In den blutigen Jahren, in denen Oliver Cromwell in England die Republik durchsetzen wollte, hatte die Abneigung gegen den menschlichen 'Naturzustand' den politischen Philosophen Thomas Hobbes an der Seite des aufgeklärten Absolutismus gehalten, der ihm die Errungenschaften der Zivilisation zu garantieren schien. Im Deutschland des Dreißigjährigen Kriegs sieht ihn Otto A. Böhmer an der eigenen Überzeugung zweifeln.

Holzwege

Worte zarter Ironie

Der Philosoph Thomas Hobbes

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Thomas Hobbes sah mit Sorgen auf seinen Zögling, den jungen Lord Cavendish, der gerade seinen vierten Imbiss zu sich nahm, und es war noch nicht einmal Mittag. Cavendish, erstgeborener Sohn eines spät geadelten Landmannes und Tabakhändlers, auf dessen Anwesen der Philosoph seit etwa zwei Jahren als Erzieher wirkte, musste als Sorgenkind gelten. Der Junge, gerade mal siebzehn Jahre alt, besaß das Benehmen eines Bierkutschers; er war grobschlächtig, ungehobelt, rücksichtslos, dazu dick, dumm und faul, eine wahrhaft deprimierende Kombination von Eigenschaften. Was die Dummheit seines Schützlings anging, so musste sich Hobbes allerdings eingestehen, dass man da auch seine Zweifel hegen durfte; manchmal nämlich blitzte eine seltsame Klugheit in der Rede des jungen Lord auf, eine Art Erkenntnisschalk, der den Zugang zu verlorengegangenen Weisheiten zu verbürgen schien. Er spielt mit mir, dachte der Philosoph dann. Der Junge macht sich unerhört lustig über mich. In der Philosophie, die er als seine eigentliche Berufung verstand, suchte Hobbes Trost; schade nur, dass sie ihm nicht die Finanzen regelte und den Lebensunterhalt besorgte. So hatte er denn das Angebot des alten Cavendish angenommen und sich als Erzieher einstellen lassen, wobei noch zu erwähnen wäre, dass er seinen Zögling erst nach Dienstantritt kennenlernte; wäre dies früher geschehen, da war sich der Philosoph sicher, hätte er wohl beizeiten die Flucht ergriffen.

