Mit Geld konnte der bedeutende Ökonom Karl Marx gar nicht umgehen. Oft mußte er die Arbeit am Kapital unterbrechen, weil er das Schreibpapier nicht bezahlen konnte. Im Alter entsann er sich glücklicher Zeiten. Otto A. Böhmer hat ihn beim Träumen ertappt.

Holzwege

Webende Grazien

Der Philosoph Karl Marx

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Karl Marx saß in seinem Londoner Arbeitszimmer. Um ihn herum türmten sich die Manuskripte; in dem einen oder anderen aufgeschlagenen Buch hatte er nachlesen dürfen, wie dumm doch die meisten Menschen noch immer waren – und wie gelehrt sie sich gaben. Der Spiellärm der Kinder hielt sich in Grenzen; die Sitzbeschwerden des Philosophen waren erträglich, und mit der Morgenpost hatte man ihm eine schon lange erwartete Geldanweisung seines besten Freundes zugestellt – Karl Marx hätte also, für seine Verhältnisse, zufrieden sein können. In ihm verbarg sich jedoch ein kurioses Unbehagen, das nichts mit seiner Arbeit zu tun hatte; auch um das leidige Geld ging es nicht: die „allgemeine Hure“, wie er es zu nennen pflegte, war für einige Wochen zufriedengestellt und hatte das Maul zu halten.

Karl Marx strichen Bilder der Vergangenheit durch den Kopf; sie kümmerten sich um die von ihm wissen­schaftlich dingfest gemachte Wahrheit einen feuchten Kehricht und beschworen hämisch die Allgemeintücken des Alters, denen der Philosoph Marx sich zunehmend ausgesetzt sah. In seiner Jugend hingegen, zumal als Student, so raunten ihm die ein- und aufdringlichen Gedankenbilder zu, war er doch ein toller Hecht gewesen, ungebärdig, leidenschaftlich, kühn; der Körperwucht, den Sinnen, dem Pokulieren zugetan. Vor kurzem war Marx ein Brief seines besorgten Vaters in die Hände gefallen, der sich einst bei seinem Sohn über dessen „Ordnungslosigkeit“ beklagt hatte, über das „Herumschweben in allen Teilen des Wissens“.

Ja, war er, Marx, nicht sogar stolz gewesen auf die „zurückscheuchende Ungeselligkeit mit Hintansetzung alles Anstandes“, die seinen Vater so sehr betrübte? Der Philosoph erhob sich. Obwohl er nicht gern spazierenging, wollte er hinaus an die kalte, frische Luft. Er würde einmal mit strammem Schritt durch den nahegelegenen Park gehen und dann umkehren. Auf der Straße empfing ihn eine wahre Eiseskälte. Die wenigen Menschen, die ihm begegneten, hatten hochrote Gesichter, so, als trügen sie sich mit unanständigen Gedanken, die sie mit ein paar Gläsern Punsch in Fahrt gebracht hatten. Wenn ich zu tief einatme, sticht es mir in der Lunge, dachte der Philosoph. Bei einer solchen Witterung kommt jeder Mensch sich abhanden und wird zum entmenschten Wesen. Er schritt nun immer mächtiger aus, geriet fast ins Laufen; er keuchte und schnaufte, und es wurde ihm zusehends wärmer. Als er den Park erreichte, kam eine blassgraue Sonne zum Vorschein. Für Minuten tauchte sie Bäume und Büsche in stechendes Glanzlicht und überzog die Grünflächen mit leuchtendem Dunst. Dann zog sie sich wieder zurück; der Wind wurde stärker, und der Himmel schien den Abstieg zu proben zur rissigen Erde. Die Welt ist also eine zerrissene, dachte der Philosoph, die einer in sich totalen Philosophie gegenübertritt. Wer aber philosophieren will, fügte er hinzu, der bedarf einer warmen Stube. Und einer liebenden Frau, die im übrigen ruhig einmal eine andere sein darf. Wer die Frauen liebt, beweist Wirklichkeit und Macht – und die einschüchternde Diesseitigkeit seines Denkens. Eine Erinnerung kam in ihm auf – die Erinnerung an ein Mädchen, das ihm keine Gelegenheit gegeben hatte, damals, vor vielen, vielen Jahren, als er sich noch in seligen Schwärmereien versuchen durfte und das Anhimmeln zur intellektuellen Kunstform erhoben hatte. Cornelia hieß dieses Mädchen, oder war es eine Sophie, die seine Geburtsstadt nie verlassen hatte und sicher längst verheiratet war – eine stattliche Matrone, die ihrem Hausstand präsidierte wie ein rundum gewappnetes Familientier. Cornelia oder Sophie; er kannte sie auf jeden Fall noch als Mädchen mit strahlenden Augen und ganz hellem Haar. Nachgestiegen war er diesem Mädchen, hatte es niemals erreicht und gerade deshalb lieben können aus sicherer und dem Traum zugehöriger Ferne. Dem Philosophen stiegen die Tränen in die Augen; war das die Sehnsucht nach dem Gewesenen oder einfach nur die Saukälte? Plötzlich stutzte er: Vor ihm auf einer Parkbank saß eng umschlungen und wie festgefroren ein Liebespaar. Nur der dampfende Atem ließ die Vermutung zu, dass es sich um noch Lebende handelte, die hier zusammengefunden hatten; die holen sich nicht Lust, sondern den Tod, dachte der Philosoph. Er stapfte an dem Paar vorbei und sah, daß die beteiligte Frau sich aus dem Pelzmantel des Mannes löste. Ein junges Mädchen war das ja noch, ein junges Mädchen mit strahlenden Augen und ganz hellem Haar, das Karl Marx sehr vertraut vorkam – und auch den Mann (der war schon alt!), der ihn nun grimmig anstarrte, den kannte er zur Genüge.

Der Philosoph grüßte, aber es war nichts zu hören, und das junge Mädchen verkroch sich wieder im Pelz des unverschämt-alten Mannes. Seltsames treibt die Liebenden um, dachte der Philosoph, und auf Dauer sind sie ihm nicht gewachsen. Rettung, eine fade Rettung allerdings, gibt’s nur für den, der unbeschadet in die Jahre kommt. Dort legt sich dann alles, um bei ausgesuchten Gelegenheiten noch einmal aufzuflackern und sich kennerhaft emporzustehlen. Das ist dann der wirkliche und späte Genuss ohne Reue. Auf einmal fielen ihm die Gedichtzeilen ein, die er damals im heißen Gedenken an Sophie oder Cornelia aufs Papier gebracht hatte: „Sie war so fromm, so mild“, hatte er geschrieben, „dem Himmel ergeben, der Unschuld seliges Bild, das Grazien weben!“ Und ein Jahr später, als alles vorbei war und er anfangen musste, sich im Bärbeißigen einzuhausen, hatte er jene sehr stille Liebesgeschichte, die nur ihm gehörte, mit einem groben Vers beendet, zum zweiten Mal und nun für immer: „Die Welten heulen ihren eigenen Totengesang, und wir sind Affen eines kalten Gottes!“

Das stimmt heute mehr denn je, dachte der Philosoph. Auch schlechte Gedichte können von zeitloser Wahrheit sein. Er fror wie ein Schneider, aber in Gedanken war ihm warm geworden.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 18.9.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Karl Marx
Karl Marx