Die Frankfurter Künstlerin Christine Brunella-Birkert arbeitet ausschließlich auf Papier. Sie hat ihren Weg zur Kunst über einen Umweg beschritten, der aber im Hinblick auf ihr heutiges Werk höchst konsequent und geradlinig erscheint.

Kunst

Tanz auf dem Papier

Von Isa Bickmann

Christine Brunella, Zeichen
Christine Brunella, Zeichen

Christine Brunella begann mit der Kalligraphie und wurde 2006 in die Schreibwerkstatt „Klingspor Offenbach, Förderkreis internationaler Kalligraphie“ aufgenommen, in deren Vorstand sie heute tätig ist.
Die Schreibwerkstatt wurde 1987 als eingetragener Verein auf Initiative des Typographen, Kalligraphen und Lehrers an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, Professor Karlgeorg Hoefer, gegründet. Offenbach, wo sich das Klingspor-Museum auf Buchkunst, Typographie und Kalligraphie spezialisiert hat, weist bekanntlich eine reiche Tradition der Schriftkunst auf.
Die Kalligraphie, das schöne Schreiben, erfordert Übung. Irgendwann tritt dann der Inhalt hinter dem erzeugten Bild – wir sprechen bekanntlich auch von einem Schriftbild – zurück. Der Schritt zur bildenden Kunst war für Christine Brunella folglich nicht mehr weit. An diesem Punkt verliert sich das, was wir Schrift nennen, d.h. jene Schrift, die der Kommunikation dient. Sie wird unlesbar. Wir erkennen Buchstaben oder schriftähnliche geschwungene Zeichen, aber können ihren Inhalt nur noch erahnen. Brunella betreibt mit Absicht diese Unlesbarkeit. Es geht ihr nicht um Information jedweder Art, die zu transportieren wäre. Die Bildwerdung von Schrift rückt in den Vordergrund. Das Vernachlässigen einer Lesbarkeit unterscheidet ihre Werke dabei jedoch völlig von einer Selbstdarstellung der Sprache, wie wir dies etwa in der „Konkreten Poesie“ erfahren können.

Brunella schichtet die Tusche mit verschiedenen Verdünnungen in mehreren Bearbeitungsgängen auf die Papieroberfläche und generiert damit ein Bild ähnlich der Art, wie abstrakt malende Künstler in freier Geste flächig ausgeführte oder gestisch freie Pinselschwünge Schicht um Schicht übereinanderlagern. Der Bildraum wird dabei zu einem Tiefenraum.

Sie vergleicht ihren Ansatz mit dem Tanz, der auf hintereinander folgenden zeitlichen Ebenen den Raum durchmisst und verweist auf das taiwanesische Bewegungstheater. Die ausdrucksstarke Präsenz der Tänzer wurde in Besprechungen mit den fließenden Momenten der Kalligraphie verglichen. Die Zeichnerin erzeugt Bewegung auf dem Papier. Das Fließende während der Entstehung ist ihr ein Anliegen.

Sich von der Schrift, von den Buchstaben, von der Lesbarkeit zu entfernen, bedeutete für die Künstlerin auch eine neue Freiheit in der Motivik. Sie ist nun nicht mehr an Inhaltlichkeit gebunden. Das Ergebnis kann die Bildwerdung vermitteln, Brunella nennt es „den Zustand“, und jeder Betrachter ist frei, ihn anzunehmen. Die Künstlerin fühlt sich nicht mehr an Wörter und Buchstaben gebunden.

Ihre Motive bleiben jedoch oft entzifferbar. Manchmal sind Worte oder ein Satz deutlich zu lesen, manchmal erinnern die Zeichen an arabische oder asiatische Schriften, der kompakte Aufbau an schön geschriebene Suren. Manchmal sind die Zeichen so abstrakt, dass sich eine Art Ornament ergibt oder nur noch eine senkrechte in sich bewegte Linie bleibt. Und dann bietet ihr Œuvre Figürliches wie die Ginkgo-Blätter oder die Serie von Hunden, die menschliche Verhaltensweisen und Eigenarten anzeigen sollen und sich noch fernhalten von der direkten Konfrontation mit dem porträtierten Menschen.

Die Ginkgoblätter stehen im Sinne der Künstlerin für einen weltlichen Bezug, für die Vergänglichkeit. Die fächerartige Form hat zudem einen enorm hohen Wiedererkennungswert.
Der etwa 1750 in Rödelheim gepflanzte Ginkgo Biloba soll Goethe zu seinem berühmten Gedicht inspiriert haben. Er ist der vermutlich älteste Baum dieser Art in Deutschland. Das Besondere am Ginkgo: Er ist weder Laub- noch Nadelbaum, sondern einzige Gattung seiner Klasse. In Asien, wo er herstammt (Goethe: „Dieses Baumes Blatt, der von Osten meinem Garten anvertraut …“) steht er für Lebenskraft und erreicht ein Alter von 1000 bis zu 2000 Jahren. Die starke herbstliche Gelbfärbung der Blätter nimmt Christine Brunella auf und setzt sie mit gelber Schellacktusche um. Allerdings ist Farbe bislang rar in ihrem Werk.