Immerhin, der alte Cavendish war einigermaßen großzügig. Er hatte Sohn und Erzieher auf eine Bildungsreise geschickt, die von der Insel weg auf den Kontinent, ins alte Europa also, führte; dort befand man sich nun seit geschlagenen dreizehn Wochen. Sie hatten die deutschen Lande erreicht, eine insgesamt eher trostlose Gegend; der Ort, in dem sie jetzt in einem Gasthaus hockten, hieß Schönau, ein Marktflecken, umgeben von steilen Bergen, die sich fast ständig in Nebel- und Wolkenbänken befanden. Und: es regnete, ausdauernd und streng; ein Wetterchen wie auf der Insel; mit Bildung war da nichts getan, allenfalls noch mit Einbildung. Und der junge Lord fraß, man konnte es nicht anders sagen; er schaufelte in sich hinein, was auf den Tisch gebracht wurde – mit hörbarem, unerträglich lautem Appetit. „Hab’ ich dir nicht längst die Kunst des Benehmens beigebracht?“ fragte Hobbes. „Anscheinend nicht“, sagte Cavendish. Er sprach einer regionalen Spezialität zu, einer sogenannten Schlachtplatte, die allerlei Schweinernes enthielt; der Philosoph sah es mit Grausen. „Schmeckt nicht gut“, murmelte Cavendish kauend. „Diese Deutschen, wie schaffen sie es nur immer wieder zu überleben. Ich werde mir noch etwas Leichtes bestellen, einen großen fangfrischen Fisch etwa.“ „Du willst weiteressen?“ sagte der Philosoph ungläubig. „Manch einer ist schon an Völlerei zugrunde ge­gangen.“ „Ich befinde mich noch in der Wachstumsphase“, erwiderte der Lord. „Da muss man ordentlich essen.“ „Ordentlich ja“, brummte Hobbes. „Aber nicht so viehisch viel.“ Cavendish winkte dem Wirt, der sogleich herbeigeeilt kam. „Nimm diesen Fraß, Schafsgesicht, und verschwinde“, rief der Lord. „Ich will einen Fisch, einen frischen, gut angemachten Fisch, wenn du Wicht verstehst, was ich meine.“ „Aber natürlich“, sagte der Wirt, der ganz rote Ohren bekommen hatte. „Ihr werdet nicht enttäuscht sein, Herr.“ Er verschwand in Richtung Küche. „Wir sind zu Gast in diesem Lande“, sagte der Philosoph missbilligend. „Da spricht man nicht wie ein Bauer, und wenn man sich über das Essen beklagen will, kann man dies auch auf feinere Weise tun.“ „Ich weiß“, sagte Cavendish lächelnd. „Du meinst die Worte zarter Ironie, die meinem Vater gar nicht und dir selber nur in sehr begrenztem Maße geläufig sind, wie wir wissen. Ich hingegen beherrsche sie durchaus, die feinsinnige Ironie, kann über sie verfügen, wann immer mir danach ist.“ „Das glaubst du doch wohl selber nicht“, sagte Hobbes. „Ihr werdet es sehen, mein Herr“, sagte Cavendish würdevoll. „Oder besser gesagt: hören. Im übrigen bin ich immer und überall in der Lage, ein geistiges Gespräch zu führen. Frag mich ruhig etwas, Mr. Hobbes, der du dich seltsamerweise für einen Philosophen hältst.“ „Nun ja“, meinte Hobbes und räusperte sich. „Was fällt dir zum Beispiel zur Einbildungskraft ein?“ „Aber Mr. Hobbes“, sagte Cavendish. „Hast du so wenig Einbildungskraft? Die Sache ist doch klar: So wie auf dem Meer die Wogen sich beim Aufhören des Windes nicht auf einmal legen, so ist es auch mit der Bewegung, die im Innern des Menschen stattfindet, wenn er sieht, schaut oder träumt. Denn nachdem der Gegenstand entfernt und das Auge geschlossen ist, bleibt doch dessen Bild gegenwärtig, wiewohl etwas dunkler. Nach diesem Bild wird das dazugehörige Vermögen Einbildungskraft genannt. Noch richtiger nannten es die Griechen ‚phantasia‘. – Bilder aber können nur von sichtbaren Dingen erstellt werden. Die Einbildungskraft ist daher nichts anderes als aufhörende Empfindung oder die geschwächte und schwindende Vorstellung; sie ist dem Menschen mit fast allen anderen Lebewesen gemein.“

Cavendish grinste, und der Philosoph wußte nichts zu sagen. Vielleicht sollte ich auch etwas essen, dachte er. Eine solche Antwort verlangt Stärkung. Er war froh, dass in diesem Augenblick der Fisch gebracht wurde. Der Wirt, der ihn servierte, schien es eilig zu haben; er hielt den Blick gesenkt, wünschte guten Appetit und hastete zurück in die Küche. Cavendish rümpfte die Nase; er beugte sich über den Tisch und begann auf den Fisch einzureden. „Was murmelst du da vor dich hin“, fragte Hobbes. „Wir sprachen doch über feine Kritik an einem weniger feinen Essen, Mr. Hobbes“, sagte Cavendish. „In diesem Zusammenhang habe ich das Wort an diesen unschuldigen Fisch gerichtet und ihn gebeten, mir doch etwas zu erzählen, ein paar Neuigkeiten aus diesem unwirtlichen Landstrich.“ „Und“, meinte Hobbes. „Hat er etwa geantwortet?“ „Aber natürlich“, sagte der Lord. „Er teilte mir mit, dass er leider gar nichts berichten könne, weil er schon lange, viel zu lange in diesem düsteren Gasthaus sei.“

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erstellt am 16.9.2014

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Thomas Hobbes
Thomas Hobbes. Gemälde von John Michael Wright, National Portrait Gallery, London