschar am Tatort, bei dem Groschen wie Hercule Poirot aufzutreten versucht. Und vielleicht gar eine Anspielung auf Heimito von Doderers „Ein Mord, den jeder begeht“. Vermutlich noch eine Menge mehr.

Dies ist gepaart mit erstaunlichen Ermittlungspatzern, polizeiunüblichen Indiskretionen, etwas gezwungenem Humor und zu vielen Klischees. Allerdings ist der Roman in sich dezent überzogen, besonders beim völlig überkonstruierten Ende. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Selbstironie und einen leicht sarkastischen Anstrich, sodass das Buch als Konzept durchaus stimmig ist – nur leider setzt sich dies in der Ausführung nicht durch.

Wie Lewitscharoffs „Killmousky“ bleibt „Wiener Wunder“ im Mittelmaß stecken, denn wenn Klischees bedient, aber nicht unterlaufen werden, wenn sich Unkenntnis des Genres mischt mit vagen Vermutungen darüber, wie es denn sein könnte, dann bleibt das Ergebnis weit hinter dem zurück, was im Kriminalroman möglich ist und längst verwirklicht wird.

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erstellt am 19.9.2014

Franzobel
Franzobel

Franzobel
Wiener Wunder
Kriminalroman
Flexibler Einband, 224 Seiten
ISBN 978-3-552-05690-9
Zsolnay Verlag, Wien 2014

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