Christine Brunella, Gedicht II a (H.D.), 28 × 38 cm

Das Material ist Schellacktusche, Gouache und Chinatusche. Mit Wasser bearbeitet Brunella ihre Papiere. Je weniger die Schellacktusche verdünnt wird, desto glänzender, haptischer wird ihr Erscheinungsbild. Papier bildet den Stoff, auf dem sich das künstlerische Geschehen abbildet. Dessen Stärke, Dichte, Porigkeit gehört zu der sinnlichen Erfahrbarkeit von künstlerischer Praxis.
Die Arbeit ich weiß keine bessere welt ist voller Ginkgo-Blätter, die wie ein Strom über das Papier ziehen. Schmetterlingsartig scheinen sie über die Bildfläche zu flattern. Sie bilden den Hintergrund für den Schriftzug – der Titel eines Gedichtes von Ingeborg Bachmann – in welchem bewusst eine mögliche Unlesbarkeit mit einkalkuliert wird. Das bedeutet, dass hier auf die Individualität persönlicher Handschrift Wert gelegt wird.

Vor allem ist es der Künstlerin wichtig, die Bildwerdung vom Rhythmus und von der Melodie der Lyrik betreiben zu lassen. Inhalt und Form des Textes geben Impulse, die sie umzusetzen sucht. Eine Erklärung im Nachhinein kann sie nicht liefern. Neben Bachmann nennt sie auch Hilde Domin (“H.D.”) als dichterische Leitfigur. Erneut könnte man hier die informelle Malerei oder Farbfeldmalerei anführen, die oft synästhetische Parallelen zur während des Entstehens gehörter Musik aufscheinen lässt, manchmal im Titel auf Musik oder auch Gerüche Bezug nimmt.

Christine Brunella hat mir einen Gedichtband überlassen, als ich sie auf Bachmann ansprach: Es sind die nachgelassenen Gedichte, die zum Teil sehr intime Kenntnis von dem Innenleben der Schriftstellerin geben. Bachmann hat sie nicht zerstört, wie anderes, was sie geschrieben hat, allerdings waren sie ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht.

Den Satz „Ich weiß keine bessere Welt“ für sich genommen, charakterisiert Brunella als „besänftigend“, aber genauso kann es bedeuten, dass man sich Verbesserungen keinesfalls vorstellen kann. Liest man Bachmanns Gedicht gleichen Titels können die divergierenden Substantive Speichel, Krönung, Kommunion, Brüder, Kaninchen, Ratte, Schrecken, Bewaffnung zu dunkleren Gedanken führen, es schließt aber hoffnungsfroh.

Ich weiß keine bessere Welt
(hier hat die Künstlerin mit Bleistift ein Ausrufezeichen gesetzt)

Wer weiß eine bessere Welt, der trete vor.
Allein, nicht mehr in Tapferkeit, und diesen Speichel nicht abgewischt
diesen Speichel, im Gesicht ihn tragen,
als ginge es zur Krönung, und dies vergolten, es geht zur Kommunion,
und unter Brüdern. Das schwache Kaninchen,
die Ratte, und die da fallen, sie alle,
allein nicht, mehr, ein Schrecken schon,
Traum von der Wiederkehr
im Traum von der Bewaffnung, im Traum
von Wiederkehr.

(Letzteres hat die Künstlerin unterstrichen und in Bleistift daruntergesetzt: Im nächsten Leben wird alles anders!)
Darunter setzte sie noch ein Fragezeichen.

Ein Vergleich der Ginkgo-Blätter mit Schmetterlingen, die für Wiedergeburt, Auferstehung, Erneuerung stehen, könnte uns den Weg weisen hin zu einer positiven Interpretation des Gedichtes durch die Künstlerin.
Christine Brunella möge mir verzeihen, dass ich ihre Anmerkungen und Notizen hier derart enthülle, doch sie sind symptomatisch für ihre Herangehensweise. Eine Einsichtnahme in diese Methodik erschließt ein wenig ihr Werk, aber sie verschließt es auch, indem die Künstlerin wenig darüber verrät und vieles offen bleibt. Eine Spurensuche, wie sie hier anhand jener handschriftlichen Anmerkungen versucht wurde, führt zu rein subjektiven, assoziativen Schlussfolgerungen. Und das ist gut so. Die Brücke zu Christine Brunellas Werk bauen wir selbst.

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erstellt am 16.9.2014

Christine Brunella, ich weiß keine bessere welt, Gouache und Chinatusche, 29,7 × 42 cm

Vita

Christine Brunella

Geboren 1968 in Karlsruhe
Seit 1998 freischaffend
Seit 2006 Mitglied der Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach e.V.
Studienseminare bei Monica Dengo, Georgia Deaver, Suzanne Moore, Thomas Ingmire, Prof. Jovica Veljovic
Zahlreiche Ausstellungen seit 2009

Christine Brunella, In der Welt, Schellacktusche, 29,7 × 42 cm

Weitere Informationen

Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach

Werke der Künstlerin sind an den Frankfurter Ateliertagen 2014, 22.–23. und 29.–30. November 2014, in ihren Räumen im 6. Stock des Atelierfrankfurt zu sehen.

Christine Brunella: Atmosphere 3, Gouache und Chinatusche, 37 × 37 cm

Christine Brunella: Ginkgo groß, Gouache und Chinatusche, 60 × 80 cm

Christine Brunella: In der Welt, Gouache und Chinatusche, 46 × 46 cm

Christine Brunella: 'ich bitte die Worte …', Gouache und Chinatusche, 35 × 50 cm