Wie ein fast offener Schuhkarton

Das Schuhmuseum in Toronto

Von Stefana Sabin

Unweit des „diamond“ von Daniel Liebeskind, des Neubaus des Royal Ontario Museum, befindet sich an der Bloor Street mitten im Stadtzentrum von Toronto ein anderer Museumsbau, der in den letzten Jahren ebenfalls Aufmerksamkeit auf sich zog: Ein vierstöckiges Gebäude, das an eine Schachtel erinnert, dessen Deckel nicht ganz drauf liegt: an einen leicht geöffneten Schuhkarton! Tatsächlich beherbergt dieser Bau das „Bata Shoe Museum:“ das einzige Schuhmuseum nicht nur in Nordamerika, sondern auch in der Welt, wie man hier stolz behauptet.

Das Torontoer Schuhmuseum geht auf die private Sammlung von Sonja Bata zurück, die in den 1940er Jahren begann, Schuhe aller Art zu sammeln. Die 1979 gegründete Bata Shoe Museum Foundation ordnete die inzwischen umfangreiche Sammlung, eröffnete 1992 das Bata Shoe Museum in provisorischen Räumen im ersten Stock eines exklusiven Einkaufszentrums nahe des Royal Ontario Museum und der University of Toronto und beauftragte den japanisch-kanadischen Architekt Raymond Moriyama, ein Museumsgebäude zu entwerfen. 1995 eröffnete das Bata Schoe Museum im eigenen Gebäude, das durch große Schaufenster von der Straße her ein Blick ins Innere erlaubt. Dort werden auf drei Stockwerke etwa 13.000 Objekte ausgestellt: Schuhe aus allen Kulturen und Zeiten, aber auch Utensilien, die mit der Schuhherstellung und dem Beruf des Schusters zusammenhängen, oder auch Bilder, Objekte, Kinder- und Erwachsenenspielzeuge und allerlei Geschenkartikel, die Schuhe zum Gegenstand haben.

Die Dauerausstellung heißt – immerhin ein bisschen ironisch – „All about Shoes“ und dokumentiert Erfindung und Entwicklung des Schuhs als Fußschutz, die Geschichte seiner Herstellung und die Fantasien, die er genährt hat. Somit führt die Dauerausstellung über vier Tausend Jahre Alltagsgeschichte vor: Vom Fußteil eines ägyptischen Mumiensargs und den Sandalen eines römischen Offiziers über gotische Panzerschuhe aus dem 15. und französische Ballschuhe aus dem 17. Jahrhundert, traditionelle indische Sandalen und indianische Mokassins aus dem 19. Jahrhundert bis hin zu den Plateau-Schuhen der siebziger Jahre erzählen die Exponate von Krieg und Jagd, fröhlichen und traurigen Anlässen, von individuellen Erlebnissen und kollektiven Schicksalen oder einfach von Moden.

Denn die Bekleidung des Fußes, wie man hier lernt, war einer der ersten Versuche des Menschen, sich gegen die Natur zu schützen, die Schuhmacherei gehört zu den ältesten Berufen überhaupt. Schuhe können über ethnische und religiöse Zugehörigkeit Auskunft geben, über Lebensumwelt und -gewohnheiten, über gesellschaftlichen Rang.

Neben historisch bedeutenden Objekten beherbergt das Museum viele Kuriositäten: Schuh-Entwürfe, die einer blühenden schusterlichen Fantasie entstammen und niemals getragen wurden (oder getragen werden können!), Schuh-Objekte, die für eine bestimmte Gelegenheit geschaffen wurden, wie zum Beispiel den Ballschuh von Königin Victoria oder den Astronautenstiefel, und Schuh-Kreationen, die für einen bestimmten Träger entworfen wurden und durch diesen Besitzer in die Geschichte eingegangen sind, zum Beispiel Elvis Presleys blauweiße Lackschuhe oder die silbernen Plateau-Stiefel von Elton John. Und auch das, was zwischen Schuh und Bein kommt, nämlich die Socke, wird in einer Nebenausstellung behandelt: handgestrickte Ringelsöckchen und gewebte Seidenstrümpfe werden ebenso ausgestellt wie industriell hergestellte Strumpfhosen.

In einer Datenbank sind Allgemein- und Fachwissen, Terminologisches und Banales rund um den Schuh gespeichert und auf Videos wird der Alltag in einer Schuhfabrik gezeigt. Auch die pädagogische Abteilung ist sehr aktiv und organisiert Werkstätte für Kinder, die unter fachmännischer Anleitung ihre eigenen Schuhe basteln können.

Darüber hinaus ist das Schuhmuseum mit regelmäßigen Sonderausstellungen im städtischen Kulturalltag präsent. „Art in Shoes ~ Shoes in Art“ heißt die gegenwärtige Sonderausstellung, die den Schuh als Motiv der bildenden Kunst und parallel dazu die kunsthandwerkliche Bearbeitung des Schuhs zeigt: Zu sehen sind religiös inspirierte Bilder, auf denen Schusterheilige gezeigt werden, Karikaturen, auf denen der Schuster als soziale Figur satirisch dargestellt wird, elegante Gemälde, auf denen hochhackige und aufwendig dekorierte Schuhe eine erotische Spannung suggerieren, oder Schuhskulpturen gegenwärtiger Kunst. Die Ausstellung, die aus den Beständen des Museums zusammengestellt wurde, wechselt die Register zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Kitsch – und gibt einmal mehr einen Eindruck von der reichen Sammlung des Torontoer Schuhmuseums.

Bata Shoe Museum. Bloor Street 327. Toronto, Ontario.
Bata Shoe Museum

erstellt am 22.12.2010

Bata Shoe Museum
Bata Shoe Museum

Einige Schuhmodelle aus dem Museum:
© 2010 Bata Shoe Museum, Toronto, Canada